Trauer

„Den Schmerz nicht verdrängen, sondern ins Leben integrieren“

Sterbe- und Trauerbegleiterin Stefanie Schmiedler über den Umgang mit dem Tod und das, was sich Hinterbliebene wünschen.

Foto: Amin Akhtar

Sterben, Verlust, Trauer, Trost: Das sind die Themen von Stefanie Schmiedler. Vor knapp zwei Jahren hat die Religionswissenschaftlerin und ausgebildete Sterbe- und Trauerbegleiterin die Buchhandlung „Windsaat“ in der Uhlandstraße 82 eröffnet. Dort bietet sie Literatur und Beratung zum Thema Pflege, Sterben und Tod an, leitet Trauergruppen für Erwachsene und Kinder und lädt zu Vorträgen und Lesungen ein. Über den Umgang mit der eigenen Endlichkeit und das, was Trauernde brauchen, sprach sie mit Beatrix Fricke.

Berliner Morgenpost: Was, bitteschön, veranlasst eine junge Frau wie Sie, sich auf das Ende des Lebens zu spezialisieren? Sie sind gerade mal 29...

Stefanie Schmiedler: Ich habe ein Ziel: Ich will den Tod aus der Tabu-Ecke holen. In unserer Gesellschaft ist das Thema ganz stark mit Ängsten behaftet. Als gut gilt, was jung, schön und perfekt ist. Trauer dagegen wird als etwas Unangenehmes und die Trauerreaktionen werden sogar als krankhaft betrachtet. Damit will man sich lieber nicht auseinandersetzen. Man drückt das Thema weg, schweigt darüber. Doch das macht für die Betroffenen alles nur noch schlimmer. Das ist wie bei einer Wunde: Wenn man sie unbehandelt abdeckt, beginnt sie zu gären. Trauer ist eine normale Reaktion, sie ist der Prozess, in dem die seelische Verletzung heilen darf. Dafür biete ich einen Raum.

Wer kommt in Ihren Laden?

Das sind die Trauernden selbst und zunehmend auch Angehörige und Freunde von Trauernden, was mich sehr freut. Dazu Fachpersonal wie Pfleger und Ärzte. Aber viele nutzen meinen Laden auch als normale Kiezbuchhandlung. Das gefällt mir, denn ich will ein Anlaufpunkt inmitten der Gesellschaft sein und keine Beratungsstelle, wo man hingeht, weil man denkt: „Mit mir ist etwas nicht in Ordnung“.

Haben Sie selbst einmal einen schweren Verlust erlebt?

Während meiner Ausbildung habe ich viele Schwerkranke und Sterbende begleitet. Ich habe auch viele Familien betreut, wo ein Elternteil im Sterben lag oder verstorben war, zum Beispiel durch Suizid. Mein Entschluss, in diesem Bereich zu arbeiten, wurde aber nicht durch ein eigenes einschneidendes Verlusterlebnis ausgelöst. Ich denke, das braucht man auch nicht für eine Arbeit wie meine. Wichtig ist Empathie und die Bereitschaft, mit den Menschen gemeinsam aushalten zu können. Und man braucht Erfahrung mit den Mechanismen der Trauer.

Es heißt, dass die Trauer in Phasen abläuft...

Von dieser Vorstellung ist man abgekommen. Dieses Bild vermittelt den Eindruck, dass man nur alle Stufen der Trauer durchleben müsse, um von dem Verlusterlebnis befreit zu werden. Doch man kann den Schmerz nicht einfach hinter sich lassen oder ihn gar aktiv „abarbeiten“. Man muss ihn in sein Leben integrieren. Außerdem wollen und sollen die Trauernden den Verstorbenen ja auch gar nicht loslassen, sondern die Beziehung zu ihm aufrecht erhalten, nur in anderer Form.

Wie geht das?

Ich spreche gern von „Traueraufgaben“. Der Trauernde steht vor der Aufgabe, den Verlust als Realität zu akzeptieren, den Trauerschmerz zu durchleben und sich an die neue Umwelt anzupassen. Dann kann er dem Verstorbenen auch einen neuen Platz zuweisen und weiterleben. Alle diese Aufgaben sind gleichzeitig da, und die Dauer des Prozesses ist ungewiss. Er verläuft nicht linear und mit der Zeit wird nicht einfach alles besser. Manches wird auch wieder schwerer, zum Beispiel wenn mit der Trauer auch die Verbindung zum Verstorbenen zu schwinden scheint. Zudem ist die Trauer kein Gefühl an sich, sondern ein Konglomerat von Gefühlen. Da ist unendlicher Schmerz, Traurigkeit, Wut gegen sich und andere, Schuldgefühle und auch mal Erleichterung. Das ist wie der Sterbeprozess. Wie und wann jemand stirbt, kann man auch nicht absehen. Jeder Mensch ist ein Individuum.

Was erwarten die Menschen von einer Sterbe- und Trauerbegleiterin?

Sie kommen eher selten mit konkreten Fragen, auch wenn ich manche beantworten kann, etwa über die Palliativmedizin. Sie kommen, weil sie verzweifelt sind und Hoffnung suchen. Manche Trauernde haben den Wunsch, dem Verstorbenen nachzugehen, weil sie sich der Gesellschaft nicht mehr richtig zugehörig fühlen. Sie fragen sich: Werde ich verrückt? Wie finde ich wieder ins Leben? Meine Arbeit beinhaltet, all diese Gefühle aufzudecken und anzuerkennen. Da zu sein und auszuhalten. Das ist es, was sich Trauernde auch von ihrem Umfeld wünschen.

Was heißt das genau?

Trauernde brauchen kein Mitleid, keine aufmunternden Worte wie „Das wird schon wieder“ und erst recht keine Aussagen wie: „Ach, wie hältst du das bloß aus! Was soll ich nur tun?“ Das bringt den Trauernden in die Situation, seinerseits trösten und helfen zu müssen. Die meisten Trauernden haben das Gefühl, dass von ihnen etwas erwartet wird, auch Dankbarkeit. Das ist ihnen unangenehm und sie ziehen sich zurück. Am besten ist es, immer wieder zu signalisieren: „Ich bin da“ und „Ich mag dich, wie du bist – deine Trauer ist mir nicht unangenehm.“ Regelmäßig anrufen, mal eine SMS schicken. Und das nicht nur in den ersten Wochen nach dem Verlust – Trauer ist ein langer Prozess, der auch nach einem Jahr nicht abgeschlossen ist.

Sie arbeiten auch mit Kindern. Wie unterscheidet sich diese Arbeit von der mit Erwachsenen?

Die Kindergruppen liegen mir sogar ganz besonders am Herzen, denn wie man mit einem Verlust umgeht, wirkt sich auf den Umgang mit weiteren Verlusten aus. Die Kriegskinder zum Beispiel sind mit dem Schweigen aufgewachsen. Es gab so viel Leid, und sie durften nicht fragen und keine Gefühle zeigen. Das hat sie hart gemacht und sie leiden darunter. Wenn sie heute einen akuten Todesfall erleben, brechen häufig andere unverarbeitete Verluste auf. Mir ist wichtig, dass kommende Generationen lernen dürfen, Gefühlen offen zu begegnen, damit ein heilsamer Umgang mit Sterben und Trauer möglich wird.

Wie geschieht das konkret?

In der Kinder-Trauergruppe gibt es Raum für Gefühle aller Art. Das passiert kreativ und spielerisch. Wir pflegen Erinnerungsrituale, basteln zum Beispiel Schatzkisten und Traueralben oder machen Pantomime, um unsere Gefühle näher kennenzulernen. Man darf auch wütend auf einen Boxsack einschlagen. Das Reden geschieht nebenbei. Fast das Wichtigste für die Kinder und Jugendlichen ist allerdings, dass sie mit anderen zusammen sind, die dasselbe durchleben wie sie. Trauer macht einsam. Und manche Kinder erleben in der Schule schlimme Dinge, etwa, dass über den verstorbenen Elternteil oder das verstorbene Geschwisterkind schlecht geredet wird. Das tut auch mir weh.

Auch wenn Sie viel Belastendes hören und erleben, wirken Sie nicht niedergedrückt. Wie gelingt Ihnen das?

Vielleicht klingt das merkwürdig, aber meine Arbeit stärkt mich. Trauernde Menschen befinden sich in einem Reifungsprozess, aus dem sie gestärkt hervorgehen. Es ist toll, das zu begleiten. Ich habe eine große Gelassenheit in Alltagsdingen und eine unglaubliche Dankbarkeit fürs Leben gewonnen. Endlich leben – das fordert auf, endlich zu leben.

Was haben Sie noch vor?

Die Hospizbewegung hat viel bewegt. Gerade in Großstädten wie Berlin gibt es ein riesiges Netzwerk für Sterbende und ihre Angehörigen. Aber im Vergleich zur Sterbebegleitung steckt die Trauerbegleitung noch in den Kinderschuhen. Ich wünsche mir, dass wir trauernden Menschen in Zukunft in allen Lebensbereichen selbstverständlichere Hilfe zukommen lassen können, dass Trauerbegleitung zum Beispiel von den Krankenkassen als Prävention anerkannt wird, damit es gar nicht erst zu psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen kommt. Und ich wünsche mir mehr Unbefangenheit beim Umgang mit Sterben, Tod und Trauer.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.