Naturheilkundler rät

Welche Heilkräuter Sie wieder gesund machen

Der Herbst ist Erkältungszeit. Welches Kraut ist dagegen gewachsen? Wir waren mit Naturheilkundlern unterwegs und haben Tipps gesammelt.

Schön und heilsam: Pflanzen haben viele Kräfte

Schön und heilsam: Pflanzen haben viele Kräfte

Foto: tatyana_tomsickova / iStockphoto

Professor Andreas Michalsen kann begeistern. Er ist Chefarzt für Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus in Wannsee und spricht in erwartungsvolle Gesichter. Sein Thema: Wie kann man mit Naturheilkunde chronische Krankheiten und Schmerzen heilen? Anlass ist der Tag der offenen Tür der Immanuel-Medizin Zehlendorf. Die Antworten sind einleuchtend: Bewegung, Fasten, Ernährungsumstellung. Und wenn sie gewöhnungsbedürftig sind wie die Blutegeltherapie oder das Schröpfen, dann kann er anfängliche Verwunderung schnell und plausibel entkräften.

Immer wieder geht es um spezielle Pflanzen. Besonders schätzt der Arzt die Gelbwurz, Curcuma sei bei fast jedem Krankheitsbild empfehlenswert. Weidenrinde und Teufelskralle helfen bei Rückenschmerzen, Ingwer und Pestwurz bei Migräne. Wer fleißig die Apothekerzeitung liest oder Kochshows im Fernsehen verfolgt, hat vielleicht schon davon gehört und freut sich über Bestätigung von kompetenter Seite. Oder aber er ist müde geworden zu hören, was alles gesund sei und was schädlich, zumal sich die Studien oft gegenseitig widersprechen. Der viel geschmähte Kaffee zum Beispiel: Für Michalsen gehört er zu den Pflanzenextrakten, in Maßen genossen beuge er Diabetes und Fettleber vor. So sehr man dem Professor glauben will: Ein bisschen ist es wie damals, als man krank war und Kamillentee trinken sollte: Kann ja nicht schaden. Aber ob es hilft?

Mir wurde der Glauben schon in der Kindheit genommen. Zwar habe ich bei Zahnfleischbluten brav Salbei gekaut. Frisch gepflückt von der Haushälterin unseres Onkels, der Priester war. Oder rasch ein Rhabarberblatt aus dem Garten der Großmutter aufgelegt nach einem Bienenstich. Als meine Mutter hustete, kam meine Großtante mit einem Korb voll Isländisch Moos an. Sie half manchmal in der Küche des Franziskanerklosters aus und bekam dafür reichlich Segen von oben und gelegentlich Pflanzen und Kräuter. Meine Mutter trank tapfer den sehr bitteren Tee.

Die Tante aß zum Frühstückskaffee ganze Knoblauchzehen

Das war in den 1970er-Jahren. Damals erschütterte der Contergan-Skandal das Vertrauen in die Pharmaindustrie und verschaffte der Naturheilkunde eine Renaissance. In unserer Familie erzählte man sich wilde Geschichten über ältere Verwandte. Eine Tante meiner Mutter aß zum Frühstückskaffee ganze Knoblauchzehen. Die andere versuchte, Leukämie mit Rote-Bete-Saft zu behandeln, denn alles Rote sei gut für das Blut. Mein Großvater sammelte Wermut und machte daraus Tee und Schnaps für seine Magenprobleme, während die Großmutter in unseren Augen ein wenig moderner war. Bei Beschwerden aller Art schwor sie auf Melissengeist. Ein paar Tropfen auf einem Zuckerwürfel, das schmeckte auch uns Kindern.

Unsere Familie war symptomatisch für diese Zeit, die altes, traditionell erworbenes Wissen über Pflanzen zwar mitnahm, aber – Skandal hin, Skandal her – auch gerne gegen Medikamente der modernen Medizin eintauschte. Warum auch nicht? Bei Kopfschmerzen half Aspirin, bei Nebenhöhlen-Entzündungen ein Antibiotikum und bei Verdauungsproblemen Schnaps, egal ob mit oder ohne Kräuter.

Zumindest für mich war die pflanzliche Medizin keine ernstzunehmende Alternative. Im Gegenteil, es war ein Leichtes, alles in den gleichen Topf zu werfen: Homöopathie, Bachblüten, Schüssler-Salze, Kneipp, Hildegard-Medizin, Pflanzenheilkunde. Kurz gesagt: Zu viele Heilsversprechen, zu viel Glauben, zu wenig Wissenschaft.

Was ist eigentlich Pflanzenheilkunde?

Seltsam, denn dass Pflanzen sehr wohl wirken, hat eigentlich nichts mit Glauben zu tun. Cannabis, Opium, Maiglöckchen, Tollkirsche: Pflanzen greifen in das Nervensystem ein, lähmen Atemwege oder führen zu einem Kreislaufkollaps. Die Wirkung von pflanzlichen Rauschmitteln und Giften war nie umstritten. Trotzdem schwang in der Verbindung mit Heilung in meinen Ohren sofort Homöopathie mit, und Homöopathie klang nach niedriger Dosierung und folglich schwacher Wirkung. Wenn überhaupt.

Soviel zum schlampigen Umgang mit Begriffen. Heute weiß ich mehr: Homöopathie und Pflanzenheilkunde sind zwei verschiedene Richtungen der Naturheilkunde mit verschiedenen Arzneimitteln und Präparaten.

Streng genommen ist Homöopathie nicht Naturheilkunde, sondern eine Alternativheilkunde wie Bachblüten-Therapie oder Schüssler-Salze. Dies einmal klar gestellt, kann sich ein vollkommen neuer Zugang zur Pflanzenheilkunde auftun, auch für Menschen wie mich, die aus Angst vor esoterischer Verwirrung und tradiertem Aberglauben bislang einen weiten Bogen darum gemacht haben.

Eine Flut von Ratschlägen

Gefahr droht jedoch nach wie vor – und das aus den eigenen Reihen. Wir wurden in den vergangenen Jahren mit einer Flut an Ratschlägen überhäuft, was man alles essen soll und was nicht. Fernsehköche wurden nicht müde, die gesundheitlichen Vorzüge der verschiedenen Kräuter und Gewürze herunterzubeten, bis man entnervt ausstieg oder gar zu McDonald’s rannte. Ein dynamischer Senior versprach im Frühstücksfernsehen ewige Jugend, wenn man nur fleißig Artischocke oder Melissen zu sich nehme, bis er von Bloggern gestoppt wurde. Dem älteren Herrn wurde Schleichwerbung vorgeworfen für eine Firma, die aus den empfohlenen Produkten pflanzliche Präparate herstellt.

Das wirft nicht das beste Licht auf die armen Pflanzen. Wenn sie für alles gut sind, dann auch für nichts. Jahrhundertelang hat sich eine Flut an sogenannter Indikationslyrik angehäuft – lange Listen mit Heilzuschreibungen für beinahe jede Pflanze -, derer sich jeder zu bedienen scheint, wie es gerade passt.

Man beruft sich auf Hippokrates, Hildegard von Bingen, Karl den Großen, Paracelsus, die Inkas, auf die Ureinwohner Australiens und auf viele andere Quellen, die zum Teil gegenseitig voneinander abschrieben. Mit der traditionellen chinesischen Medizin und dem indischen Ayurveda kamen neue Indikationen und Pflanzen dazu. Gänzlich Verwirrung stifteten schließlich all die Nahrungsergänzungsmittel, die noch besser den Zeitgeist zu treffen glaubten. Plötzlich schwirrten freie Radikale durch die Luft, die man mit Antioxidantien bekämpfen sollte, die in Kräutern, Gewürzen, Früchten und Gemüsen zuhauf zu finden seien. Ein Run auf neue Produkte wie Chiasamen, Goji- oder Acaibeeren setzte ein. Sie sollen besonders gut freie Radikalen bekämpfen, aber auch beim Abnehmen helfen und gleichzeitig Krebs und Diabetes vorbeugen.

Aspirin statt Baldrian

War man eh schon skeptisch, hatte man spätestens jetzt genug und griff genervt von so viel Beliebigkeit zum Aspirin statt zum Baldrian, wenn der Kopf wieder zu sehr schwirrte. Oder man schob das alles beiseite und fragte sich: Was hilft nun wirklich? Denn dass man bei nicht lebensbedrohenden Krankheiten nicht gleich die großen Geschütze auffahren soll, leuchtet auch ohne umfangreiche Studien oder Heilsversprechen ein. Zumal Antibiotika Gefahr laufen, bald nicht mehr zu wirken, weil sich Resistenzen gebildet haben.

Vielleicht doch lieber etwas Pflanzliches? Gute Wahl!

Es ist nämlich nicht alles Indikationslyrik, was da grünt und blüht. Professor Michalsen und andere Naturheilkundler berufen sich auf die Phytotherapie, die anerkannte Lehre von der Verwendung der Pflanzen als Heilmittel. Im Unterschied zu anderen Therapien der Komplementärmedizin war es kein Guru, der sie begründet hat. Vielleicht ist sie deshalb weniger präsent im Bewusstsein vieler Menschen und wurde überlagert von Volksmedizin, Kräuterhexen, Wunderheilern und Alternativmedizin.

Ein Berliner begründete die moderne Pflanzenheilkunde

Der Begründer der modernen Phytotherapie ist der 1895 in Berlin geborene Arzt Rudolf Fritz Weiss. Seine Tätigkeit fiel in eine Zeit, in der man Wildkräuter Unkrautjägern überließ, Kräuterheiler für Spinner hielt und ansonsten bedingungslos den Errungenschaften der modernen Pharmaindustrie folgte, von der man sich Wunder erhoffte und auch bekam – etwa das Penicillin.

Weiss hingegen hatte schon als Zehnjähriger Pflanzen gesammelt und ein Herbarium angelegt. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte er Medizin und Botanik und machte seinen Facharzt in Innerer Medizin an der Charité. In russischer Kriegsgefangenschaft, es mangelte an Medikamenten, konnte er beweisen, dass Heilpflanzen einen entscheidenden Vorteil haben: Sie wachsen wild und können mit einfachsten Mitteln zu Heilpräparaten verarbeitet werden. Auf diese Weise bekämpfte er die Ruhr mit Gänsefingerkraut. Offenbar erfolgreich: Die russische Lagerleitung beauftragte ihn, Vorträge über sein Pflanzenwissen zu halten. 1944 erschien sein „Lehrbuch der Phytotherapie“, bis heute das Standardwerk der Pflanzenheilkunde, das immer wieder überarbeitet wurde. Zuletzt erschien im Jahr 2009 die 12. Auflage.

Für Weiss bilden Phytotherapie und moderne Schulmedizin keinen Widerspruch. Pflanzen werden mit Hilfe der Wissenschaft auf ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft. Ausgangspunkt bleiben aber Erfahrung und Tradition, wie sie in der Volksmedizin und in historischen Kräuterbüchern überliefert sind. Die Phytotherapie schaut sich also das traditionelle Einsatzgebiet an und prüft, ob und wie Pflanzen wirken.

Schauen, was das alte Heilwissen sagt

Pflanzen enthalten im Unterschied zu sogenannten Monopräparaten, die heute meist synthetisch hergestellt werden, viele verschiedene Wirkstoffe. Diese können chemisch isoliert werden. Viele synthetische Medikamente wurden so entdeckt. Aspirin verdankt seinen Namen der Spire oder auch Mädesüß (weil man damit den Met süß gemacht hat). Aus der Spire isolierte man den Wirkstoff Spirinsäure, das man heute als Salycilsäure kennt, nach Salix, der Weide, deren Rinde den Wirkstoff ebenso enthält. Und dennoch haben die heutigen Tabletten und Pulver weder Mädesüß noch Weidenrinde je gesehen. Die Chemie zaubert aus Phenol, das aus Erdöl oder Steinkohlenteer gewonnen wird, Acetylsalicylsäure - ganz ohne Pflanzen.

Die Phytotherapie hingegen bleibt bei Weidenrinde und Mädesüß, denn sie sieht die Vorteile der Pflanze gerade in der Gesamtheit der Wirkstoffe. Sie schaut, was das alte Heilwissen sagt. Weidenrinde wurde schon in frühen Hochkulturen gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Sie prüft, wie man sie am besten verarbeiten kann: Junge Triebe trocknen, dann pulverisieren und als Tee zubereiten. Sie versucht, die Wirkstoffe herauszufinden. Dann werden Studien gemacht, die die Wirkung belegen. Nebenwirkungen müssen abgeklärt werden, die Dosierung festgelegt. Auf diese Weise kommt eine Monographie der Pflanze zustande, die alle Studien zusammenfasst und die Grundlage bildet für die Aufnahme in den Katalog der Heilpflanzen.

Alles ist per Gesetz geregelt

Diese ist nicht nur für die Phytotherapie selbst wichtig, sondern auch für den Gesetzgeber und letztlich für den Patienten, der wissen will, ob etwas wirkt oder gar schadet. Mittlerweile ist das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) auf europäischer Ebene dafür zuständig. Es erstellt Beurteilungen für die Zulassung pflanzlicher Arzneimittel.

Ein Beispiel: Für die Weidenrinde gilt laut HMPC, dass sie bei leichten Rückenschmerzen hilft. Das ist medizinisch anerkannt und gesichert, weil Studien bewiesen haben, dass die Weidenrinde bei leichten Rückenschmerzen mehr kann als Placebos. Aber der europäische Ausschuss kennt noch eine zweite Zulassung, nämlich die „traditionelle Anwendung“. Hier muss der Pflanze nachgewiesen werden, dass seit 30 Jahren damit erfolgreich medizinisch behandelt wurde und dass der Einsatz unbedenklich ist.

Das Heilungsspektrum der Weidenrinde erweitert sich bei traditioneller Anwendung auf leichte Gelenkschmerzen, Fieber bei Erkältungen, Kopfschmerzen und zur Besserung der Befindlichkeit bei rheumatischen Beschwerden. Deshalb sieht man auf Verpackungen oft den Hinweis: „traditionelle Anwendung“. Es fehlen also noch Studien, die die Wirksamkeit nach wissenschaftlichen Kriterien belegen.

Mit pflanzlichen Mitteln lässt sich weniger Geld verdienen

Genau diese Studien sind ein großes Problem für die Phytotherapie. Sie kosten viel Geld, und mit pflanzlichen Medikamenten lässt sich wohl weniger Geld machen als mit synthetischen, weil schon allein die Ausgangsprodukte teurer sind. Die chemische Industrie ist per Pipeline mit Raffinerien verbunden, während Unternehmen, die mit Pflanzen arbeiten, erst warten müssen, bis die Kräuter heranreifen. Und das bei jeder Witterung und in gleichbleibender, am besten Bio-Qualität.

Die hohen Kosten schaffen ein Paradox: Obwohl bekannt ist, dass pflanzliche Wirkstoffe viel besser vertragen werden als chemisch-synthetische, steht auf dem Beipackzettel von Pflanzenpräparaten oft, dass sie für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet sind. Und zwar meist nur, weil das noch nicht hinreichend untersucht wurde. Hier fehlen die Forschungsgelder.

Wie gut, dass pflanzliche Medizin sich nicht nur auf fertige Präparate beschränkt. Mehr noch: Die vertrauensvolle Beschäftigung mit der Pflanze gehörte für Rudolf Fritz Weiss zum therapeutischen Erfolg. Streng nach Schulmedizin klingt das jetzt nicht. Aber wenn man es positiv sieht, heißt das: Raus in die Natur. Bewegung und frische Luft, zwei Säulen der klassischen Naturheilkunde und der Schulmedizin.

Kostbare Kräuter mitten in der Stadt

Und wenn man die Pflanzenexkursion mit jemandem macht, der sich auskennt, wird aus dem Kräuterhexen-Geheimnis wertvolles Pflanzenwissen mit gut begründeter Heilkunde. In Berlin bieten viele Phytotherapeuten Heilkräuterspaziergänge an. Man muss auch nicht weit hinaus, denn Heilpflanzen wachsen mitten in der Stadt.

Wir treffen uns am Eingangstor des Matthäusfriedhofs mitten in Schöneberg. Zur Begrüßung gibt es ein Marshmallow-Stöpselchen. „Einfach so“, sagt Olaf Tetzinski, Heilpraktiker und Gärtner, der uns über den Friedhof führen wird, „da ist nichts Gesundes drin, auch nichts Pflanzliches“. Etwas irritierend, sind wir doch hier, um mehr über Gesundheit und Pflanzen zu lernen.

Ein paar Gräber weiter gibt es Aufklärung. Der Grabschmuck ist eine rot blühende Malvenstaude. Früher wurden Marshmallows aus einer klebrigen Substanz gemacht, die aus den Wurzeln der Sumpfmalven gewonnen wurde. Die englische Bezeichnung der Pflanze gab der Süßigkeit auch ihren Namen.

Aber die Malvenwurzel, speziell die der Sumpfmalve und bei uns besser bekannt als Eibischwurzel, kann noch mehr: Sie hilft bei trockenem Husten und Schleimhautreizungen. Von den europäischen Behörden ist sie abgesegnet als traditionelles Arzneimittel.

Natürlich dürfen wir die Wurzel nicht ausgraben, das und auch das Sammeln von Kräutern ist auf dem Friedhof verboten. Dafür ist die Pflanzenvielfalt eine ganz besondere. Und Olaf Tetzinski hat sogar selbst ein Kräuterbeet angelegt, um Zusammenhänge besser aufzuzeigen.

Der Patient ist mit in der Pflicht

Wir probieren die Blüten der Rauke, sie schmecken leicht scharf und erinnern an Kapuzinerkresse und Meerrettich. Kein Wunder, alles Kreuzblütler und alle enthalten Stoffe, die bei Erkältungen helfen. Die Kombination Kapuzinerkresse und Meerrettich gilt sogar als Parademittel der Phytotherapie, besonders wirksam bei Blasenentzündungen und Bronchitis. Sie hat eine antibiotische Wirkung, was natürlich interessant ist, weil sie bei leichterem Krankheitsverlauf Antibiotika ersetzen kann. Zudem leistet das Pflanzenpräparat etwas, das ein synthetisches Monopräparat nicht kann. Es hilft nicht nur bei einer bakteriellen Infektion, sondern auch bei einer viralen.

Kapuzinerkresse und Meerrettich sind die Bestandteile von Angocin, das von Ärzten und Heilpraktikern gerne verschrieben wird, auch vom Heilpraktiker Olaf Tetzinski. Aber eigentlich sind ihm Pflanzenextrakte, also Tees lieber. Denn Heilung geschieht nicht nur durch Pillenschlucken.

Der Begründer der Phytotherapie, Rudolf Fritz Weiss, zitierte gerne den Asklepios-Spruch: „Zuerst das Wort, dann die Pflanze, zuletzt das Messer.“ Der Heilpraktiker und Phytotherapeut handelt danach, wenn er dem Patienten zuhört und erst nach umfassender Kranken- und Lebensgeschichte die Tees ganz individuell und abgestimmt auf die Konstitution des Patienten zusammenmischt. Und der Patient wird aktiv in die Pflicht genommen, weil er den Tee mehrmals am Tag selbst zubereiten muss. Er setzt sich also nochmals ganz im Sinne von Weiss vertrauensvoll mit der Pflanze auseinander.

Aber das alles kostet Zeit und die gibt es zu wenig im normalen Gesundheitsbetrieb. Das Teetrinken habe leider abgenommen, sagt Olaf Tetzinski, die Therapie sei vielen, besonders den Männern, zu mühsam. Es ist auch nicht immer leicht, gute getrocknete Pflanzendrogen zu bekommen. In Berlin gilt die Zieten-Apotheke in Kreuzberg als Kräutermekka. Hier bekommt man so gut wie alle einheimischen Kräuter und auch die der chinesischen Medizin.

Eine App hilft, den Durchblick zu behalten

Allerdings machen den Heilpflanzen all die Nahrungsergänzungsmittel, die auch im Supermarkt erhältlich sind, Konkurrenz. Sie sehen oft aus wie Medikamente, sind aber nicht dem Arzneimittelgesetz unterstellt. Sie sind also Lebensmittel, die nicht dazu bestimmt sind, Krankheiten zu heilen oder zu verhüten. Das stiftet noch immer Verwirrung. Abhilfe schafft eine kleine App, die vom internationalen Netzwerk für Phytotherapie (ESCOP) entwickelt wurde. Hier kann man auf Heilpflanzen klicken und auf ihre Wirkung.

Man kann dort nachlesen, dass Gelbwurz bei Verdauungsstörungen wirkt, genauso wie Wermut. Dass Isländisch Moos bei Reizhusten und Salbei bei Entzündungen im Rachen- und Mundraum hilfreich ist. Und dass die Rhabarberwurzel gegen Verstopfung hilft. Ob das Blatt auch bei Bienenstichen wirkt, ist nicht vermerkt.