Nach Flughafen-Panne

Lufthansa droht Berliner Flughäfen mit Schadenersatz

Lufthansa-Vorstand Spohr plädiert im Morgenpost-Online-Interview für eine BER-Eröffnung im November und kündigt Schadenersatzforderung an.

Foto: Christian Kielmann

Seine Reise nach Berlin hatte sich Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr anders vorgestellt. Er wollte am neuen Flughafen Willy Brandt BER die „Jürgen-Schumann-Allee“ einweihen. Jürgen Schumann war Pilot der „Landshut“, die 1977 von palästinensischen Terroristen entführt wurde. Die Feierstunde in Schönefeld fand zwar auch statt. Carsten Spohr würdigte Schumann „für sein mutiges und engagiertes Eintreten für das Leben von Passagieren und Besatzung“, das er mit dem eigenen Leben bezahlte. Doch da die geplante Eröffnung des Flughafens BER kurzfristig abgesagt wurde, hat Spohr, der bei der Lufthansa im Vorstand den Bereich Passage verantwortet, nun eine ganze Reihe an Problemen zu lösen. Darüber sprach er mit Morgenpost Online.

Morgenpost Online: Herr Spohr, wie haben Sie von der Verschiebung des Eröffnungstermins erfahren?

Carsten Spohr: Durch eine SMS. Am Dienstag hatten wir Hauptversammlung. Ich saß gerade mit den anderen Vorständen auf der Bühne und da schickte mir mein Assistent die Nachricht. Unmittelbar danach kamen ganz viele weitere SMS von Kollegen auf mein Handy.

Morgenpost Online: Waren Sie überrascht?

Carsten Spohr: Ich konnte es erst kaum glauben. Zwar waren wir uns bei der Lufthansa alle einig, dass es knapp wird. Deswegen stand ich auch mit Herrn Mehdorn, dem Chef der Air Berlin, in Kontakt. Schlussendlich gingen wir aber davon aus, dass der Flughafen die Probleme noch in den Griff bekommt.

Morgenpost Online: Sie hatten bereits Zweifel?

Carsten Spohr: Unsere Experten haben in den vergangenen Wochen schon gewarnt, dass es noch viel zu tun gibt, und eine Eröffnung zum 3. Juni deswegen knapp geworden wäre. Die Verschiebung des Starttermins bereitet uns jetzt zwar viele Probleme, aber sie ist richtig. Denn der Zustand des Flughafens hätte am 3. Juni nicht unseren Qualitätsansprüchen genügt.

Morgenpost Online: Woran hakt es vor allem?

Carsten Spohr: Die IT funktioniert nicht richtig und es gibt zu wenige Check-In Schalter. Und: Nicht einmal unsere eigene Lounge wäre fertig geworden.

Morgenpost Online: Wussten Sie von den Mängeln im Sicherheitsbereich?

Carsten Spohr: Nein, die waren uns nicht bekannt. Wir wussten von den Verzögerungen am Bau. Aber nicht, dass auch erhebliche Mängel beim Brandschutz bestehen.

Morgenpost Online: Wann glauben Sie kann der Flughafen eröffnen?

Carsten Spohr: Ich halte das frühestens zum Beginn des Winterflugplans für machbar, also Anfang November. Wenn es nach uns geht, kann der Termin auch noch weiter nach hinten gelegt werden. Wichtig ist jetzt, dass dann bei der Eröffnung alles einwandfrei funktioniert.

Morgenpost Online: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck würden am liebsten schon im August starten.

Carsten Spohr: Ich kann verstehen, dass sie die Eröffnung so früh wie möglich wollen. Aber wir sollten hier nichts überstürzen.

Morgenpost Online: Können Sie bei der Datumsfindung mitreden?

Carsten Spohr: Ich hoffe sehr, dass unsere Experten miteinbezogen werden. Wir sollten uns hier auch Zeit lassen und nicht schon kommende Woche einen neuen Termin nennen. Die Blamage ist ohnehin da. Jetzt können wir uns auch die Zeit nehmen um gründlich nach einem realistischen Termin suchen.

Morgenpost Online: Warum haben Sie nicht vorher Alarm geschlagen?

Carsten Spohr: Die Flughafengeschäftsführung kannte unsere Bedenken. Wir haben auch mit Herrn Schwarz, dem Chef der Flughafengesellschaft gesprochen.

Morgenpost Online: Hätte man den Termin dann schon viel früher absagen müssen?

Carsten Spohr: Hier will ich mir kein Urteil anmaßen. Der Bau des Flughafens ist ein hoch komplexes Vorhaben. Über die Verschiebung kann letztlich nur derjenige entscheiden, der die Zügel in der Hand hält. Allerdings gibt es viele Beteiligte, die nun froh sind, dass sie mehr Zeit für ihre jeweilige Aufgabe haben.

Morgenpost Online: Was bedeutet die Verzögerung für den Standort Berlin?

Carsten Spohr: Die Situation ist nicht nur für den Standort Berlin, sondern für ganz Deutschland eine Blamage. Es muss geklärt werden, wer Schuld ist an der Verzögerung und dann müssen die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden. Dennoch sollten wir dieses großartige Infrastrukturprojekt nicht kaputt reden. Hier entsteht sehr wahrscheinlich letztmalig in Deutschland ein neuer Großflughafen, auf den wir uns freuen und den Berlin auch dringend braucht.

Morgenpost Online: Wie wollen Sie mit dem Provisorium in Tegel klar kommen?

Carsten Spohr: Wir werden alle unserer Flüge von Tegel aus durchführen können. Das hat uns der Flughafen zugesichert. Und darauf verlassen wir uns.

Morgenpost Online: Muss Tegel dann länger offen blieben?

Carsten Spohr: Die täglichen Betriebszeiten in Tegel müssen sicherlich verlängert werden.

Morgenpost Online: Um wie viel?

Carsten Spohr: Der Flughafen muss sehen, was notwendig ist, um alle Flugbewegungen abzuwickeln.

Morgenpost Online: Fürchten Sie dann nicht einen Sturmlauf der Anwohner?

Carsten Spohr: Nein, ich gehe davon aus, dass sowohl die Behörden, wie auch die Bevölkerung uns in dieser besonderen Situation unterstützen werden. Jetzt müssen alle zusammenrücken.

Morgenpost Online: Werden Sie dann auch Kulanz gegenüber Ihren Kunden zeigen –wenn diese zum Beispiel nicht drei Stunden später starten wollen als gebucht?

Carsten Spohr: Natürlich werden wir uns bei Umbuchungswünschen in dieser Situation kulant zeigen – aber wir gehen heute davon aus, dass alle Flüge zeitlich wie geplant stattfinden können.

Morgenpost Online: Dann müssen aber andere Airlines, die nicht so oft wie die Lufthansa ab Berlin fliegen, sicher für Sie Platz machen?

Carsten Spohr: Ich rechne damit, dass andere Fluggesellschaften ab Anfang Juni nach Schönefeld umziehen, um Platz für uns zu machen. Aber auch das Problem muss der Flughafen lösen.

Morgenpost Online: Für die Ausweitung des Flugplans brauchen Sie an dem 3. Juni 15 statt bislang zehn Flugzeuge. Wo wollen Sie diese in Tegel parken?

Carsten Spohr: Tagsüber ist dies kein Problem. Nachts werden wir uns noch anschauen müssen, wo wir die Maschinen warten können.

Morgenpost Online: Mit welchen Zusatzkosten rechnen Sie und wer zahlt dafür?

Carsten Spohr: Eine genaue Zahl kann ich Ihnen heute noch nicht nennen.

Morgenpost Online: Werden Sie Schadenersatz fordern?

Carsten Spohr: Am Ende wird eine große Rechnung auf die Berliner Flughäfen zukommen. Wir brauchen zum Beispiel zusätzliches Personal, um die Passagiere umzubuchen und in Tegel angemessen zu betreuen. Wir haben immerhin täglich bis zu 20.000 Lufthansa-Gäste in Tegel.

Morgenpost Online: Wäre es dann nicht besser gewesen, gleich einen Teil des neuen Angebots nach Schönefeld zu verlegen?

Carsten Spohr: Nein. Es kommt für uns nicht in Frage, die Passagiere in Berlin auf zwei verschiedenen Flughäfen zu betreuen.

Morgenpost Online: Sind Sie gegen solche Fälle wie sie jetzt eingetreten sind versichert?

Carsten Spohr: Unsere Versicherung heißt in diesem Fall Berliner Flughafen GmbH.

Morgenpost Online: Wie viele zusätzliche Mitarbeiter sind notwendig?

Carsten Spohr: Das ermitteln wir gerade. Wir brauchen zusätzliche Leute, um die Passagiere zu betreuen. Die können wir gar nicht so schnell ausbilden. Daher werden wir wenn nötig aus anderen Standorten wie München, Frankfurt und Hamburg Personal abziehen, um in Berlin zu helfen. Das alles kostet Geld.

Morgenpost Online: Ist die Abwicklung der zusätzlichen Passagiere in Tegel von der Technik her überhaupt möglich?

Carsten Spohr: Wir werden es möglich machen müssen. Unsere Leute arbeiten Tag und Nacht daran. Und wenn wir die Bordkarten per Hand ausstellen müssen, wie in den 70er Jahren. Wir werden unsere Kunden zu den angekündigten 49 Zielen fliegen, selbst wenn es am Boden noch nicht in der Qualität wie am neuen Flughafen „Willy Brandt“ sein wird.

Morgenpost Online: Was erhoffen Sie sich vom neuen Berliner Flughafen – wenn er dann bezugsfertig ist?

Carsten Spohr: Der BER wird das dritte deutsche Luft-Drehkreuz werden, das auch noch ausbaufähig ist. Wir glauben an den Standort Berlin als Tourismusziel und als große Kongressstadt. Die Stadt hat ein großes Potenzial an neuen Kunden für uns. Deshalb wollen wir hier wachsen.

Morgenpost Online: Es gibt erste Stimmen, den Flughafen Tegel langfristig offen zu halten.

Carsten Spohr: Das halte ich für keine gute Idee. Weder Kunden noch Airlines sind mit einem zwischen zwei Flughäfen aufgespalteten Flugbetrieb gut bedient. Das ist umständlich und kostet viel Geld.

Morgenpost Online: Werden Sie denn wie ursprünglich die für Schönefeld geplanten sechs Airbus A320 jetzt erst einmal fest in Tegel stationieren?

Carsten Spohr: Ja, denn wir brauchen Sie, um unsere geplanten Flüge abzuwickeln.

Morgenpost Online: Wie viele Mitarbeiter haben sie zusätzlich für jedes Flugzeug eingestellt?

Carsten Spohr: Wir brauchen pro Flugzeug rund 100 Mitarbeiter, bringen also etwas sechs kleine mittelständische Unternehmen nach Berlin.

Morgenpost Online: Wird es denn auch die zur Eröffnung des neuen Flughafens angekündigten Preisaktionen geben?

Carsten Spohr: Das machen wir ja jetzt schon. Wir wollen den Berlinern damit zeigen, wir sind da und man kann auch mit uns günstig fliegen. Dass wir mit einem Preis von 49 Euro pro Strecke keinen Gewinn machen können, kann sich aber jeder denken.

Morgenpost Online: Dann wird’s ja nicht mehr lange so billig bleiben?

Carsten Spohr: Angesichts der hohen Ölpreise und der hohen Flughafen- und Sicherheitsgebühren muss Fliegen teurer werden, auch bei Lufthansa. Wir haben in Deutschland die höchsten Flughafen- und Flugsicherheitsgebühren. Letztlich wird aber natürlich der Markt entscheiden, wieweit man die Preise anheben kann.

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