Burkhard Moisich ist Leiter der Beratungsstellen des Evangelischen Johannesstifts Spandau und psychologischer Psychotherapeut. Wir sprachen mit ihm über Zusammenhalt und Rivalität zwischen Geschwistern – und was Eltern tun können.

Eltern träumen davon, dass ihre Kinder zueinander halten. Muss man da nicht vermeiden, dass Kinder rivalisieren?

Burkhard Moisich: Grundsätzlich ist Rivalität nichts Schlechtes. In der Regel können Kinder durch Rivalisieren mit Geschwistern viel lernen. Die Frage ist nur, ob Eltern das lenken oder einfach laufen lassen.

Aber sollte das Ziel nicht Frieden im Kinderzimmer sein?

Positive Rivalität ist wichtig, denn sie ist ein Motor, der uns antreibt. Auch in der Gesellschaft laufen Vergleichsprozesse ab, Menschen fragen sich: Wieviel verdient der andere, hat er ein Auto? Das Vergleichen fängt sehr früh an, schon im Kinderzimmer.

Wann müssen Eltern eingreifen?

Konkurrenz geht zum Beispiel zu weit, wenn ein Kind das andere schlägt.

Sollte man dem älteren Geschwister mehr erlauben, um Eifersucht vorzubeugen?

Eifersucht ist normal. Das erstgeborene Kind war ja schon da, als das zweite kam, und hatte die ganze Liebe der Eltern für sich. Auch wenn die Eltern jetzt versuchen, Zuwendung gerecht zu verteilen, bleiben dem Erstgeborenen nur noch 50 Prozent. Das ältere Kind hat immer den härteren Job. Bei seiner Geburt sind die Eltern unerfahren, es muss Freiräume austesten. Diese Arbeit, die das Kind leistet, wird oft von Eltern nicht gewürdigt. Eltern muss klar sein, dass das ältere Kind eine besondere Position hat. Dafür darf es auch Extrazuwendung bekommen.

Aber fördert das nicht die Konkurrenz zwischen den Kindern?

Es ist eine Illusion, dass es wirklich Gerechtigkeit geben kann. Subjektiv fühlt sich immer ein Kind benachteiligt, auch wenn die Eltern versuchen, objektiv gerecht zu sein.

Wie lässt sich Geschwisterliebe fördern?

Man kann das Kind schon beteiligen, bevor das Geschwisterkind geboren wird, indem man es zum Beispiel in die Vorbereitung der Geburt einbezieht. Danach müssen Eltern darauf achten, dass das Erstgeborene nicht zu kurz kommt, es also etwa nicht zur eigenen Entlastung zu den Großeltern geben.

Ist für eine gute Geschwisterbeziehung alles verloren, wenn Eltern in dieser Entthronungsphase Fehler gemacht haben?

Nein, man kann immer umsteuern. Man muss schauen: Welcher Art ist die Rivalität? Ist sie solidarisch oder unsolidarisch? Kommen die Kinder alleine zu einer Lösung, wenn sie sich eine Schokolade teilen müssen? Neid an sich ist ja kein schlechter Affekt. Er kann Antrieb sein, etwas erreichen zu wollen. Erst wenn Neid zu Missgunst wird, wird es zu einem schlechten Affekt. Neid darf sein, Missgunst nicht, weil das heißt: „Du darfst das nicht haben“ – und man nicht dazu kommt, dem anderen etwas zu gönnen.

Wie lernen Kinder, dem Geschwister etwas zu gönnen?

Das ist ein jahrelanger Prozess, Training, das im Vorschulalter beginnt. In Situationen, in denen Kinder teilen sollen, müssen sie fühlen, dass gerecht geteilt wird. Dazu braucht es Geduld, denn dass Eltern gerecht waren, verstehen Kinder oft erst später. Einsicht fällt nicht vom Himmel.

Wie kann das Training aussehen?

Eltern können sich fragen: Wie sieht es mit der Bereitschaft zu teilen bei mir aus? Wenn die Lektion nur aufgesetzt ist, kommt es beim Kind nicht an. Man kann mit dem Kind Dinge, die man nicht mehr braucht, Bedürftigen spenden oder ein Ehrenamt ausüben. So zeigt man, dass man teilt und selbst nicht eifersüchtig seine Sachen zusammen hält. Ein anderes Trainingsfeld ist das Essen: Wie geht man damit um, wenn es fünf Stück Kuchen gibt, aber vier Personen am Tisch sitzen? In Situationen wie diesen kann man Kindern viel beibringen.

Training klingt nach Dauerverantwortung. Sind Eltern damit nicht überfordert?

Man darf Eltern nicht alles aufladen. Mittlerweile gibt es so viele Regeln, dass Eltern manchmal gar nicht mehr handeln können. Kinder verkrampfen, wenn Eltern erziehungsverkrampft sind. Viele haben die Tendenz, sich die Schuld dafür aufzuladen, wenn etwas falsch läuft. Das ist nicht nötig.

Aber in der Forschung wird den Eltern die Hauptverantwortung für das Funktionieren der Geschwisterbeziehung zugeschrieben...

Ja, Eltern tragen Verantwortung, sie müssen Grundregeln beachten. Aber Kinder können trotz ihrer Eltern gute oder schlechte Menschen werden. Kinder sind eigenständige Menschen. Zudem haben sie andere Bezugspersonen wie Großeltern oder Lehrer.

Alle Eltern kennen die Klage, dass das Geschwister mehr bekommen habe...

Das Stück des anderen sieht immer größer aus als das eigene. Eine sachliche Information wie: „Zwei Hälften sind immer gleich groß“ ist immer angemessen. Einsicht lässt sich schlecht herbeiführen. Manchmal ist die Zeit für Einsicht auch nicht reif. Eltern können nur immer wieder Angebote machen.

Aber wenn sich ein Kind benachteiligt fühlt…

… können Eltern nachfragen und bitten, Beispiele zu nennen. Manchmal stimmt es ja auch, dann können Eltern sagen, dass sie darüber nachdenken werden, dass sie die Gefühle des Kindes ernst nehmen und es besser machen werden. Man sollte immer auch das Umfeld, also Großeltern, Freunde, Erzieher fragen, wie sie das sehen.

Was können Eltern tun, wenn sie wissen, sie haben das Kind nicht benachteiligt, aber es beharrt darauf, dass es sich benachteiligt fühlt?

Eltern werden ihren Kindern das Gefühl nicht nehmen können. Wenn sie aber immer mehr und mehr nachgeben, wird das Kind auch nicht zufrieden sein. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, etwa am Ende der Woche das Kind zu fragen, wie es sich in den vergangenen Tagen gefühlt hat, und deutlich zu machen, dass man sich Mühe gegeben hat, es nicht zu benachteiligen. Manchmal vergeht das Gefühl mit der Zeit. Kinder lernen, ihre Gefühle zu überprüfen.