Karneval

Lust am Kostüm: Warum wir uns gern verkleiden

Seit jeher schlüpfen Menschen gern in anderere Rollen und Kostüme – nicht nur zum Karneval. Professorin Gertrud Lehnert erklärt, warum

Clown auf dem Straßenkarneval: Im Kostüm feiert es sich noch ungehemmter

Clown auf dem Straßenkarneval: Im Kostüm feiert es sich noch ungehemmter

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Bei vielen Tieren ist das Verkleiden und Imitieren Teil ihrer Überlebensstrategie. Sie locken damit Beute an, schützen sich vor Fressfeinden oder imponieren potentiellen Partnern. Doch warum haben wir Menschen Spaß an der Kostümierung und am Rollenspiel? Ein Gespräch mit Gertrud Lehnert, Professorin am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam. Sie ist Expertin für Mode, Inszenierung und Maskerade im modernen und historischen Kontext.

Berliner Morgenpost: Viele Menschen lieben es, sich zu verkleiden, nicht nur an Karneval. Warum eigentlich?

Gertrud Lehnert: Das Verkleiden ist eine tolle Möglichkeit, sich auszuprobieren und seine Identität zu erweitern. Deshalb lieben Kinder ja auch Kostüme und Rollenspiele. Mit Kostümen, ja grundsätzlich mit Mode, können auch Erwachsene mit verschiedenen Optionen spielen und sich außerhalb des Alltags ausleben. Früher war auch der mytisch-religiöse Aspekt wichtig: Menschen legten sich zum Beispiel Felle um und setzten Hörner auf, um sich die tierischen Kräfte anzueignen, oder sie vertrieben mit Kostümen böse Geister. Es kann auch um Tradition gehen: Mit ererbter Kleidung und Moden aus der Vergangenheit führt man etwas weiter. Und nicht zu vergessen: Das Verkleiden macht einfach Spaß!

Wie wurde die Lust an der Kostümierung im Laufe der Zeit ausgelebt?

Gerade im Mittelalter und in der Renaissance wurde Karneval groß gefeiert. In diesen Gesellschaften war der Status sehr wichtig und der Karneval war eine Zeit, in der alle Regeln aufgehoben waren und Grenzüberschreitungen möglich wurden. Man durfte alles auf den Kopf stellen, das war wie eine Befreiung. Auch heute legitimiert der Karneval Ausgelassenheit und Grenzüberschreitungen. An den königlichen Höfen wiederum schätzte man Kostümbälle als ästhetisches Vergnügen und als Möglichkeit, Prunk und Pracht zu entfalten und zu repräsentieren. Der König musste den Adeligen ja etwas bieten, um sie bei Laune zu halten und sich selbst zu amüsieren. Aber das Verkleiden kann natürlich auch andere Facetten haben.

Welche meinen Sie?

Eine Verkleidung kann auch für eine List oder einen Betrug eingesetzt werden, also, um etwas Verbotenes zu tun. Der griechische Gott Zeus erschien seinen Angebeteten in unterschiedlichen Verwandlungen, um sie zu erobern. Es gibt auch viele Geschichten, in denen sich Männer als Frauen verkleiden oder in denen sich jemand als Herr statt Diener ausgibt – oder andersherum. Das zugrunde liegende Motiv ist die Sehnsucht nach etwas, das anders nicht erreichbar scheint. Das muss übrigens nicht immer mit einem Upgrading verbunden sein. So verkleidete sich Königin Marie Antoinette als Schäferin, um ihrem modischen Natürlichkeitskult zu frönen und sich in ein anderes Leben zu träumen. Das war ihre Art, aus zu engen Verhältnissen zu flüchten.

Venedig, Rio, Köln sind berühmt für ihren Karneval. Aus Japan kommt Cosplay. Wie ordnen Sie diesen Trend ein?

Beim Cosplay geht es darum, eine Figur aus einem Comic, einem Film, einem Buch oder einem Computerspiel durch Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu darzustellen. Der oder die Kostümierte verlässt die Wirklichkeit und taucht physisch in die Vorlage ein. Er oder sie hat also keine Distanz mehr zum Kunstwerk, sondern wird zu einem Teil davon und erlebt es auch emotional. Diese Rezeptionshaltung nennen wir Immersion.

Auch eine Flucht aus der Realität?

Auch. Aber man muss nicht alles psychologisch deuten. Beim Cosplay steht das Vergnügen, die Spiellust im Vordergrund. Man fühlt sich in Kostümen anders, bewegt sich anders. Das ist eine faszinierende Erfahrung. Sie kann auch verändern: Durch die Kostümierung ermutigt, übernimmt vielleicht der eine oder andere Cosplayer Verhaltensweisen in den Alltag.

Kann man vom Kostüm auf den Charakter schließen?

Nicht unmittelbar. Man weiß ja nicht, ob der Mensch Teile von sich zeigt oder sie gerade verdeckt. Will die Frau, die sich als Krankenschwester verkleidet, mal richtig sexy wirken? Oder ist sie ein verführerischer Typ? Vielleicht nimmt sie das Stereotyp auf die Schippe? Das gehört zum Reiz: Wer sich kostümiert, geht mit scheinbar eindeutigen Zeichen um, aber tatsächlich kann man die Botschaft nicht ohne Weiteres lesen.

Gibt es auch im Alltag Kostümierung?

Auch Mode bietet die Möglichkeit, Facetten zu inszenieren, Grenzen zu überschreiten, zu spielen, zu zitieren, etwa die 1950er-Jahre. Da spielt die ästhetische Lust eine Rolle. Von einem Kostüm würde ich erst sprechen, wenn man gezielt etwas anzieht, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Heute gibt es einfach Tausende Moden gleichzeitig, jeder Lifestyle hat seinen eigenen Ausdruck.

Sind die Menschen mutiger geworden, was die Kleidung angeht?

Ich finde, in Berlin sieht die Mehrheit ähnlich aus. Vielfalt und wirklich Auffälliges sieht man eher in den Medien oder zu besonderen Anlässen. Derzeit gibt es einen Trend zum typisch Maskulinen und typisch Feminininen: Männer haben Bärte und Tattoos, sie kleiden sich cool und lässig. Frauen tragen kurze Röcke und lange Haare. Mode lebt davon, dass sie immer etwas Neues bringt. Das kann auch das Alte sein, wenn man es nur lange genug nicht gesehen hat. Leider nur wird dieser Zwang zum Neuen immer schneller und verheerender.

Inwiefern?

Die Schnelligkeit in der Modebranche und diese Billig-Wegwerf-Mentalität führen zu verheerenden Fertigungsbedingungen und Umweltschäden. Außerdem verlieren die Menschen den Bezug zu ihrer Kleidung, wenn sie ständig Neues konsumieren. Dann wird die Kleidung zur Ver-Kleidung. Es wäre schön, wenn die Menschen weniger, aber bessere Kleidung kaufen würden und sie länger behielten. Dafür steht die Green-Fashion-Bewegung. Und das macht auch Stil aus. Stil: Den habe ich, wenn meine Kleidung zu einem Teil von mir geworden ist.