Stephan Guntli ist Regisseur und Produzent und realisierte für Stern TV das Thema „Die Welt ein Dorf“. Wir wollten von ihm wissen, was ihn persönlich an dem Thema fasziniert – und wie das Experiment verlaufen ist.

Filme, Bücher, Serien, Gesellschaftsspiele: Das Kleine-Welt-Phänomen hat seit den 1960er-Jahren immer wieder großes Medienecho ausgelöst. Wie sind Sie persönlich auf das Kleine-Welt-Phänomen gestoßen?

Stephan Guntli: Ich habe vor etwa drei Jahren im Karnak-Tempel im ägyptischen Theben eine Brieftasche gefunden. Als ich ihren Besitzer ausfindig gemacht hatte – es war ein Deutscher aus Niedersachsen –, stellte sich heraus, dass er seit 20 Jahren verheiratet ist mit meiner allerersten Freundin, die ich mit 16 Jahren in der Ostschweiz hatte. Ich war fasziniert von diesem „unfassbaren Zufall“. Als ich die Geschichte weiter erzählte, erfuhr ich, dass viele meiner Freunde und Bekannten eine eigene Die-Welt-ist-ein-Dorf-Geschichte kannten oder sogar selbst erlebt hatten. Das veranlasste mich zu recherchieren. Und so stieß ich auf Milgrams These.

Was hat Sie gereizt, die Idee des Experiments für „Stern TV“ aufzugreifen?

Die originelle Vorgehensweise von Milgram hat mich fasziniert. Die Idee, die Verbindungen zwischen Menschen zu untersuchen, indem man Briefe losschickt an Bekannte mit der Bitte, sie an Bekannte weiterzuleiten, die die Zielperson kennen könnten, finde ich schlicht genial. Selten haben wohl Briefträger mehr zur Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse beigetragen als in diesem Fall. Ich habe mir dann überlegt, wie dieses Finden unserer Verbindungen zueinander im Jahr 2017 vonstatten gehen müsste.

Und was macht für Sie inhaltlich die Faszination von Milgrams Erkenntnis aus?

Seine Konsequenzen. Wenn es so ist, dass jeder Mensch, mit dem ich es tun habe, ein Bekannter von einem Bekannten von einem Bekannten von mir ist, verändert das meinen Blick auf mein Gegenüber – und ich gehe anders mit ihm um. Dann gehört jeder Mensch ja gewissermaßen zu meinem erweiterten Freundeskreis. Und damit bin ich verständnisvoller, toleranter und hilfsbereiter ihm gegenüber.

Wie war das Experiment bei „Stern TV“ aufgebaut?

Moderator Steffen Hallaschka schrieb eine Whatsapp-Nachricht an 30 Bekannte mit der Bitte, sie über Bekannte weiterzuleiten an eine unserer drei Zielpersonen, die wir zufällig bestimmt haben. Eine Woche lang passierte gar nichts. Ich war am Boden zerstört. Dann aber meldeten sich innerhalb von drei Tagen sowohl die Zielperson, die in Nordhessen lebt, als auch diejenige aus der Oberpfalz bei mir mit der Nachricht, Steffens Whatsapp-Nachricht hätte sie erreicht. Nur unser Versuch, eine Bekannten-Kette zwischen Steffen und unserem dritten Ziel aufzubauen, einem älteren Ehepaar aus Westbrandenburg, scheiterte kläglich.

Und dann?

Zusammen mit „Yvonnsche“, unserer Zielperson aus Nordhessen, und einem Kollegen von „Stern TV“ bin ich losgezogen und habe die „Glieder der Kette an Bekannten“ zwischen Steffen und ihr besucht. Es war eine spannende Reise, die uns quer durch Deutschland führte. Als „Yvonnsche“, die nie geglaubt hatte, dass eine solche Kette zwischen ihr und unserem Moderator besteht, live vor Steffen im TV-Studio stand, war sie außer sich vor Aufregung und Glück.

Aus wie vielen Gliedern bestanden die Ketten, die zustande kamen?

Die Kette von Steffen zu „Yvonnsche“ bestand aus zehn Bekannten von Bekannten – also doppelt so vielen, wie nach Milgrams Theorie zu erwarten war. Und das, obwohl Steffen ja selbst aus Nordhessen stammt und er daher zuversichtlich war, dass diese Kette sehr kurz ausfallen würde. Zu unserer Zielperson in der Oberpfalz fanden wir gleich zwei Ketten, die kürzer waren als von Milgram prognostiziert: Eine hatte vier Glieder, die andere sogar nur drei.

Und wie war die Reaktion auf den Facebook-Aufruf, in dem Stern TV nach Die-Welt-ist-ein-Dorf-Geschichten gefragt hat?

Enorm. Nach kurzer Zeit hatten wir fast 200 Geschichten von Zuschauern zusammen. Etwa ein Drittel der Geschichten drehte sich darum, dass man sich immer zweimal im Leben trifft. Zwei Drittel variierten das Thema „Du glaubst nicht, wen ich wo getroffen habe“. Sie beschrieben Begegnungen und Verbindungen, die die Verfasser für unglaublich und sogar nie für möglich gehalten hätten. Viele stilisierten das zum Wunder, andere wollten darin gar eine Schicksalsfügung sehen, besonders da, wo sich zwei verliebt haben.

Wenn man sich so intensiv mit dem Milgram-Mythos auseinandergesetzt hat, glaubt man dann noch an Zufälle?

Man glaubt dann vor allem an die Kraft der Kommunikation. Denn nur, wenn wir uns miteinander unterhalten, entdecken wir ja diese oft wundersamen Beziehungen zwischen uns. Also morgens in der U-Bahn ruhig mal mit Ihrem zufälligen Sitznachbarn ins Gespräch kommen statt aufs Handydisplay starren – Sie werden erstaunt sein, wie oft man auf gemeinsame Bekannte stößt!

Wie war das Zuschauerecho auf die dreiteilige Ausstrahlung des Experiments im Frühjahr?

Das lief richtig gut. Die Zuschauerzahlen waren toll. Und wir haben natürlich noch viel mehr Geschichten geschickt bekommen.

Wenn es tatsächlich nicht mehr als sechs Schritte zu jedem beliebigen Menschen auf der Welt sind, muss das ja nicht nur erfreulich sein.

Stimmt. Mich würde echt interessieren, welche fünf Personen mich zum Beispiel mit Donald Trump verbinden. Das übersteigt meine Fantasie bei weitem. Die Crux mit solchen Gesetzmäßigkeiten ist ja, dass sie auch im Negativen funktionieren. Es ist halt wie bei der eigenen Verwandtschaft: Da gibt es doch immer einzelne, von denen man denkt, wir mögen zwar den gleichen Genpool haben, aber du bist trotzdem ein Stinkstiefel. Da muss man dann einfach drüber stehen.