Seitensprung

Geliebte, Betrogene - Wie man die heimliche Liebe überlebt

Ob Geliebte(r), Betrogene(r) oder Fremdgänger(in): Eine Liebesbeziehung im Schatten stellt alle Beteiligten auf eine harte Probe. Was tun?

Ewiges Versteckspiel: Oft muss der oder die Geliebte geheim gehalten werden

Ewiges Versteckspiel: Oft muss der oder die Geliebte geheim gehalten werden

Foto: robertiez / Getty Images/iStockphoto

Es war Liebe. Zehn Jahre war Maria* mit Peter* zusammen. Sehen konnten sie sich aber nur während der Arbeitszeit. Denn Peter war Marias Chef – und ein verheirateter Familienvater.

Peter war charmant, gebildet und liebevoll. Er hatte all das, was sie an einem Mann schätzte. Nur frei war er nicht. Zehn Jahre verbrachten sie nie einen Urlaub und noch nicht mal eine Nacht gemeinsam. Aber lange hoffte Maria auf eine glückliche Wendung. Am Ende der Beziehung war sie ganz unten angekommen und hatte eine Angststörung entwickelt. Warum sie das alles so lange mitgemacht hat, weiß die heute 55-Jährige, die inzwischen glücklich verheiratet ist, selbst nicht mehr.

Barbara Unterberger kennt viele solcher Geschichten von ihren Internetseiten diegeliebte.de und betrogene.de, zwei virtuellen Selbsthilfegruppen „für Geliebte, Betrogene, Betrüger und Fremdgänger“. Der für sie schlimmste Satz, den sie immer wieder von Frauen hört, lautet: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Egal ob Geliebte oder Betrogene, die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, lässt die Beteiligten an oftmals zermürbenden Beziehungen festhalten. Natürlich gäbe es auch mal ein Happy-End, aber zum größten Teil bliebe am Ende die Erkenntnis, dass zum Betrug auch eine gehörige Portion Selbstbetrug gehört.

Vor 17 Jahren hat die Geschäftsfrau die Selbsthilfe-Foren eröffnet – als sie selbst Geliebte war und Menschen suchte, die sie in ihrer Situation verstanden. Barbara Unterbergers eigene Affäre war nach 14 Monaten beendet, die Homepages, die ihr einst so gut geholfen haben, betreibt sie weiter. Der Bedarf an Unterstützung der meist weiblichen Mitglieder ist groß. „Keine Frau ist davor gefeit, Geliebte oder Betrogene zu werden, egal wie schön, intelligent, erfolgreich oder auch unscheinbar sie ist“, sagt Barbara Unterberger.

Große Illusionen

1,5 Millionen alleinstehende Geliebte soll es in Deutschland geben, weiß sie aus Umfragen. Viele wussten anfangs nicht, dass ihr Freund gebunden war. Andere machten sich Illusionen, sie könnten mit der Situation klarkommen.

Barbara Unterberger beobachtet, wie die Geliebten mit der Zeit von emanzipierten Frauen zum Heimchen mutieren, weil sie sich so abhängig machen. Das alles geschieht „aus Liebe“ und für eine Beziehung im rechtsfreien Raum. Denn für die Umwelt existiert eine Geliebte faktisch nicht. Kommt der Geliebte ins Krankenhaus, werden sie nicht informiert. Das Recht, mit den Ärzten zu sprechen, bleibt der Familie vorbehalten. Barbara Unterberger erinnert sich gut an den Fall einer Frau, die sich Sorgen machte, weil der Mann sich plötzlich nicht mehr meldete. Dass er verstorben war, erfuhr sie erst Tage später.

Natürlich können auch Männer die Rolle des Geliebten einnehmen – auch wenn das seltener geschieht und sie die Situation meist weniger verklärt sehen als die weiblichen Geliebten. So wie Mathias*.

Planen? Geht nicht

Seit knapp zehn Jahren hat Mathias eine Beziehung zu einer verheirateten Frau. Sie wohnen in verschiedenen Städten und treffen sich nur alle paar Wochen. Dann verbringen sie einige Stunden oder Tage miteinander. Das funktioniert, weil seine Freundin beruflich viel unterwegs ist. Mathias und seine Geliebte Beata* telefonieren mindestens jeden zweiten Tag. „Eigentlich ganz schön“ findet der Buchhalter die Beziehung; er bezeichnet sie als „sehr wertvoll“. „Aber manchmal wäre es schon besser, wenn man etwas zusammen planen könnte.“

Die meisten Urlaube verbringen die beiden getrennt. Erschwert wird die Liaison durch die Tatsache, dass Beatas Mann inzwischen Rentner ist und viel Zeit hat, die er gern mit seiner Frau verbringen möchte. Geburtstage können sie nicht zusammen feiern. Letzteres ist Mathias allerdings auch nicht so wichtig. „Aber mal eine Fernreise wäre schön.“

Manchmal hängt er durch und vermisst Beata. Er versucht, nicht an die Zukunft zu denken, denn eine wirkliche Perspektive gibt es nicht. Doch im Großen und Ganzen hat sich Mathias mit der Situation arrangiert und sieht darin sogar einige Vorteile. So ist er „nicht ganz so unter der Fuchtel einer Frau“. Der 63-Jährige kennt das von früheren Beziehungen. „Alle Frauen wollen früher oder später ihre Männer rumkommandieren und kontrollieren“, sagt er.

Kleines Glück

An die große Glocke hängt er die Beziehung nicht. Aber sein Umfeld weiß Bescheid. Beata dagegen muss Versteck spielen. Skrupel gegenüber dem Ehemann hat ihr Freund nicht. Mathias ist kein Moralapostel. In früheren Beziehungen ist er auch mal fremdgegangen. Seine Einstellung: „Ich nehme dem Mann nichts weg. So lange er nichts weiß!“ Und Sex, erklärt er, habe Beata mit ihrem Mann schon lange vor ihm nicht mehr gehabt.

Diese Art der Liebe bevorzugen manchmal auch Frauen ganz bewusst. Oftmals haben sie erwachsene Kinder und keine guten Erinnerungen an ihre Ehe. So wie die Französin Odile, deren verstorbener Mann zur Gewalt neigte, wenn er getrunken hatte. Nach seinem Tod fand sie in der Beziehung mit einem verheirateten Mann ein kleines Glück, ohne einen hohen Preis dafür zahlen zu müssen. Die Beziehung dauerte 35 Jahre – bis zum Tod ihres Geliebten.

Den neuen Mann ganz für sich zu beanspruchen und seine Familie zu zerstören: Das war nie das Ziel der heute 84-Jährigen. Im Gegenteil. Seit ihr Geliebter, den sie beim Bridge-Spielen kennengelernt hatte, vor einigen Jahren das Zeitliche segnete, telefonieren Odile und die Ehefrau des Verstorbenen jeden Abend. Dass Odile über Jahrzehnte seine Geliebte war, ist kein Thema. Gesprochen haben die Frauen nie darüber.

Wann beginnt Untreue?

Die meisten leiden allerdings in der Konstellation der Liebschaft – ohne, dass sie sich befreien könnten. Manche wiederholen dabei im Erwachsenenalter unbewusst ein Dilemma aus ihrer Kindheit. Hinter der Verstrickung in eine heimliche Liebe „können frühkindliche Erfahrungen stecken“, erläutert der Berliner Liebeskummer-Coach Elena-Katharina Sohn. „Schon als Kinder haben solche Menschen beispielsweise nicht gelernt, dass sie es verdient haben, gut behandelt zu werden.“

Die in Berlin praktizierende Paartherapeutin Harriet Salbach spricht von Mustern, die sich oftmals durch das ganze Leben ziehen. „Wer früh gelernt hat, dass er es nicht wert ist, geliebt zu werden, hält leichter Dinge aus, die eigentlich nicht zum Aushalten sind.“ Auch das Vorbild der Eltern spiele eine wichtige Rolle. Wenn eine Frau erfahren hat, dass ihre Mutter die Untreue des Vaters hingenommen hat, wird sie es später möglicherweise auch leichter tolerieren. Es kann aber auch sein, dass sie einen Seitensprung dann vollkommen ablehnt.

Den Begriff Untreue findet Harriet Salbach generell schwierig. Denn in jeder Beziehung bedeute Treue und Untreue etwas Anderes. Auch die Kultur spiele eine Rolle. „Bei uns passt es nicht, wenn ein Mann sechs Frauen hat, wohingegen das in arabischen Ländern gang und gäbe ist.“

Die Regeln gemeinsam festlegen

Hierzulande gilt die Monogamie in der Paarbeziehung als „normal“. Harriet Salbach findet, dass die Akteure in einer Beziehung gemeinsam die Regeln festlegen sollten. Denn während für die einen schon der Gedanke an einen anderen als Untreue gilt, finden es andere in Ordnung, die Beziehung zu öffnen und auch Sex mit anderen zu haben.

Schwierig wird es allerdings, wenn einer sich nicht an die getroffenen Vereinbarungen hält. „Für mich ist der Begriff Treue sehr stark verknüpft mit Vertrauen. Die Frage, ob ich dem anderen vertrauen kann, ist enorm wichtig. Denn Ehrlichkeit und Vertrauen sind das Fundament einer sicheren Beziehung“, so die Therapeutin.

Aber warum gehen Partner überhaupt fremd? „Meistens stimmt etwas in der Beziehung nicht“, ist die Erfahrung von Harriet Salbach. Oft sind unbefriedigte Bedürfnisse der Auslöser. Doch es gibt andere Möglichkeiten, als eine heimliche Affäre einzugehen. Wenn die Bedürfnisse der Partner, zum Beispiel der Wunsch nach Sexualität, sehr unterschiedlich ausfallen, müsse man offen darüber sprechen und einen Weg finden, damit umzugehen.

Fehlende Nähe und Wertschätzung

Es sei auch wichtig, die eigenen Grenzen zu definieren und sich zu fragen, wie weit man bereit sei zu gehen und was für einen noch tragbar sei. Leider scheuten die Partner oft diese Auseinandersetzung, hat die Therapeutin beobachtet. Dabei sei es sowieso eine Illusion zu glauben, dass der Partner alle Bedürfnisse erfüllen könne. Erst recht, wenn man nicht darüber spricht.

Als häufigste Gründe für einen Seitensprung nennt Harriet Salbach fehlende Zärtlichkeit und fehlende emotionale Nähe. Problematisch wird es ebenfalls, wenn Wünsche nicht ernstgenommen und Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Wenn keine Wertschätzung zu finden ist und zu viel Kritik geübt wird.

In der Paartherapie versucht sie, ihre Klienten zu positiver Interaktion und zur Suche nach gemeinsamen Zielen zu führen. Harriet Salbach betont: Eine attraktive Sekretärin im Büro allein reiche nicht aus, um einen Mann in Versuchung zu bringen. Ein Mann in einer glücklichen Beziehung würde sicherlich bemerken, dass die Sekretärin sehr attraktiv sei. Aber mehr nicht. Anfälliger sei er indes, wenn er unzufrieden sei oder „ein erhöhtes Bedürfnis nach Neugier“ besitze. Für diese Menschen sei es schwieriger, Versuchungen zu widerstehen. Das gilt auch für Frauen.

Von der Gabe zu verdrängen

Die Expertin beobachtet in Sachen Untreue immer weniger Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht. „Es gibt keine Studie, die zeigt, dass Männer untreuer sind als Frauen“, stellt sie fest.

Allerdings sind die Verhaltensweisen von Männern und Frauen durchaus unterschiedlich, sagt Julia Kathan. Sie ist Lovecoach und Autorin des Buches „Alles für ein bisschen Liebe“. Ihrer Ansicht nach haben vor allem Männer die Gabe zum Verdrängen. Sie gingen so lange fremd, wie es eben „gut geht“. „Ich glaube nicht, dass sich die fremdgehenden Männern tiefergehende Gedanken darüber machen, warum sie es tun. Sie tun es einfach, weil es die einfachste Lösung für sie zu sein scheint. Sie sind mit vielem in ihrer Ehe oder Beziehung unzufrieden – wahrscheinlich auch mit dem Sex – , möchten sich meist aber nicht trennen und longieren lieber mit der Möglichkeit, bei der anderen Frau das zu bekommen, was in der vorhandenen Beziehung fehlt.“ Es sei vielmehr die Geliebte, die sich 1000 Gedanken mache, warum ihr Geliebter sich so verhält, wie er es tut. Das Analysieren, so ihre Erfahrung, überlassen die betroffenen Männern den Frauen.

Gefragt, warum sie sich nicht trennen, antworteten die Männer gern: „Ich will mich ja trennen, es ist nur noch nicht der richtige Zeitpunkt.“ Oder: „ Ich habe dir ja von Anfang an gesagt, dass ich mich nicht trennen werde. Ich möchte dich trotzdem weiter treffen.“ Erst, wenn Männer vor einem Scherbenhaufen stünden – weil die Geliebte nicht mehr mitspielen will oder die feste Partnerin die Liason entdeckt hat –, begännen auch sie, sich zu fragen, was sie da eigentlich verursacht haben – und warum.

Frauen trennen sich eher

Frauen, so lauten Barbara Unterbergers Erfahrungen aus ihrem Online-Forum „dieGeliebte.de“, seien eher bereit, sich zu trennen. Sie vermutet, dass Frauen sich leichter entscheiden, weil sie in den meisten Fällen die Kinder mitnähmen. Wohingegen für den Mann eine Trennung häufig auch die Trennung vom Alltag mit den Kindern bedeute. Insgesamt würden Frauen das Fremdgehen besser verbergen und nicht so leicht auffliegen. Was passiert, wenn das doch geschieht, zeigt das folgende Beispiel.

Michael* wurde durch die Untreue seiner Frau in eine tiefe Krise gestürzt. In den zwei Jahrzehnten seiner Ehe arbeitete er viel. Die Frau blieb zu Hause und kümmerte sich um die vier Kinder. Nach zehn schönen Jahren begann eine schleichende Entfremdung. Alles drehte sich nur noch um die Kinder. Der Ingenieur, der versuchte, „bis zur Selbstaufgabe seiner Rolle als Alleinversorger und Familienvater gerecht zu werden“, fühlte sich überfordert.

Irgendwann kam alles zusammen: der Verschleiß im Alltag, die mangelnde Kommunikation. Seine Frau schwieg. Sein Ventil, um die Schwierigkeiten in der Beziehung zu vergessen: zu viel Arbeit und zu viel Alkohol. Trotzdem glaubte Michael an seine Familie und dass sie es gemeinsam schaffen könnten, die schweren Zeiten zu überwinden. Doch die Realität holte ihn ein. Michaels Frau beendete die Beziehung. Ihre Erklärung: „Wir haben uns auseinandergelebt.“

Regelrecht traumatisiert

Als er den wahren Grund der Trennung erfuhr, brach für ihn eine Welt zusammen. Zehn Jahre lang hatte seine Frau eine Nebenbeziehung gehabt. Das Verrückte dabei: Er hatte öfter geahnt, dass sie einen anderen haben könnte. Gleichzeitig traute er ihr das nicht zu. Sie stritt alles ab. Er glaubte ihr und schämte sich sogar für seinen Verdacht. Nun wollte seine Frau mit ihrem ebenfalls verheirateten Dauergeliebten ein neues Leben beginnen.

Dass das nicht klappte, weil der Lover, als es ernst wurde, sie schnell durch eine neue Geliebte ersetzte, ist für Michael nur ein schwacher Trost. Zu tief sitzt die Verletzung. Bis heute fühlt er sich regelrecht traumatisiert. Das Thema Verlassen werden kannte er schon aus dem Elternhaus: ein abwesender leiblicher Vater, von dem er sich nicht angenommen fühlte, und eine suchtkranke Mutter, die häufig nicht ansprechbar war.

Rückblickend hätte sich Michael mehr Offenheit und Ehrlichkeit gewünscht statt Verheimlichung. Inzwischen bezeichnet er das Fremdgehen als „einen Akt der Verdrängung“. Als Verdrängung all der Dinge, die in der Beziehung nicht geklärt wurden. „Die Belohnung, die Unbeschwertheit, die das Fremdgehen beschert, übertüncht die eigentliche Ursache dafür, die wiederum aus der Beziehung stammt.“ Das Fremdgehen sei wie eine Art Bonbon, das vorgaukele, es sei alles ok und schuld an den Problemen sei nur der andere.

Partnerschaften lebendig halten

Die „Belohnung“ bewahrt die Beteiligten scheinbar davor, sich mit unbequemen Themen auseinandersetzen zu müssen. Aber sie beraubt sie gleichzeitig der Möglichkeit, eine tiefere und intensivere Beziehung mit dem Lebenspartner zu leben. Zumindest deuten psychologische Forschungsergebnisse darauf hin. Für den führenden amerikanischen Sexualforscher David Schnarch muss eine Ehe oder dauerhafte Beziehung durchaus nicht das Ende von Liebe, Intimität und Sexualität einläuten. Damit es gelingt, die Leidenschaft lebendig zu halten, müsse man lernen, „sich dem Partner gegenüber mit echten Gefühlen zu zeigen und in der Intimität bei sich selbst zu bleiben“.

Viele Paare wollen die schmerzlichen Prozesse vermeiden, die zu einer erfüllten Partnerschaft führen können, und gehen stattdessen den vermeintlich leichteren Weg. Doch dass eine Seitensprung oder gar eine länger dauernde Liebschaft einer Beziehung gut tun kann, bezweifelt Lovecoach Julia Kathan.

„Ein Seitensprung verletzt immer das intime Band einer Verbindung und zerstört Vertrauen. Da, wo vorher ein Nest intimer Geborgenheit war, ist jetzt die Angst eingezogen, austauschbar und nicht mehr begehrenswert zu sein.“ Dieser Vertrauensbruch sei für viele noch schlimmer als die Tatsache, dass der Partner Sex mit einer anderen Person hatte. „Die große Herausforderung ist es, an den Schattenseiten einer Beziehung zu wachsen“, sagt Julia Kathan. Partner, denen das gelinge, könnten nach einer Krise vielleicht sogar eine Vertiefung ihrer Liebe erleben.

Monogam leben – funktioniert das überhaupt?

Dafür ist es für Michael zu spät. Mittlerweile fragt er sich, ob eine streng monogame Beziehung überhaupt funktionieren kann. Und ob in die Erwartung an eine romantische Liebesbeziehung nicht von vorneherein die Enttäuschung durch Überforderung mit eingebaut ist. „Wir sollten uns mit neuen Beziehungsformen auseinandersetzen“, findet er. „Denn das, was uns die Eltern vorgelebt haben, hat schon damals nicht funktioniert.“

Doch auch das bedeutet, dass Regeln erarbeitet werden müssen. In den meisten Fällen existieren diese nicht – zumindest nicht ausgesprochen. Die Betroffenen müssen sehen, wie sie mit der Situation klarkommen – als Geliebte/r oder Betrogene/r. Manche tun es, indem sie das Leid vollkommen leugnen, andere legen eine erstaunliche Duldsamkeit an den Tag. Wie die Ehefrau, die im Internet anonym ihr Leid klagt.

Ihr Mann sei ein „Wiederholungstäter“, erzählt sie dort. Dass er zu anderen Frauen gehe, habe ihr „höllisch wehgetan“. Doch sie habe es totgeschwiegen und ausgehalten. Schließlich sollten die Kinder und das Umfeld nichts merken. Ihre Methode, mit der Situation klarzukommen: Leide, aber zeige es keinem. Sorge dafür, dass die Familie nicht zerbricht. Ihr Glaubenssatz: Wenn ich meinen Mann nur genug liebe, dann muss er nicht gehen und die Familie ist gerettet. Sie müsse die Starke sein. Das habe sie in ihrer Herkunftsfamilie gelernt.

Große Leidensfähigkeit

Doch dafür zahlt sie einen hohen Preis. Sie fühlt sich emotional fremdbestimmt, immer kurz davor, ihre Würde zu verlieren. Wut auf die Geliebten ihres Mannes hat sie allerdings kaum: „Eigentlich sitzen wir beide im selben Boot.“

Tatsächlich sind die Gefühle der/des Geliebten und der/des betrogenen Frau/Mannes gar nicht so unterschiedlich. Beide zeichnen sich aus durch eine gehörige Portion Leidensfähigkeit. Ihr Alltag besteht häufig aus Warten und der nagender Eifersucht auf den Lebenspartner des anderen.

Allerdings hat die/der Betrogene die Rolle der/des Guten. Verlässt etwa ein Ehemann seine Geliebte, weil sie „zu viel Druck ausübt“ oder weil die heimliche Beziehung aufgeflogen ist, kann sie nicht mit viel Mitgefühl rechnen, sagt Lovecoach und Autorin Julia Kathan: „Die Geliebte hat das Image einer abgebrühten Zerstörerin. Die Ehefrau gilt oft als das Opfer. Mit ihr hat man gerne Mitleid, sie steht auf der moralisch richtigen Seite.“ Dabei sei die Geliebte ja auch Opfer der Situation. Eine Geliebte, die von einem vergebenen Mann erwartet, er würde seine Frau verlassen, tut dies meistens, weil er seine Ehe als unerfüllt dargestellt hat und Andeutungen macht, sich dieser entziehen zu wollen.

Die Opferrolle tut nicht gut

Kurioserweise fühlen sich bisweilen auch die Täter als Opfer. Die Lügengebäude, in die sie sich immer weiter verstricken, das schlechte Gewissen und die Gewissheit, sich irgendwann entscheiden zu müssen: Das alles erzeugt Stress. Genau genommen betrügt der „Täter“ drei Menschen: seine Frau, seine Geliebte – und vor allem sich selbst.

Liebescoach Julia Kathan hält allerdings die Opferrolle nicht für gewinnbringend. Wer sich als Opfer fühle, katapultiere sich in eine machtlose Position. Das könne Kummer und Leid verlängern. Sie plädiert dafür, Verantwortung zu übernehmen. Den anderen die Schuld zu geben sei zu einfach. Jeder der Beteiligten, sagt sie, müsse erforschen, warum er sich mit solch leidvollen Herausforderungen konfrontiere.

* Namen geändert

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