Sie kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem sie wusste: Jetzt muss sich etwas ändern. Es war vor vier Jahren. Tanja Bräutigam, damals 38, fuhr im Berufsverkehr mitten durch die Stadt, um ihre vierjährige Tochter von einem Freund abzuholen. Hinten auf der Rückbank der 18 Monate alte Sohn. Er quengelte ein wenig, die Mutter dachte: Das schaff’ ich nie rechtzeitig. Eine typische und, zugegeben, nervige Situation. Für die zweifache Mutter war es der Moment, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ihr gelang es zwar noch, die Tochter ins Auto zu verfrachten. „Aber dann: Herzrasen, Tunnelblick, Verzweiflung“, erzählt sie. „Mein Kopf sendete nur noch: Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.“
Weinend brach Tanja Bräutigam zusammen, „vor meinen Kindern, die doch auf meinen Schutz angewiesen waren“. Das belastet sie bis heute. Doch sie erkannte auch: Ich bin völlig ausgebrannt. Ich brauche eine Pause. Eine Pause, in der ich wieder zu mir kommen kann, Lebensfreude gewinne und nicht mehr nur als Mutter, Partnerin und Hausfrau funktioniere und über meine Kräfte lebe. Eine fünfwöchige Kur in einer psychosomatischen Rehaklinik brachte ihr Erholung, neue Erkenntnisse – und ebnete ihr den Weg zurück in ein glückliches Leben. Darüber hat Tanja Bräutigam jetzt ein Buch geschrieben: „Fünf Wochen Rabenmutter“.
Sie mimte viel zu lange die „starke Tanja“
Der Titel ist bezeichnend. Eine Auszeit vom aufreibenden Alltag mit kleinen Kindern wird Müttern selten zugestanden – am wenigsten von sich selbst. Lieber opfern sie sich auf, bevor sie als „Rabenmutter“ gelten. Weil sie zugleich auch noch dem Bild der modernen Frau entsprechen wollen, die erfolgreich im Beruf ist, eine attraktive Partnerin, eine unternehmungslustige Freundin und eine unterstützende Tochter, klappen viele Frauen unter dem Erwartungsdruck und ständiger Überforderung zusammen. Die alarmierende Folge: Die Diagnose „Burn-out“ hat sich bei Frauen, die in einer Klinik Hilfe suchen, in den vergangenen 15 Jahren fast verdoppelt, weiß Anne Schilling vom Müttergenesungswerk.
Tanja Bräutigam kennt die Symptome eines Burn-out, der mit physischen und psychischen Störungen einhergeht, nur zu gut. Erschöpfung bis hin zu depressiven Verstimmungen. Gereiztheit. Ängste. Panikattacken. Und vor allem Schlaflosigkeit. Selbst als sie in der Rehaklinik die Möglichkeit hatte durchzuschlafen, ohne von einem Kleinkind geweckt zu werden, brauchte ihr Körper viele Nächte, um zur Ruhe zu finden.
Warum hat sie, die über weite Strecken auch noch quasi alleinerziehend war, weil der Vater aus Jobgründen viel unterwegs ist, nicht früher um Hilfe gebeten? „Es ist Teil der Krankheit, dass man den Rückzug antritt, anstatt Unterstützung zu suchen“, sagt Tanja Bräutigam. Außerdem hätten in ihrem Umfeld selbst alle genug zu tun gehabt, und Babysitter seien eine finanzielle Belastung gewesen. Doch sie weiß auch, dass sie sich viel zu lange verstellt hat, die „starke Tanja“ gemimt hat, anstatt zu zeigen, wie sehr sie Hilfe braucht.
Auswege aus der Mama-Falle
Eine Mischung aus inneren Mustern und äußeren Umständen habe zum Zusammenbruch geführt, hat die 42-Jährige erkannt. Sie beschreibt sie schonungslos in ihrem Buch, und viele Mütter werden sich in ihren Schilderungen wiedererkennen. Die Autorin wünscht sich, dass ihr offener Umgang mit der Krankheit anderen Frauen hilft, gar nicht erst in die „Mama-Falle“ zu geraten. Und sie hofft, dass ihr Buch dazu beiträgt, dass die Gesellschaft mehr Verständnis für Menschen mit psychischen Krankheiten zeigt.
Auch ihre Wege aus der Krise können eine Anregung sein. Die passionierte Ex-Handballerin hat den Sport für sich wiederentdeckt und eine erfüllende Tätigkeit als Sporttherapeutin gefunden. Sie hat mit den Kindern Entspannungsrituale eingeführt, etwa das gemeinsame Singen, und eine Paartherapie angestoßen. Vor allem aber, sagt Tanja Bräutigam, achte sie wieder mehr auf ihre Bedürfnisse und fordere sie auch ein – „weil ich es mir wert bin“. Der folgende Buchauszug gibt einen Einblick, wie sich Tanja Bräutigam selbst aus dem Blick verlor – und wie sie sich wiederfand.
Meine ersten Tage in der Kur oder: Wie bin ich hier bloß gelandet?
Es riecht herrlich nach Herbst, die Blätter leuchten in unendlich vielen Farben, und die Sonne verleiht den Blättern noch ein zusätzliches Funkeln. (...) Ich lasse mich auf einer Bank nieder. Ich verbinde mich mit der Erde, indem ich bewusst den Kontakt meiner Füße mit dem Boden wahrnehme. Ich sitze aufrecht, die Füße fest auf dem Boden, die Hände mit der Handinnenfläche nach oben auf den Oberschenkeln. Ich atme ein, mein Bauch hebt sich, und mit dem Einatmen nehme ich die Energie der Erde auf. Beim Ausatmen lasse ich bewusst los, was ich nicht mehr brauche, und gebe es an den Boden ab. Ein beruhigendes Gefühl. Negative Gedanken stören permanent meine kleine Mini-Mediation, aber ich versuche immer wieder, zurück zu meiner Atmung zu gehen. Einatmen, neue Energie aufnehmen, ausatmen, alte Energie abgeben. Achtsamkeit und Meditation sind in den Medien die Allheilmittel bei sämtlichen psychischen und physischen Krankheiten. Seinem Gehirn eine Auszeit gönnen, bei sich bleiben und der inneren Stimme Raum geben. Anwesend soll man sein, im Körper, in diesem augenblicklichen Moment.
Die Problematik bei uns Mamis ist nur, wenn die innere Stimme endlich zu Wort kommt, ist es noch schlimmer als vorher. Als Mama kann man es sich kaum leisten, in sich hineinzuspüren. Eigentlich bricht man sofort zusammen, weil einem bewusst wird, dass man seit Monaten nicht mehr vernünftig geschlafen hat, dass sich der Alltag nur noch um Haushalt und Kinderhüten dreht. Der eigene Biorhythmus vom Schlafrhythmus der Kinder verschluckt wurde. Man sich in einem Stand-by-Zustand befindet. Hilfe, da will man doch gar nicht seine innere Stimme hören. Immer, wenn ich in den heftigen Zeiten versucht habe zu meditieren, ist es noch viel schlimmer geworden.
Dass die eigenen Eltern wenig Verständnis dafür haben, dass man als Mama ständig erschöpft ist, ist eigentlich kein Wunder. In der Generation meiner Eltern wurde der eigene Rhythmus noch ernst genommen. Kinder blieben in ihren Kinderzimmern, denn Verwöhnen war nicht angesagt, und Babys hat man ohne schlechtes Gewissen schreien lassen. Die Folgen sind bekannt.
Man will es anders machen
Ich glaube, dass meine Ängste und auch das Ohnmachtsgefühl der Hilflosigkeit stark aus dieser Zeit herrühren. Ich finde es ein furchtbares Gefühl zu wissen, dass man als Baby aus Angst und Hilflosigkeit geschrien hat und aus erziehungstechnischen Gründen einige Male nicht getröstet wurde. Und genau aus diesem Grund mache ich es bei meinen eigenen Kindern anders. Ich bin rund um die Uhr für meine Kinderda. Tag und Nacht. Auch wenn mein eigener Rhythmus nicht mehr existiert und ich so langsam einsehen muss, dass dieser Weg auch nicht der richtige Weg ist. Denn ich bin über diesen gewählten Weg unglücklich geworden. Und eine unglückliche Mutter ist natürlich kein gutes Fundament für die Kinder. (...)
19 Uhr und ich sitze in meinem Zimmer. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass es in der Klinik keinen Fernseher auf dem Zimmer gibt. Das ist per se nicht weiter schlimm, da ich auch zu Hause selten fernsehe. Nur jetzt, für die ersten Tage in der Klinik, hätte ich tatsächlich liebend gern einen Fernseher zum Ablenken. Heute würde ich wahrscheinlich selbst eine Rosamunde-Pilcher-Schmonzette schauen. Hauptsache, mein Blickwinkel geht weg vom Zimmer, weg von den Gedanken, hier gelandet zu sein, weg vom Negativen.
Baden wäre eine Lösung.(...) Auch für uns als Paar war das Baden früher ein schönes Ritual. Nach größeren Konflikten ist die Badewanne immer ein Ort für ein klärendes Gespräch gewesen. Meistens endete die Versöhnung darin, dass wir Sex in der Badewanne hatten. Ich muss sehr lange überlegen, wann ich das letzte Mal mit meinem Mann zusammen gebadet habe. Es sind kaum noch Rituale aus der Anfangszeit übrig geblieben. Das Baden, nach dem Sex ein kaltes Becks Lemon öffnen und gemeinsam trinken, das gemeinsame Joggen, am Wochenende auch mal den ganzen Tag im Bett bleiben und Pizza bestellen, Freitagabend gemeinsam Party machen. Wieso lässt man Dinge los, die gut gelaufen sind, und holt sie auch dann nicht hervor, wenn es kriselt? Ich kann keine Antwort darauf geben.
Sehnsucht nach den Kindern
Sahne zum Anrühren einer eigenen Bademischung habe ich leider nicht dabei (ungünstig im Koffer zu transportieren), dafür aber Lavendelbadeöl. Ich lasse das Badewasser einlaufen und entscheide mich, währenddessen zu Hause anzurufen. Ich habe große Sehnsucht, die Stimmen meiner Kinder zu hören. Meine Tochter meldet sich.
„Hallo, Mäuschen, ich bin es, Mama.“
„Mamaaaaaaaaaaaaaa! Wann kommst du nach Hause?“ Augenblicklich schießen mir wieder die Tränen in die Augen.
Meine Kinder gehören wahrscheinlich zu den wenigen Kindern, die tatsächlich in etwa ein Gefühl dafür haben, was es bedeutet, wenn ein Elternteil für längere Zeit weg von zu Hause ist. Meine Tochter ist so aufgewachsen. Sie kennt es gar nicht anders, als dass ihr Papa beruflich viel unterwegs ist. Dass mein Mann eine Woche weg ist, bemerkt mittlerweile niemand mehr, weil es an der Tagesordnung ist. Zwei und drei Wochen tun uns als Familie schon weh, vier, fünf oder sechs Wochen sind für alle eine Vollkatastrophe. Natürlich hängt es auch davon ab, wie die Wochen ohne Papa verlaufen. Sind die Kinder gesund, der Alltagsrhythmus einigermaßen gesetzt, läuft es meistens gut. Nur wehe, es kommt etwas dazwischen.
Aus irgendeinem Grund werden die Kinder immer krank, wenn mein Mann beruflich unterwegs ist. Das ist ein Phänomen, oder eher ein Fluch, den ich nicht erklären kann. Es ist wie verhext. Und kranke Kinder nachts allein zu versorgen, geht ein, zwei, drei Nächte gut. Aber dann ist mein Akku leer. Gerade wenn der Tag keine Pausen hergibt. Und dann wird es für uns drei zu Hause schwierig. Meine Nerven liegen blank. Ich entwickele eine unsagbare Wut auf meinen Mann und gerate in einen Tunnel voller negativer Gedanken. Ich fühle mich dann immer unendlich einsam, inmitten meiner Kinder und trotz des Status, eigentlich verheiratet zu sein.
Die Welt ist so voller Lebendigkeit. Einsam zu sein, ist eine Entscheidung, die man selbst fällt. Bei Überforderung scheint das mein Muster zu sein. Einsam und verzweifelt.
Erst kotzt ein Kind das Bett voll, dann das zweite – und dann bin ich dran
Magen-Darm-Grippe gehört zu meinen Lieblingskrankheiten, wenn ich mit den Kindern allein bin. Zuerst kotzt eins der Kinder das Bett voll (vornehmlich nachts), dann ist man damit beschäftigt, alles zu waschen (was nachts auch nicht wirklich Spaß macht), während ein Kind oder im schlimmsten Fall beide Kinder weinen, weil ich das Zimmer verlassen habe. Tagsüber geht es dann ohne Schlaf mit dem Kümmern um das kranke Kind weiter, während das gesunde Kind beschäftigt werden möchte. Wenn man Glück hat, wird es nach 24 Stunden besser. Nur dann ist es nicht erledigt. Denn zu hundert Prozent erwischt es Kind Nummer zwei in der nächsten Nacht auch. Oder mich. Dann geht gar nichts mehr.
Eine weitere Lieblingskrankheit ist Husten. Meine Kinder bekommen mit Beginn der Kälte Husten, der übergeht in eine Bronchitis, die wiederum übergeht in eine Lungenentzündung. Und während manche Mamis mir erzählen, dass ihre Kinder trotz Husten nachts gut schlafen, liegen meine neben mir im Bett und husten und husten und husten. An Schlaf ist nicht zu denken. Nichts hilft. Die harten Sachen wie Hustenstiller oder Antibiotikum lasse ich mittlerweile komplett weg. Sie schlagen nicht an, und somit brauche ich den kleinen Körper meiner Kinder damit auch nicht zu quälen. Spongia, Drosera, Thymianbalsam auf die Brust, nasse Tücher im Zimmer, Inhalationen abends vor dem Fernseher, Zwiebelsäckchen über dem Bettchen – es gibt eigentlich nichts, was ich nicht schon ausprobiert hätte.
Die Problematik ist, dass nach vier Jahren Husten das Geräusch von Husten bei mir sofortige Panik auslöst und eine negative Gedankenschleife nach sich zieht, die ich kaum aufhalten kann. Ich bin nicht mehr im Ist-Modus, sofort erscheint vor meinem geistigen Auge das bevorstehende Szenario: mindestens eine Woche kein Schlaf mehr, tagsüber keine Pause, weil beide Kinder zu Hause sind und meine Nerven bis zum Bersten gespannt, was automatisch zur Resignation führt und mich gereizt und weinerlich werden lässt. Das muss in der Realität nicht tatsächlich so aussehen, aber mein Gehirn sendet es mir vorab schon mal.
Ich fühle mich wie eine Rabenmutter
Natürlich reifen die Lungenentzündungen im Winter genau dann, wenn der Kindsvater nicht zugegen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass mir der Begriff „Hilfe holen“ bis dato ein Fremdwort gewesen ist. „Hilfe holen“ bedeutet Schwäche zeigen. Und ich zeige nicht gern Schwäche. Ein großer Fehler, wie sich im Nachhinein rausgestellt hat.
Wenn Mamis alleinerziehend sind, ist der Fokus viel mehr darauf gelegt, Hilfe anzubieten. Wenn man alleinerziehend mit Mann ist, kommt selten jemand auf die Idee, Unterstützung anzubieten. Dann muss man explizit darum bitten. Und da ich das jahrelang nicht konnte, war ich eigentlich mit meinen Kräften fast immer am Limit, wenn mein Mann sich auf Reisen befand.
„Mein Liebes, es dauert noch eine Weile, bis ich nach Hause komme. Aber Papa ist doch für euch da!“
Bisher war ich immer die verlässliche Konstante für die Kinder. Egal, wie oft und wie lang Papa beruflich unterwegs gewesen ist, Mama war zu Hause. Ich habe die Kinder in dieser Zeit noch nie über Nacht abgegeben. Das bringe ich nicht übers Herz, wenn schon Papa weg ist. Diese Sicherheit haben und fühlen die Kinder jetzt nicht, denn sie wissen, dass auch Papa wieder reisen wird. Es bricht mir das Herz, dass ich das meinen Kindern antun muss. Ich fühle mich wie eine Rabenmutter. Aber wenn sie eine Mama zurückhaben möchten, die endlich wieder etwas belastbarer ist und mehr Lebensenergie in sich trägt als augenblicklich, ist diese Auszeit die einzige Lösung. Für uns alle. (...)
Zurück in den Alltag oder: Raus aus der Opferrolle
Ich sitze im Zug nach Köln. 42 Tage sind vorbei. Fast vier Wochen habe ich niemanden vermisst. Ich war mir in dieser Zeit der wichtigste Mensch, und das ist für den Moment genau richtig gewesen. (...) Ich bin hier wieder zu der Tanja geworden, die tief in mir schlummert. Groß, aufrecht, mitteilend, lustig, aktiv und wieder mit Hoffnung versehen, dass in mir die Kraft vorhanden ist, die ich für ein gelungenes Leben und meine Aufgaben im Alltag benötige. Natürlich ist mir bewusst, dass noch ein langer Weg vor mir liegt. Der Chefarzt hat mir prophezeit, dass es noch rund ein Jahr braucht, um vom Kopf bis zu den Fußsohlen wieder in die eigene Kraft zu kommen.
Ich werde wohl eine Menge Geduld brauchen, meinen Energiehaushalt schonen und besser zwei Gänge zurückschalten müssen, anstatt wieder in allen Lebenslagen 100 Prozent zu geben. Wenn denn mein Umfeld das zulässt und mich auch mal „schwach“ akzeptiert.
Während meines Aufenthalts in der Klinik ist mir klar geworden, dass Stress nicht automatisch bedeutet, dass man krank wird. Es hat viel mit meinen Mustern und meiner inneren Bewertung von Situationen und der Einstellung zu tun, wie ich mit Stress umgehe. Ohne die Zuversicht, dass ich mein Leben bewältigen kann, werde ich immer wieder aufs Neue in meinen Gefühlen ertrinken. Ich muss für mein Leben die volle Verantwortung übernehmen und raus aus der Opferrolle kommen. Nach Lösungen suchen, die für mich leicht und stimmig sind. Wie bei der Selbstverteidigung, es bedarf auch dort einer einfachen Technik, die bei Gewalt und Angst eingesetzt werden kann. Es wird unabdingbar sein, dass ich Hilfe und Unterstützung annehme und einfordere, meinem Alltag mehr Struktur gebe und mir Kraftquellen suche, die mir Halt und Sicherheit schenken. Wie eine Art Tankstelle, an der ich meine Kraft wieder auftanken kann. (...)
Raum für sich schaffen
Wie anders ich mich heute fühle als am Tag der Hinfahrt vor fünf Wochen. Ich fahre mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Weinend, weil diese besondere Auszeit, diese geschenkte Zeit, die wahrscheinlich für immer fest als Schatz in meinem Herzen verankert ist, nun vorüber ist. Für die nächsten Jahre belaufen sich meine Auszeiten wahrscheinlich auf ein paar kinderfreie Wochenenden. Zwei, vielleicht mal drei Nächte. Und lachend, weil es jetzt einfach an der Zeit ist, für meine Kinder eine gute Mutter zu sein, meinen roten Faden wiederaufzunehmen und auf den Alltag losgelassen zu werden.
Und ich möchte nicht nur eine gute Mutter sein. Ich möchte unglaublich gern wieder mehr Rollen einnehmen dürfen, als nur auf Mama-Sein und Hausfrau reduziert zu werden. Ich möchte Freundin sein, Ehefrau, Liebhaberin, Schwester, Träumerin, Sportlerin, Tochter und somit auch Kind sein dürfen, Visionärin und irgendwann auch Kollegin und Arbeitnehmerin. Es wäre wunderbar, wenn diese Vielfältigkeit der Rollen in meinem Leben wieder Raum bekäme. Darum geht es doch. Raum für sich zu schaffen. Inneren Raum und äußeren Raum. Und sich damit unabhängig von den Stürmen machen, die unabdingbar kommen werden. (...)
Natürlich sind meine destruktiven Verhaltensweisen noch immer vorhanden. Es würde an Zauberei grenzen, wenn ich alle alten Muster wie eine Schlange ihre Haut einfach abgelegt hätte. So einfach macht es das Leben einem dann doch nicht. Aber es ist meine tägliche Entscheidung, wie viel Gewichtung ich dem Negativen in mir gebe. Irgendwo zwischen Kämpfen und Angepasstsein muss es doch einen Mittelweg geben, den ich gehen kann. Eben nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip, was zumeist sehr anstrengend sein kann.
Lebensfreude und Liebe haben Vorrang
Es ist meine tiefe Sehnsucht, der Lebensfreude und der Liebe den Vorrang zu schenken vor den Zweifeln, Sorgen und Ängsten. So wie meine wundervolle Musiktherapeutin das Zitat von Ella Fitzgerald als Inspiration genutzt hat, um mit 54 Jahren noch eine Ausbildung als Musiktherapeutin zu starten, möchte auch ich dieses Zitat nutzen, um an mich zu glauben. „Lass dich nicht von dem abbringen, was du unbedingt tun willst. Wenn Liebe und Inspiration vorhanden sind, kann es nicht schiefgehen.“
Allen Mamis diese Welt möchte ich (...) mit auf den Weg geben, dass wir die eigentlichen Heldinnen des Alltags sind. Wir können auf das, was wir täglich leisten, jede Sekunde unseres Lebens stolz sein. Gebt auf euch acht, sorgt gut für euch, seid im Hier und Jetzt mit euren Kindern und denkt immer daran: „Wo eine Mama ist, da ist auch ein Weg!“
Zum Weiterlesen:
Tanja Bräutigam: 5 Wochen Rabenmutter. Wie ich nach dem Burnout wieder Kraft für mich und meine Familie fand. Eden Books, 14,95 Euro


