Der künftige Hauptstadtflughafen BER soll bis zum zweiten Quartal 2017 startklar sein. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagt im Interview mit der Berliner Morgenpost, was er von dem künftigen Flughafenchef Karsten Mühlenfeld erwartet – und weshalb der 51-Jährige seiner Ansicht nach der richtige Mann für den schwierigen Job ist. Berlin und Brandenburg haben den früheren Rolls-Royce-Manager im BER-Aufsichtsrat gemeinsam gegen die Stimmen des Bundes durchgesetzt. Nun muss auch noch ein Aufsichtsratsvorsitzender gewählt werden.

Berliner Morgenpost: Herr Woidke, Berlin und Brandenburg haben den Rolls-Royce-Manager Karsten Mühlenfeld als neuen BER-Chef durchgesetzt. Gegen den Bund. Selbst der Berliner Innensenator hat sich enthalten. Schlechter kann ein Start wohl nicht ausfallen.

Dietmar Woidke: Für den Fortgang des Projekts war es immens wichtig, dass der Aufsichtsrat jetzt eine Entscheidung getroffen hat. Jede Verzögerung hätte gerade in einer so wichtigen Phase zusätzliche Risiken für die Fertigstellung des BER bedeutet. Und ich rufe in Erinnerung: Als Hartmut Mehdorn im Dezember ankündigte, er wolle sich bis spätestens Ende Juni zurückziehen, waren sich alle drei Gesellschafter einig, dass der neue Vorsitzende der Geschäftsführung spätestens im März seinen Dienst antreten soll. Mein Berliner Kollege Michael Müller und ich sind fest davon überzeugt, dass Herr Mühlenfeld der richtige Mann für dieses schwierige Projekt ist.

Weshalb?

Karsten Mühlenfeld ist jemand, der die Fähigkeit mitbringt, nach außen und nach innen zu kommunizieren. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er kann Mitarbeiter motivieren und Abläufe organisieren. Er ist Ingenieur und hat als Geschäftsführer Rolls-Royce Dahlewitz zu einem der erfolgreichsten Standorte weltweit ausgebaut. Heute arbeiten dort 2700 Menschen aus über 50 Nationen. Zudem ist er jemand, der in der Wirtschaft gut vernetzt ist – und der eine große Bodenhaftung und Verlässlichkeit hat, was meinem Berliner Kollegen Müller und mir sehr entgegenkommt.

Den Berliner Innensenator und den Bund hat er nicht überzeugt.

Man kann immer etwas kritisieren. Wir können aber nicht jahrelang „Deutschland sucht den Supermanager“ spielen.

Will der Bund nichts mehr mit dem BER zu tun haben?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Es gab lediglich einen Dissens. Der Bund war der Meinung, wir könnten uns mit der Nachfolgeregelung Zeit lassen – Berlin und Brandenburg waren anderer Meinung. Ansonsten ist der Bund genauso interessiert daran, dass der Flughafen im zweiten Halbjahr 2017 endlich eröffnet. Der BER ist schließlich ein gemeinsames Projekt von Brandenburg, Berlin und dem Bund. Und wenn er nicht fertig wird, leidet auch der Ruf Deutschlands.

Karsten Mühlenfeld hatte erst Anfang des Monats beim Zughersteller Bombardier eine neue Stelle angetreten. Wann soll er sein Amt beginnen?

Ich habe mit Bombardier gesprochen. Ich gehe davon aus, dass uns Karsten Mühlenfeld spätestens zum nächsten Aufsichtsrat im März zur Verfügung steht.

Was erwarten Sie von ihm?

Dass es gelingt, den Flughafen wie angekündigt in Betrieb zu nehmen. Das von Hartmut Mehdorn vorgestellte Zeitband ist nach meinen derzeitigen Kenntnissen realistisch. Herr Mühlenfeld sieht das genauso.

Neben der immer noch nicht funktionstüchtigen Brandschutzanlage sind die Kapazitätsgrenzen ein großes Problem. Der BER wird bei der verspäteten Eröffnung zu klein sein. Was schlagen Sie vor?

Wir wickeln heute an zwei Flughäfen in Tegel und Schönefeld weitaus mehr Passagiere ab, als wir es je für möglich hielten. Zudem kann übergangsweise das alte Schönefelder Terminal mit genutzt werden. Und was die Entwicklung in der Zukunft angeht, die haben wir natürlich im Blick. Und Sie können sicher sein, dass die Planungen und Konzepte rechtzeitig und strategisch aufgestellt werden, ohne den Blick für das Machbare zu verlieren. Aber ich bleibe dabei: Die Fertigstellung hat Priorität.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat Leipzig als Zweitflughafen ins Gespräch gebracht. Was halten Sie davon?

Gar nichts.

Brandenburg wollte den Aufsichtsratsvorsitz mit dem früheren Rolls-Royce-Mann Arendt besetzen. Jetzt soll das auf Wunsch des Regierenden Bürgermeisters der Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Dahldrup machen. Kann der das?

Ich kenne ihn bislang nicht und möchte ihn gern persönlich treffen. Ich gehe aber davon aus, dass einer für den Vorsitz geeignet ist, wenn Berlin ihn dafür vorschlägt.

Sie konnten sich im vergangenen Jahr in der Flughafen-Gesellschafterversammlung nicht gegen den Bund und vor allem nicht gegen Klaus Wowereit durchsetzen. Machen Sie noch einmal einen Vorstoß für eine Ausweitung des Nachtflugverbots?

Mehr Nachtruhe am BER ist und bleibt mein Ziel. Deshalb hatte Brandenburg in der vergangenen Legislaturperiode einen Kompromiss vorgelegt, nachdem uns nicht gelungen war, die Forderung der Volksinitiative nach mehr Nachtruhe durchzusetzen. Dadurch hätten die Bürger im Umfeld morgens einen Stunde mehr Ruhe gehabt. Wir hatten den Vorschlag damals sehr wohl abgewogen. Es geht um eine Handvoll Flüge. Deren Verlegung bringt den Flughafen nicht in wirtschaftliche Schwierigkeiten, schafft aber eine längere Ruhezeit. Und wenn ich mehr Nachtruhe mit relativ geringen Auswirkungen für die Wirtschaftlichkeit durch freiwilligen Verzicht des Flughafens erreichen kann, ist es für alle gut. Für die Anwohner, den Flughafen und sein Ansehen in der Region. Ein Projekt dieser Größenordnung komplett gegen sein Umfeld durchzusetzen, ist heutzutage nicht Erfolg versprechend.

Haben Sie das mit Michael Müller besprochen?

Wir sind in intensiven Gesprächen, auch darüber.

Wird mit der BER-Eröffnung der Schallschutz sichergestellt sein? Die Südbahn soll ja im Mai 2016 vorzeitig in Betrieb gehen, und nur zehn Prozent der Anwohner sind bisher geschützt.

Die Flughafengesellschaft muss die festgelegten Lärmschutzanforderungen erfüllen. Das ist eine der großen Herausforderungen, vor denen der neue Geschäftsführer steht. Ich bin optimistisch, dass das klappt.

Brandenburg soll dafür verantwortlich sein, dass Hartmut Mehdorn seinen Job als BER-Chef hinwarf. Was hat Mehdorn falsch gemacht?

Ihr Eindruck ist falsch. Hartmut Mehdorn hat mich vorab über seinen Rückzug informiert. Wir haben uns in Potsdam getroffen. Ich habe seine Entscheidung bedauert. Auf der anderen Seite fand ich es gut, dass er einen geordneten Übergang angeboten hat. Wir haben ja alle viel erlebt, er mit uns und wir mit ihm. Wenn man die Ära Mehdorn irgendwann Revue passieren lässt, wird da vor allem zählen: Er hat Dinge auf den Weg gebracht, wovon wir profitieren. Er hat Struktur in die Baustelle gebracht. Es gibt ein Terminband für die Eröffnung.

Noch ein Projekt bereitet Brandenburg und Berlin Sorge. Der Energiekonzern Vattenfall will sich aus Brandenburg zurückziehen. Wie soll es in der Lausitz weitergehen?

Vattenfall hat vorigen Herbst angekündigt, den Verkauf der Braunkohlesparte zu prüfen. Momentan laufen die Vorbereitungen, das Verkaufsportfolio zusammenzustellen. Das wird bis Ende März dauern. Es haben sich bereits einige Interessenten gemeldet, darunter sind zwei ernst zu nehmende öffentlich bekannt geworden. Wir sind als Land an den Verhandlungen ja nicht direkt beteiligt. Mein Ministerpräsidentenkollege Stanislaw Tillich und ich werden aber zeitnah informiert. Genau das haben wir im Dezember in Schweden vereinbart.

Wäre die Mibrag aus Sachsen-Anhalt der richtige Partner?

Ich werde öffentlich zu einzelnen Unternehmen nicht Stellung nehmen. Wir wollen einen Partner, der uns weiterhin hohe Standards im ökologischen und sozialen Bereich garantiert. Und uns ist wichtig, dass der Verbund von Abbau und Verstromung nicht zerschlagen wird.

Wollen Sie nicht langfristig aus der klimaschädlichen Braunkohleverstromung aussteigen?

Die Braunkohle ist für uns in der Energiewende eine notwendige Brückentechnologie. Wenn erneuerbare Energien wie Windkraft und Solarenergie verlässlich rund um die Uhr verfügbar sind, können sie konventionelle Energieträger wie die Braunkohle ablösen. Aber erst dann. Und bis aus den unzuverlässigen erneuerbaren Energien zuverlässige werden, ist es noch ein langer Weg. Nirgendwo in Deutschland weiß man das besser als in Brandenburg, wo pro Kopf die meisten Windkraftanlagen stehen.

Ein anderes Thema: Wie will Brandenburg die steigende Zahl von Flüchtlingen bewältigen?

Die Länder und die für die Unterbringung zuständigen Kommunen und Landkreise stehen vor einer mächtigen Herausforderung. Brandenburg rechnet in diesem Jahr mit bis zu 9000 Asylsuchenden. Das ist mehr als eine Verdoppelung innerhalb von wenigen Jahren. Die Flüchtlingsverbände fordern, wir müssen die Standards erhöhen und die Menschen am besten in einer eigenen Wohnung unterbringen. Doch das ist derzeit nicht überall leistbar. Ich will zunächst die Menschen würdig unterbringen, sie gut betreuen, um sie dann möglichst gut integrieren zu können.

Was erwarten Sie vom Bund?

Wir brauchen dringend mehr finanzielle Unterstützung. Das werden wir auch bei der Ministerpräsidentenkonferenz am 25. März fordern. Das Land Brandenburg allein wird 2015 rund 160 Millionen Euro für Flüchtlinge ausgeben. Die Kosten der Kommunen nicht mitgerechnet. Vom Bund bekommen wir nach dem Asylkompromiss derzeit nur 15 Millionen Euro im Jahr. Das geht nicht auf Dauer. Deshalb erwarte ich vom Bund, dass er Länder und Kommunen besser unterstützt. Dabei halte ich es für zielführend, wenn Verantwortung und Finanzierung in eine Hand kommen. Deshalb sollte der Bund die gesamte Erstaufnahme der Flüchtlinge finanzieren, die ohnehin in der Regie des Bundesamtes für Migration läuft. Wenn dann ein Asylverfahren sieben statt drei Monate dauert, weil das Personal fehlt, dann müsste der Bund auch so lange für die Flüchtlinge aufkommen.

Kann Brandenburg denn Berlin helfen und mehr Flüchtlinge aufnehmen? Sie haben ja auch mehr Platz im Land.

Wir müssen erst einmal unsere eigenen Hausaufgaben machen.