„Orient Eck“

Türkische Tortellini nach dem Geheimrezept der Mutter

Im Kreuzberger „Orient Eck“ gibt es einmal pro Woche die Spezialität Manti – türkische Tortellini.

60 bis 80 Kilogramm Manti bereitet Köchin Vildan Kabaca wöchentlich zu.

60 bis 80 Kilogramm Manti bereitet Köchin Vildan Kabaca wöchentlich zu.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Es ist Mittag am Kottbusser Tor, und Vildan Kabaca steht schon seit dem frühen Morgen an der blank gewischten Küchenzeile des „Orient Ecks“. Am Vorabend hat sie wie jeden Dienstag den Teig geknetet, ausgerollt und in Streifen geschnitten, die sie mit speziell gewürztem Hackfleisch gefüllt und zu kleinen, exakt gleich großen Täschchen gefaltet hat. Noch erstaunlicher als die Perfektion ihrer routinierten Handarbeit sind die Zahlen dahinter: Vier Stunden benötigt Vildan, um 60 bis 80 Kilogramm Manti zuzubereiten, die jeden Mittwoch in dem Imbisslokal über den Tresen gehen. Bis sich das Geschäft mittags zunehmend mit Gästen füllt, lagern sie in der Kühltruhe. Dann wandern sie Portion für Portion in kochendes Wasser und werden anschließend mit cremiger Joghurtsauce serviert – ein bewährtes Topping der türkischen Küche. Darüber träufelt Vildan noch eine zweite, rote Sauce, deren Rezept nur ihr bekannt ist, und garniert das Ganze mit einer Prise getrockneter Kräuter. Fertig ist das Gericht.

Obwohl viele Gäste extra für ihre Manti nach Kreuzberg kommen – manche reisen aus Spandau oder Hohenschönhausen an –, endet das Wissen über die türkische Küche hierzulande meist beim Klassiker. Den Dönerladen ihres Vertrauens können viele Berliner noch nennen und streiten auch gern leidenschaftlich darüber, aber Manti? „Das sind sozusagen türkische Tortellini“, sagt Aygül Gülmez, die das „Orient Eck“ vor fünf Jahren mit ihrem Mann und einem weiteren Geschäftspartner übernommen hat. Anders als Tortellini haben diese Teigtaschen ihren Ursprung allerdings in der Provinz Kayseri in der Zentraltürkei.

Die Bedeutung ihres Namens hat sie erst in Berlin erfahren

Noch wichtiger zu wissen: Isst man die Manti zur Mittagszeit, hat man den Höhepunkt des Tages bereits erreicht. Die Kopfleistung lässt nach dem Verzehr spürbar nach, zumindest nach einem großen Teller. Warum diese Speise niemand Superfood nennt, wirft dennoch Fragen auf, macht sie doch so satt und zufrieden als wäre sie eines. Manche Kunden bringen der Köchin zum Dank dafür einen Blumenstrauß mit.

Ihr Können hat Vildan von ihrer Mutter gelernt. Sie war 19 Jahre alt, als sie von Istanbul nach Berlin zog. Anfangs rief sie die Mutter noch manchmal an, wenn etwas in der Küche nicht gelang. „Schon lange her“, sagt sie lächelnd. Die Bedeutung ihres Namens hat sie erst in Berlin erfahren, von einer Angestellten des Bürgeramts: „Der schönste Baum im Paradies“. Ihre Chefin Aygül sagt: „Sie ist das Herz unserer Küche.“ Vildan selbst spricht nicht so viel, warum auch. Ihre Küche spricht für sich, und ihre Augen sprechen Bände. Zwischen diese Augen weiß die Frau eine Falte zu legen. Sie taucht etwa auf, wenn die Küchenchefin eine Bestellung aufnimmt. Dazu legt sie den Kopf etwas schief und reckt das Kinn leicht nach vorn. Herausfordernd könnte man denken. Wahrscheinlicher ist: Sie konzen­triert sich. Denn Vildan will den Namen des Kunden wissen, um ihn in spätestens zehn Minuten auszurufen, wenn das Essen fertig ist. Und dabei nimmt sie es genau: „Katharina mit K?“ – „Ja, egal.“ Sie schreibt es trotzdem auf. Eine Frau kommt herein und bestellt Pansensuppe. Die gibt es im „Orient Eck“ inzwischen nicht mehr. „Stank zu sehr“, flüstert Aygül, und Vildan rät: „Da müssen Sie rüber, auf die andere Seite vom Kotti. Die machen gute Pansensuppe.“ Der Laden ist nicht nur bei den Gästen beliebt, sondern auch bei den Nachbarn.

Den Imbiss gibt es hier schon seit 38 Jahren

Vildan kocht hier seit 13 Jahren, doch das „Orient Eck“ gibt es bereits seit 1980 an der Reichenberger Straße 176. Der Imbiss hat weitaus mehr überlebt als nur die negativen Schlagzeilen über das Kottbusser Tor. Den Appetit der Gäste auf Vildans Manti vermochten sie ohnehin nicht zu dämpfen. Und bei einem Becher Ayran im warmen Vorzelt, inmitten einer gut gemischten Kundschaft versteht man bald, dass es hier ohnehin nur eines zu fürchten gibt: sich im Wochentag geirrt zu haben.

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