Mamas & Papas

Die Natur ist nie wie im Katalog

Hajo Schumacher macht mit seinen Söhnen eine Kanutour in Mecklenburg - und verliert seine Autorität als Outdoorpapa.

Kanufahren in Mecklenburg

Kanufahren in Mecklenburg

Foto: pa/Arco Images G/Arco Images GmbH

Wir sind eine abenteuerlustige Familie, zumindest wir Jungs. Während die Chefin ein Wochenende mit Yoga und Cabrio verbringt, sind wir drei zum Teambuilding abkommandiert. Im Kanu, so Mona, würden sich Vater und Söhne näherkommen, wo ich schon keine Elternzeit genommen habe.

Nach einem Großeinkauf im Outdoorbedarf irren wir nun durch ein ziemlich leeres, dunkles Mecklenburg auf der Suche nach einem Wasserwanderplatz, wo unsere „Sternenzerstörer“ liegen würde, wie Hans das Boot getauft hatte. Mein Vorschlag „Nscho-Tschi“ war von beiden abgelehnt worden. Literaturwissenschaftliche Anmerkung: Bei Karl May scheint es sich um ein Generationenphänomen zu handeln, nicht um einen Klassiker wie Goethe oder Starwars.

„Wasserwanderplatz“ ist eine Chiffre für – nichts

Karl, der Große, lag auf der Rückbank zwischen den Dosensuppen und schlief. So sieht Vorfreude aus. Wasserwanderplätze sind vom Fluss aus gut zu finden, nachts und von der Straße aus eher weniger. Kurz vor Mitternacht haben wir unseren Lagerplatz gefunden. Wir lernen: „Wasserwanderplatz“ ist eine Chiffre für – nichts. Matschige Wiese am Fluß, nasse Feuerstelle, Maulwurfshügel und Steg. Manchmal steht ein Klo da und eine Münzdusche. Außer uns ein VW-Bus mit Hamburger Kennzeichen.

Wir hätten im Wohnzimmer das Aufbauen unseres neuen Großraumzeltes üben sollen. „Mit wenigen Handgriffen“ gehört zu den größten Lügen des 21. Jahrhunderts. Während Karl in der Zeltwurst strampelt, schiebe ich acht Meter lange Carbonstangen dorthin, wo ich die prachtvollen Bögen unserer Campingkathedrale vermute. Hans heult, weil er nass, müde und hungrig ist, ein Zustand, den ich erst für morgen eingeplant hatte.

Da reckt sich ein Kopf aus dem VW-Bus. „Braucht ihr Hilfe?“, fragt eine sonore Frauenstimme. „Eigentlich nicht ...“, beginne ich, während Karl „Auf jeden Fall“ aus der Zeltwurst ruft. Die Dame ist offenbar Campingprofi und zeigt uns, dass die „wenigen Handgriffe“ tatsächlich stimmen, wenn es die richtigen sind. Na, ich hatte meine Autorität als Outdoorpapa verloren, dafür lagen wir nun zu dritt in unserem Topzelt; Hans ganz, Karl halb auf Sultan, ich balancierte dank Körperspannung fakirmäßig auf drei Maulwurfshügeln unter Nacken, Steiß und Wade. Strammer Nordnordost zerrte an unserem Zelt.

Unser Boot, die Schande des Torfkanals

Kurz vor fünf. Ich werde diesen Specht erdrosseln, der eine Mehrfamilienhöhle in den Stamm hackt. Unscharfer Blick. Jetzt weiß ich, was Karl mit „Tortellini-Augen“ meint. Hansens Knie ruht in meinen Rippen. Karl schnarcht. Altersbedingter Blasendruck. Ich luge aus dem Zelt. Am Steg liegt eine verbeulte Badewanne mit der Aufschrift „Sparwasser“. Das wird doch nicht ... Doch das wird ... Unser Boot. Schande des Torfkanals.

Erst mal Kaffeekochen und Natur genießen. Könnte wärmer sein. Trockener. Spechtfreier. Sonniger. Natur ist nie wie im Katalog. Drei Stunden später ist „Sparwasser“ vollgestopft. Wir werden die kommende Nacht in der Wildnis campen, wahrscheinlich Spechtland. Sonntags dann weitere 30 Kilometer zurück in die Zivilisation, also zu irgendeiner Tankstelle paddeln, wo uns der Bootsverleiher aufsammelt und zurück zum Auto bringt.

Wir müssen alles Gepäck dabei haben, inklusive Verpflegung und Wasser. Tatsächlich alles im Boot. Nur wir nicht. Das dämliche Bierzelt zum Beispiel, das wir ohne unsere Mitcamperin eh nicht aufgebaut bekommen. Klappspaten? Raus. 20 Liter Trinkwasser? Raus. Im Fluss ist Wasser genug. Auf den Kasten Bier werden wir auf keinen Fall verzichten.

Der zwanzigste Rammstoß in die Uferböschung

Immer noch kein Platz. Am Himmel ballt sich eine düstere Front zusammen. Okay, Regensachen wieder rein. „Zieht vorbei“, sage ich, ohne es zu glauben. Karl hat das Boot neu gepackt. Ich sitze vorn und muss die Beine ins Wasser hängen lassen. Ganz schön wackelig, diese Kisten. Die VW-Bus-Frau winkt und ruft, dass es schlauer sei, wenn der Schwerste hinten sitze und seine Beine ins Boot nehme. Der erste Rammstoß in die Uferböschung ist lustig. Der zwanzigste nicht mehr so. Nur noch 36 Stunden.