Mamas&Papas

Alles klar mit euch Jungs?

Aus Jungs werden einmal Vorstandsvorsitzende. Oder Hooligans. Oder Investmentbanker. Als Jungs sind sie aber erst einmal Pflegefälle, meint Sandra Garbers.

Das Leben ist ungerecht. Nebenan im Kinderbettchen schläft der kleine Sohn. Hin und wieder zucken die Mundwinkel zu einem Lächeln. Er sieht ziemlich friedlich aus. Auch klug und begabt irgendwie. Aber das täuscht. Wenn ich gefragt werde, ob das neue Baby schon durchschläft und das verneinen muss, lautet der Kommentar des Gegenübers: Tja, Jungs. Wenn ich gefragt werde, ob es ein so unkompliziertes, sonniges Baby ist, wie meine Tochter es war, und es verneinen muss, sagt das Gegenüber: Tja Jungs. Wenn er jammert,weil er lieber den ganzen Tag auf dem Arm getragen werden möchte? Jungs! Als ich kürzlich mit beiden Kindern auf dem Spielplatz war, kam ein etwa neunjähriges Mädchen zu mir und zeigte auf das Baby auf meinem Arm. „Mädchen oder Junge?“, fragte sie. „Junge“, sagte ich. Die Neunjährige seufzte: „Jungs sind ja leider immer ein bisschen zurück.“

Jungs tun mir irgendwie leid. Ich weiß, irgendwann werden aus ihnen mal Vorstandsvorsitzende oder Hooligans oder Investmentbanker. Irgendwann dreht sich der Spieß um und Mädchen haben das Nachsehen. Zunächst aber sind Jungs Pflegefälle. Es gab in meinem Bekanntenkreis viele, die wissend grinsten, als klar war, dass das zweite Kind ein Junge wird. Meist waren es schadenfrohe Jungseltern, die hinzufügten: „Dann kannst du endlich auch mal sehen, wie das ist.“ Eine Tochter, so schien es, ist Wellnessprogramm, ein Junge harte Arbeit.

Jungs lernen später sprechen, später laufen und alles andere lernen sie auch später. Selbst beim Wickeln sind sie im Hintertreffen: Jungs stinken nämlich mehr als Mädchen, sobald sie den ersten Brei bekommen. Überhaupt wickeln. Mädchen wickelt man ganz in Ruhe. Man pustet ihnen auf den Bauch, kitzelt sie ein bisschen, bis sie vor Vergnügen kichern. Knabbert an ihren kleinen Zehen, macht ein bisschen Gymnastik mit ihnen. Klar, mit Jungs kann man das auch machen, man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass man hinterher die Klamotten wechseln muss. Die eigenen und die des Kindes. Und den Boden aufwischen. Wenn Jungs sich entspannen, dann mit großer Geste und in hohem Bogen. Es gibt also ganz objektiv betrachtet keinen wirklich guten Grund, ein Junge zu sein. Nur eines scheinen sie früher zu können: Sachen kaputt machen. Das sind dann die Hormone. Denn selbst wenn es zunächst so aussieht, als sei das Kind nur etwas langsamer als gleichaltrige Mädchen, irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sich das Testosteron in dem kleinen Körper plötzlich verdoppelt. Das muss früher der Moment gewesen sein, wo die Teufelsaustreiber ins Spiel kamen.

Heute sind wir moderner. Viele Fachleute, sprich Jungseltern, sagten mir noch bevor der Kleine überhaupt auf der Welt war, dass jetzt wohl ein Garten her müsse. Jungs stellt man nämlich am besten morgens vor die Terrassentür und lässt sie dann rennen bis die Batterie irgendwann leer ist. Mein Einwand, dass ich doch auch eine Menge Jungs kenne, die ausgesprochen entzückend sind oder sogar Cello spielen, zählte nicht. Ausnahmen.

Kürzlich waren wir bei einer befreundeten Familie mit zwei Kindern zu Besuch. Sie schrien und schubsten, warfen sich auf den Boden, wenn sie etwas nicht durften, zerstörten den Geburtstagskuchen, den ein Gast mitgebracht hatte, mit Spiel-Schraubenziehern, bissen ihrer Mutter in den Daumen und in einem unbeobachteten Moment bearbeiteten sie das Sofa mit ihrer Bastelschere. Ihre Mutter hatte die perfekte Erklärung: „Manchmal benehmen sich Marie und Lotta wirklich wie kleine Jungs.“