Aufklärung

Was Jugendliche über Sex wirklich wissen wollen

Frauenärztin Christine Klapp klärt seit 1989 in Schulen auf und weiß, welche Fragen Jugendlichen unter den Nägeln brennen. Hier ihre Erfahrungen.

Warum nicht mal ein, zwei Stunden Aufklärungsunterricht von Fachfrauen abhalten lassen? Die Ärztinnen der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) kommen in Berliner Schulen und ergänzen den Sexualkunde-Unterricht. Es löst bei den Schülern viel Vertrauen aus, eine erfahrene Frauenärztin oder Allgemeinmedizinerin vor sich zu haben. Dr. Christine Klapp, die in der Geburtsmedizin der Charité arbeitet, besucht schon seit 1989 regelmäßig Berliner Schulen.

Berliner Morgenpost: Hand aufs Herz: Spielen Aufklärungsbücher heute überhaupt noch eine Rolle?

Dr. Christine Klapp: Ja, ich denke schon. Vielleicht weniger bei Jugendlichen über 15 Jahren, aber bei den Jüngeren. Weil man sie in die Hand nehmen kann – ein Buch ist etwas Sympathisches. Es liegt zuhause herum, man kann sich „unabsichtlich“ nähern, wenn man will, es durchblättern und angucken. Oder es auch liegen lassen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach gute Aufklärungsbücher?

Für Jüngere ist ein Klassiker sicherlich „Peter, Ida und Minimum“. Ein offenes, aber auch sehr liebevolles Buch. Bei Älteren sehr beliebt: „Kriegen das eigentlich alle?“ – gemeint ist die Pubertät. Das Buch ist sehr nett gemacht und witzig. Humor ist wichtig. Auch nicht so ganz bierernst ist „Das Aufklärungsbuch“ von Sylvia Schneider und Birgit Rieger. Meine Söhne – ich habe drei – mochten damals den Klassiker „Ein Kind entsteht“. Das ist ein Mittelding zwischen Biologie- und Aufklärungsbuch. Und immer noch sehr berührend.

Wie früh sollte man mit der Aufklärung anfangen? Etwa schon im Kindergarten?

Ja, spielerisch kann man schon im Kindergarten beginnen. Wenn beispielsweise eine Frau einen dicken Bauch hat, weil ein Kind darin wächst, kann man das erklären. Und von sich selber erzählen: „Damals, als du noch in meinem Bauch warst, als du noch ganz winzig warst...“ So stellt man einen Bezug her.

Wollen Kinder aufgeklärt werden? Oder scheuen sie vor dem Thema zurück?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Kinder, die wollen alles wissen. Es gibt andere, die es nicht so genau wissen wollen. Man kann es nicht erzwingen.

Apropos gucken – klären sich die Kinder nicht heute selbst im Netz auf?

Ja, das tun sie. Aber beim Netz weiß man nie genau, was für Informationen sie sich holen. Das ist wie die Aufklärung unter Freunden, in der Clique: Die „Peers“ wissen scheinbar alles und setzen Mythen und fürchterliche Dinge in die Welt. Ein Buch dagegen ist ein gutes Mittelding zwischen anonym (Internet) und zu nah (Eltern) – und die Informationen darin sind meist gut recherchiert.

Was für Mythen?

Viele wissen beispielsweise, dass Sex mit Jugendlichen unter 14 Jahren strafbar ist. Daraus schließen sie dann aber, dass sie ab 14 Jahren Sex haben sollten.

Gibt es im Netz auch gute Seiten für Jugendliche?

Eine gute Adresse ist loveline.de von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. So ab 12, 13 Jahren.

Sie gehen ja als Frauenärztin in Schulen, halten dort Aufklärungsunterricht ab. Wann werden sie gerufen – wenn der Lehrer nicht weiter weiß?

Selten. Wir sehen uns als Ergänzung zur elterlichen und schulischen Aufklärung. Das Thema steht ja im Berliner Lehrplan. Zum ersten Mal taucht es als „Familie“ in der 2. Klasse auf. Der richtige Aufklärungsunterricht ist aber für die 5. und 6. Klasse vorgesehen. Dann sind die Kinder zehn, elf Jahre alt. Es gibt nicht wenige Lehrer und Lehrerinnen, die machen supertollen Aufklärungsunterricht – mit einer gewissen Distanz, die man dazu braucht. Dann sind wir tatsächlich nur eine Ergänzung.

Aber es gibt auch andere Fälle?

Es kommt schon mal vor, dass uns ein Lehrer oder eine Schule als Notnagel ruft. Manchmal, wenn sich ein Lehrer mit dem Thema überfordert fühlt. Oder wenn die Klasse stark pornographisiert ist. Es gibt auch Klassen, die sind dem Thema gegenüber verschlossen. Dann ist es leichter, wenn jemand von außen kommt.

Wer will schon als Jugendlicher mit seinen Lehrern über Sexualität reden?

Ja, natürlich gehört es zum erwachsen werden, seinen Intimbereich vor den Altvetrauten „zurückzuziehen“. Das ist ganz normal. Wer will schon, dass Papa und Mama die Sexualität regeln? Es gibt natürlich Mütter, die den Regelkalender der Tochter führen. Aber eigentlich sollten die Mädchen das selbst tun.

Was sind denn die großen Themen im Aufklärungsunterricht?

Hauptsächlich gesund erwachsen werdden - was kann man selber tun oder lassen? Ein Schwerpunkt ist oft die Verhütung. Viele haben von zwölfjährigen Mädchen gehört, die schwanger geworden sind und fragen sich, wie das geht. Oder die Regel. Wie geht man damit um? Auf diese Fragen antworten wir. Bei den Jungs ist das große Thema: Was ist normal? Die wollen zwar eigentlich alle cool sein, aber was den eigenen Körper angeht, soll alles normal sein. Sie fragen sich: Ist das richtig, was ich an mir sehe, was ich spüre? Die Größe des Gliedes ist manchmal ein Thema, auch die Masturbation.

Aber das besprechen Jungs doch niemals vor Mädchen...

Nein, natürlich nicht. Deshalb trennen wir die jüngeren Klassen in Jungs und Mädchen. Bei den Älteren, den Neuntklässlern, haben die Jugendlichen dagegen einen Teil der Stunde gemeinsam. Da geht es um Verhütung und Schwangerschaft. Damit sie wissen: Wenn es passiert, wenn ein junges Mädchen schwanger wird, dann hängen beide drin. Beide tragen die Verantwortung.

Verspüren Jugendliche heute Druck, früh Sex zu haben?

Manche schon. Bei älteren Schülern frage ich manchmal: Wie viel Prozent der 16-Jährigen in Deutschland hatten wohl schon Sex?

Und was antworten die Schüler?

Viele vermuten: 100 Prozent, nein, 110 Prozent. „Eigentlich alle – außer mir.“

Und wie viel Prozent sind es wirklich?

Bei Mädchen 45 Prozent, bei Jungs 35 Prozent. Aber es gibt Milieus, in denen der Druck hoch ist. Vereinfacht kann man sagen: Der Druck ist größer, wenn Bildung geringer ist. Ich habe aber auch in Zehlendorf manchmal zwölfjährige Schüler, die schon ziemlich abgeklärt fragen: Ab wann sollte man Sex haben?