Eine Dschungelparty also. Wenn Millionäre wie die Geissens Kindergeburtstag feiern, geht es richtig zur Sache. Mit erstklassigen Kostümen, Riesen-Hüpfburg, Wasserrutsche, Partyplaner und Hauskoch. Mal wirft sich die Gesellschaft in Camouflage-Klamotten, mal wird, wie bei der Mottoparty „Snow Tropez“, Kunstschnee nach St. Tropez gekarrt. Zu ihrem 8. Geburtstag wünschte sich Töchterchen Shania, heute 11, eine Hippie-Party und den Besuch von DSDS-Sternchen Jessie. Aber auch DJ Ötzi war schon Kinderparty-Überraschungsgast bei der „schrecklich glamourösen Familie“, genauso wie ein Messerwerfer und ein Model. Und auch die Kamera ist natürlich immer dabei, wenn sich viel amüsiert, ein wenig blamiert und für die TV-Zuschauer ein schrilles Spektakel inszeniert wird.
Irre? Übertrieben? Weltfremd? Vielleicht. Mehrere Tausend Euro haben Normalo-Eltern natürlich nicht übrig, um ihren Sprösslingen einen unvergesslichen Tag zu bereiten. Aber viele Zutaten der Protz-Partys im Hause Geiss erinnern dann doch an einen typischen Kindergeburtstag. Überdrehte Kinder. Mütter und Väter, bei denen die Nerven blank liegen. Staunen und Lachen, Kreischen und Tränen. Immer gibt es ein Kind, das jammert oder schmollt, fast immer auch Leichtverletzte. Und dann die Sorge um das Wetter! Bleibt es trocken, zumindest, bis die Schatzsuche vorbei ist? Schmilzen die Schokoküsse in der Sonne? Schon im Vorfeld gibt es reichlich zu besprechen und zu bedenken: den passenden Tag, die richtigen Gäste, die Location, das Programm, die Deko, das Essen.
Ich erinnere mich, dass schon in meiner Kindheit der Gedanke an den Kindergeburtstag die ganze Familie in helle Aufregung versetzte. Dabei war das Setting vor 30, 40 Jahren denkbar einfach. Gefeiert wurde natürlich zuhause. Nur wenige Kinder luden zu so exotischen Unternehmungen wie zu einem Ausflug ins Kino oder auf die Bowling-Bahn ein, die damals noch Kegelbahn hieß. Auch um das Essen wurde wenig Aufhebens gemacht. Ein ungeschriebener Kodex besagte, dass es bei Kinderpartys nachmittags einen Marmorkuchen und abends Wiener Würstchen mit Ketchup gibt (weshalb diese Würstchen bei mir heute immer noch „Geburtstagswürstchen“ heißen).
Luftballons und Gummibärchen
Und welche Spiele wurden geboten? Wir gierten nach Klassikern wie Topfschlagen, Schoko-Wettessen und der Reise nach Jerusalem, im Sommer auch nach Eierlauf und Sackhüpfen. Mit zunehmendem Alter kamen Flaschendrehen und Zuzwinkern hinzu. Natürlich war es auch cool, bei Andrea aus der Parallelklasse eingeladen zu sein: Ihre Familie hatte einen Swimmingpool. Und Katharina, die in der Faschingszeit Geburtstag hatte, konnte jedes Jahr mit einer Kostümparty punkten. Aber im Grunde genommen waren wir Kinder zufrieden mit ein paar Luftballons und den Gummibärchen, die es am Ende der Feier in einer Tüte zum Mitnehmen gab.
Die eine oder andere Reiberei gab es aber natürlich auch damals schon. Connie heulte schon bei der Geschenk-Übergabe, weil sie das Präsent am liebsten selbst behalten hätte. Imke wollte das Fest verlassen, weil sie an der Kaffeetafel nicht neben Klassenschwarm Uli platziert war. Jule war eine notorisch schlechte Verliererin und zog deshalb eigentlich ständig einen Flunsch. Norma sorgte sich, dass ihre Mutter sie wegen der Grasflecken im Kleid ausschimpfen würde. Und Andy brachte meinen Vater fast um den Verstand, weil er den Ball stets zielsicher ins Blumenbeet lenkte.
Kinderfete – das bedeutet Stress und Aufregung, damals wie heute. Dass auch bei einem überschaubaren Rahmen weder Kleine noch Große über Stunden cool bleiben, liegt an den vielen Emotionen, die an diesem Tag hochkochen. „Ein Kindergeburtstag ist so ähnlich wie Weihnachten: Die Erwartungshaltung ist riesig und so ist die eine oder andere Enttäuschung fast schon vorprogrammiert“, sagt Felicitas Römer, Erziehungscoach und Autorin. Ihr neuestes Werk: „Bleib locker, Mama! Warum Eltern mit Gelassenheit weiterkommen“. Schon die Erwartung, dass bei vielen Kindern auf Dauer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, sei zu hoch: „Nur Harmonie geht nicht.“
Teure Ausflüge
Allerdings gibt es Tricks und Kniffe, damit das Lachen auf der Kinderparty dominiert und die Eltern nicht an Konfetti in jeder Ritze, beschmierten Wänden oder dem Ärger über verzogene, undankbare Kinder verzweifeln. Der wohl wichtigste Rat lautet: Weniger ist mehr.
Der Zeitpunkt, zu dem aus Kindergeburtstagen pompöse Events wurden, ist schwer auszumachen. Doch fest steht: Heute gehört ein aufwändiges Programm fast schon zum guten Ton. Zumindest ein Motto muss sein – wahlweise Pirat oder Prinzessin, Zoo oder Zirkus. Ältere Kinder stehen auf ausschweifende Übernachtungspartys mit Heimkino bis weit nach Mitternacht. Beliebt sind auch Geburtstagsveranstaltungen außer Haus, gern von Profis organisiert: Museumsrallye, Schmuck basteln, gemeinsam backen. Die Ausflüge gehen ins Geld: Während der Eintritt ins Kiez-Schwimmbad oder eine betreute Nachtwanderung durch den Grunewald noch verhältnismäßig günstig sind, schlägt ein Nachmittag auf der Kartbahn, der Eislaufbahn oder im Kletterpark ein deutlich größeres Loch ins Portemonnaie.
Zwischen 150 und 200 Euro müssen Eltern für einen organisierten Kindergeburtstag außer Haus kalkulieren, und dabei sind Essen und Getränke oder kleine Preise nicht immer inbegriffen. Wer es noch exklusiver mag, ist schnell mehrere Hundert Euro los. 459 Euro kostet die „Princess Tour“ von Wunderwerkstadt. Dafür gibt es eine zweistündige Tour in einer rosa Limousine, drei Flaschen Kindersekt und ein Fotoshooting vor dem Brandenburger Tor. 850 Euro werden Eltern für die dreistündige Piraten-Tour per Boot los – inklusive Spiele, Schatzsuche und Lagerfeuer mit Marshmallows.
Auch mal gegensteuern
Superparty statt Kindergeburtstag: Für Erziehungsberaterin Felicitas Römer ist dieser Trend Ausdruck für den gewandelten Status des Kindes. „Der Nachwuchs steht heute viel mehr im Mittelpunkt als früher, er ist für die Eltern ein ,Projekt’, manchmal sogar Lebenszweck“, sagt sie. Viele Eltern wollten sich über ihre Kinder profilieren, andere zögen aus Angst mit – damit das Kind bloß den anderen gegenüber keine Nachteile hat. „Heutzutage spart man eher an sich als am Kind und neigt dazu, auf jede Laune Rücksicht zu nehmen“, konstatiert sie. Auch wenn Eltern beste Absichten verfolgen – darin lauern auch Gefahren: „Wer sein Kind ständig überversorgt und auf ein Podest stellt, verwöhnt es und fördert Narzissmus“, warnt Felicitas Römer.
Sie macht Eltern Mut, sich auch mal gegen die Konsumgesellschaft zu stellen – gerade, wenn es die Familie auch finanziell überfordert. „Mütter und Väter dürfen zu ihren Kindern selbstbewusst sagen: Das ist mir zu aufwändig oder zu teuer“, sagt Felicitas Römer. Und wenn die Idee gar nicht vom Kind, sondern von den Erwachsenen ausgehe, sollten sich diese fragen, warum sie ein „Megaprogramm“ ansteuern. Weil sie Spaß am Feiern mit Kindern haben? Oder weil sie befürchten, dass ihr Nachwuchs sonst ins Hintertreffen gerät?
„Wenn Eltern in Ruhe überlegen, was passiert, wenn sie keine Superparty veranstalten, werden sie feststellen: Ihre Ängste sind übertrieben und unrealistisch“, so die Beraterin. Das gilt übrigens auch für die Geschenke: Sowohl die Präsente, die Kinder verschenken, als auch die kleinen Aufmerksamkeiten, die üblicherweise nach einer Kinderparty verteilt werden, sollten angemessen sein. Wo die Grenze liegt, muss dabei jede Familie für sich selbst festlegen.
Das gute Gefühl zählt
Tatsächlich gibt es immer mehr Familien, die den Rahmen für die Fete lieber wieder klein und gemütlich halten. Auch bei uns kam es jüngst eher zufällig zu so einem Fest, weil der vorpubertären Tochter kein Programm so richtig spannend, neu und passend für ihre Clique erschien. Also gab es eine Überraschungsparty zuhause – ohne Zeitplan, ohne Druck. Die Mädchen chillten, malten, tobten, alberten herum. Was soll ich sagen: Das Fest war ein Riesenerfolg. Und: Chaos, Tränen, Wutanfälle oder Gemecker gab es – zum ersten Mal – gar nicht.
Aber wer ist nun eigentlich der König oder die Königin beim Kinderfest? Darf das Geburtstagskind die Gästeliste allein festlegen? Muss es als zuvorkommender Gastgeber agieren oder darf es sich bei der Party alles rausnehmen? Felicitas Römer plädiert fürs Mittelmaß: Der oder die Gefeierte hat einen Sonderstatus und viele Wünsche frei, alles bestimmen oder gar herumkommandieren darf er oder sie aber nicht. „Wer seinem Kind zu viele Entscheidungen überlässt, kann es damit auch überfordern“, erklärt sie. Ihr Eltern-Tipp für eine gelungene Party: Im Vorfeld Wünsche besprechen. Sich nicht verausgaben. Und dann, beim Fest, einfach Spaß haben mit den Kindern. „Was zählt, ist, dass alle mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.“


