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Leichte Brise

Christa Ludwig attestierte der jungen Australierin Siobhan Stagg „eine der schönsten Stimmen, die ich je gehört habe“. Die singt jetzt Sophie im „Rosenkavalier“

Pink. Und Weiß und Silber. In diesen drei Saison-Farben hat die Sopranistin Siobhan Stagg ihre Charlottenburger Wohnung dekoriert. Dezent genug. Die Farben zeigen sich in Tulpen und frischen Lilien, die einen schweren Duft im gesamten 3. Stock verbreiten. Auf dem Tisch stehen frische Erdbeeren. Vielleicht hat das alles eine private symbolische Bedeutung? Die Tage der nichtrosa Fernbeziehung – und zwar einer sehr fernen Fernbeziehung – sind vorbei, seit vor einigen Tagen ihr Freund, ein Bratschist, aus Australien nachgekommen ist.

Im Übrigen: Pink und Weiß und Silber, das sind die Farben von Sophie Faninal im "Rosenkavalier". Rosig ist deren Stimmung. Jungfräulich ihr Zustand. Und silbern ist die Rose, die sie vom Herrn Octavian im 2. Akt von Richard Strauss' Oper überreicht bekommt. Die Rolle der Sophie wird im April das große Saison-Debüt von Siobhan Stagg an der Deutschen Oper Berlin werden. Dort, wo man das rosa Geschenkpäckchen, das sie selber ist, seit zwei Saisons schichtweise auswickeln darf.

Spätestens seit Christa Ludwig bei einem Meisterkurs an der Deutschen Oper die Stimme von Siobhan Stagg als "eine der schönsten" bezeichnete, "die ich je gehört habe", verbinden sich höchste Erwartungen mit ihrer Karriere. Bald darauf sprang sie bei Christian Thielemann als Solistin in Brahms' "Deutschem Requiem" bei den Berliner Philharmonikern ein. Sie stand am Flughafen Tegel in der Schlange zum Einsteigen, als das Angebot kam. Gut, dass sie umgekehrt ist! So frisch und herb duftig klang lange kein Brahms'scher Tröstungsversuch. Siobhan Staggs lyrischer Koloratur-Sopran ist höhensicher und so strahlend und charismatisch wie nur möglich. Darüber hinaus eignet der Stimme etwas von frischer Brise, von Wind und leichtem Wetter. Das vergisst man nicht mehr.

Zunächst einmal: "Siobhan"! Dieser – irisch klingende – Vorname wird ausgesprochen wie: "Iwan mit einem Sch vorne", so Siobhan Stagg. Also: "Shiwan". Es handelt sich um die weibliche Form von Sean. Zu Deutsch: Johanna. Benannt wurde sie nach einer Freundin der Eltern. Die Familie, seit Generationen in Australien lebend, besitzt irische, englische und deutsche Wurzeln. Im Jahr 1987 kam Siobhan Stagg in Hamilton im Bundesstaat Victoria zur Welt. Sie wuchs 600 Kilometer entfernt von Melbourne auf.

"Opern-Provinz" wäre da schon zu viel gesagt. Siobhan Stagg kam erst spät auf die Idee, Sängerin zu werden, weil klassische Konzerte und Opern weit außerhalb ihres Gesichtsfeldes lagen. Gab's alles nicht, dort unten in Australien. "Ich studierte schon in Melbourne ganz etwas anderes, als ich durch den Chor der Universität auf den Geschmack kam", so Siobhan Stagg am Berliner Esstisch mit Blick auf die Wilmersdorfer Straße. "Die Namen Bach und Mendelssohn kannte ich nur vom Hörensagen."

Das Talent muss enorm gewesen sein, denn die Stimme der heute 28-Jährigen klingt so ausgeglichen und 'unerkämpft' wie nur möglich. Die Brisanz der Frage, ob sie schon in Australien den richtigen Lehrer gefunden habe, versteht sie nicht einmal: Viele Sänger brauchen etliche Jahre, um Richtung und Farbe ihrer Stimme zu justieren, und müssen dafür mehrfach den Lehrer wechseln. Ein Förderstipendium brachte sie an die Oper Graz. "Dass ich Opernsängerin bin, habe ich eigentlich erst begriffen, als ich den Job an der Deutschen Oper Berlin bekam." Auch hier zunächst als Stipendiatin. Seit dieser Spielzeit gehört sie fest dem Ensemble an.

Sängerisch blickt die Frau mit der schönen Stimme zu Vorgängerinnen der "alten Schule" auf: "Elisabeth Schwarzkopf, Elisabeth Grümmer – und als Sophie: Anneliese Rothenberger." Den Mut, bei den eigenen Vorlieben derart "old fashioned" rüberzukommen, bringen heute nur wenige Sänger auf. Allerdings sind auch wenige so gut textverständlich wie Siobhan Stagg. "Ich bin sprachlich interessiert und genieße es sehr, durch mein Deutsch-Studium leichter Zugang zu Schubert- und Strauss-Liedern zu finden", sagt sie. Auf der Schule belegte sie sogar Indonesisch als Fremdsprache. Im Übrigen: "Auf die Schönheit einer Stimme kommt es nicht an. Sondern auf die Haltung im Ganzen."

Aus Australien kommen in letzter Zeit viele bekannte Musiker, zum Beispiel der Wagner-Tenor Stuart Skelton, die Deutsche Oper-Ensemblemitglieder Alexandra Hutton und Derek Welton und der in Berlin lebende Komponist und ehemalige Berliner Philharmoniker Brett Dean. "Mit Brett war ich gestern Abend im Kino. Wir Australier hängen privat gern miteinander zusammen." Nach dem Thielemann-Auftritt vor einem Jahr "gab es backstage Champagner mit dem in Australien aufgewachsenen Stanley Dodds", seines Zeichens Geiger der Berliner Philharmoniker.

Berühmt geworden ist Australien im Hinblick auf Musiker vor allem durch zwei historische Sängerinnen. Beide waren, wie Siobhan Stagg, lyrische Koloratur-Soprane: Nellie Melba und Joan Sutherland. "Meine Idole!", so Stagg schlicht. Der letztgenannten Belcanto-Queen widmet Stagg bei Konzerten regelmäßig die Zugabe "Home! Sweet Home". Nellie Melba hingegen, die in Australien auf der 100 Dollar-Banknote abgebildet ist, sei sogar "ein besonderes Vorbild", weil sie als "frühe Feministin" weit mehr war als bloß Sängerin. Ein dreijähriges Stipendium, das Stagg in ihren Anfangsjahren in Australien erhielt, ist nach der großen Diva benannt.

Hört man Nellie Melba die "Traviata" zwitschern, so scheint ein Vöglein durch die Lüfte zu trudeln und zu flattern, so leicht nimmt sie dies. Stil und Rolle mögen die Richtung anzeigen, in der auch Siobhan Stagg sich entwickeln wird. Die großen Sou-bretten-Rollen nämlich – Sophie sowie Blondchen in der "Entführung aus dem Serail" in der Neuinszenierung von Rodrigo García – mit denen sie an der Deutschen Oper Berlin angekündigt ist, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in diesem geläufigen Sopran finsterere, tragische Töne vorhanden sind.

Im Timbre erinnert manches von ferne an Kiri Te Kanawa, bei der Siobhan Stagg Meisterklassen besuchte. Im hohen Register verfügt sie außerdem über Farben, wie sie Renée Fleming – paradoxerweise – im unteren Register hat. Schon heute kündigt sich bei Siobhan Stagg ein möglicher Wechsel ins Belcanto-Fach an. "Irgendwann kann ich vielleicht eine Lucia di Lammermoor versuchen", so Stagg. "Und gerne Mimì." Und dann auch hoffentlich eine "Traviata". "Aber so weit denke ich nun wirklich nicht voraus."

Im schützenden Raum des Ensembles an der Deutschen Oper Berlin fühlt sie sich einstweilen zu wohl, um über eine Karriere als freie Sängerin nachdenken zu wollen. Hier war die Pamina in der "Zauberflöte" ihre bislang wichtigste Rolle. In den "Hugenotten" wird sie als Marguerite mit der Sängerin der Premiere, Patricia Ciofi, alternieren. In "Rigoletto" ist sie als Gilda angekündigt.

Mit etwa 15 Vorstellungen pro Spielzeit bleibt Zeit genug, um anderswo zu gastieren. So sang sie in Hamburg ihre erste Cordelia in Aribert Reimanns "Lear", in Genf ihre erste Marzelline ("Fidelio") und an der Londoner Royal Opera den Orfeo in der gleichnamigen Barockoper von Luigi Rossi. Ihr australischer Agent ist übrigens der ehemalige Countertenor Graham Pushee.

Einstweilen nimmt sie die "jungen Dinger", mit denen sie an der Deutschen Oper Berlin vorgesehen ist, sehr ernst – beinahe ernster als gewohnt. Zwar sei Blondchen in der "Entführung", die sie schon in Hamburg gesungen hat, gesangstechnisch nicht schwerer als Konstanze, auch wenn dies manchmal behauptet werde. Die hohen E's müsse man halt haben. Die "Martern-Arie" der Konstanze, die sie gleichfalls schon gesungen hat, sei aber "noch schlimmer".

Und Sophie? Ist das nicht eine "dumme Gans"?! "Überhaupt nicht!", so Siobhan Stagg. "Nur sehr idealistisch, um dann den Realismus des Lebens sehr schnell und abrupt lernen zu müssen." Sophie wolle das liebe Mädchen sein, was eigentlich nicht verkehrt sei, sondern bloß unmöglich. "Sophie ist wunderbar!", sagt Stagg über die kommende Debüt-Rolle an der Deutschen Oper Berlin. Sie wird die erste sein, mit der ihre Eltern sie auf der großen Bühne live erleben werden. Die kommen extra dafür aus Australien angereist.

Sie werden ein liebes Mädchen sehen, das rasch lernt, dass niemand es allen recht machen kann. "Man muss immer versuchen, künstlerisch ehrlich und integer zu bleiben", erklärt Siobhan Stagg. "Der Rest findet sich."

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