Interview

„Berlin ist ein weltweit attraktives Reiseziel“

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Matthias von Randow, über die BER-Eröffnung.

Matthias von Randow ist seit Juli 2011 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Zuvor war er unter anderem auch für Air Berlin tätig.

Matthias von Randow ist seit Juli 2011 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Zuvor war er unter anderem auch für Air Berlin tätig.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Matthias von Randow weiß, wie die deutsche Luftfahrtbranche tickt. Seit Juli 2011 spricht er als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) unter anderem für Airlines und Flughäfen. Wie der 61-Jährige die BER-Inbetriebnahme bewertet, erzählt er im Interview.

Der BER eröffnet endlich. Wie glücklich ist man als Verbandschef der Luftverkehrswirtschaft über dieses Ereignis?

Matthias von Randow: Was lange währt, wird endlich gut. Die Eröffnung ist eine große Belohnung für die Beharrlichkeit und auch das große Engagement der Kolleginnen und Kollegen der Berliner Flughäfen. Gleichzeitig ist die Aufnahme des Betriebs ein positives Zeichen in dieser pandemiebedingten tiefsten Krise der Luftfahrt.

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Was ist das Besondere am BER?

Der BER macht vieles möglich, was am alten Standort Tegel nicht möglich war. Da ist zum einen die Schienenanbindung des Flughafens, die Tegel nicht hatte. Und mit dem BER kommt zudem eine ganz andere Möglichkeit, den Ablauf der Sicherheitskontrollen zu konzentrieren. Das ist für die Flüssigkeit der Passagierströme ein großer Vorteil. Darüber hinaus wird es am BER aufgrund der Konstruktion des Terminals und des zur Verfügung stehenden Platzes nun auch hinter der Sicherheitskontrolle Catering- und Handelsflächen geben. Auch das macht den Flughafen deutlich kundenfreundlicher.

Ursprünglich war alles für eine Eröffnung im Jahr 2011 vorbereitet. Fast ein Jahrzehnt später: Wie zeitgemäß ist der BER noch im internationalen Vergleich?

Vor allen Dingen bringt der BER gegenüber dem bisherigen Standort in Tegel große Vorteile.

Wie schneidet denn der BER im Vergleich zu jüngst neu gebauten Flughäfen etwa in der Türkei oder China ab?

Der BER wird zu den neuen modernen Standorten gehören.

Also ist der damaligen Planungsstand immer noch en vogue?

Wenn wir auf die zurückliegenden Jahrzehnte des Luftverkehrs blicken, hat es immer Weiterentwicklungen gegeben und der BER kommt jetzt mit vielen Neuerungen und das ist gut.

Was verbessert sich für die Fluggesellschaften am BER?

Die Fluggesellschaften haben in erster Linie die Passagiere im Blick. Für diese Kunden kommt mit der Eröffnung des BER nun eine ganze Reihe von Verbesserungen. Von daher blicken die Fluggesellschaften sehr positiv auf die neuen Möglichkeiten am BER.

Wie verändert der BER die deutsche Flughafenlandschaft?

Der wichtigste Punkt ist, dass aus drei Flughafenstandorten in Berlin ein zentraler, großer Flughafenstandort wird. Damit wird es hier in der Region unterm Strich für sehr viele Menschen eine Entlastung von Fluglärm geben. Was wir auch festhalten können, ist, dass der BER dann zu den großen Flughäfen Deutschlands gehören wird – in einer Reihe mit Frankfurt am Main und München.

Politik und Wirtschaft verknüpft mit der BER-Eröffnung auch die Hoffnung, dass Berlin künftig besser an Langstreckenverbindungen angeschlossen ist. Ist das ein Trugschluss?

Berlin ist weltweit ein sehr attraktives Ziel. Menschen aus der ganzen Welt kommen nach Berlin, jedenfalls unter normalen Bedingungen. Das sehen wir ja auch daran, dass in den letzten Jahren die internationalen Verbindungen zugenommen haben. Aus den USA fliegt United Berlin an, aus dem Nahen Osten Qatar Airways, aus China Hainan Airlines – um mal einige Langstreckenbeispiele zu nennen. Und ich bin sicher, dass nach Überwindung der Pandemie die Langstreckenflüge wieder zunehmen werden.

Warum?

Alle diese Airlines fliegen Berlin aus ihren jeweiligen Drehkreuzen aus an. Das hängt damit zusammen, dass Langstreckenflüge vor allem erst mit größeren Flugzeugen wirtschaftlich sind. Und um die zu füllen bündeln die Fluggesellschaften die entsprechenden Passagierströme mit Zubringerflügen an ihren jeweiligen Drehkreuzen. Das ist wirtschaftlich und schafft auch eine ökologisch sinnvolle hohe Auslastung dieser Langstreckenflüge. Lufthansa, die inzwischen Marktführer in Berlin ist, bündelt ihre Langstreckenflüge historisch bedingt an den Drehkreuzen Frankfurt am Main und München.

Welche Bedeutung wird der innerdeutsche Flugverkehr künftig noch haben? Easyjet hatte in der Corona-Krise alle innerdeutschen Verbindungen gestrichen, Lufthansa das Angebot deutlich ausgedünnt.

Berlin bleibt an das innerdeutsche Flugnetz angebunden. Das ist völlig klar. Es wird wieder mehr Luftverkehr geben, wenn wir aus der Pandemie rauskommen.

Sehen Sie noch die Notwendigkeit für innerdeutsche Flüge? Auch die Politik ist mittlerweile daran interessiert, mehr Menschen, die innerhalb Deutschlands verreisen wollen, mit der Bahn zu befördern.

Das ist ja nicht nur im Interesse der Politik, sondern auch im Interesse der Luftverkehrswirtschaft. Wir arbeiten seit vielen Jahren daran, dass Kunden attraktive Angebote auch auf der Schiene gemacht werden. Und da, wo die Bahn Reisezeiten von nicht mehr als drei Stunden anbieten kann, nehmen Passagiere diese Angebote auch an. Innerdeutsch geflogen wird im Wesentlichen nur noch auf längeren Strecken wie Hamburg – München oder Berlin – Köln. Darüber hinaus wählen Kunden das Flugzeug noch im Zubringerverkehr zu einer Langstrecke.

Rail and fly gibt es ja schon.

Ja. Und wir stehen mit der Bahn in Gesprächen, wie man das noch weiter entwickeln kann. Für den Berliner, der etwa nach Hongkong will, der möchte natürlich, wenn er nach Frankfurt mit der Bahn fährt, erstens sein Gepäck möglichst in Berlin aufgeben können und dann möchte er von der Bahn die Anschlusssicherheit, dass er seinen Flieger in Frankfurt rechtzeitig erreicht. Über diese Fragen stehen wir mit den Bahn im Gespräch, weil wir auch hier weitere Fortschritte bei der Verkehrsverlagerung auf die Schiene erreichen wollen.

Wann geht es denn wieder richtig los mit dem Luftverkehr?

Der jetzige Einbruch des Luftverkehrs hängt ja im Wesentlichen mit den pandemiebedingten Reisebeschränkungen zusammen. In dem Moment, wo die Pandemie beherrschbar ist, wird auch wieder mehr geflogen werden. Der Luftverkehr ist im Grunde genommen so etwas wie das analoge World Wide Web.

Wie meinen Sie das?

In unserer globalen Welt möchten und müssen die Menschen miteinander in Kontakt treten. Zum Teil geht das über das digitale World Wide Web. Aber Fachkräfte, die zur Industriemontage ins ferne Ausland müssen, brauchen den Luftverkehr. Dasselbe gilt für viele weitere Geschäftskontakte und auch für Menschen, die im Ausland ihre Familien oder Freunde besuchen wollen. Und es gilt eben auch für Urlaubsreisen und den internationalen Kulturaustausch. Auch wenn wir in der Pandemie gelernt haben, dass man das eine oder andere Treffen digital ersetzen kann, wird die persönliche Begegnung weiterhin eine große Rolle spielen und dementsprechend auch der Luftverkehr wieder zunehmen. Allerdings wird der Aufwuchs nur schrittweise erfolgen und wir rechnen damit, dass wir nicht vor 2024 wieder auf dem Niveau von 2019 sind.

Angesichts der gesunkenen Zahl der Flugbewegungen: Sind neben den großen Flughäfen auch noch kleinere Regionalflughäfen nötig?

90 Prozent des Passagieraufkommens entfällt heute auf die sieben größten deutschen Flughäfen. Die kleineren Airports haben vor allen Dingen eine regionale Anbindungsfunktion. Das ist in einem Land, das so föderal aufgestellt ist wie Deutschland, nicht unwichtig. Voraussetzung dabei aber ist: Die Flughäfen müssen sich wirtschaftlich selbst tragen können. Der Gesetzgeber hat ja auch einen klaren Rahmen vorgegeben, damit Flughäfen eben unter normalen Bedingungen keine Betriebssubventionen bekommen.

Rechnen Sie in den nächsten Jahren damit, dass sich das Netz an Regionalflughäfen deutschlandweit ausdünnt?

Das wird von der Verkehrsnachfrage abhängen.

In Berlin hat die FDP vehement dafür gekämpft, in Tegel neben dem BER einen weiteren Flughafen offen zu halten. Wie sinnvoll wäre das gewesen?

Ich glaube, wir alle haben Tegel lieb gewonnen. Aber über die Sinnhaftigkeit Tegel offen zu halten, ist ja intensiv im Planfeststellungsverfahren beraten worden. Zahlreiche Experten aber auch Anwohner haben darüber nachgedacht. Auch Verwaltungsgerichte haben diese Frage erörtert und beurteilt. Im Ergebnis ist festgehalten worden, dass dieses Konzept, den Luftverkehr in Berlin an einem Standort zu bündeln, das sinnhafteste ist. Warum also sollte man diese Entscheidung infrage stellen?

Sie tun das jedenfalls nicht?

Nein.

Wenn in Deutschland mal wieder ein neuer Flughafen gebaut werden sollte: Was sollten künftige Bauherren aus dem BER-Desaster lernen?

Ich halte nicht viel von Besserwisserei. Aber ich bin ganz sicher, dass die jetzige Flughafen-Geschäftsführung zu dieser Frage auf Grundlage der Erfahrung, die am BER gemacht worden sind, fundierte Ratschläge geben kann.