Mams und Papas

Ein Ausflug in die eigene Kindheit

Warum das Hüten des Nachwuchses nicht immer anstrengend und nervig sein muss.

Danke Kind kann man sich endlich wieder mit Dingen beschäftigen, die man seit Jahrzehnten nicht getan hat

Danke Kind kann man sich endlich wieder mit Dingen beschäftigen, die man seit Jahrzehnten nicht getan hat

Foto: Andreas Warnecke / BM

In der vergangenen Woche wurde ich mindestens dreimal von Freunden gefragt, ob mir nicht langsam die Decke auf den Kopf falle mit den Kindern. Vormittags arbeiten sei ja schön und gut, aber jeden Nachmittag Kinderdienst? Ob das nicht ein bisschen langweilig sei? Ich dachte kurz an den gerade vergangenen Sommer. An heiße Tage am nahen See, an Gartenfeste, bei denen die Kinder in Feenkostümen auf dem Trampolin sprangen und die anderen Erwachsenen Erdbeerbowle tranken, an die Wasserrutsche auf dem Rasen, auf der man meterweit schlittern konnte. Und ich sagte, ja, es sei schrecklich eintönig. Und die kleinen Karrierekiller seien noch nicht einmal dankbar.

Ich liebe meine Kinder ja, aber ... Ach, ich wünschte, ich könnte mit euch tauschen. Ich wünschte, ich hätte auch einen cholerischen Chef. Ich wünschte, ich könnte auch ganz viele Überstunden machen. Aber nur in Großraumbüros mit Kollegen, die fortwährend Karotten knabbern. Herrlich! Das alles ist in der Tat eine viel schönere Nachmittagsbeschäftigung. Ihr habt es gut!

Meine Freunde müssen nicht alles wissen. Kinder zu haben und ein bisschen Zeit mit ihnen zu verbringen, ist nicht nur schlecht. Ganz abgesehen von der intellektuellen Stimulanz: „Warum gibt es keine blauen Gummibärchen?“, „Ist ein Chamäleon größer als eine Bartagame?“ „Warum hast du die Bärenwanze getötet?“, kann man sich endlich wieder mit Dingen beschäftigen, die man seit Jahrzehnten nicht getan hat. Einfach, weil es irgendwann albern war oder weil es keine Gelegenheiten mehr gegeben hatte: Rodeln, Karussell fahren, Monsterrutschen mit Tunnel, Wasserbomben werfen, Caprisonne trinken, Schaukeln, Matschen und absolut jeden Hund auf Spaziergängen streicheln. Zu Ostern hat die Fünfjährige eine Slackline bekommen, die wir zwischen zwei Rotbuchen im Garten gespannt haben. Sie ist eigentlich noch ein bisschen klein dafür. Aber ich bin schon richtig gut.

Vor ein paar Tagen waren wir im Zirkus. Ich kann mich nur dunkel an den Zirkus meiner Kindheit erinnern. Die Pferde hatten Federbüsche auf dem Kopf, in den Pausen wurden Raubtiergitter mit Tunnel um die Manege gebaut, bei den Clowns ist immer irgendwas explodiert, und das Peitschenknallen der Dompteure war viel zu laut. Das muss irgendwann Anfang der 80er gewesen sein. Kurz danach verließ mich das Bedürfnis, angekettete Elefanten und Tiger hinter Gittern anzuschauen. Eigentlich habe ich das Bedürfnis weiterhin nicht, aber was soll man machen, wenn an jeder zweiten Straßenlaterne Zirkusplakate hängen, vor denen die Fünfjährige sehnsüchtig stehen bleibt.

Es war ein süßer kleiner Familienzirkus auf einer Wiese irgendwo in der Nähe und das eigentliche Kunststück der Artisten bestand darin, sich so oft und so schnell umzuziehen, wie die Models auf der New Yorker Fashion Week. Mal waren sie Zirkusdirektor, dann wieder Kraftmensch. Mal Eintrittskartenverkäuferin, dann wieder Kunstreiterin oder Seilartistin. Es gab keine Tiger oder Elefanten, aber die Pferde hatten Federbüsche auf dem Kopf. Die Fertigkeiten der Artisten waren ungefähr mit denen der besseren Bodenturner früher in der elften Klasse zu vergleichen. Aber das war egal. Es war zauberhaft. Die Kinder saßen kerzengerade mit offenen Mündern da, der Zweieinhalbjährige hielt vor Aufregung die ganze Zeit meine Hand fest umklammert. Nur einmal, direkt nach der Eselnummer stand er auf und marschierte Richtung Manege. ,„Wo willst du denn hin?“, flüsterte ich. „Esel! Kaufen!“ sagte er bestimmt. Und kurz dachte ich: Warum eigentlich nicht?

Die Fünfjährige durfte am Ende auf einem der riesigen schwarzen Zirkuspferde reiten. Es hatte noch den Glitzerstaub von der Freiheitsdressur im Fell. Beide Kinder waren restlos glücklich, erfüllt und müde. Ich auch. Zum Glück gibt es auch die anderen Tage, an denen man die kleinen Nervensägen am liebsten auf den Mond schießen würde. Das wäre ja sonst nicht zum Aushalten.