Mamas & Papas

Wenn der Kirschjoghurt an die Altbau-Decke spritzt

Sandra Garbers über einen gar nicht reinlichen Sohn, Flecken auf Kleidern und fliegende Teller.

Die beiden Kinder sind so unterschiedlich, wie es nur geht. Ich meine damit nicht, dass das eine ein Mädchen ist und das andere ein Junge. Viel größer ist dieser andere Unterschied. Meine Vierjährige ist und war schon immer so reinlich und aufgeräumt, dass sie es ist, die uns ans Fensterputzen erinnert oder ans Staubsaugen. Der Sohn dagegen ist ein Jahr alt und ein bisschen und hat in dieser kurzen Zeit schon mehr Dreck gemacht als meine beiden Katzen zusammen in 15 Jahren. Der Sohn ist – zwecklos, es zu leugnen – ein kleines Ferkel.

Ich hatte bislang eigentlich immer gedacht, es sei normal beziehungsweise ein Ergebnis gelassener, weiser und moderner Erziehung, wenn das Kind wenigstens halbwegs sauber herumläuft, wenige Sachen kaputt macht, im Supermarkt nicht alle Regale ausräumt und erschrocken innehält, wenn man hysterisch „NEIN! NICHT DIE STECKDOSE“ schreit. Ist es nicht. Es ist pures Glück. Reiner Zufall. Und es ist nicht etwa so, dass der Kleine sich damit begnügen würde, nur sich selbst komplett einzusauen, er denkt auch an andere.

Als ich kürzlich abends weggehen wollte, bestand die größte Herausforderung darin, ein Kleid ohne schmierige Sabberspuren oder Fettflecken zu finden. An einem klebten Cornflakes. Das Geheimnis? Mein Sohn kann auch komplizierteste Schrankschlösser öffnen. Das ist toll. Er kann auch iPhones ins Klo werfen, Wagenfeld-Lampen von Fensterbänken reißen und mit der bloßen Kraft seiner Gedanken Haustürschlüssel verbiegen. Ein begabtes Kind.

„Unser erster Brei“

Vielleicht sind Jungs ja immer so merkwürdig, dachte ich, bis ich vor kurzem ein völlig sauberes Baby gleichen Alters bei Facebook sah. Es hatte ein unbeflecktes Ikealätzchen um, das kleine Tellerchen war fast leer, Mund und Hände sauber. „Unser erster Brei“ hatte seine Mutter dazu geschrieben. Während ich mich noch fragte, wo eigentlich der Shitstorm bleibt, wenn man ihn mal braucht, stellte ich mir meinen Einjährigen beim Essen vor. Er brüllt das ganze Haus zusammen, wenn man ihm helfen will. Wenn man dann beschließt, ihn heute doch nicht mit seinem Lätzchen zu ersticken und stattdessen verständnisvoll säuselt: „So groß bist du schon, natürlich willst du alleine essen. Großer Junge, hier hast du deinen Löffel“, dann reißt er den Löffel aus der Hand und pfeffert ihn mit Verve über den Küchentisch.

Wenn er isst, muss man Gummistiefel tragen, um nicht in all die glitschigen Dinge zu treten, die er aus dem Hochstühlchen fallen lässt. Das Zeichen, dass er satt ist? Er reißt sich das Lätzchen vom Hals und greift sich blitzschnell seinen Teller, um ihn wie einen Frisbee durch die Küche zu feuern. Irgendwie hat er es kürzlich geschafft, rosafarbenen Kirschjoghurt die ganze Wand hinauf bis an die Altbau-Decke zu spritzen.

Mit anderen Worten: Er ist der süßeste kleine Kerl, der in Berlin herumläuft. Und das bisschen Erziehung kriegen wir bestimmt auch noch hin.