ANNIKA KIEHN
Ob Business-Coach, Lebens-Coach oder Fitness-Coach, alles im Leben kann besser werden. Was bei Erwachsenen längst Usus ist, wird auch bei Kindern immer gängiger. Kinder- und Jugendcoaches versprechen, ihnen zu helfen, Lernschwierigkeiten und mangelndes Selbstbewusstsein in den Griff zu bekommen. Ein paar Sitzungen und das Kind ist von der Matheangst befreit – Humbug oder Hilfe?
„Es ist erstaunlich, wie viel man mit ein paar Übungen bewirken kann“, ist Anke Rosochatius überzeugt. Die 52-Jährige ist seit Anfang der 90er-Jahre im Bereich Kinder- und Jugendhilfe tätig. Während ihrer langjährigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe sie oft beobachten müssen, dass Kinder „dicht machen“, wenn sie sich überfordert fühlen.
2014 entschloss sich Rosochatius für eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendcoach. Seither hilft sie jungen Menschen in ihrer Praxis in Pankow, Blockaden zu lösen und ihre „innere Mitte“ zu finden. Mit „Fantasiereisen“ oder „Klopfakupressur“ sollen die Kinder ihrem Problem auf spielerische Weise nachgehen. Am Ende, so die Idee, sind sie der Held, der sich aus eigener Kraft aus der Zwickmühle befreit hat.
Kindern mehr Zuversicht in eigene Fähigkeiten vermitteln
Mit „Emotionalen Visionen“ und alternativmedizinischen Techniken sollen eingebrannte Glaubenssätze wie „Mathe kann ich nicht!“ durch neue, positivere wie „Mathe kann ich“ oder „Mathe ist ok“ ersetzt werden. „In erster Linie wollen wir gesunden Kindern mehr Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten vermitteln und ihre intrinsische Motivation fördern, damit sie leichter durchs Leben kommen“, sagt Anke Rosochatius.
Lernschwierigkeiten, Prüfungsangst oder mangelnde Anerkennung bei Mitschülern seien die häufigsten Probleme, mit denen ihre jungen Klienten hadern. Eine Stunde Einzelcoaching kostet bei ihr rund 95 Euro. Üblich seien vier bis sechs Stunden, um eine Besserung zu erreichen. Anke Rosochatius betont, kein Ersatz für Psychotherapeuten oder Nachhilfelehrer sein zu wollen: „Wir sind keine Therapeuten und keine Kinderoptimierer.“ Darauf legt auch Daniel Paasch großen Wert, bei dem sie sich hat ausbilden lassen. Der ehemalige Personalleiter gilt als Begründer der Kinder- und Jugendcoachings in Deutschland und hat vor einigen Jahren das Institut für Potenzial-Entfaltung (IPE) gegründete. Seine Ausbildung – ein 14-tägiges Blockseminar – ist seit 2016 TÜV-zertifiziert.
Lothar Dunkel, Vorsitzender der Sektion Schulpsychologie vom Berufsverband Deutscher Psychologen und Psychologinnen, bewertet den aufkeimenden Wirtschaftszweig Kindercoach mit Argwohn. „Wegen der fehlenden psychologischen und pädagogischen Vorbildung vieler dieser Kinder- und Jugendcoaches können wir deren Arbeit aus Sicht des Berufsverbandes nicht gutheißen.“ Es bestehe die Gefahr, dass tatsächliche Probleme nicht erkannt werden würden und mit Coaching-Methoden nur oberflächlich gelindert, aber nicht behandelt würden. „Coach klingt für viele eben besser als Therapeut“, sagt Lothar Dunkel. „Aber wenn ein Kind bereits eine mehrjährige Odyssee des Leidens hinter sich hat, sollte man einen Experten aufsuchen“, so seine Empfehlung. Er kenne jedoch Kollegen, die bereits als Psychologe arbeiten und sich nun als Coach weiterbilden würden. „In einem solchen Fall sehe ich keine Probleme“, räumt Dunkel ein.
Anke Rosochatius hat sich zusätzlich zur Reflexintegrationstrainerin (RIT) ausbilden lassen, um ein ganzheitlicheres Angebot machen zu können. Die Bewegungsübungen sollen die Kinder auch auf körperlicher Ebene stärken.
Den Vorwurf einer wenig fundierten Ausbildung weist sie zurück: „Ähnlich wie Heilpraktiker und Yogalehrer befinden wir uns in ständiger Weiterbildung und stehen im Austausch untereinander.“ Manchem Hilfesuchenden habe sie schon geraten, sich lieber an einen Therapeuten zu wenden.
Sie bewertet die Arbeit eines Coaches als ergänzendes Angebot. „Jedes Kind und jeder Jugendliche sollte ein Coaching wahrnehmen dürfen, weil dann weniger Probleme entstehen. Dadurch nehmen auch Reibungen in der Familie ab.“

