Mauerfall

„Als wäre das Publikum bei einem großen Volksaufstand dabei“

Frank Markowitsch leitet den Chor des Jungen Ensembles Berlin. Bis zu 130 Sänger machen bei den Chorprojekten mit. Mit uns sprach der 42-Jährige über Trennung, Sehnsucht und gelebte Wiedervereinigung.

Foto: Christian Kielmann

Berliner Morgenpost: Wie kam es zu der Idee, mit dem Chor ein Stück zum Mauerfall-Jubiläum einzustudieren? Haben Sie eine persönliche Verbindung zu dem Datum?

Frank Markowitsch: Als die Mauer fiel, war ich 17 Jahre alt. Da ich in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg aufgewachsen bin, hatte ich wenig mit der Teilung Deutschlands zu tun. Doch als ich nach Berlin kam, gerade bei der Arbeit mit dem Chor, bin ich ganz direkt mit dem Thema konfrontiert worden.

Wie denn?

Der Chor besteht aus Ost- wie Westdeutschen, derzeit singen auch viele Spanier bei uns mit. Wir haben oft über Unterschiede und Gemeinsamkeiten diskutiert. Etwa, als die Chormitglieder aus dem Osten sich mit Liedern aus dem Traumzauberbaum eingesungen haben, einer DDR-Produktion von 1980. Die Lieder waren für die Westdeutschen unbekannt, aber sie gefielen ihnen und sie wollten sie gern lernen. Für mich ist der Chor gelebte Wiedervereinigung. Da lag es nahe, etwas zum Mauerfall zu machen. Auch, weil wir bei unserer Arbeit immer auf eine gesellschaftspolitische Verbindung schauen.

Warum?

Alle Werke der Klassik und Romantik haben schon von sich aus einen gesellschaftspolitischen Anspruch oder eine philosophische Idee, die es zu transportieren gilt. Außerdem ist für mich Kunst zu zeigen, dass die Musik etwas mit der eigenen Geschichte zu tun hat. Ich möchte nichts Abgehobenes produzieren, sondern die Menschen direkt berühren und emotional mitnehmen.

Wie haben Sie sich dem Thema Mauerfall angenähert?

Wir waren uns einig, dass wir nicht in den allgemeinen Jubel einstimmen wollen. Unsere Idee ist, einen Schritt zurück zu gehen und zu fragen: Was war eigentlich vor der Wiedervereinigung? Was bedeutete die Trennung, gerade für Familien? Was ist das für eine Empfindung, wenn in eine große Stadt wie Berlin eine Mauer gehauen wird? Welche Opfer gab es?

Und wie fiel die Wahl auf Brahms’ Requiem?

Das Requiem von Johannes Brahms, das 1868 in Bremen uraufgeführt wurde, ist ein deutsches Stück, das sich explizit mit dem Menschlichen befasst. Zudem sind nicht die Verstorbenen Thema, sondern der Trost für die Hinterbliebenen. Und schließlich erzählt die Musik von Brahms, der an seiner großen unerfüllten Liebe zu Clara Schumann litt, von der Suche, der Sehnsucht, dem Streben nach Glück und Erfüllung. Das alles passte zu unserer Idee.

Zusätzlich haben Sie den jungen Komponisten und Flötisten Aaron Dan mit einer Komposition beauftragt. Sein Stück „Im Anfang war das Wort“ führt über zwölf Minuten in Brahms’ Requiem ein. Wie kam es dazu?

Ich wollte eine Introduktion, die das Thema Trennung darstellt, aus der Feder eines Menschen, der Erfahrung mit Trennung und einem sozialistischen Regime hat. Denn es war klar: Unser Anliegen allein mit Brahms’ Requiem zu transportieren, funktioniert nicht. Was Aaron Dan, inspiriert von seiner eigenen Lebensgeschichte, geschaffen hat, finde ich beeindruckend.

Was schätzen Sie an dem Stück?

Es hat viele ergreifende Facetten. Da sind zum einen die Texte von Jürgen Fuchs als Grundlage, jenem Schriftsteller und Bürgerrechtler, der als DDR-Oppositioneller in Hohenschönhausen inhaftiert war. Sie erzählen davon, wie jemand abgeholt und entrechtet wird und in eine Folter aus Schweigen, Kälte und Anonymität gerät. Da ist dieses sehr traurige rumänische Volkslied, in dem eine Elster einer Frau den Tod ihres Ehemanns verkündet. Und da sind diese brutalen rhythmischen Elemente, die uns zeigen, wie jemand ausbrechen will, aber stolpert und scheitert. Das alles kann man natürlich beim ersten Hören nicht komplett erfassen. Aber der Gegensatz zwischen dieser Brutalität und der liebevollen, hoffnungsvollen Musik von Brahms, die im Anschluss einsetzt, ist offensichtlich.

War das Stück schwer einzustudieren?

Jedes gute Stück ist schwer einzustudieren. Aber in der Tat gibt es bei Dan viele Dimensionen und technische Schwierigkeiten. So müssen die Chormitglieder an einer Stelle ganz frei einsetzen und eine selbst gewählte Textzeile singen. Das ist ungewohnt, denn üblicherweise setzen die Stimmen des Chores gemeinsam ein. Doch der Effekt ist toll: Die Satzfetzen erzeugen das Gefühl, als wäre das Publikum bei einem großen Volksaufstand dabei.

Wie lange haben Sie für die Aufführung der beiden Stücke gearbeitet?

Wir sind seit Anfang Juni dabei. Außerdem gibt es vor jeder Aufführung eine dreitägige Chorfahrt, bei der wir intensiv proben. Die Fahrt hat auch eine wichtige soziale Dimension. Dabei wächst die Gruppe unglaublich gut zusammen und man entwickelt gemeinsame Gedanken und Empfindungen für die Musik. Das ist wichtig, denn als Chor muss man ja wie aus einer Stimme singen.

Zu der gesellschaftspolitischen Ausrichtung des Chores gehören auch Kooperationen mit Schulen. Was ist Ihnen daran wichtig?

Man kann bei Kindern und Jugendlichen relativ leicht Zugänge zu klassischer Musik schaffen. Bei uns sind die Schüler nicht nur bei den Proben dabei, sondern dürfen mitmachen. Im Februar 2015 haben wir ein Projekt mit der „Schöpfung“ von Haydn. Dabei wird es um das Thema Nachhaltigkeit gehen, auch aus künstlerischer Sicht, und drei Schulchöre sind dabei. Zudem arbeiten wir mit der UdK zusammen: Studenten werden mit Schülern begleitend zum Thema diskutieren.

Wie ist das Feedback auf solche Projekte?

Meine Erfahrung ist: Wenn man die Barriere zum Konzertsaal einmal genommen hat, ist die Begeisterung groß. Und das überträgt sich auch auf das Publikum.

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