Fotografie

Familienleben in Bildern

Der Gang zum Fotografen ist etwas Besonderes. Wie sich Familien präsentieren – und was das über sie und die Gesellschaft aussagt

Til posiert mit seinen Eltern Yvonne und Tobias in einem Fotostudio in Köpenick

Til posiert mit seinen Eltern Yvonne und Tobias in einem Fotostudio in Köpenick

Foto: fotofusion

Ohne Charly geht es nicht. Charly ist ein Stoffaffe, der nie das macht, was er machen soll. Das gefällt Til. Der Zweieinhalbjährige hat heute sein erstes Foto-Shooting in einem Studio in Köpenick, zusammen mit seinen Eltern Yvonne und Tobias. Gemeinsam probieren sie Positionen aus.

Der Klassiker: Alle drei auf einer Bank. Dann alle drei auf dem Boden liegend, erst übereinander, dann sternförmig nebeneinander, das Kind in der Mitte. Das macht richtig Arbeit, aber Til jammert nicht. Charly dreht Loopings in der Luft. Und wenn Yvonne später sagen wird, ihr gehe das Herz auf, wenn sie die leuchtenden Augen ihres Sohnes auf den Fotos sieht, dann ist das wohl auch Charlys Verdienst. Und das von Luisa Pardeike.

Sie sind zu zweit im Studio "Foto-Fusion": Luisa Pardeike, 30, und ihre Kollegin Juliane Kühn, 31. Heute fotografiert Juliane Kühn mit der Digitalkamera, und Luisa Pardeike hält Til bei Laune. Die Arbeitsteilung hat sich bewährt. Schließlich sind Familien die Kernzielgruppe der beiden. Yvonne und Tobias haben das Standard-Paket gebucht. Ein Shooting im Studio, drei Motive (fotofusion-berlin.de, Fotos ab 39 Euro).

Raus aus dem Studio, rein ins Leben

Doch der Trend geht raus aus dem Studio, rein ins Leben. Im Portfolio der beiden Fotografinnen findet man auch Bilder mit Reportage-Charakter, aufgenommen in der Wohnung ihrer Auftraggeber, auf dem Abenteuerspielplatz oder im Schlosspark. "Gerade haben wir eine Jugendweihe fotografiert", sagt Juliane Kühn. 14-jährige kriege man kaum noch mit Mama und Papa aufs Sofa. Die fühlten sich draußen viel wohler.

Wie sich die Zeiten ändern. Seit das Smartphone die Fotokamera verdrängt hat, landen Fotos immer häufiger auf dem USB-Stick statt im Fotoalbum. Die Profis haben das Nachsehen. Die professionelle Familienfotografie sei auf dem Rückzug, heißt es beim Centralverband Deutscher Berufsfotografen. Wer sei heute noch bereit, für eine Dienstleistung zu zahlen, wenn er mit dem Smartphone und Photoshop selbst passable Bilder hinbekomme?

Profi-Fotografen unter Druck

Die Profis müssen sich also etwas einfallen lassen. Der Druck ist gewaltig. Seit zehn Jahren ist die bestandene Meisterprüfung keine Voraussetzung mehr, um sich selbständig zu machen. "Seither hat sich die Zahl der Fotografen verdoppelt", heißt es beim Centralverband. Bundesweit drängen 20.000 Fotografen auf den Markt. In Berlin sind es 540. Keine rosigen Aussichten für Neuanfänger.

Doch Luisa Pardeike und Juliane Kühn sagen, das Geschäft laufe gut. Und wer zufrieden sei, komme immer wieder. Wie dieses Paar, das sie vor Jahren zu ihrer Hochzeit engagiert hatte. Was folgte, war ein erotisches Shooting. Juliane Kühn grinst. Das nächste Mal hielt die Braut stolz ihren Babybauch in die Kamera. Dann kamen sie zu dritt ins Studio. Und der nächste Termin ist auch schon reserviert. "Das zweite Kind ist unterwegs", sagt Juliane Kühn. Ein ganzes Leben in Bildern.

Das Shooting ist vorbei. Fotografin Kühn lädt die Fotos am PC hoch und probiert verschiedene Filter aus. Sie sagt, die meisten Kunden bevorzugten ein pastelliges Licht. "Das macht weich. In diesem Look fühlen sich viele gleich wohler."

Jedes Bild eine Erinnerung

Til ist völlig von der Rolle. "Wo ist meine Überraschung?", ruft er. Er bekommt Gummibärchen, weil er so gut mitgemacht hat. Und von Papa ein High-Five. Platz für neue Fotos haben sie zu Hause kaum noch. "Unsere Wände sind schon voll mit Hochzeitsbildern", sagt Tobias.

Geheiratet hat das Paar auf einem Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern. Til war erst einige Wochen alt. Eine Fotografin war immer dabei. Tobias sagt, jedes Bild sei eine Erinnerung. "Und die ist mir jeden Euro wert." Auch im Studio vertraut er den Profis. Selbstverständlich ist das nicht. Luisa Pardeike sagt, es komme vor, dass Kunden, inspiriert von Pinterest oder Modemagazinen, schon genau wüssten, wie das Bild aussehen soll. Nervt das? Nein, sagt sie, sie seien offen für neue Ideen. Es sei ein Anreiz, kreativ zu bleiben.

Was sich Berliner Fotografen alles einfallen lassen, um Familien in Szene zu setzen – ob auf der Straße, zu Hause oder auch unter Wasser –, davon lesen Sie hier.

Generationsfoto im Studio

Ein Fotoshooting mit der ganzen Familie? Uroma Jutta war geflasht. Ein schöneres Geschenk hätten ihr die Enkel zum 84. Geburtstag nicht machen können. Mit dem Foto hat sie jetzt alle immer um sich, auch die Urenkelinnen Amelie und Charlotte.

Das Foto haben sie bei Lumentis in Friedrichshain gemacht. Es ist ein noch junges Fotostudio, Melanie Meißner, 34, hat es mit zwei Kollegen gegründet. Das Geschäft boomt, vor allem vor Weihnachten. Je mehr Mitglieder auf dem Foto sind, desto günstiger wird es für jeden: Die Kosten für das Shooting können sich dann alle teilen.

www. lumentis.de

Shootings ab 200 Euro

Alltagsmomente in Schwarzweiß

Klaus Heymach liebt es, Geschichten zu erzählen. Das tut er auch für die Familien, die ihn buchen. Er begleitet sie zwei Stunden im Alltag und erstellt dabei Foto-Dokus aus dem Leben: spontan, ungezwungen, mit echten Emotionen statt gestellten Posen. "Bloß nicht aufräumen!", bittet er vor seinem Besuch. Das sei nichts für jeden. "Aber es ist eben nicht alles happy life. Familie, das bedeutet auch Erschöpfung und Unordnung." Gern fotografiert Heymach in Schwarzweiß, das helfe, das Bild auf die Aussage zu reduzieren. Seine Dokus sieht er als visuelles Erbe. "Ich hätte gern selbst Bilder von mir als Kind an einem typischen Sonntagmorgen."

www.familienfotografie.berlin

Foto-Doku incl. Bilder ab 390 Euro





Aussicht auf den Mittagstisch

"Das Glück des kleinen Augenblicks festhalten": So beschreibt Cindy Villmann von Cindy u. Kay Fotografie ihren Ansatz. Gemeinsam mit ihrem Mann Kay Hallfarth hat sie sich auf Homestorys spezialisiert. Das Besondere: Die beiden kommen zu zweit zu den Familien nach Hause und fotografieren deren Alltag zwei bis drei Stunden lang aus zwei verschiedenen Perspektiven. Kulissen und Requisiten? Bloß nicht. "Das Gestellte ist aber oft im Kopf, daher stoßen wir manchmal Situationen an, in denen die Familienmitglieder uns vergessen", erzählt Cindy. "Am besten das, was Kinder mögen: toben, malen, Nudeln essen."

Heraus kommen berührende Aufnahmen aus mitunter überraschenden Blickwinkeln. So wie bei dem Familienfoto oben, das mehr sagt als 1000 Worte.

www.cuk-fotografie.de

Homestory ab 290 Euro (fünf Bilder inclusive)

Vintage-Fotoshooting

Bei Jannette Kneisel zählt der Spaß beim Happening genauso viel wie die Freude über das fertige Bild. Die Fotografin hat sich auf Familien-Chaos- und Retro-Shootings spezialisiert. "Das ist etwas für Leute, die nicht das Normale haben wollen", sagt sie. "Viele machen es für sich selbst, aber auch zum Verschenken." Das Ereignis beginnt mit der Vorbereitung: dem Gang zum Kostümverleih und, für die Damen, zum Visagisten. Dann wird fotografiert – in einer 1920er-, 1950er-, einer DDR-Kulisse oder im Freien: "mit Oldtimer", schwärmt Kneisel. Sie findet: Die schönen Dinge stecken im Detail.

www.jannettekneisel.de

Retro-Shooting 303 Euro (incl. acht Bilder)





Ästhetisch in Szene gesetzt

Laura Pfeiffert war im neunten Monat schwanger, als sie mit ihrem Babybauch zum ersten Mal schwimmen ging. Der Unterwasserfotograf Sebastian Lange suchte schwangere Modelle, und die Studentin aus Frankreich dachte sich: Warum eigentlich nicht? Nach dem Shooting wollte sie gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. "Laura ist ein Naturtalent", sagt Sebastian Lange, 31. Die Liebe zur Unterwasserfotografie hat er beim Tauchen in Australien entdeckt. Inzwischen gehören neben Schwangeren auch Hochzeitspaare zu seinen Kunden. Er sagt: "Nur mit Buckelwalen zu tauchen macht noch mehr Spaß."

www.broken-light-photography.comEin Shooting dauert den ganzen Tag und kostet 179 Euro.






Kinder aus aller Welt zusammengebracht

Ein Bild von allen vier Kindern sollte es sein. Aber kein Foto. Papa feierte seinen 50. Geburtstag, da musste es etwas Besonderes sein. Also beschloss Mama, dass er ein gemaltes Porträt der vier Kinder seiner Patchwork-Familie bekommen sollte. Leonard, Franziska und die Zwillinge Julia und Maria, alle zusammen auf einem Bild. Ein Fall für Mario Kwast. Der Auftragsmaler arbeitet nicht nur für Theater und Film, er kopiert auch bekannte Gemälde auf Fassaden und malt Porträts. Modell sitzen muss man in seinem Atelier nicht mehr – Mario Kwast porträtiert nach Fotografien. Zum Glück, sagt Franziska. Dazu hätte keiner von ihnen Zeit gehabt. Die Geschwister leben verstreut in der Republik. Sie selbst machte damals gerade ein Praktikum in Malaysia.

www.auftragsmalerei-kwast-berlin.dePorträts kosten zwischen 450 und 800 Euro.

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