Schulen in Berlin

Plötzlich Lehrer: So arbeiten Quereinsteiger in Berlin

In Berlin herrscht Lehrernotstand. Quereinsteiger halten den Schulbetrieb am Laufen. Doch statt Lob ernten sie viel Kritik. Zu Recht?

Jana Gira unterrichtet seit zwei Jahren an der Reinhold-Otto-Grundschule in Westend

Jana Gira unterrichtet seit zwei Jahren an der Reinhold-Otto-Grundschule in Westend

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Jana Giras Lehrerlaufbahn begann vor fünf Jahren in einer Brennpunktschule in Marzahn. Dort unterrichtete sie als Vertretungslehrerin und in einer Willkommensklasse Deutsch – Neuland für sie und auch für die anderen vier Quereinsteiger an dieser Schule, die vom ersten Tag an als Klassenlehrer eingesetzt wurden. „Der Druck war enorm. Fast jeden Tag vor einer anderen Klasse zu stehen, alle Fächer zu unterrichten, und das alles ohne jede Unterstützung oder Anleitung“, erinnert sie sich. Vor zwei Jahren wechselte Jana Gira an die Reinhold-Otto-Grundschule in Westend. Dort ging das in Erfüllung, was sich die 40-jährige angehende Grundschullehrerin erwünscht und erhofft hatte.

„Hier bin ich am richtigen Ort“, sagt sie. Vom ersten Tag an hätten ihr die Kollegen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, es gebe viele Doppelstunden zusammen mit erfahrenen Lehrern. „Es ist großartig, kritisiert zu werden und etwas Gutes zu lernen. Ich freue mich jeden Tag, zur Arbeit zu kommen.“

Drei Tage in der Woche unterrichtet Jana Gira jetzt, der vierte Tag ist ein neunstündiger Seminartag, den sie mit anderen Quereinsteigern im Berufsbildungszentrum am Bahnhof Friedrichstraße verbringt. „Deutsch war im letzten Jahr dran, jetzt studiere ich Mathe nach“, sagt sie. Man unterschätze den Aufwand leicht. Fünf bis sechs Stunden Vorbereitung brauche ein Seminartag, für die Tests, Klausuren und Referate sei noch eine Extraportion Aufmerksamkeit notwendig.

Ihr Lehrerglück ist vollkommen, seit Schulleiter Joachim Syska ihr einen zweiten Studientag in der Woche eingeräumt hat. „Das hat viel Stress rausgenommen und mir Luft verschafft, um auch mal in der Bibliothek arbeiten zu können“, sagt die Mutter zweier Kinder. Geschichte und Slawistik hat sie studiert, jetzt ist sie Quereinsteigerin im Lehrerberuf. Nach dem 18-monatigen Referendariat sagt Jana Gira mit Blick auf herkömmlich ausgebildete Lehrer: „Wir sind alle gleich, nur die Lernwege waren unterschiedlich.“ Umso mehr ärgert sie sich darüber, dass Quereinsteiger wie sie häufig herablassend behandelt und als „unprofessionelle Lehrkräfte“ abgestempelt werden. Sie wünscht sich „weniger Kritik und mehr Unterstützung für Quereinsteiger“.

Eine verfehlte Bildungspolitik ist nur ein Grund für den Mangel an Lehrkräften

Lehrer fehlen überall in Deutschland. Selbst die Streber unter den Bundesländern wie Sachsen oder Bayern, die mit Blick auf Berlin gern die Nase rümpfen, sind auf Quereinsteiger angewiesen. Offizielle Zahlen, an wie vielen Lehrern es bundesweit mangelt, gibt es nicht. 35.000 Lehrer fehlen bis zum Jahr 2025 allein für die Grundschule, das schätzt die Bertelsmann-Stiftung. Fast alle Bundesländer können ihren Bedarf nur über ungelernte Lehrkräfte decken. Auch künftig wird man mit Behelfslösungen arbeiten müssen.

Eine verfehlte Bildungspolitik, der versäumte Ausbau der Kapazitäten der Lehrerausbildung, die unerwartet gestiegene Geburtenrate und die Zuwanderung werden landauf, landab für den Lehrermangel verantwortlich gemacht. In Berlin ist die Lage besonders ernst. In wenigen Jahren ist die Stadt um 200.000 Menschen gewachsen, in den kommenden sieben Jahren wird die Zahl der Schüler um ein Viertel zunehmen, was einem zusätzlichen Bedarf von 53.000 Plätzen entspricht. Ende August starteten 33.900 Erstklässler in den Berliner Grundschulen, mit rund 8000 Kindern mehr als im Sommer 2017 ein ungewöhnlich starker Jahrgang.

Um den Bedarf zu decken, wurden 1240 neue Grundschullehrer eingestellt. Nur 362 davon sind ausgebildete Pädagogen. Quereinsteiger wie Jana Gira mit berufsbegleitendem Referendariat, das mit der Staatsprüfung endet, stellen die zweite Gruppe. Die größte Gruppe sind 489 Lehrer ohne vollständige Lehrbefähigung – LovL, wie sie im Behördensprech heißen. Über deren Anstellung entscheidet die Schulleitung über Verträge, die auf ein oder zwei Jahre befristet sind.

„Da kocht die Lehrerseele hoch“

Die Notlage stellt alle vor Herausforderungen: Quereinsteiger, Schüler, Eltern – und die altgedienten Kollegen. Es gebe „einen hohen Ärgerfaktor“ in Schulen, wo viele Quereinsteiger und wenige Lehrer zusammenarbeiten sollen, berichtet Joachim Syska, Schulleiter an der Reinhold-Otto-Grundschule. Auch Medienberichte à la „Über Nacht Lehrer geworden“ oder „Nur ein Drittel der Lehrer sind richtige Lehrer“ seien dem Frieden nicht zuträglich. „Da kocht die Lehrerseele hoch“, sagt Syska und sieht den gesamten Lehrerberuf entwertet. Empört würden Lehrer die Zumutung zurückweisen, diesen oder jenen Neuankömmling ausbilden zu sollen, der dann womöglich auch noch mehr verdiene. „Wenn man nur wenige Seiteneinsteiger hat, sind Kollegen bereit, sie mitzunehmen“, beschreibt Syska seine Erfahrungen.

Insofern hat Jana Gira Glück: Sie ist die einzige Quereinsteigerin in seinem Lehrerkollegium. „Ich habe mich nicht darum gerissen, hier mit Quereinsteigern zu arbeiten“, bekennt Syska freimütig. Über Lehrermangel an seiner Schule kann er nicht klagen. „Die Schule hat einen sehr guten Ruf, Lehrer bewerben sich direkt hierhin und ich konnte immer die richtigen aussuchen.“

Beim Gang durch das lichtdurchflutete Schulhaus, das ursprünglich eine preußische Kaserne war, deutet der Schulleiter auf die zusammengestellten Tische in den breiten Fluren, die als Arbeitsplätze für kleine Gruppen dienen. „Die Preußen haben uns räumlich eine Steilvorlage geliefert“, erklärt Joachim Syska. „Weil wir keine Teilungsräume haben, können wir die Tische gut in den Fluren unterbringen.“ 391 Schüler, 34 Lehrer und 17 Erzieher treffen in der Reinhold-Otto-Grundschule zusammen. Es komme darauf an, gute Teams im Kollegium zu bilden, um eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die auch zusätzliche Herausforderungen wie die Betreuung eines Quereinsteigers erlaube, so Syska.

Viel Zeit und Geduld sei nötig, um diese auszubilden. „Eine Eins-zu-eins-Begleitung, das wäre mein Wunsch.“ Andere Schulleiter würden ihn damit bestimmt als Spinner abtun, meint er, denn solche Verhältnisse habe keiner an der Schule. Aber Joachim Syska richtet den Blick gerne auf das, was funktioniert und als Vorbild für andere gelten kann. „Quereinsteiger sind willkommen“, sagt er also. „Wir brauchen sie, aber wir müssen sie besser mit pädagogischem Handwerkszeug versehen.“ Dann könnten sie der Schule zugute kommen, zumal sie dieser dank ihrer Erfahrungen aus anderen Berufen mehr Lebensnähe brächten. Zumindest in der Grundschule seien Quereinsteiger fachlich auch nicht überfordert. Aber alles andere, warnt er, sei ohne didaktisches Wissen sehr schwierig.

Crash-Kurs vermittelt Grundlagen

In diesem Sommer hat die Bildungsverwaltung die Begleitung des Quereinstiegs ausgearbeitet. Erster Teil der Vorbereitung ist das 22-stündige Kompaktseminar, das rund 400 Quereinsteiger bereits am Ende der Sommerferien besucht haben – der sogenannte Crash-Kurs, in dem Basics der Unterrichtsorganisation, rechtliche Grundlagen, die Feinheiten des Berliner Schulalltags, aber auch der Umgang mit dem Smart Board vermittelt werden. Ein „Fettnäpfchenradar“ widmet sich vermeidbaren Anfängerfehlern wie dem, neue Kollegen zu duzen oder im Unterricht die Zeit aus den Augen zu verlieren und deshalb das Pensum nicht zu schaffen.

Auch Mentoren konnten gewonnen werden. Knapp 400 Pensionäre, aber auch noch aktiv im Schuldienst stehende Lehrer begleiten die Quereinsteiger in den ersten acht Wochen. Sie besuchen deren Unterricht ein- bis zweimal pro Woche, beobachten und beraten. Während der Schulzeit werden die Grundlagenkurse fortgeführt. Zwölf weitere Doppelstunden müssen Quereinsteiger absolvieren, notfalls in der Herbstferien. Und auch für die, die ein Fach nachstudieren müssen, hat die Bildungsverwaltung ein Programm erarbeitet. Wer die Bedingung für den Quereinstieg nicht erfüllt, weil er kein Mangel-Schulfach studiert hat, kann trotzdem als Lehrer eingestellt werden. Die Lehrer ohne volle Lehrbefähigung (LovL) verdienen weniger als reguläre Lehrer.

Anders als so manche Schlagzeile um „richtige“ oder „nicht richtige“ Lehrer suggeriert, haben Quereinsteiger häufig aber durchaus Unterrichtserfahrung im Gepäck. Viele haben in Willkommensklassen Flüchtlinge unterrichtet oder als Vertretungslehrer gearbeitet. Manche kommen aus der Erwachsenenbildung. So wie Matthias Walden*.

Beruflich ist Walden bereits seit Jahren zweigleisig gefahren. Er unterrichtete neben seiner Arbeit als freier Journalist an verschiedenen Sprachschulen Deutsch als Fremdsprache. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun Leiter der Willkommensklassen an einer Kreuzberger Grundschule. Ganz in den Schuldienst einzusteigen, reizt ihn allerdings nicht. „Ein normaler Grundschullehrer will ich gar nicht werden“, sagt er und lacht. „Der Sprachunterricht reicht mir.“ Deshalb habe er sich gegen den Quereinstieg entschieden, als diese Frage anstand.

Platz für neue Ideen

Matthias Walden hat „einfach keine Lust“, noch ein Fach nachzustudieren, wie es die Mindestanforderung für den Quereinstieg in Berlin vorsieht. Lieber will er arbeiten. „Sprachförderung macht mir Freude“, betont er. „Es ist wunderbar, so frei zu sein.“ Abseits eines bis ins Detail durchgetakteten Lehrplans gibt es Platz für neue und unkonventionelle Ideen. So hat Walden gerade mit seinen Schülerinnen und Schülern im Schulgarten ein Beet mit Gemüse angelegt. „Wir haben momentan das Thema Essen, und das ist eine tolle Art, die Wörter für Obst und Gemüse zu lernen.“

Um neue Lehrer zu gewinnen, lassen sich die Bildungsverwaltungen der Bundesländer derzeit viel einfallen. So verspricht Sachsen jedem Referendar, der bereit ist, aufs Land zu gehen, eine Zulage von 1000 Euro. Einige ostdeutsche Länder, die nach dem Fall der Mauer eigentlich ohne die DDR-Lehrer auskommen wollten, die ausschließlich für die ersten vier Grundschuljahre ausgebildet waren, haben diese Lehrer unterer Klassen (LuK) reaktiviert. In Brandenburg und Berlin bringen sie jetzt Erstklässlern wieder Lesen und Schreiben bei.

Etliche Bundesländer versuchen auch, Pensionäre in die Schulen zurückzuholen oder Lehrer zu bewegen, später in Pension zu gehen. Auch in den Universitäten wird geworben. Schon länger jobben Studenten als Vertretungslehrer, doch Berlin, wo die gelernten Lehrer unter den Neueinstellungen in der Minderheit sind, kommt ihnen noch weiter entgegen. Studierende in lehramtsbezogenen Masterstudiengängen können befristet auf sechs oder zwölf Monate eine halbe Lehrerstelle ausfüllen.

Prämien sollen helfen, die Lücken zu füllen

Der Lehrermangel führt auch dazu, dass Lehrer besser bezahlt und mit Prämien gelockt werden. Aus wahltaktischen Gründen sind inzwischen fast alle Bundesländer zur Verbeamtung zurückgekehrt. Berlin hält noch an der Nichtverbeamtung fest. Und erhöht die Ausbildungskapazitäten: Im kommenden Wintersemester warten 3150 Studienplätze mit Lehramtsbezug auf Interessierte. Die Absolventenzahlen auf 2000 pro Jahr zu verdoppeln: Das hat das Land Berlin mit den drei Berliner Universitäten verabredet. 28 zusätzliche Professuren und 130 wissenschaftliche Stellen sind bei HU, FU und TU geplant.

Man muss der Politik noch nicht einmal routiniert vorhalten, den Zuzug oder die Geburtensteigerung nicht vorausgesehen zu haben. Selbst wenn die Berliner Bildungspolitik versäumt hat, beizeiten dafür zu sorgen, dass an den Berliner Universitäten genügend Lehrer ausgebildet werden – es dauert selbst bei erweiterten Ausbildungskapazitäten sechs Jahre, bis fertige Lehrer in der Schule ankommen.

Warum die Zahl der 522 Berliner Lehrer, die vor der Pensionierung kündigen oder in ein anderes Bundesland versetzt werden wollen, im vergangenen Schuljahr um 15,7 Prozent angestiegen ist – darüber kann man nur spekulieren. Die CDU-Opposition kritisiert, dass Berlin nicht versucht, über die Wiedereinführung der Verbeamtung den Lehrerberuf attraktiver zu machen. Mal abgesehen von dem Gerücht, dass von den rund 1000 dauerkrankgeschriebenen Lehrern mehr als 80 Prozent Beamte sind, zeigt der Blick in andere Bundesländer: Auch da, wo Lehrer verbeamtet werden, geht es nicht ohne Quereinsteiger.

Eine bessere Verteilung der Neulinge würde schon helfen

Ideal ist die massenhafte Einstellung von Lehrer-Lehrlingen sicher nicht, aber immer noch besser, als wenn gar kein Unterricht stattfindet. Und unbestritten ist auch: Nicht hinreichend ausgebildete Lehrkräfte müssen sich qualifizieren, didaktische Kompetenzen erwerben und dies auch nachweisen.

Beobachter betonen: Nicht der Quereinsteiger an sich ist problematisch, sondern es hapert neben der Begleitung auch an einer ausgewogenen Verteilung. Die meisten Quereinsteiger werden an Grundschulen eingesetzt, viele an Brennpunktschulen mit schwieriger Schülerschaft, die erst recht pädagogischen Sachverstand in Gestalt bestens ausgebildeter Fachkräfte bräuchten. In den Schulen bürgerlicher Viertel hingegen unterrichten anteilig eher herkömmlich ausgebildete Lehrer.

Ungünstig findet Schulleiter Joachim Syska auch die Verteilung der Seiteneinsteiger auf Grund- und Oberschule. „Zehntklässler kommen leichter damit klar, wenn sie in Physik von einem Physiker unterrichtet werden als Erstklässler, die einen Lehrer bekommen, der keine Ahnung von Gruppendynamik hat und nicht erkennt, was mit einem Kind los ist, das dauernd stört.“

Wird die Pädagogik unterschätzt?

Für erste und zweite Klassen, aber auch für Willkommensklassen seien Quereinsteiger total ungeeignet, sagt Sabine Müller*, die an einer Kreuzberger Grundschule zwei Willkommensklassen unterrichtet. Generell könne der Seiteneinstieg nur gelingen, wenn mindestens ein Jahr zusammen mit einem erfahrenen Lehrer im Team unterrichtet werde.

„Es macht mich kirre, wenn die Pädagogik total unterschätzt wird“, schimpft sie und weist auf die vielfältigen Herausforderungen in den Willkommensklassen hin, die über sprachliche Barrieren weit hinausgehen. „Man muss den kompletten Rahmen verschiedener Altersgruppen von drei bis fünf Jahren abdecken, das ist ohne didaktisches Wissen eine Katastrophe.“ Über die „Anmaßung von Quereinsteigern, die nicht fragen, sondern einfach drauflos machen“, ärgert sich die Sonderpädagogin immer wieder.

Sie vermutet, dass die meisten in diesen Beruf drängen, „um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen“. Dabei mache die Motivation einen guten Lehrer aus. Alle Quereinsteiger müssten sich der Frage stellen: Warum möchtest du das machen? Und wenn es nicht die Freude an der Arbeit mit den Kindern sei, würde sie sagen: Suche dir einen anderen Job. Ihr persönlicher Hass-Spruch lautet: „Schön, aber zu kurz“ - auf die Frage nach den Sommerferien. „1000 Mal habe ich das in der Schule gehört“, sagt sie und rollt mit den Augen, „und zwar von den Lehrern“.

„Etwas mit Menschen machen“

Ja, warum? Aus welchen beruflichen Hintergründen heraus bewirbt man sich um den Quereinstieg in den Lehrerberuf? „Gescheiterte Selbständige, Freiberufler, Künstler, die materielle Sicherheit suchen“, vermutet die Kreuzberger Lehrerin. Anders sieht das eine Charlottenburger Ausbilderin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

„Es sind ganz bestimmt nicht die Verzweifelten“, sagt die Lehrerin, die seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern tätig ist. Sie hat in ihren Seminaren mit vielen werdenden Lehrern über ihre Beweggründe für den Berufswechsel gesprochen. Insgeheim habe sie sich manchmal gefragt, warum jemand einen tollen Job im Theater oder in der Regie aufgebe, um Lehrer zu werden. Sogar eine Ärztin habe sie kennengelernt, die keine mehr sein wollte und in die Schule drängte.

„Viele Quereinsteiger kommen aus sicheren Berufen im universitären, kulturellen oder wissenschaftlichen Bereich. Sie stehen in der Lebensmitte und wollen beruflich noch einmal etwas anderes machen“, schildert sie ihre Erfahrungen. Lehrer zu werden bezeichneten diese Menschen als „zweite Option“, die sie schon immer neben ihrem ersten Beruf hatten. Ein Naturwissenschaftler habe ihr erklärt, das Leben im Labor sei ihm zu tot. Er wollte etwas mit Menschen machen – und deshalb Lehrer werden.

Hinter dem Wunsch, in eine Schule zu gehen, stecke immer eine Kombination von Motiven, sagt die Seminarleiterin. Und das sind nicht die schlechtesten. Geld spiele dabei vielleicht eine Rolle, doch wichtiger sei das Interesse an der Arbeit mit Kindern, die durch unmittelbare Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit locke. Lehrer zu sein, das sei ja schließlich auch „der tollste Beruf der Welt“, findet sie selbst.

Sie sind offen, lernbegierig, hochmotiviert

Der dramatische Lehrermangel bietet in ihren Augen auch Chancen. Quereinsteiger empfänden die Anforderungen und Weiterbildungshürden der Bildungsverwaltung keineswegs als Gängelei, sondern freuten sich über die Möglichkeit, gleichzeitig mit einem festen Job noch einmal studieren zu können. Sie beschreibt ihre Seminarteilnehmer so: „Das sind offene, lernbegierige und hochmotivierte Menschen mit viel Berufs- und Lebenserfahrung, nicht total frustriert, aber auch nicht hundertprozentig glücklich mit ihrem Beruf.“ Auch sie stört sich an der oftmals hämischen Diskussion über den Lehrermangel und diejenigen, die dem doch abhelfen wollen. „Sehen wir es mal so“, schlägt sie vor: „Es ist gerade eine Tür offen im System, da wollen viele hinein. Ein Bildungsdesaster, ja. Aber so ist es nun mal. Jammern ist nicht lösungsorientiert.“

Quereinsteiger kämen mit den besten Absichten, betont die Seminarleiterin. Sie befürchtet mit Blick auf das öffentliche Gemecker, dass sich eine negative Spirale aufbaut. „Die Eltern werden hysterisch, weil sie wochenlang Berichte über die fehlende Qualifikation der Quereinsteiger, sogar deren angeblich mangelhafte Deutschkenntnisse, gehört haben. Die wiederum müssen aus dem Stand schwierige Klassen übernehmen. Wer soll das denn noch auffangen?“

Quereinsteiger seien nicht schlechter als die klassischen Referendare, findet Matthias Walden, der als LovL in der Kreuzberger Grundschule Flüchtlingskindern die deutsche Sprache vermittelt – im Gegenteil. „Viele bringen mehr Unterrichtspraxis mit als die Studenten“, sagt er. Auch ihre Zeugnisse können sich sehen lassen: 2017 schafften nur drei Quereinsteiger das 2. Staatsexamen nicht, von den Referendaren fielen 29 durch.

Damit aus Quereinsteigern Lehrkräfte mit Klasse werden, braucht es neben allem anderen auch ein bisschen Respekt. „Es ist nicht angebracht, Quereinsteiger immer nur runterzumachen“, sagt Jana Gira und macht den Rücken gerade. „Außerdem ist ja auch nicht jeder herkömmlich ausgebildete Lehrer automatisch ein guter Lehrer.“

* Namen geändert

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