Berliner helfen

Anpacken und mitmachen im Flüchtlingsheim

In der Neuköllner Notunterkunft unterstützen sich Flüchtlinge gegenseitig. Sie freuen sich aber über Hilfe aus der Nachbarschaft und eine Aufgabe.

Foto: Jörg Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Der Zustrom von Flüchtlingen nach Berlin hält unvermindert an. Laut Statistik der Berliner Unterbringungsleitstelle lebten im Januar insgesamt 13.580 Flüchtlinge in 57 Unterkünften. Eine weitere Notunterkunft für 100 Flüchtlinge wurde Ende Januar in Neukölln im Mariendorfer Weg eröffnet. Betreiber ist die NTH Hilfe in Berlin gGmbH, ein Tochterunternehmen des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf e.V. In dem schlichten Gebäude, in dem im vergangenen Jahr noch Kinder der der gegenüberliegenden Hermann-Sander-Schule unterrichtet wurden, haben Menschen aus Syrien, Bosnien, Afghanistan, Kosovo und dem Irak Zuflucht gefunden. 80 Erwachsene und 20 Kinder, die oft monatelange Strapazen hinter sich haben, um Verfolgung, Krieg und Todesgefahr in ihren Heimatländern zu entgehen. „Ich war Sprachlehrer und Übersetzer für die Isaf-Truppen in Afghanistan“ erzählt der 24-jährige Ajmal Khan Dawoodzai. Er wurde deswegen verfolgt, saß drei Jahre im Gefängnis bis er fliehen konnte und vor anderthalb Monaten über Ungarn nach Deutschland gekommen ist. „Ich habe meine zwei Brüder verloren. Ich bin so froh, dass ich hier bin, aber ich muss immer an sie denken“, sagt der junge Mann, während er mit den Tränen kämpft.

Erschütternde Schicksale

„Es gibt so viele schreckliche Schicksale hier“, bestätigt Heimleiterin Diana Kampf. Stundenlang hören sie und ihre fünf Mitarbeiter den Neuankömmlingen zu, hören Geschichten von grausamen Tötungen, von mitleidlosen „Flüchtlingshelfern“, von wochenlangen Gewaltmärschen durch irakisches Berggebiet. „Wenn diese Menschen hier ankommen, sind sie erst einmal erleichtert. Aber dann kommt die Ungewissheit, die Trauer, die Angst, was nun wird“, sagt erfahrene Sozialarbeiterin. Eines sei allen Flüchtlingen gemein: sie wollen so schnell wie möglich arbeiten und für sich selbst sorgen - aber das dürfen sie laut Asylgesetz erst nach einem Jahr, sofern sich kein Deutscher oder anderer EU-Bürger für die Stelle eignet.

Flüchtling wurde Sozialarbeiter

Ehsan Fulladi kam 2012 als Flüchtling aus dem Iran nach Berlin und arbeitet heute als Sozialarbeiter in der Notunterkunft. Der 32-jährige hatte für die Wahlen 2009 Songtexte für die Grüne Bewegung in seinem Land geschrieben. „Nach der Wahl galt ich als regimefeindlicher Aktivist, wurde ins Gefängnis gesteckt. Mein Bankkonto wurde gesperrt, mein Auto beschlagnahmt“, erzählt er, während er das Essen im Speiseraum ausgibt. Dazu berät er die Neuankömmlinge bei Behördengängen, übersetzt Briefe und packt mit an, wo er gebraucht wird. „Überhaupt helfen sich hier alle gegenseitig. Morgens um 7 Uhr stehen die ersten vor meinem Büro und wollen eine Aufgabe“, erzählt die Heimleiterin. Dann werden die Fenster geputzt, Müll rausgebracht und die Wege draußen gefegt, wo auch die Duschcontainer stehen.

Etagenbetten im Schlafsaal

Bis zu zwölf Wochen bleiben die Flüchtlinge in der Notunterkunft, schlafen in Etagenbetten in Gemeinschaftsräumen nach Männern und Frauen getrennt, bis sie in ein Erstaufnahmeheim umziehen. In der Notunterkunft besuchen sie Deutschkurse und die Sporthalle in der Oderstraße, zum Fußballspielen oder Boxtraining. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales kommt für die Unterbringung und Verpflegung auf, dazu gibt es etwa 140 Euro Taschengeld im Monat. „Diese Menschen haben alles verloren. Sie sind für jede Hilfe dankbar“, sagt Diana Kampf.

Wie man helfen kann

Kinder: Für die Betreuung der Flüchtlingskinder, insbesondere an den Wochenenden und während der Deutschkurse für die Erwachsenen werden Ehrenamtliche gesucht. Interessenten können sich direkt bei Heimleiterin Diana Kampf melden, Tel. 0176 41585717, E-Mail: notunterkunft-nkn@neue-treberhilfe.de.

Sachspenden: Gebraucht werden vor allem Kleidungsstücke für Männer in allen Größen, Herrenschuhe bis Größe 45, Kinderhochsitze, Fahrräder mit Kindersitzen, Gesellschafts-, Karten und Würfelspiele, Bastelmaterial, Ausmalbücher und Malblöcke, dazu Farbstifte und Bilderbücher. Die Sachspenden können direkt bei der Notunterkunft im Mariendorfer Weg 9 in Neukölln abgegeben werden. Petra Götze