Mamas & Papas

Wir machen das alles nicht mehr mit

Sandra Garbers über Elternkämpfe in Prenzlauer Berg, warum sie sie satt hat – und sie trotzdem schon das Heimweh plagt.

Vor kurzem saß ich auf einem Spielplatz und formte Sandtörtchen, die der Sohn umgehend zerstörte. Neben mir saß ein Grüppchen ziemlich stylischer Eltern, die sich über ihre Flucht unterhielten. Es fielen Sätze wie „Weißensee kommt, das sieht da ja auch nicht überall aus wie Weißensee“ und irgendwas mit „Baugruppen, weil es viel billiger ist und man sich ja einigen kann, weil schließlich alle das gleiche wollen...“ Und dann fiel er, DER Satz. „Die überperfekten Prenzlauer-Berg-Eltern gehen mir so auf die Nerven.“

Das ist das Lustige hier. Prenzlauer-Berg-Eltern – das sind immer die anderen. Egal, wie sehr man selbst das Klischee erfüllt. Aber wie soll man hier auch nicht langsam rammdösig werden? Der immer gleiche Kampf ums Sandspielzeug. Mütter, die in ihren großen Stoffbeuteln die Schaufeln der anderen verstauen, selbst wenn mit Edding groß „Luisa“ drauf steht, das Kind der Diebin jedoch eindeutig Konrad heißt. Dann der Krampf mit den wenigen Schaukeln. Kaum hat die Vierjährige zwei Schwünge getan, steht garantiert eine Mutter mit ihrem Baby neben der Schaukel und sagt laut zu ihm: „JAAAA, Sophie-Lotta, du bist GLEICH dran, das Mädchen ist GLEICH fertig.“ Dass Sophie-Lotta dann laut brüllt, weil sie gar nicht schaukeln will und kann, ist egal. Es geht ums Prinzip. Die Spielgeräte sind für alle da.

„Hier kaufen wir keine Brötchen mehr“

Sehr wichtig ist die laute Ansprache auch schon an die Babys. Es sollen ruhig alle hören, was schief läuft in der Gesellschaft. „Constantin, hier kaufen wir keine Brötchen mehr. Die mögen hier keine Kinder.“ Was war passiert? Constantin (1) hatte doch nur sein veganes Schlumpfeis gegen die Scheibe der Bäckerei gedrückt. Da muss die Verkäuferin beim Putzen ja nicht so ein sauertöpfisches Gesicht machen.

Ich glaube übrigens keinesfalls, dass in Prenzlauer Berg die Mütter grundsätzlich schrecklicher sind als anderswo. Es gibt nur so viele, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch sehr, sehr viele nicht so nette darunter befinden, extrem hoch ist.

Wir machen nicht mehr mit. Wir ziehen weg. Dorthin, wo es grün ist und es keine Straßenbahnen gibt und wo man eine eigene Schaukel aufstellen kann. Vielleicht hänge ich nur eine auf, damit ich der Tochter sagen kann: „So, noch einmal anschubsen, dann ist dein Bruder aber dran.“ Es wird bestimmt toll. Wer braucht schon einen Bäcker direkt vor der Tür? Oder drei Supermärkte, davon einer Bio? Wer braucht den lustigsten schlechtgelaunten Zeitungsverkäufer der Welt direkt gegenüber oder einen Blumenladen, der die schönsten Sommerwiesensträuße bindet? Wer braucht Geschäftsinhaber, die aus ihren Läden winken oder einen Kaffee anbieten? Wer das leckerste Wiener Schnitzel in der Straße? Oder Pediküre und Pilates gleich um die Ecke? Wer will schon Dutzende Bekannte und Freunde zufällig auf dem Kollwitzmarkt treffen? Braucht kein Mensch. Ich hab schon jetzt ein bisschen Heimweh.