Anspannung, Nervosität, Aufregung – all diese Gefühle stehen in den Gesichtern der Läufer, die sich am Start des 36. Berliner Halbmarathons drängen. Manche überpüfen ihre Uhren, andere stecken sich Kopfhörer ins Ohr, der eine hält seine Powerriegel umklammert, der nächste hüpft auf und ab. Steht man unter ihnen, riecht es schon jetzt nach Schweiß. Die Sonne strahlt, und die Läufer werfen links und rechts ihre Hemden und Pullover über die Absperrungen. Schaut man dann auf, blickt nach vorne und nach hinten, überfliegt die Massen an Menschen, die über 32.000 Läuferköpfe, dann spürt man die besondere Atmosphäre dieses Rennens. „Hier dabei zu sein, das ist der Wahnsinn“, ruft eine junge Läuferin zu ihren Freunden hinter der Absperrung.

Das Rennen, gleichzeitig der Start in die alljährliche Läufersaison, ist so beliebt, dass nicht nur 21.531 Deutsche daran teilnehmen, die Hälfte davon aus Berlin. Auch aus Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien haben sich Tausende nach Berlin aufgemacht. Insgesamt kommen die Läufer aus 103 Nationen. Auch die Strecke selbst ist ein Highlight wie aus dem Touristenführer: vorbei am Fernsehturm, entlang unter den Linden, am Brandenburger Tor vorbei, um die Siegessäule herum und später auf dem Kurfürstendamm und wieder zurück.

Ganz vorne haben sie die Topläufer aufgestellt. Allein aus Deutschland sind so viele Profis dabei, wie noch nie. Philipp Pflieger und Julian Flügel wollen heute hier ihrer Qualifikation für Olympia in Rio einen Schritt näher kommen. Auch Profi Arne Gabius ist dabei. Der 35-Jährige kommt aus Hamburg und gilt zurzeit als der beste deutsche Langstreckenläufer überhaupt. Heute will er den deutschen Rekord im Halbmarathon knacken. Der liegt bei 60:32 Minuten und stammt von Carsten Eich aus dem Jahr 1993 in Berlin.

Den meisten Amateuren geht es aber vor allem ums Ankommen. „Sie haben nur ein Leben, es gibt aber noch viele Halbmarathons“, mahnt Dr. Lars Brechtel von der medizinischen Betreuung die Läufer lieber aufzuhören, wenn sie nicht mehr können.

10:05 fällt der Startschuss. Endlich. Die Anspannung fällt ab. Es geht los. Die Elite läuft vorne weg, danach starten die Amateure. Läufer um Läufer, Reihe um Reihe. Es sind so viele, dass es 46 Minuten dauern wird, bis die Letzten die Matten mit den elektronischen Zeitmessern überschritten haben. Da rasen die Topläufer schon auf Kilometer 15 an der Urania vorbei, das Mittelfeld weit hinter sich.

Der Halbmarathon in Berlin ist eine gigantische Veranstaltung. 540 Polizisten sorgen für die Verkehrslenkung, die Absperrungen und die Sicherheit. 183 medizinische Betreuer kümmern sich um Läufer, die nicht mehr können. Tausende von freiwilligen Helfern geben an der Strecke Getränke aus oder hängen den „Finishern“, also denen die nach 21,09 Kilometern ins Ziel laufen, die Medaillen um den Hals.

Und natürlich die insgesamt mehr als 34.000 Läufer, Skater und Handbiker, die von über 250.000 Zuschauern entlang der Strecke angefeuert und bejubelt werden, begleitet von 38 Musikbands.

Auf der Schlussgeraden gibt der Moderator die Standorte der Läufer durch, die ersten müssten in wenigen Minuten hier sein. Da biegt der Erste um die Ecke. Es ist der Kenianer Richard Mengich, der mit 59:58 ins Ziel einläuft. Damit ist er der einzige Läufer, der die Strecke unter 60 Minuten schafft. Arne Gabius wird mit 62:45 Minuten Vierter.

„Wettkampf ist Wettkampf. Man kann sich viel vorher vornehmen, am Ende entscheidet der Lauf auf der Straße“, sagt er auf der anschließenden Pressekonferenz. Auch Philipp Pflieger und Julian Flügel habe ihre Olympia-Zeiten mit 64:58 Minuten und 65:29 geschafft. Bei den Frauen gewann die Kenianerin Elizeba Cehrono. Sie lief 70:43 Minuten. Beste Deutsche war Isabell Teegen mit 73:52 Minuten. Geschafft haben es aber vor allem die über 23.950 Teilnehmer, die innerhalb der vorgeschrieben Zeit von 3:15 Stunden ins Ziel eingelaufen sind. Völlig erschöpft, aber glücklich.