Mamas & Papas

Wenn der Elfjährige plötzlich Youtuber werden will

Es gibt Phasen, in denen Väter zu Opfern von endlosen Monologen über Hacks und Mods werden, klagt Hajo Schumacher.

"Youtube" hat bei vielen Jugendlichen das Fernsehen ersetzt

"Youtube" hat bei vielen Jugendlichen das Fernsehen ersetzt

Foto: Tobias Hase / dpa

Wir sind eine kommunikationsfreudige Familie. Alle reden, und ich höre zu. Ich habe hilfreiche Reflexe entwickelt, mit dem Ohrengewitter umzugehen. Traumwandlerisch sicher lasse ich ein interessiertes „Aha“, das affirmative „Hmm“ oder das erstaunte „Ach nee“ in den Redefluss plumpsen, wie eine Boje, damit mein Gesprächspartner in der Fahrrinne seiner Gedanken bleibt und nicht auf die Idee kommt, einen Dialog zu beginnen. Ich weiß ja gar nicht, worum es geht. So ist allen Seiten gedient: Das Mitteilungsbedürfnis ist gestillt, mein rarer Hirnspeicherplatz bleibt frei, und ich finde mich ganz schön achtsam.

Derzeit überzieht mich Hans mit einem Redeschwall, wie ihn nicht mal Fidel Castro hinbekommen hat. Der junge Mann filibustert über „Texture Packs“, das „Konvertieren von Zip-Dateien“ und seinen aktuellen „FPS-Wert“. Es geht um „Seeds“, um „Mods und Shader“ und „PvP-Strategien“. Die Hacks sind der Hammer, Alter. LOL. Ich sage „Hmm“ und „Aha“ und „Ach nee“, und Hans redet weiter.

Ja, ich sollte mich mehr für diese Themen interessieren. Nennt mich einen Rabenvater, aber ich schaffe es nicht. Die Geschichte wird mich freisprechen, wie bei Playmobil, Lego, Fußballkarten. Das Minecraft-Fieber wird eines Tages abgeklungen sein. Erziehung ist Ausdauersport.

Es begann damit, dass die Chefin und ich im Sommer ein paar Tage allein verreist waren. Wir sind manchmal ganz schön abenteuerlustige Biester. Karl, der Große, hatte Semesterferien und durfte auf seinen Bruder aufpassen. „Ein gewaltiger Vertrauensbeweis“, hatte ich feierlich gesagt, den Kühlschrank gefüllt und zur Freude des Pizza-Lieferdienstes einiges an Bargeld hinterlassen. Das Programm war minutiös besprochen: Freibad, Skateboard, Vokabeln wiederholen, wohldosierter Fernsehkonsum, keine Partys mit Facebook-Einladung, Bettruhe gegen Mitternacht. Sicherheitshalber hatte ich den Feuerlöscher aus dem Auto in die Küche gestellt und die Nachbarn vorgewarnt. Unsere gespielt lässigen Anrufe waren recht einsilbig beantwortet worden; immerhin waren im Hintergrund keine Polizeisirenen zu hören, dafür ausdauerndes Geklackere.

Zurück daheim stellten wir fest, dass unser großer Sohn seinen Erziehungsauftrag sehr liberal interpretiert hatte. Die Weiterbildung von Hans war offensichtlich vor allem per Computer erfolgt. Das Berufsziel des Elfjährigen lautete nun: „Youtuber“. Sein Pizzageld hatte er gespart, weil er sich einen „ordentlichen“ Rechner anzuschaffen gedachte. Die väterliche Hardware war nicht traumjobkompatibel: Maus, Tastatur, Kopfhörer, Aufnahme- und Schnittprogramme – alles zu schlecht, zu langsam oder gar nicht erst vorhanden. Klar, Sebastian Vettel geht ja auch nicht im Borgward an den Start. Hansens Idole heißen jetzt nicht mehr Papa, sondern „ConCrafter“, „DieBuddieszocken“ oder „Abgegrieft“; wohlfrisierte Teens, die handyproduzierte Shows präsentieren, mit tatsächlich beeindruckenden Klickraten. Und ich bin seitdem Opfer von Monologen über Hacks und Mods, offenbar Grundlage für die Karriere. Hat Julian Draxler die Schule nicht auch mit 17 verlassen, ohne Abschluss? Genau das ist das Problem: Millionen wollen Draxler werden, aber nur einer wird tatsächlich Millionär.

Bis Youtuben Schulfach ist, beauftragte mich die Chefin, die digitale Karriere zu managen. Aber wo erfährt man, wie der Ausbildungsweg eines Youtubers verläuft? Klar, auf Youtube. Interessant, wie viele Anbieter mit wenigen Hundert Followern dort in gebührenpflichtigen Lehrfilmchen erklären, wie man erfolgreicher Youtuber mit vielen Tausend Followern wird.

Während Hans referiert, ersuche ich bei einem befreundeten Vater älterer Söhne um Telefonseelsorge. „Ach, die Minecraft-Phase ...“, kehliges Lachen, „dauert höchstens noch ein Jahr.“ Toller Trost. So lange werden wir jedenfalls nicht mehr allein in Urlaub fahren.