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Wann weinen Sie, Michael Fassbender?

Michael Fassbender, Schauspieler

Michael Fassbender hat keine Zeit. Das lässt sich an Zahlen festmachen – allein in den nächsten vier Wochen starten zwei Filme mit ihm – der erste davon, „Slow West“, am 30. Juli. Weitere Produktionen folgen im Lauf des Jahres. Aktuell hat der 38-Jährige gerade mal sieben Tage Pause, die er im heimischen London verbringt. So gesehen ist es fast ein Wunder, dass er sich ans Telefon setzt, um ein Interview zu geben. Aber Wunder müssen auch hart erkämpft werden. Während des Gesprächs schaltet sich die PR-Betreuerin ein, um es vorzeitig zu beenden. Erst nach dem Hinweis auf die vereinbarte Zeit gibt sie sich geschlagen, nicht ohne zu mahnen, pünktlich Schluss zu machen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Künstlerische Flops gibt es bei Ihnen anscheinend nicht, Kritikerlob dagegen zuhauf – was auch für Ihren Western „Slow West“ gilt. Letztes Jahr erhielten Sie sogar die erste Oscarnominierung. Woran liegt das eigentlich?

Michael Fassbender: Wenn ich das nur wüsste. Ich versuche einfach, interessante Geschichten zu finden, ohne mich dabei zu wiederholen. Aber eine Garantie, dass dein Film funktioniert, hast du nie. Du versuchst nur das bestmögliche Blatt zu ziehen, und dafür brauchst du einen guten Regisseur und das passende Drehbuch.

Was allerdings eine Standardantwort ist...

Was soll ich sagen. Ich bin kein besonders intellektueller Schauspieler, reagiere eher intuitiv. Mein Instinkt sagt relativ schnell, ob ein Buch mein Fall ist oder nicht.

Gibt es bei Ihnen als Deutschstämmigem einen Winnetou-Instinkt?

Einen was?

Kennen Sie die Filme?

Doch, doch. Mein deutscher Vater war ein Fan, ich hab sie in meiner Jugend gesehen. Ich kann mich sogar noch an den Song von Pierre Brice erinnern – „Bruder, wohin gehst du?“

Spielte das eine Rolle, dass Sie mit „Slow West“ jetzt den Wilden Westen unsicher machen?

Ich würde es so formulieren: Ich konnte da wieder ein kleines Kind sein. Und in diese Welt zu entfliehen, das war natürlich ein entscheidender Grund. Du kannst bei so einem Film mit den schönsten Spielsachen spielen. Eine derartige Rolle stand also auf meinem Wunschzettel als Schauspieler. Dass ich dabei noch reiten und mit Pferden arbeiten durfte, war ein netter Bonus.

In diesem Jahr erleben wir Sie auch noch als Steve Jobs. Welche Person ist näher am realen Michael Fassbender dran – der Nerd oder der Abenteurer?

Ich würde sagen: Ich bin der Nerd mit den Abenteurer-Ambitionen. Wobei ich bei körperlichen Herausforderungen schon gut bin. Ich wuchs ja auf dem Land auf – ich kletterte ständig auf Bäume, ging fischen. Deshalb war schon früh klar, dass die Universität nichts für mich war. Obwohl meine Eltern mich dazu drängten, weil sie glaubten, dass ich dann einen sicheren Job bekommen würde.

„Sicherer Job“ klingt ja nicht schlecht.

Ich dachte auch phasenweise, dass ich Rechtsanwalt werden könnte, aber war eben ein langsamer Leser. Der nächste Gedanke war Architekt – bis ich in der Prüfung im Technischen Zeichnen durchgerasselt bin.

Was war dann die Alternative? Die Schauspielerei?

Nein, bis ich 17 war, träumte ich davon, in Heavy Metal-Bands Gitarre zu spielen. Jeden Tag nach der Schule übte ich zwei Stunden. Aber eines Tages kam ein Freund von mir zu Besuch, der ebenfalls Gitarrist war. Er blies mich mit seinem Können förmlich aus dem Zimmer, und ich sah ein: Der hat es drauf, und ich nicht. Im gleichen Zeitraum machte ich ein paar Schauspielworkshops, und genau das fühlte sich für mich richtig an.

Und was ist jetzt mit Ihren physischen Betätigungen? Haben Sie klassische Männerhobbies?

Das könnte man so sagen. Ich war immer von Autos und dem Gefühl von Geschwindigkeit besessen. 2006 machte ich endlich meinen Motorradführerschein und legte mir die erste Maschine zu. Zugegebenermaßen bin ich nicht technisch versiert genug, um sie zu reparieren. Aber ich mag das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Wenn ich Zeit habe, hole ich mir das auf richtig langen Trips.

Und wie oft haben Sie dafür Zeit?

Viel zu selten. Zumindest bin ich 2011 mit meinem Vater und einem Freund monatelang durch Europa gefahren – Holland, Deutschland, Österreich, Kroatien und Italien. Insgesamt 8.000 Kilometer haben wir zurückgelegt.

Sind Sie ein verantwortungsvoller Fahrer?

Ich gebe schon acht, denn ich weiß ja, wie schnell etwas passieren kann. Bei dem Trip habe ich es einmal erlebt, dass ich vor einem Auto nach links auf die andere Spur ausweichen musste. Aber auf der kam bereits ein anderes Auto daher – mit mindestens 200 Stundenkilometern. Ich steckte mit meiner Maschine zwischen beiden Autos, sogar den Fahrtwind konnte ich spüren. Du kannst eben noch so viel Erfahrung haben, wenn du fünf Wochen unterwegs bist und ein bisschen müde wirst, dann kann dir ein kleiner Fehler passieren, und das war’s dann mit dir.

Aber aufhören wollen Sie damit nicht...

Ich bin eben halb Ire, und das bedeutet, ich bin ein wenig verrückt. In meinem Job bin ich sehr diszipliniert, aber privat muss ich eben die Freiheiten haben, über die Stränge zu schlagen. Und wenn du einen Kilometer nach dem anderen herunterfährst, kannst du wunderbar Stress abbauen.

Was ist Ihnen jetzt wichtiger – die Karriere oder Ihre Sucht nach Tempo?

Es gibt da einen Spruch: „Hier hast du deinen Kuchen, also iss ihn.“ Will sagen: Ich habe lange Jahre darauf hingearbeitet, um Filme wie diesen drehen zu können. Es gab Zeiten am Anfang meiner Karriere, wo ich jedes 50-Pence-Stück umdrehen musste. Die Theaterschule allein kostete mich 6.000 Pfund pro Jahr. Ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das geschafft habe. Ich verdiente Geld als Barkeeper – 3,29 Pfund pro Stunde, teilweise schuftete ich elf Stunden am Samstag und dann nochmal neun am Sonntag. Danach war ich fix und fertig.

Aber Sie hatten keine Zweifel, dass Sie es schaffen?

Der Glaube an mich selbst war bei mir immer ziemlich gut ausgeprägt. Ich habe mich nie beklagt, dass man mir nicht mehr Chancen gab. Schließlich hatte ich immer kleine Rollen. Es gab aber Momente, wo ich mir dachte: „Scheiße, was mache ich, wenn das nicht klappt?“ Mein Alternativplan war dann der Bar-Job; meine Eltern hatten ja eine Gaststätte. Aber ich dachte nie ernsthaft ans Aufgeben.

Wie wichtig ist Ihnen Geld jetzt?

Natürlich kenne ich die Vorstellung unserer westlichen Welt, dass du nur glücklich bist, wenn du dir etwas kaufst. Damit bin ich aufgewachsen. Aber ich bringe mich nicht in Situationen, wo ich auf einmal viel Geld ausgeben könnte. Entweder arbeite ich oder ich gehe auf Reisen, und wenn ich das nicht tue, dann hänge ich mit engen Freunden ab. Ich suche eine ganz bescheidene Normalität.

Aber fürs Reisen braucht man auch Geld...

Das ist richtig. Dafür gebe ich es auch aus, und ich bin froh, dass ich in der Hinsicht machen kann, was ich will. Aber das heißt nicht, dass ich ständig in Fünf-Sterne-Hotels absteige; ich übernachte schon mal an Orten, wo’s nicht so hübsch ist. Ich stoppe einfach da, wo’s mir gefällt und suche mir das Erstbeste. Wie gesagt, ich konzentriere mich auf meine Arbeit und meine engsten Mitmenschen, und alles andere halte ich auf Minimalniveau.

Wie sieht dieses Niveau aus?

Wenn ich auf einer längeren Reise unterwegs bin, dann reichen mir drei paar Jeans, sieben T-Shirts, Unterwäsche und ein paar Schuhe.

Sind Sie auch bei Geschenken an Frauen so bescheiden?

Ich finde, als Mann sollst du dich ganz normal auf die andere Person konzentrieren, ohne jede Extravaganz. Dann bist du viel besser dran. Aber irgendwie glaubt jeder, dass er alles tun muss, um vom anderen akzeptiert zu werden. Und wir leben in einer Zeit, wo wir ständig mit vorgefertigten Meinungen konfrontiert werden. Viele Leute richten sich danach, was ich absolut ablehne.

Wie wichtig ist Ihnen Ruhm und Ehre? Für „12 Years A Slave“ erhielten Sie zwar eine Oscrnominierung, doch vor drei Jahren gab es eine bittere Enttäuschung, als Sie für „Shame“ überhaupt nicht in Betracht gezogen wurden.

Offen gestanden hatte ich vor, das alles nicht zu ernst zu nehmen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich wollte nicht denken: „Oh, ich habe etwas Tolles geschafft, weil ich irgendeine Statue bekommen habe. Das ist doch alles nur ein Witz.“ Schließlich sind solche Auszeichnungen rein subjektiv. Aber wenn du in diesem Preisverleihungszirkus steckst, dann geht dir das irgendwann unter die Haut. Du beginnst zu denken: „Mann, ich hoffe, ich gewinne.“ Und als ich dann für „Shame“ nicht nominiert wurde, war ich ganz schön sauer und frustriert. Aber mir war klar, dass das nur eine Frage der persönlichen Eitelkeit ist. Ich habe das wieder unter Kontrolle gebracht, und dann ging’s mit dem Leben weiter. Letztlich sind solche Auszeichnungen bloß dafür hilfreich, dass mehr Leute deine Filme sehen.

Regt Sie etwas negativ in der Filmbranche auf?

Was ich nicht mag: dass beim Filmgeschäft der Aspekt des Geschäfts so betont wird. Ein Projekt, das Gewinn bringt, wird in seine Einzelteile zerlegt, um daraus eine allgemein gültige Formel zu entwickeln. Und dann wird alles bis zum Gehtnichtmehr getestet. Man lädt die Passanten aus den Einkaufszentren in Vorführungen ein und fragt sie dann: „Welches Ende gefällt Ihnen besser – dieses oder jenes?“ Den Produktionsfirmen geht es nur noch um die größtmöglichen Zuschauerzahlen. Das hat dann wiederum zur Folge, dass die Drehbücher in der Regel vorhersehbar geworden sind. Schon auf Seite 15 weiß ich, wohin sich die Charaktere und die Handlung entwickeln.

Angeblich lassen Sie sich sonst nur von Manschettenknöpfen irritieren...

Ich weiß nicht, ob die das einzige sind, das mich nervt. Aber es stimmt. Wenn ich ein Hemd damit zuknöpfen muss, dann gerate ich völlig außer Fassung. Das treibt mir richtig die Tränen in die Augen. Aber bei größeren Problemen bleibe ich dafür ruhig.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie zum Weinen bringt?

Wenn Leute einander ihre Zuneigung auf besondere Weise zeigen. Aber auch Akte der Grausamkeit. Oder wenn ich mich selbst mal enttäuscht habe. Aber Letzteres passiert hoffentlich nicht zu oft.