Haustauschferien

Biete Berlin, suche Urlaubsparadies

Sich in der Fremde wie ein Einheimischer fühlen: So charmant kann Wohnungstausch sein. Hier erzählen Berliner und Gäste, was sie erlebt haben

Kerstin aus Thailand mit ihren Kindern Lilith und Bennet (vorn) tauschen die Wohnung mit  Richard, Cäcilie und Greta aus Berlin

Kerstin aus Thailand mit ihren Kindern Lilith und Bennet (vorn) tauschen die Wohnung mit Richard, Cäcilie und Greta aus Berlin

Foto: Sergej Glanze

Ohne W-Lan geht es nicht. Das Brandenburger Tor, der Reichstag, die East Side Gallery – alles nice to have, aber zweitrangig. Kennt sie längst, hat sie schon oft gesehen. Im Herzen ist Kerstin Clausenius, 51, eben immer noch halbe Berlinerin. Sie hat hier mal für einige Jahre mit Mann und Kindern gelebt, bevor sie 2009 nach Thailand ausgewandert sind, um sich ihren Traum vom eigenen Ferienclub zu erfüllen. Mit Tauchschule, Spa und Pool: Good Time Resort.

Aber in den Sommerferien kehrt die Familie gerne zurück. Und jetzt sitzt Kerstin Clausenius in der Küche von Richard Stiefel in Charlottenburg und tippt eine Email an den Manager des Good Time Resort in Mueang Trat in ihren Laptop. Wie denn die Buchungen für das Weihnachtsgeschäft liefen? Ob schon alle Appartements vermietet seien?

Ihr Gesicht ist sonnengebräunt, die Sonnenbrille hat sie lässig in die Stirn geschoben. Kerstin Clausenius sieht erholt aus. So, als käme sie gerade aus dem Urlaub. Dabei hat der ja gerade erst angefangen. Vier Wochen Berlin mit ihrem Mann Yodyng, 48, und den Kindern Lilith, 12, und Bennet, 11. Freunde besuchen, Tennis spielen, Kaffee und Kuchen im Café Schönbrunn in Friedrichshain, „unserem Outdoor-Wohnzimmer“. Aber ein wenig Arbeit muss sein. Sie ist Unternehmerin, doch ihre Geschäfte kann sie auch online erledigen. Und deshalb ist ihre erste Frage die nach W-Lan.

Der Deal: Berlin gegen Bacardi-Insel

Das drahtlose Internet gehört zur Grundausstattung in jedem Hotel. Aber Familie Clausenius ist nicht in einem der 800 Hotels, Hostels oder Pensionen in Berlin abgestiegen, sondern bei Familie Stiefel. Vater Richard, 60, wohnt mit den Töchtern Cäcilie, 16, und Greta, 13, in einer Stadtwohnung in Charlottenburg, „near the famous Kurfürstendamm-Boulevard“, so steht es auf der Homepage der Haustausch-Börse www.homeexchange.com. 140 Quadratmeter in der 5. Etage, mit Fahrstuhl, Computer, W-Lan, Geschirrspüler.

Umgekehrt freut sich Richard Stiefel schon auf seinen Urlaub im Ferienhaus von Familie Clausenius. Es ist eine „beautiful Thai-style Villa“, sie liegt in einem tropischen Garten auf der Insel Koh Mak, und im Februar fliegt er hin. Nur einmal hinfallen, dann ist man am Strand. Klima-Anlage und Balkon gibt es auch. „Und W-Lan“, sagt Yodying und lächelt süffisant. „Das kriegt man bei uns auf jedem Speedboot.“

Tausche Berlin gegen Bacardi-Insel, das ist der Deal. Homeexchange.com macht es möglich. Es ist die größte von 50 Online-Plattformen weltweit, die Urlauber miteinander vernetzt. 65.000 Mitglieder in über 140 Ländern. In Deutschland verbreitet sich die Idee nur langsam: Erst 1257 Bundesbürger haben ihr Zuhause ins Internet gestellt, die Hälfte davon Berliner. Daraus zu schließen, die Bewohner der Hauptstadt seien gastfreundlicher als die im Rest der Republik, greift jedoch zu kurz. Es ist die Stadt, die Touristen wie ein Magnet anzieht, nicht die Vielfalt an Unterkünften, von der ruhigen Einzimmer-Wohnung in „trendy Schöneberg“ bis zur „charming Villa“ in Zehlendorf. Auf der Liste der beliebtesten Reiseziele in Deutschland steht Berlin auf Platz eins, vor München und Bayern und Hamburg.

Das Netzwerk wächst

Das Netzwerk wächst, zwar langsam, aber stetig. 1992 gegründet, verzeichnet es jedes Jahr ein Mitglieder-Plus von zehn Prozent. Das Zuhause zu tauschen, liegt im Trend. Social Travelling ist Teil der Share Economy. Und durch das Internet hat sich dieses Prinzip bis in den letzten Winkel der Welt verbreitet. Alles wird geteilt: Kühe, Landmaschinen, Autos, Raum zum Arbeiten, Bücher. Warum also nicht auch Zimmer, Wohnungen oder Häuser? Schöner urlauben in den vier Wänden von Menschen, die so gern reisen wie man selbst, und dabei noch bis zu 50 Prozent der Reisekosten sparen?

Die Idee reicht zurück bis in die 1950er-Jahre. In Skandinavien suchten Lehrer einen Weg, um günstig Urlaub zu machen. Doch erst der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter verhalf dieser Idee zum internationalen Durchbruch. 1976, so will es die Legende, suchten er und seine Frau Rosalyn eine Gelegenheit, Land und Leute in Brasilien besser kennenzulernen. Sie tauschten ihre Erdnussfarm in Georgia mit dem Haus einer Familie in der Hafenstadt Recife. So fing es an.

Inzwischen ist das Angebot an Tauschbörsen so groß, dass es sich nach Zielgruppen ausdifferenziert hat. Es gibt Tauschbörsen für Familien (knok.com), für Studenten (casaswap.com), für christliche Menschen (christianhomeexchange.com), ja, sogar für Villen- und Zweithausbesitzer (3rdhome.com) und für Homosexuelle und Tolerante (homearoundtheworld.com).

Jede Menge Anekdoten

Die Stiefels aus Berlin sind auf Nummer sicher gegangen. Um ihre Trefferquote zu erhöhen, haben sie sich für die größte Tauschbörse entschieden. Es funktioniert. Das zeigt die Weltkarte, die in Cäcilies Zimmer hängt. Mit Stecknadeln hat die 16-Jährige die Orte markiert, die sie schon bereist haben. Andalusien, Paris, Texel, Mexico, Miami, Washington D.C., Thailand. Und zu jedem Spot fallen ihr Geschichten ein.

Die von der Wohnung in Paris zum Beispiel. 1A-Lage auf dem Montmartre, Silvester in dem berühmten Ausflugsviertel der Stadt, Restaurants, Bars, Varietés. Und mittendrin ein Appartement, das so versifft war, dass sie sich nicht trauten, in der Küche etwas zu essen zu machen. Cäcilie rollt mit den Augen.

Oder im letzten Jahr der Trip nach Cancun in Mexico. Ein Appartement an der Playa del Carmen, so riesig, dass sie mit ihrer ganzen Schulklasse dort hätte wohnen können, 400 Quadratmeter, ein Whirlpool auf der Dachterrasse. Doch es ist nicht dieses Bild, das sich ihr eingeprägt hat. Wenn Cäcilie von Cancun erzählt, dann gehen ihr Bilder der Slums durch den Kopf. Von Häusern ohne Fensterscheiben, aber mit Tüchern. „Voll krass“, sagt sie. Und dass ihr wieder bewusst geworden sei, wie gut es ihr in Berlin ginge.

Einkaufstipps aus erster Hand

Lilith aus Chang Mai beeindruckt das kaum. Als Pendlerin zwischen zwei Welten ist sie selbst ständig unterwegs. Gestern waren sie noch in Rom, Zwischenstopp in einem Appartement ohne W-Lan. Jetzt gibt ihr Cäcilie Tipps, wo sie am besten shoppen gehen kann. Primark? H & M? Cäcilie runzelt die Stirn. „Ich kauf’ immer bei Brandy Melville ein.“ Globetrotter-Kinder unter sich.

Für die nächsten Tage wird sie ihr Zimmer für Lilith und Bennet räumen. Sie und Greta wohnen dann bei ihrer Mutter in Schöneberg. Für die Schwestern nichts Ungewöhnliches. Ihre Eltern haben sich vor einem Jahr getrennt. Sie leben abwechselnd bei Papa und Mama. Richard Stiefel zieht für die nächsten Tage zu seiner Freundin. Und wenn die Gäste aus Thailand Ende des Monats ausziehen, fahren sie zu fünft nach Bordeaux. Wohnungstausch mit einer französischen Familie. Beide Mädchen dürfen ihre beste Freundin mitbringen. Platz genug gibt es auch dort.

Richard Stiefel seufzt. Es ist seine elfte Reise als Wohnungstauscher. Ein Mann, vier Mädchen im Teenager-Alter. Aber da muss er durch. Viel mehr nervt den IT-Berater, dass er vor jeder Abreise immer wieder dieselben Fragen beantworten muss. „Wie kannst du fremde Leute in deinem Bett schlafen lassen? Hast du gar keine Angst, dass hinterher etwas fehlt?“

Warum bloß diese Skepsis?

Stiefel bleibt dann ganz ruhig. Er macht überhaupt einen tiefenentspannten Eindruck. Er sagt, dass diese Skepsis tief sitze, sehr tief. Und dass er das nicht verstehe. Denn so ein Austausch setze zwar Vertrauen voraus, aber auf beiden Seiten. „Ich übernachte doch auch in einem fremden Bett.“ Und Wertsachen, ach Gott, die habe er gar nicht. Gut, da ist seine Musikanlage von Sonos, der Mercedes unter den Wireless Hifi Systemen. Aber warum sollte die jemand klauen? In einem Hotel, klar, da könnten Sachen verschwinden. Aber doch nicht in einem Zuhause, das man genauso achtsam behandelt, als ob es das eigene wäre. Sollte Richard doch insgeheim Angst um seine Anlage haben, lässt er es sich nicht anmerken. Er wirft Cäcilie einen vielsagenden Blick zu. Er sagt: „Die kann ja auch wegkommen, wenn die Mädels hinter meinem Rücken eine Party feiern.“

Kinder, Kinder. Kerstin Clausenius lächelt. Sie kennt das. Die beiden sitzen in der Küche. Ein Blick hat gereicht, und Kerstin hat erkannt, dass sie hier alles findet, was sie zum Kochen braucht. Gerade hat ihr Richard erklärt, wie die Espressomaschine funktioniert. „Über diesen Knopf kannst du einstellen: kräftig, mild, sehr mild.“

Es ist ein seltenes Bild: Gastgeber und Gast zusammen an einem Tisch. In der Regel begegnen sich die Tauschpartner nicht. Der eine kommt, der andere geht. Es war Richards Nachbar Hans, der die Familie aus Thailand in Empfang genommen hat, als sie vor zwei Tagen ankam. Es war schon gegen Mitternacht. Richard hatte Bionade und Cola-Fritz kalt gestellt und auch etwas fürs Abendbrot eingekauft, so ist das üblich. Ganz fürsorgliche Gastgeber backen auch mal einen Kuchen oder kochen ein Essen vor. In Frankreich, so hört man, kommt das sogar häufiger vor.

Adressen für den Notfall

Bevor Richard aus seiner Wohnung auszog, hatte er den Gästen auch einen DIN-A4-Ordner hinterlassen. Stadtpläne, Ausflugstipps, Adressen zum Einkaufen. Die braucht Kerstin Clausenius zwar nicht, die Familie kennt sich in Berlin aus. Aber das gehört zum Service dazu. Falls es dann noch Fragen gibt, wird über Skype, Email oder Whatsapp kommuniziert. Die Nummern haben sie schon vor der Abreise ausgetauscht.

Sicher ist sicher. Und Notfälle gibt es. Fast jeder Wohnungstauscher hat das schon erlebt. Kerstin Clausenius senkt die Stimme, wenn sie erzählt, wie sie einmal haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Das war in Bonn. Sie waren zu Gast bei einer Familie mit einer behinderten Tochter. Zum Haushalt gehörten auch zwei Meerschweinchen. Die sollten sie füttern und bei schönem Wetter auf dem Rasen laufen lassen, in einem eigenen Gehege, so hatten es ihnen die Gastgeber eingeschärft. Die Tochter hing an den Tieren. Sie waren Teil ihrer Therapie.

Eines Abends aber war eines der Meerschweinchen verschwunden. „Es war ein Albtraum“, sagt Kerstin Clausenius. Sie mag sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn sie das Tier nicht wiedergefunden hätten. Nachbarn halfen bei der Suche. Sie durchkämmten die ganze Straße. Es war schon fast dunkel, als sie das Meerschweinchen in einem Gebüsch fanden.

Als der Espressokocher explodierte

Die Stiefels kennen solche Situationen. Da war die Sache mit dem Espressokocher. Es passierte in Texel. Traumhafte Insel, tolles Haus, aber merkwürdige Gastgeber. Richard sagt, so etwas habe er noch nie erlebt. Überall im Haus hingen Sticker mit Hinweisen. Bitte keine Werbung. Bitte die Schuhe ausziehen. Bitte die Dusche nach Gebrauch trocknen.

Und ausgerechnet hier flog an ihrem letzten Urlaubstag ein Espressokocher in die Luft. Die Kanne stand auf der heißen Herdplatte. Seine Frau hatte vergessen, die Dichtung hineinzuschrauben. Ein Knall, und die ganze Küche war schwarz vor Kaffeepulver. Der GAU. Denn eine Hausratversicherung ist in ihrem Jahresbeitrag von 130 Euro nicht enthalten. Homexchange.com rät allen Mitgliedern vor dem ersten Tausch, zu prüfen, ob ihre Police solche Schäden abdeckt.

Richard Stiefel besorgte einen Eimer weiße Farbe. Er hatte die Küche schon fertig renoviert, als es klingelte. Die Eltern der Besitzer aus Amsterdam standen vor der Tür. Ihre Kinder hatten sie alarmiert. Sie wollten nur mal eben schauen, ob das Haus noch stehe. Sie verließen die Insel beruhigt. Stiefel grinst vergnügt. Er sagt: „Reklamationen gab es keine.“

Direkter Draht zu den Menschen vor Ort

Es sind auch solche Geschichten, die erklären, warum der IT-Mann keine Lust mehr auf Hotels hat. Unter den 150 Anfragen, die er jedes Jahr über die Haustausch-Börse bekomme, sei immer ein Land dabei, das er noch nicht kenne. „Gerade kam ein Angebot aus Brasilien.“ Was für ein Geschenk. Stiefel sagt, man erlebe mehr, wenn man sich bei Einheimischen einquartiere. „Ich fühle mich im Ausland nicht mehr wie ein Tourist.“

Er spricht damit vielen Wohnungstauschern aus der Seele. Geld zu sparen, das ist für viele nur ein Motiv. Der Frust über den Massentourismus ist das andere. Häufig sind die Tauschfreudigen genervt von Zimmern in Hotels, die auf der ganzen Welt gleich aussehen, weil sie zu einer internationalen Kette gehören.

Kein Wunder also, dass die Zahl der privaten Übernachtungen in Berlin höher ist als die in Hotels, Hostels oder Pensionen. Und die hat 2015 immerhin die Rekordmarke von 30 Millionen geknackt. Dazu kamen aber nochmal 32, 5 Millionen Übernachtungen bei Freunden, Verwandten und Bekannten plus 3,6 Millionen Übernachtungen in Ferienwohnungen. So steht es in einer aktuellen Studie der Tourismus-Behörde Visit Berlin.

Sightseeing, resümiert der Reiseforscher Ulrich Engelhardt, reicht als Anreiz für Städtereisen eben nicht mehr aus. Gesucht werde der direkte Draht zu den Menschen vor Ort. „Ein Hotelzimmer ist meistens austauschbar. In der Wohnung eines Einheimischen zu übernachten ist dagegen ein unverwechselbares Erlebnis.“

Auch Zimmer zu vermieten ist beliebt

Zum Beispiel eine Nacht in der Zwei-Zimmer-Wohnung von Paula in Prenzlauer Berg, in der 3. Etage eines Altbaus. Paula ist Fotografin. Eine passionierte Surferin in den Dreißigern, die sich sowohl in Südamerika als auch in Asien gut auskennt. Ihr Einkommen schwankt je nach Auftragslage. Immer, wenn Paula „mega-pleite“ ist, vermietet sie ihr „cosy, bright“ Zimmer an Touristen. Nicht nur wegen der Kohle, darauf legt Paula Wert. „Wenn du nicht mit dem Herzen dabei bist, macht das keinen Sinn.“ Paula zeigt den Gästen ihr Berlin, die Bar „Studio 8“ in Wedding oder das Restaurant „Best Friends“. Und wenn Paula Zeit hat, kocht sie auch für ihre Gäste.

Ihr Zimmer ist eines von 18.000 Berliner Quartieren auf der Homepage der Zimmervermittlung Air B‘n‘B. Zimmer, Wohnungen, Hausboote, Villen. Der Markt in Berlin ist überschaubar, verglichen mit den 75.000 Unterkünften in Paris oder den 45.000 Quartieren in London. Das liege wohl auch daran, dass die Mieten in diesen Hauptstädten deutlich höher sind als in Berlin, sagt Air B‘n‘B-Sprecher Julian Trautwein. Die Gastgeber, sie sind eben auch Geschäftsleute, daraus macht er keinen Hehl.

Immer mehr Berlinern passt das nicht. In Gegenden wie Kreuzberg oder Neukölln gibt es Mietshäuser, in denen täglich neue Touristen ein- und ausgehen. Nachbarn reagieren mittlerweile allergisch auf den Sound der Rollkoffer. Um den Missbrauch einzudämmen, hat der Senat ein Zweckentfremdungsverbot verhängt. Seither dürfen Wohnungen nicht mehr gewinnbringend an Feriengäste vermietet werden.

Doch wo hört die Gastfreundschaft auf, wo fängt das Geschäft an? Diese Grenze lote das neue Gesetz nicht genau aus, kritisiert Trautwein. „Wenn jemand seine Wohnung während seines eigenen Urlaubs vermietet, ist es aus unserer Sicht nicht kommerziell.“

Aus Fremden werden Freunde

Paula irritiert dieser Streit. Eine Nacht in ihrem Schlafzimmer kostet 40 Euro - weniger, als die meisten anderen Vermieter in diesem Bezirk ihren Gästen abknöpfen. Wenn Paula vor dem Winter nach Südamerika flieht, vermietet sie die ganze Wohnung für 500 Euro. Es ist ein Preis, der nur leicht über ihrer Warmmiete liegt.

Paula ist nicht ihr richtiger Name. Der darf in dieser Geschichte nicht erwähnt werden. Ihr Vermieter weiß nichts von ihren Nebeneinkünften, und Paula ist nicht sicher, ob er dieses Nebengeschäft duldet. Sie will keine Scherereien.

Dabei eilt Paula der Ruf einer exzellenten Gastgeberin voraus. So kann man es in ihren Bewertungen auf der Homepage von Air B‘n‘B lesen, nämlich für Gäste eine verlässliche Hilfe. Miguel aus Spanien schreibt, sie sei ein sehr cooles und relaxtes Mädchen. Terence aus New York lobt ihren ausgezeichneten Musikgeschmack - Drum‘n Bass und Hip Hop. Es gibt Gäste, die als Fremde kamen und als Freunde gingen. Paolo ist so einer, ein brasilianischer Dogsitter aus London. Wie tickt der denn, dachte Paula, als er sich an seinem ersten Abend gleich im Pyjama zu ihr an den Tisch in der Küche setzte, so, als wäre er dort zu Hause. Inzwischen wohnt er in Berlin, bei ihr um die Ecke, und man trifft sich gelegentlich auf einen Kaffee. Ist sie nie von Männern belästigt worden? Paula schüttelt den Kopf. Sie macht Kampfsport. Sie sagt, sie trete eben selbstbewusst auf. Bisher habe sie das wohl geschützt.

Andere Frauen hatten wohl weniger Glück. Die Sorge vor Belästigung ist einer der Gründe, warum eines der ältesten Netzwerke für Gastgeber auch in Berlin nicht mehr richtig funktioniert: Couchsurfing. Dabei übernachten junge Touristen zum Nulltarif auf Sofas in Studenten-WGs oder Single-Buden.

Die Lust auf Kochabende sinkt

Man trifft die Couchsurfing-Interessenten beim Stammtisch in einer Kneipe in Kreuzberg. Knapp zwanzig Leute sind da, alle zwischen zwanzig und vierzig, fast nur Männer. Außer der Chinesin Lee wohnen alle in Hostels oder in Zimmern von Air B‘n‘B. Das ist erstaunlich. Denn Berlin ist die drittbeliebteste Stadt der Couchsurfer weltweit. Doch es gibt immer weniger Berliner, die Lust haben, sie aufzunehmen.

Günther Dorn ist einer der letzten Mohikaner. 49 Jahre, Fotograf, Single. Ein gebürtiger Bayer, der das 2003 in den USA gegründete Netzwerk als Chance sieht, junge Leute aus dem Rest der Welt kennenzulernen. „Wenn ich nicht reisen kann, kommt die Welt eben zu mir.“ Doch an Kochabenden oder Kneipentouren seien die meisten Gäste gar nicht mehr interessiert, sagt er. „Die fragen einfach nur noch: Haste ein Bett? Du musst auch nicht auf mich warten. Leg den Schlüssel einfach unter die Fußmatte.“

Kevin, 32, ist keiner von denen. Das Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal und die Mauer hat der Mitarbeiter einer Airline schon gesehen. Jetzt, sagt er, würde er gerne noch etwas über den „Germany way of life“ lernen. Doch wie soll er Deutsche kennenlernen ? Alex, der Vermieter seines Air B‘n‘B-Zimmers in Steglitz, sei nie da. Und deshalb sitzt der Amerikaner aus dem US-Bundesstaat North Carolina jetzt hier zwischen Erik aus Lima und Timothy aus Pennsylvania und denkt laut darüber nach, warum er in Berlin keine Couch zum Schlafen findet. Männer hätten es schwerer als Frauen, sagt er.

Im Internet kursieren Anleitungen, wie man Couchsurferinnen flachlegt. Und da ist die Geschichte des 35-jährigen Polizisten aus dem italienischen Padua. 2015 wanderte er für sechseinhalb Jahre in den Knast, weil er über Jahre hinweg junge Touristinnen erst betäubt und dann vergewaltigt hat. Keine gute Werbung für die Couchsurfer.

Gut versorgt

Es sind Probleme, von denen Stiefels nichts ahnen. Die Gäste aus Thailand sind versorgt. Man trifft sich die Tage vielleicht noch einmal im „Schleusenkrug“. „Klar kennen wir den noch“, sagt Kerstin Clausenius. „Toller Biergarten.“

Jetzt läuft Richard mit den Töchtern die Treppe herunter. Nette Gäste seien das, findet er, aber ein bisschen komisch fühle er sich in diesem Moment schon. Wie ein Fremder im eigenen Revier. Dann setzt er seinen Helm auf und startet den Motorroller. Dass er die nächsten Tage woanders wohnt, daran müsse er sich erst gewöhnen, sagt er. „Hoffentlich fahre ich morgen nach der Arbeit nicht aus Versehen nach Hause.“

Die Anbieter im Netz: www.homeexchange.com, www.airbnb.de, www.couchsurfing.com