Wenn vielleicht im kommenden März, womöglich aber auch später, der neue Hauptstadt-Flughafen BER eröffnet wird, fangen die Probleme bereits an. Denn mit einer offiziell angegebenen Kapazität von 27 Millionen Passagieren jährlich wird der BER von Anfang an aus allen Nähten platzen. Wahrscheinlich schon 2013 wird diese Marke überschritten werden. Im vergangenen Jahr flogen 24 Millionen Menschen von und nach Berlin.
Flugexperten fordern den Senat deshalb auf, gründliche Umplanungen für den künftigen Flugbetrieb in Berlin vorzunehmen, um sich angesichts der schon jetzt – vor Eröffnung des Flughafens – absehbaren Probleme nicht ins Chaos zu manövrieren. Robert Salzl, früher Chefpilot der Lufthansa und Vorstand der unter anderem in Hotels und Tourismus engagierten Unternehmensgruppe Schörghuber, warnt vor allem vor dem „Mischverkehr“ auf dem neuen Flughafen. Vor allem die kleineren Flieger der „General Aviation“ müssten sich zwischen die großen Linienjets auf die ohnehin nur noch zwei Berliner Startbahnen einreihen. Wenn dann ein Putin oder ein Obama einflögen, die umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen verlangen, werde alles still stehen auf dem BER: „Das kommt so sicher wie das Amen in der Kirche“, sagt Salzl.
Fünf-Jahre-Puffer
Entlastung könnte die Weiternutzung des alten Schönefelder Terminals bringen. Berlin würde so einen zeitlichen Puffer von mindestens fünf Jahren erhalten, in denen man auf die weitere Entwicklung reagieren könnte.
Voraussetzung sei aber auch, dass Tegel nicht komplett für den Flugverkehr geschlossen wird, sondern von der Bundeswehr weitergenutzt wird. Das Terminal und den südlichen Teil des Flugfeldes könnte der Senat sehr wohl wie geplant zu einem Standort für Zukunftstechnologien entwickeln. Aber die Flugbereitschaft und die Geschäftsflieger sollten die Nordbahn weiter nutzen dürfen. Wenn dann hier EU-Staatschefs zum Gipfel landen, könnte der zu den Stoßzeiten bereits eng getaktete Betrieb in BER weitergehen. Wäre Tegel als Militärflughafen ausgewiesen, fiele er nicht unter die Einschränkungen der Planfeststellung für den BER, der die Schließung der alten Airports Tempelhof und Tegel vorsieht. Als Gäste könnten dann die Business-Flieger ebenfalls Tegel nutzen. Solch eine Koexistenz sei an anderen kleinen Militärflughäfen erprobt.
Bislang ist geplant, dass Regierungsmaschinen und Staatsgäste mit der Eröffnung des BER auch dort landen und Teile des alten Terminals provisorisch nutzen, bis das neue Regierungsterminal fertig ist.
Die Luftfahrtexperten warnen Berlin außerdem davor, sich den Bau einer dritten Landebahn offen zu halten. Die Erfahrungen in München, wo gerade die Bürger der bayerischen Landeshauptstadt gegen den Bau einer dritten Startbahn gestimmt haben, oder Frankfurt zeigten, wie schwierig es sei, eine solche Infrastruktur zu erweitern. Für den geplanten Industriepark in Tegel könnte eine angrenzende Landesbahn ein Standortvorteil sein.
Die Flieger führen dafür neben wirtschaftlichen auch ökologische Gründe ins Feld. Denn jeder Flieger muss so viel Treibstoff tanken, um im Notfall auch einen anderen Flughafen erreichen zu können. Die Alternative TXL wäre nur 15 Kilometer vom BER entfernt, Leipzig oder Rostock 200 bis 300 Kilometer. Deshalb müsste jeder Jet eine halbe bis drei Tonnen mehr Flugbenzin in den Tanks haben. Mehr Gewicht bedeutet aber auch mehr Verbrauch und mehr Umweltbelastung, sagt Hans-Henning Romberg, Geschäftsführer der Geschäftsflieger-Vereinigung.
Ex-Lufthansa-Pilot Salzl sorgt sich vor allem um den reibungslosen Ablauf am BER. Kein Deutscher Flughafen habe so viel General Aviation (GA) wie Berlin, sagt Salzl. Das liege auch daran, dass die Kleinflieger meist von den großen Verkehrsflughäfen auf kleinere Flugplätze auswichen. Nur in Berlin sei es aber geplant, dass eine kleine Cessna für einen Start auf der Südbahn vom GA-Terminal an der Nordostecke des Flughafengebäudes einmal rund um das Gebäude, quer durch die Jets auf dem Rollfeld fahren müsste. Die kleinen flögen langsamer als die großen Jets, sie müssten mehr Abstand halten. All das werde gerade in den Stoßzeiten, wo alle ein bis zwei Minuten ein Start eingeplant ist, zu Verzögerungen im Ablauf führen. Zumal am BER nur jeweils eine so genannte Taxiway zu den Startbahnen führt, über die die Flugzeuge in Position fahren. Wenn hier die Flieger im Winter enteist werden müssten, sei der Zeitplan nicht einzuhalten. Die Business-Flieger befürchten nun, dass sie ohnehin nur bis maximal 2020 auf dem BER geduldet würden und danach ohne stadtnahen Alternativ-Flugplatz dastünden. Zumal das Land Brandenburg angekündigt hat, die Betriebserlaubnis für den lange als Alternativstandort diskutierten Flughafen Sperenberg zu beenden.
Der Unternehmer Reinhold Würth hat deshalb die Vorschläge der Business-Flieger in Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, Stadtentwicklungssenator Michael Müller (beide SPD) und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gesandt und den nach seiner Auffassung „Fehler“ thematisiert, in Berlin mit einem einzigen Flughafen auskommen zu wollen. Eine Antwort steht noch aus.



