Die Zensur sitzt mir im Nacken. Viele Augen lesen prüfend diese Kolumne mit. Fangen wir mit meinen eigenen Kindern an. Alle zwei Wochen wird hoch konzentriert gelesen, was die eigene Mutter über sie geschrieben hat. An Kritik wird nicht gespart. „Da ist ein Fehler, Mama“, trumpfte mein Sohn neulich auf, „der Sohn deiner Freundin ist Hannover-96-Fan und nicht Werder-Fan.“ Grün-Weiß oder Gelb, das kann man ja mal verwechseln. Und die Tochter, die gerade auf die Schnellstraße in Richtung Pubertät einbiegt, verhandelt immer öfter mit mir. „Das schreibst du aber nicht, das versprichst du mir. Das ist total peinlich.“ Peinlichkeit ist ein großes Thema.

Wüsste mein Sohn, dass ich über seinen Bäri geschrieben habe, den er jeden Abend zum Einschlafen braucht, er würde wochenlang nicht mehr mit mir reden. Die Zeitung habe ich damals gut versteckt. Er kriegt sie erst zu sehen, wenn er erwachsen ist. Bis dahin sind ja nur noch acht Jahre.

Auch die Tochter weiß genau, was peinlich heißt, spätestens seit der Kolumne über ihren misslungenen 9. Geburtstag. Sie hatte alle Mädchen ihrer Klasse eingeladen, und die kreischende, zickende Bande tanzte mir wüst auf der Nase herum. Am Ende, als es ans Abholen ging, habe ich deren Eltern kaum mehr gegrüßt, so geschafft war ich. Ich habe mich mit einer Flasche Prosecco, die eigentlich für die Abhol-Eltern gedacht war, zurückgezogen und meine Wunden geleckt. Die Kolumne wurde saftig. Und was passierte? Die Lehrerin meiner Tochter las sie laut der versammelten Klasse vor und schimpfte mit den Mädchen. Unsere Tochter sank immer tiefer in ihren Stuhl. Ihre blöde Mutter und deren blöde Schreiberei hatten sie da reingeritten. Die hatte alle verpetzt.

Danach wurde ich bei Schulthemen vorsichtig. Ich wusste ja, die Lehrerschaft liest mit. Als unser Sohn eine Weile unter der – wie wir es liebevoll nennen – Smiley-Diktatur stand, war das zwar kolumnenwürdig, aber ich wollte ihm keine Probleme bereiten. Aber jetzt kann ich es ja schreiben, es sind Ferien.

Auf dem Schulhof herrschte seit Wochen Fußballverbot. Unser Sohn verzweifelte. Er begann, sich daneben zu benehmen. „Er entwickelt eine Tendenz zum Klassenclown“, sagte mir die Lehrerin. „Und er ist dabei noch nicht mal lustig.“ Na super, mein Sohn, ein unlustiger Klassenclown. Von der Lehrerin erhielt er nun zwei Wochen lang jeden Tag einen Smiley-Eintrag für sein Betragen ins Hausaufgabenheft. Trauriger Smiley, wenn der Tag schief ging. Neutral hieß so lala. Und lachend… ist ja klar.

Am ersten Tag hatte sein Smiley einen geraden Mund, wie mit der Wasserwaage gezogen. „Mama“, sagte mein Sohn, „ich finde, die Mundwinkel gehen an den Enden leicht nach oben.“ Ich sah nichts. „Hat das deine Lehrerin gesagt oder denkst du das?“ Er überlegte kurz. „Ich denke das. Aber ich glaube, meine Lehrerin denkt das auch.“ Von wegen, der ist nicht witzig. Doch ich musste schweigen.

Weshalb ich das alles nun doch schreibe? Weil ich merke, dass die Kinder langsam zu alt sind als Objekte für solch eine Kolumne. Sie wollen nicht mehr Thema sein. Und ich kann sie verstehen. Wenn Dreijährige sich mit der Sandschaufel eins überziehen, ist es eine hübsche Geschichte. Wenn sich Zehnjährige zum ersten Mal verlieben, so ein bisschen … nein, stopp, halt. Ich habe dazu Schreibverbot. Und das ist richtig.

Darum gebe ich nach all den Jahren diese Kolumne ab – an Sandra Garbers, Mutter zweier klitzekleiner Kinder. Bei ihr wird noch geschnoddert, getrotzt, gequengelt. Wie bei uns früher. Mir bleibt, mich zu verabschieden. Und danke zu sagen. Es war toll! Das Leben geht weiter.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.