Wir sind eine kinderliebe Familie, mit einer geringfügigen Einschränkung: Kleine Kinder machen einem das Liebhaben ganz schön schwer. Ob in Flugzeugen, angrenzenden Hotelzimmern, romantischen Lokalen oder am Badesee – überall krakelen Zwerge, die für einen Moment süß, aber auf Dauer ziemlich nervig sind. Was auch an Eltern liegen mag, die beweisen wollen, dass ein Death-Metal-Konzert für Zweijährige kein Problem ist; hat ja Ohrenschützer auf. Womit die Frage ungeklärt bliebe, ob anstrengende Kinder von der Natur so gemacht wurden oder von den Eltern – oder an einer unseligen Kombination aus beidem leiden.
Wenn nun Campingplätze oder Ferienquartiere eine nervzwergfreie Zone anbieten, dann spricht daraus nicht Kinderfeindlichkeit, sondern Lebenserfahrung. Der Nachwuchs hat natürlich ein Recht auf Respekt, Kinderlose aber keine unentwegte Pflicht zum Dutzidutzi. Ob Lehrer, Kinderärzte oder Nachhilfekräfte, wer im alltäglichen Gebrüll steht, dem sei ein kinderfreier Urlaub gegönnt. Hier jetzt bitte den #shitstorm beginnen.
Erfahrene Eltern kennen die emotionale Abwärtsschraube: Auf die ersten Monaten der vor allem hormonell bedingten Blindliebe („Wenn sie mich aus ihren großen Augen anstrahlt, sind all die schlaflosen Nächte und das Hysteriegebrüll sofort vergessen“) folgen Depressionsphase („Ach Du Schreck, bleibt das jetzt etwa 17 Jahre so?“), verzweifelte Machtdemonstrationen („Solange Du die Füße…“) und schließlich die Verzweiflung („Ich geb´s auf.“). Leider folgen diese Phasen nicht ordentlich aufeinander, sondern wechseln, mitunter stündlich. Man nennt es Erziehung, vor allem der eigenen Gelassenheit. Das Hoffen auf Reifeschübe durch Einschulung oder Volljährigkeit erweist sich als naiv. Wer den Kinderwahn einmal durch hat, weiß was Demut ist, Dankbarkeit und Ruhe. Elternsein bereuen – wie kann man darauf nur kommen?
Ausgerechnet im Urlaub prallen idealistische Novizen und erfahrene Langzeiterziehende ungewollt aufeinander, zum Beispiel auf dem Flughafen. Neueltern haben keinerlei Verständnis, wenn der schlechtlaunige Pubertätspickel vorm Abflug unterm pädagogisch fragwürdigen Kopfhörer geparkt wird, während Routiniers belustigt verfolgen, wie zwei Erwachsene unter Abschalten aller Hirnfunktionen um einen drei Monate alten Schreihals herumtanzen. Lustig, wie Vati in drei Taschen, dem Karbonkinderwagen und den beiden bunten Plastiktüten nach Schnuller, Zwieback oder Globuli buddelt, während er rasch ein Foto auf Facebook postet, das beweisen soll, wie dufte der erste Urlaub mit dem Kleinen läuft. Daneben Mutti mit dem stählernen Lächeln der Perfektionswahnsinnigen.
Nächste Station: Ein weiterer Erziehungsratgeber. Dann Vater-Kind-Yoga. Und schließlich Paartherapie. Das kluge Kind indes weiß: Je länger ich brülle, desto mehr Entertainment veranstalten Mama und Papa. Beim nächsten Urlaub haben dann alle Kopfhörer.
Gerade in der Öffentlichkeit, also in den Ferien, ist Elternsein noch mehr Stress als sonst. Immer gucken andere Väter und Mütter, nachts hören sie unfreiwillig, bisweilen riechen sie mit und immer wird bewertet. Warum sollten andere Eltern auch weniger schonungslos in ihrem Urteil sein als man selbst. Und vor allem: warum weniger lügen? Macht wirklich Spaß, Jungeltern beiläufig mitzuteilen: Unsere haben ja sofort durchgeschlafen. Tolle Reisekinder. Stabiler Magen. Nie Hitzepickel. Totale Harmonie zwischen Mutti und Vati, Bonobo nonstop. Schlafmangel? Was ist das?
Sollen wir etwa zugeben, dass wir sogar Gläschen mit Spinatnudeln luftpolsterfoliengedämpft im Gepäck hatten, weil wir der spanischen Ware nicht recht trauten. Bekloppt? Und wie. Haben wir unser Elternsein jemals bereut? Natürlich; was hätten wir alles Tolles mit der vielen Zeit und dem vielen Geld anstellen können. Wären wir deswegen glücklicher? Nicht eine Sekunde. Man darf das Kinderkriegen jeden Tag bereuen. Man muss nur einmal öfter denken: Wie schrecklich langweilig wäre das Leben erst ohne die beiden Racker.


