Forschung

Was wir von Zwillingen lernen können

Wie selbstbestimmt sind wir wirklich? Andreas Busjahn erforscht den Einfluss der Gene auf Entscheidungen. Ein Interview

Andreas Busjahn ist Zwillingsforscher

Andreas Busjahn ist Zwillingsforscher

Foto: privat / BM

Andreas Busjahn ist Geschäftsführer der Berliner Firma HealthTwist, die Zwillingsforschung betreibt. Seit 15 Jahren beschäftigt sich der Psychologe mit den genetischen Doppelgängern und wertet unter anderem medizinische Studien zu Zwillingen statistisch aus. Wir sprachen mit ihm über den Einfluss der Gene sowie der Umwelt auf unser Leben und unsere Entscheidungen – und über besonders frappierende Ergebnisse aus der Zwillingsforschung.

Herr Busjahn, was ist das Ziel Ihrer Forschungen?

Andreas Busjahn: Wir versuchen herauszufinden, was einen stärkeren Einfluss auf den Menschen hat: die Gene oder die Umwelt. Dazu untersuchen wir einerseits eineiige Zwillinge, die genetisch zu 100 Prozent gleich ausgestattet sind. Als Vergleichsgruppe nehmen wir zweieiige Zwillinge, die nur 50 Prozent gemeinsame Gene haben, die aber im Allgemeinen zu gleichen Bedingungen in der gleichen Familie groß werden.

Und – was hat einen stärkeren Einfluss? Die Umwelt oder die Genetik?

So eindeutig lässt sich die Frage nicht beantworten, denn meistens spielt beides eine Rolle. Überraschend fand ich allerdings, dass in Bezug auf Bewegung und Sport die Familie und das Umfeld einen stärkeren Einfluss als die Gene zu haben scheinen, wohingegen das Essverhalten relativ stark durch Gene beeinflusst wird und weniger dadurch, was zu Hause gekocht wurde. Eine Zwillingsstudie des Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke zeigte, dass es so etwas wie eine optimale Ernährung gar nicht gibt. Denn wir Menschen sind extrem unterschiedlich. Jeder muss selbst herausfinden, welche Nahrung ihm gut tut.

Was war das frappierendste Ergebnis ?

Eineiige Zwillinge haben oft einen sehr ähnlichen Lebensweg und sehr ähnliche Berufe. Manchmal stößt man aber auch auf große Unterschiede. Ein Beispiel: Bei zwei eineiigen Zwillingsbrüdern war der eine mit einer Vegetarierin verheiratet, die viel Wert auf gesunde Ernährung legte. Dieser Bruder war schlank. Der andere Bruder war Junggeselle und stark übergewichtig. Es spielen eben immer mehrere Faktoren eine Rolle.

Gab es noch andere Überraschungen?

Für große Überraschung bei Ärzten sorgte ein Zwillingspaar, bei dem alles spiegelverkehrt war. Sogar das Herz befand sich auf der anderen Seite. Dafür, dass Spiegelungen öfter vorkommen, spricht auch, dass es bei Zwillingen vergleichsweise mehr Linkshänder gibt als in der Normalbevölkerung. Nicht selten ist einer der Zwillinge Links- und der andere Rechtshänder. Manchmal passen Fotos von eineiigen Zwillingen auch besser zusammen, wenn ein Foto in sich gedreht wird.

A propos Unterschiede. Gibt es die bei eineiigen Zwillingen?

Auch wenn die Erbanlagen von Zwillingen gleich sind, gibt es Unterschiede. Manchmal sind sie ausgelöst durch genetische Mutationen. Das sind „Kopierfehler“ bei der Zellteilung. Vieles ist Zufall und nicht alles ist nachweisbar.

Und wie ist es mit der Ähnlichkeit des Charakters?

Immer wieder haben wir bei den Studien eine extreme Übereinstimmung im Verhalten der Zwillinge erlebt. In Einzelgesprächen haben sie unabhängig voneinander unseren Mitarbeitern haargenau dieselbe Urlaubsgeschichte erzählt, so dass diese den Eindruck hatten, zweimal mit der gleichen Person gesprochen zu haben. Unglaublich! Wir sind es gewohnt, mit Individuen zu tun zu haben. Wir denken, dass wir selbstbestimmt handeln und alles unter Kontrolle haben.

Wie individuell sind wir Individuen also wirklich?

Wenn man sieht, dass ein Zwilling unabhängig vom anderen die gleiche Hose kauft, stellt sich schon die Frage: Wie frei sind wir wirklich in unserer bewussten Entscheidung? Wir treffen jede Menge unbewusste Entscheidungen, die wir uns im Nachhinein schönreden mit plausiblen Erklärungen. Die Zwillingsforschung zeigt: Für die unbewussten Entscheidungen scheinen Gene auf jeden Fall eine große Rolle zu spielen. Neben Ähnlichkeiten im Verhalten zeigen Zwillinge auch sehr große Übereinstimmungen der Psyche, Intelligenz, Musikalität und Lernfähigkeit. Wir sind eben nicht nur das Produkt unserer Umwelt.

Ist Intelligenz nur eine Frage der Genetik?

Was die Intelligenz betrifft, gibt es genetische Unterschiede. Wenn wir die negieren, handeln wir möglicherweise ungerecht. Denken wir an den faulen Sack, der in Mathe eine Eins bekommt, und den Fleißigen, der sich mit einer Drei begnügen muss. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass genetische Grundlagen alles sind. Die Umwelt hat einen riesengroßen Einfluss. Ein Kind, das schwerer lernt, aber von früh an gefördert wird, kann super Leistungen bringen. Da müssen wir unser Schulsystem kritisch betrachten, das mit seinen großen Schulklassen individuelle Förderung sehr schwierig macht. Übrigens ist selbst die Persönlichkeit durch die Gene beeinflusst. Es ist eine genetische Veranlagung, ob jemand eher schüchtern ist oder ob er sich immer in den Vordergrund drängt. Menschen sind aber natürlich auch in der Lage, ihre Verhaltensweisen zu ändern.

Viele eineiige Zwillinge berichten, die Trennung vom Zwilling und der Schritt in ein eigenständiges Leben sei sehr schmerzhaft verlaufen. Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?

Die individuellen Bedürfnisse sind ausschlaggebend. Manche Kinder leiden darunter, gleich angezogen zu werden. Andere finden diese Gemeinsamkeit gut. Eltern können den Kindern verschiedene Kleidungsstücke hinlegen und beobachten, was sie wollen und was nicht. Eltern sollten auch nicht in die „Ihr“- und „Wir“-Falle tappen. Werden Zwillinge immer als Paar angesprochen, fördert dies das Gefühl, keine eigenständige Person zu sein.

Was hat das für Auswirkungen?

Ich kenne eine Reihe von Zwillingen, die Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, weil sie immer alles mit dem Zwilling abstimmen wollen. Auch wenn die Kinder sehr gerne zusammen hängen, ist es gut, kleine Trennungsphasen zu setzen. Damit können sie lernen, auch mal alleine zu sein. So könnte der eine mit Oma in den Zoo gehen und der andere mit Opa zum Fußball. Übrigens wollten eineiige Zwillinge, die an unseren Studien teilnahmen, ihre Unterschiede kennenlernen. Sie wollten von einem Experten hören: Ich bin anders.

Was ist die Quintessenz ihrer Recherchen?

Die Gene spielen eine wichtige Rolle. Aber: Wir sind nicht die Sklaven unserer Gene.