Komm, wir gehen zum Mittag nach Pompei. Aus der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße ist das nur ein Katzensprung, einmal schräg hinüber Richtung Landwehrkanal. Und so stehen sie hier also jeden Mittag in der Essensschlange, die Doktoranden und die Studenten der Stabi, die eine Abwechslung wollen. Die Kantine liegt im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), einem Haus für Forscher, das eigentlich gar nichts mit der Staatsbibliothek zu tun hat. Aber die Pasta gibt es für vier Euro, das Essen lockt. Und dann gibt es diesen Innenhof.
Er ist eine Welt für sich. Man kann an Tischen mitten auf dem Rasen essen oder in einer langen, halb überdachten Säulenhalle, die den Hof an einer Seite begrenzt. Eine Art Amphitheater ist auch da, die Essensausgabe selbst liegt in der „Basilika“. Es gibt außerdem einen schlanken Turm. Vieles, was man aus der Antike kennt oder aus dem mittelalterlichen Italien, ist mit Fantasie modern nachgebaut und eng zusammengewürfelt worden. Überall gibt es kleine Details. Auf neuen Metallsäulen prangen klassische, verzierte Stein-Kapitelle.
Italien liegt vor der Haustür. Ganz Berlin steckt voller Bauten, die auf italienisch machen.
Folgt man den Spuren des Stiefels durch die Stadt, findet man Villen wie in der Toskana oder als stammten sie aus der Hügellandschaft rund um Rom. Man findet Kirchtürme wie an der Adria, Grabmäler an Friedhofsmauern, auf deren verwitterten Steinplatten auch lange italienische Namen statt der historischen preußischen Titel und Namen stehen könnten. Tief im Süden ließen sie sich genauso verorten. Viele Jahrhunderte lang ist Italien schon da – mit Fassaden und Kulissen. In einem dieser Freiluft-Theater, dem idyllischen, aber gleichzeitig sehr belebten Hof des Wissenschaftszentrums am Reichpietschufer, lässt sich perfekt darüber sinnieren. Man lehnt sich, etwas abseits, an einen der großen Sockelsteine, auf denen hier alles ruht, und schaut nur zu.
Der erste Gedanke: Hier hat einer ganz schön gespielt mit den Bildern des Südens. Natürlich, man könnte es mit der Antike und der Italiensehnsucht auch alles furchtbar ernst nehmen. So wie Goethe, so wie Schinkel. Nur perfekt zitierte Mosaike bitte, hieße es dann. Oder: Wenn, dann echte Wandmalereien, nur in echt pompeianischen, also dunklem Rot. All das. Oder aber man nimmt es mit Humor, so wie hier, in diesem Forscher-Mikrokosmos. Er ist bald dreißig Jahre alt, Architekt war der Brite James Stirling. Stirlings italienische Welt unter dem poppig-bunten Campanile ist oft voll, kein Wunder. Mittags kommen viele Gäste, erst zum Essen und dann, um etwas zu bleiben. Manchmal sind Gruppen junger Architekten von weiter her da, nur um den besonderen Hof anzuschauen. Auch die hauseigenen Forscher sitzen viel mit ihren Laptops im Hof. „Pompei“ ist dafür als Begriff wohl etwas hergeholt, vielleicht eher als Laune gemeint, von den Stabi-Nomaden. Man sagt es halt so, irgendwie fängt es die Stimmung ein. An anderen Orten springt einen das „Pompei“ aber geradezu an, auch solche Berliner Bauten gibt es: Sie sind originalgetreue Kopien. Ein Paradebeispiel dafür wird uns gerade auf der prominentesten Berliner Baustelle geliefert: Am Schloss. Dieses wird nun ebenso ein Stück Italien. Ein römischer Palazzo.
Barocco sein
Barock. Um das Jahr 1700 beginnt die Ära des fleißigen Kopierens des Südens in Berlin – und nicht erst, wie man denken könnte, erst ab 1800 mit den Antiken-Verehrern Karl Friedrich Schinkel oder Johann Wolfgang von Goethe. Goethe, der nach seinen Italienreisen alle Welt infiziert. Nein, wir schalten ein Jahrhundert zurück. Der Bildhauer und Architekt Andreas Schlüter hat seit dem Jahr 1699 den Auftrag, das bis dahin eher kleine Hohenzollernschloss an der Spree in Berlin aufzuwerten. Preußen ist jetzt wer. Es soll ein Barockschloss werden, das ist Zeitgeist. Schlüter ist früher eigens nach Italien gereist und hat aktuelle Kunstwerke des Barock studiert. Für ironische Zitate à la Stirling ist dieses nun wirklich noch keine Ära: Also wird hier penibel abgekupfert, detailgetreu, mit Hundertschaften von Steinmetzen. Perfektion ist Pflicht. So wächst vor 300 Jahren das heran, was Schlüter in Rom gesehen hat. „Das Berliner Schloss ist ein antiker Tempel im Barockkleid“, sagt der Bildhauer Bertold Just, der Leiter der heutigen Schlossbauhütte. Bei Just läut alles, was künstlerisch mit dem neuen, nachgebauten Berliner Schloss zu tun hat, zusammen. Er kennt jeden Plan für jeden Schmuckadler. Und Just kennt das Vorbild. In seiner Gliederung mit drei Geschossen und einem „halben“ Mezzaningeschoss ganz oben und in der Anmutung aller Fensterachsen ahmt das Schloss den römischen Palazzo Madama nach. Der Madama-Palast, ein berühmter Barockbau aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, gehörte einmal der Familie Medici. Seit 150 Jahren ist er nun schon Sitz des italienischen Senats.
Viele der Skulpturen Andreas Schlüters, die er am Schloss platziert, erinnern in ihrer Ausdruckskraft an sein Vorbild Michelangelo. Schlüter, der Mann aus dem Norden, hat zuvor in Rom wirklich gut mitgeschrieben. Den Bildhauer Gian Lorenzo Bernini kopiert Schlüter einmal sogar bis ins allerkleinste Detail: Das Standbild der Borussia von 1700, eine Allegorie auf den Staat Preußen in Frauengestalt, die im Schlosshof steht, stammt im Original aus dem Petersdom. Dort ist die Dame Berninis Denkmal für eine Markgräfin aus der Toskana. Mittlerweile ist ihre Berliner Wiedergängerin auch schon wieder nachgebaut, sie wird in ein paar Jahren hier wieder im Schlosshof stehen. Kunsthistoriker und Berliner-Schloss-Experten können ganze Vorträge darüber halten, wo genau denn noch die Parallelen des preußischen Barock zum römischen liegen. In der Kurzfassung kommt man zu einem ganz simplen Motto, das beim Schlossbau von 1700 gilt: Was der hat, das will ich auch haben. So sagt man es sich damals in Berlin. Die Brücke am Schloss soll also am liebsten so sein wie die römische Tiberbrücke zur Engelsburg. Das schließlich von Andreas Schlüters Nachfolger gebaute Eosanderportal am Berliner Schloss hat wiederum ein antikes Vorbild: den Septimius Severus Bogen aus dem Forum Romanum. Ohne die Kuppel ist das Portal ein Triumphbogen.
Eine schöne Angeberei steckt in der ganzen Nachmacherei, lässt sich da einwenden. Nur: Wenn es doch schön ist, was soll man dagegen haben? In jüngster Zeit kommt Berlin sogar zu einer echten römischen Delikatesse, einem Michelangelo im Stadtbild. Sagen wir einmal, zumindest zu einem schmalen Streifen dieser Weltberühmtheit der Renaissance. In der Schützenstraße in Mitte steht ein kleiner, feiner Nachbau der Fassade des Palazzo Farnese in Rom. Mio dio! Warum? Ein schmales Handtuch. Drei Fensterachsen frühes 16. Jahrhundert aus Rom, mit Säulen am Eingang und strenger Gliederung, jetzt, in Berlin, eingezwängt in knallrote und knallgrüne Nachbarhäuser. So will es 1997 der italienische Architekt Aldo Rossi, er gestaltet einen Berliner Block auf seine Art und greift viele Teile der Baugeschichte auf. Ein Bauklotz für Aldo Rossi ist die Renaissance. Penibel importiert er ein Stück Farnese, sorgsam nachgebaut, aber eben doch eine Spielerei. Rossi amüsiert sich wohl auch über das alte Spiel, dass alles immer und überall kopiert wird.
Eine interessante Nuance hat in dieser Beziehung gerade die Stadt Potsdam zu bieten. Sie lässt Nachgemachtes, was zwischenzeitlich verloren war, wieder nachmachen, als Re-Replika in gewisser Weise. Zwei Renaissancepaläste sind bereits einmal, zu Zeiten Friedrichs des Großen, mitten in Potsdam als Kopien entstanden. Sie hießen sogar immer so wie ihre Vorbilder: Der Palast Pompei (das Original steht in Verona) und der Palast Chiericati (im Original gibt es ihn in Vicenza). Beide Stadthäuser standen bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg am Havelufer, genau gegenüber vom Potsdamer Schloss. Jetzt wird dort die alte Stadtstruktur wieder aufgebaut, zwei neue Häuser an alter Stelle erhalten die aufwendigen Sandsteinfassaden des Palazzo Pompei und Palazzo Chiericati. Dahinter wird es teure Wohnungen geben.
Überall Campanile
Was aber sind die echten Leuchttürme, die Italien auf den ersten Blick verraten, oder sagen wir, die Sehnsucht nach dem Süden? Natürlich Türme. Kirchtürme meistens. Und ganz wichtig: Es muss dann aber auch ein freistehender Glockenturm sein, ein Campanile (von lateinisch campana, die Glocke) neben der jeweiligen Kirche, nicht ein Bestandteil des Sakralbaus selbst. Und gemauert muss er sein, aus hellem Ziegelstein, der je nach Sonnenlicht für den Zuschauer die Farbe ändern kann. Mit Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), dem preußischen Hofarchitekten, wird diese offene Ziegelbauweise hierzulande zum Kunst-Inbegriff, state of the art in Berlin für lange Jahre. Vorher gab es das kaum, nun wird die Stadt ocker, blassgelb und rötlich schimmernd. Und sozusagen in Serie entwirft Schinkel unter anderem auch vollständige italienische Kirchen-Ensembles für die damaligen Vororte von Berlin. Vier baugleiche Hallenkirchen mit einem Dreiecksgiebel entstehen in Moabit, Wedding und an der Invalidenstraße. Alle bekommen in der Folge auch eigene Türme, streng nach italienisierendem Stil, ganz nach der Mode. Die Johanniskirche in Alt-Moabit ist bis heute ein italienisches Ensemble wie aus dem Architekturführer, mit einem deutlich sichtbaren Arkadengang und zwei Seitengebäuden, die wie alte toskanische Villen gestaltet sind. Zentrale Landmarke aber ist der nach venezianischem Muster gestaltete Turm, fast 50 Meter hoch und mit einer kupfergedeckten Haube. Der Campanile von San Marco steht ganz offensichtlich Pate, ein ebenfalls aus Ziegeln gemauerter, geometrisch schlichter, senkrechter und doch eleganter Spross. Ziegeltürme mit Kupferspitze bleiben für längere Zeit Mode unter Schinkels Amtsnachfolgern, gleich gefolgt von jenen Campanile, die keine Haube haben, sondern ein flaches Zeltdach. Einige Berliner Kirchen folgen diesem Stil, ihre ebenfalls schlichten viereckigen Türme haben oft Etagen mit Rundbogenöffnungen und ganz oben eine manchmal eine offene Galerie.
Schöne Aussicht: Belvedere
Ein Turm als kräftiges Symbol und luftiges Zeichen: Das steht nicht nur Kirchen gut, auch Wohnhäusern. Schauen Sie auf die Eckhäuser in der Innenstadt, sie machen sämtlich mit einem Bollwerk, sei es Schnörkel, sei es ein schlichter Turm, auf sich aufmerksam. Und schauen Sie in die Vorortsiedlungen von Berlin: Sie entstehen oft als lockere Sammlung von Landhäusern im 19. Jahrhundert, und jeder kleine Schlossherr, der sich da verewigt, braucht an seinem Prunkbau wie selbstverständlich auch einen Turm. Solange Italien Mode ist, also bis in das letzte Drittel des Jahrhunderts hinein, gibt es denn auch Villen mit südlichem Flair und toskanischem Türmchen, einem Ausguck gleich. Je weiter im Südwesten Berlins, desto stärker. Das hat nicht nur damit zu tun, dass man dort meist den entsprechenden Geldbeutel hat, sondern auch mit dem stilprägenden Vorbild. Das liegt gleich nebenan, am „Golf von Potsdam“. An der Havel und Jungfernsee, also an der Glienicker Brücke, schaffen sich in dieser Zeit nämlich gleich mehrere preußische Prinzen ihr Italien, eine Spielfläche am Wasser, die zu einer Binnen-Ausgabe des neapolitanischen Golfs wird. Prinz Carl von Preußen hat etwa schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Architekten Schinkel damit beauftragt, Schloss Glienicke umzubauen. Schinkel versucht, eine Kopie der verschollenen antiken Villa Laurentinum in Ostia am Mittelmeer zu schaffen. Der lateinische Historiker Plinius hat die Villa beschrieben, Schinkel malt sie sich hier aus. Im Zuge dessen entsteht auch das berühmte Casino direkt am Wasser, der Landschaftsarchitekt Lenné modelliert dazu das Gelände. Lastwagenweise – würde man heute sagen – also in Massen von Fuhrwerken lässt sich der Italien-vernarrte Prinz originale Kunstwerke aus Norditalien heranschaffen. „Kirchen wurden in dieser Zeit in Venetien abgerissen, dort kaufen die begeisterten Nordeuropäer ein“, sagt Enrico Straub, ein Kunsthistoriker, der an der Berliner FU gelehrt hat. „Spolien“ nennt man diese umgepflanzten Bauteile, es können Säulen sein, Türen, ganze Mosaikpflasterungen aus Ravenna und viele weitere Werke. „Der Schlosspark von Glienicke ist voll davon“, sagt Straub.
Am stärksten aber prägt König Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker schlechthin auf dem Thron, das Italien rund um Havel. Er zeichnet selbst die Pläne für die gleichsam auf dem Wasser schwebende Heilandskirche in Sacrow (natürlich mit Campanile und sogar mit einem Belvedere darin). Letzter Schrei in der Gegend ist eine Art von Villa, die Schinkel als Idealtypus ausgerufen hat. Es sind Häuser aus dem Garten der Villa Borghese, die Villa Raffael und das Casino Cenci. Der schwärmerische König wiederum lässt ebenfalls an importierten südlichen Kunstschätzen heranschaffen, was nur geht: In die neue Friedenskirche und nach Charlottenhof in Sanssouci. Dort liegen nun auch die Römischen Bäder, von Schinkel entworfen – und unter anderem ein schöner Fall von antikem Cross-Over, von Überschneidungen der alten Kulturen. Geschmückt sind die Bäder mit schlanken Frauenskulpturen, den Karyatiden. Die Ur-Bilder davon gibt es auf der Athener Akropolis, dort tragen Karyatiden das Dach des Erechteion-Tempels. Andere gibt es an der Via Appia des alten Rom. In der Barockzeit zeichnet Giovanni Battista Piranesi diese Figuren in seine Architekturentwürfe. 1830 gelangen sie ins Badehaus nach Potsdam. Und dann, hoppla, noch ein paar Jahrzehnte später, an den Balkon eines „Millionenbauern“ in der Gemeinde Schöneberg, heute Hauptstraße Nummer 43, und bis heute dort zu sehen. Dieser Aufsteiger macht viel Geld mit Landverkäufen für die wachsende Stadt Berlin, er will nun auch etwas zeigen. Also Karyatiden. So geht Kunstgeschichte – „was hat der Nachbar?“.
Und noch ein Giro
Skurrile Wege, oder Umwege, nehmen auch Baupläne bisweilen. So gibt es ausgerechnet ein Beispiel in Berlin für eine Annäherung an den Renaissancebaumeister Palladio, den Architekten also, der so stark bis heute verehrt wird – und genau dieser „Plan nach Palladio“ ist hier in der Stadt die denkbar merkwürdigste Variante: der ehemalige Hochbunker aus der Nazizeit an der Schumannstraße folgt streng genommen Palladio. Er hat einen kreuzartigen Grundriss wie die bekannte Villa La Rotonda bei Vicenza. Heute ist der Denkmal geschützte Bunker zum Galeriegebäude umgebaut, auf dem Dach ist ein Penthaus. Aber die Attika und das teils verzierte Gesims des Betonklotzes verraten schon, dass hier von Anfang an besondere Gestaltungsmittel angelegt werden, unübliche eigentlich. Das soll vom NS-Generalbauinspekteur Albert Speer selbst stammen. Allerhöchstem Einfluss unterliegt in der NS-Zeit genauso der Bau der Italienischen Botschaft. Das Regime will ihn seinem Verbündeten Mussolini schenken, es hat die schönste aller diplomatischen Vertretungen zu werden. Ein Berliner Architekt zeichnet einen römisch anmutenden Palast, und mit leisem Druck versucht nun auch Rom, noch etwas Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Dann das diktatorische Wort: Hitler hat sich beim Rombesuch vom Palazzo della Consulta (von 1732) sehr beeindruckt gezeigt. Es gibt keine Diskussion mehr. General Speer verändert die Fassade noch leicht, wie beim Consulta-Palast.
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