Partnerschaft

Das passt doch! - Das große Glück mit Vernunft finden

Sie verlobten sich, ohne verliebt zu sein – und fanden das große Glück. Heute sind Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich ein Paar und haben einen Sohn. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Beziehung.

Foto: privat

Am Anfang stand ein Experiment. Es war im Juni 2011. Susanne Wendel war damals Ende 30, beruflich erfolgreich, aber ohne Partner und Kind und daher "so frustriert, wie ich es selten zuvor in meinem Leben war". Warum, fragte sich die selbstständige Gesundheitsexpertin verzweifelt, hatte sie es sechs Jahre nach der Trennung von ihrem ersten Ehemann immer noch nicht geschafft, eine neue Beziehung zu finden, die sie glücklich machte? Die Kinder zu bekommen, die sie sich schon lange wünschte?

Auf einem Seminar für Persönlichkeitstraining bekam sie einen außergewöhnlichen Auftrag. Sie müsse sich doch nur für einen Mann entscheiden, sagte die Seminarleiterin – und solle sich am besten gleich in fünf Tagen mit ihm verloben. Susanne Wendel, die seit ihrer Trennung mehr als 50 Männer getroffen und viel über die Liebe nachgedacht hatte, erstarrte. Klar, begeisterungsfähig war sie und anpackend, hatte Lust auf das Ungewöhnliche. Aber das? Doch es dauerte nur wenige Momente, bis sie Gefallen fand an der schrägen Idee.

Das Prickeln gehört dazu – oder?

In demselben Raum befand sich Frank-Thomas Heidrich, ein langjähriger Bekannter von Susanne Wendel. Anfang 40, Maschinenbauingenieur und in Sachen Beziehung genauso frustriert wie sie. Als sich Frank-Thomas und Susanne dreieinhalb Jahre zuvor in Kapstadt kennengelernt hatten, hatten einige Leute zwar gesagt, dass die beiden ein tolles Paar abgeben würden. Doch es prickelte nicht. Und das gehört doch zu einer Beziehung dazu, fanden beide. Oder nicht? Wie wär's, sich einfach jemanden auszusuchen, der passt? Und sich dann in diese Person zu verlieben? Kann aus platonischer Freundschaft Liebe werden, einfach nur, weil man sich dafür entscheidet?

Das fragen Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich in ihrem Buch, das sie gemeinsam geschrieben haben. Und antworten: Ja, es geht! Sie haben es ausprobiert. Aus der verrückten Idee wurde eine glückliche private wie berufliche Partnerschaft, die seit drei Jahren besteht. Es war Frank-Thomas, der den ersten Schritt tat, damals, in der Küche des Seminarzentrums, mit einem Grinsen auf dem Gesicht, einer Flasche Prosecco in der Hand und der Frage: "Wie wär's mit uns beiden?" Hier erzählen die zwei ihre Geschichte aus ihrer jeweiligen Sicht.

Der Antrag

Susanne: "Wie bitte?" "Wie wär's, wenn wir beide uns am Freitag auf der Party verloben, Susanne?", fragt er mich. "Äh, wie jetzt, meinst Du das ernst?", stottere ich. "Ja, meine ich", sagt er. "Echt? Meinst Du das wirklich ernst?", frage ich noch einmal nach. "Ja, ich will mich mit Dir verloben, ich will mit Dir zusammen leben, mit Dir zusammen ein Unternehmen aufbauen und ich will Kinder mit Dir haben", lacht er.

In diesem Moment werden meine Knie weich. Das habe ich bisher nur in Filmen gesehen, und jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt. Totaler Kontrollverlust, denke ich noch, während ich mit meinem Glas in der Hand langsam die Wand herunterrutsche und Frank-Thomas dabei ungläubig anschaue. ER hat MICH gefragt. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich muss niemanden anrufen. Es ist ganz einfach. Er will mich. (...)

"Ja, okay", sage ich, "wenn Du das wirklich willst, dann will ich das auch. Ich sage Ja. Wir beide werden also am Freitag unsere Verlobung feiern." Damit ist es klar. Wir sind überhaupt nicht ineinander verliebt, aber wir haben uns entschieden. Wir verloben uns.

Frank-Thomas: Ich glaube, wenn ich Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken, hätte ich es nicht getan. Als Irene, die Co-Trainerin, mich nach dem Seminar beim Aufräumen ganz beiläufig fragt: "Wie wär's, wenn DU Susanne fragst?", höre ich mich selbst antworten: "Ja, okay, das ist eine gute Idee." Viel mehr ist da gar nicht. Gut, ich muss einmal kräftig schlucken. Aber ich spüre in diesem Moment Entschlossenheit: Ja, stimmt, ICH kann sie fragen. Manchmal haben wir Männer ja wirklich ein Brett vor dem Kopf. (...) Als Irene mir diese Frage stellt, wird mir auf einmal etwas klar: Jetzt ist der richtige Moment. Ich werde diese Chance nutzen! Ich will nicht länger warten und ich habe überhaupt nichts zu verlieren. Mein altes Leben habe ich sowieso hinter mir gelassen. Susanne will ein Kind. Ich will ein Kind. Wir wollen beide Business. Und uns wurde schon 2008 in Kapstadt gesagt, dass wir gut zusammenpassen. Also los. Nicht zu viel nachdenken, einfach TUN. (...)

Dass ich Susanne damit so aus der Fassung bringe, hätte ich gar nicht gedacht. Sie wirkte auf mich bisher immer so cool und abgeklärt. Aber dass sie jetzt so durcheinander ist, macht sie sympathisch. Ich denke, das wird gut mit ihr. Obwohl ich keine Ahnung habe, worauf ich mich da einlasse. Ich packe meine Sachen zusammen, ich werde heute gleich bei ihr einziehen. Nach Düsseldorf fahre ich erst einmal nicht mehr. Was soll ich dort auch alleine? Meine Frau ist hier.

Juni 2011: Tag 1

Susanne: Ich bin überglücklich und erleichtert, dass Frank-Thomas derjenige ist, mit dem ich mich verloben werde. Ich glaube, er ist von allen fünf Männern, die auf meiner Liste standen, der unkomplizierteste. Und letztlich derjenige, der am besten passt. Und auch derjenige, in den ich in all den Jahren am wenigsten verliebt war. Sex hatten wir gestern auch noch. Wir haben uns vorgenommen, bis zur Verlobung jeden Tag Sex zu haben. Das wird uns auf jeden Fall näher bringen. (...)

Es sind noch einige Dinge zu erledigen. Ringe kaufen zum Beispiel. (...) Im Laufe dieser organisatorischen Überlegungen steigt ein komischer Gedanke in mir auf. Ich fühle mich zeitweise, als würde ich nicht meine Verlobung, sondern eine Beerdigung vorbereiten. Ich erschrecke selbst über den Gedanken. (...) Jetzt verstehe ich, was der Spruch bedeutet: Damit etwas Neues ins Leben kommen kann, muss erst etwas Altes sterben. Also gut, dann feiern wir doch am Freitag den Abschied von der alten ewig suchenden Susanne und dem alten ewig schüchternen Frank-Thomas gleich mit! Mögen sie in Frieden ruhen. Das sage ich aber lieber niemandem, das ist mir dann doch zu krass.

Frank-Thomas: "Guten Morgen", begrüßen wir uns und stehen auf, um zu duschen und Frühstück zu machen. (...) Was ich zuallererst mache, ist, Susannes Bad gründlich zu putzen. Beim Bad bin ich sehr empfindlich, das muss topsauber sein, und dieses hier ist, na ja, nicht mein Standard. Ich will mich ja hier wohlfühlen. Danach fahre ich in die Stadt, um Ringe zu kaufen. Das dauert nur fünf Minuten. Ein typischer Männerkauf. Gesucht, gefunden, gekauft. (...)

Unterschwellig bin ich den ganzen Tag ein wenig nervös. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, mich am Freitag zu verloben. Mit einer Frau, die bis gestern noch nicht einmal meine Freundin war! Das Ganze hat ja dann doch etwas Verbindliches, das ist mehr als nur zusammen ins Kino zu gehen. Jetzt wird's ernst! (...) Was wirklich gut ist: Der Sex mit Susanne macht Spaß. Das finde ich beruhigend. Ach, wir werden das schon alles irgendwie hinkriegen.

September 2011: Nägel mit Köpfen

Susanne: Wir brauchen eine neue Wohnung. So geht es nicht. Mein Appartement ist zwar eigentlich groß genug, und natürlich wäre es logisch und vor allem billiger, erst einmal zusammen dort wohnen zu bleiben. Aber Frank-Thomas fühlt sich in meiner Wohnung wie ein Fremdkörper – und für mich ist er das auch. (...)

Erfreut stelle ich fest, dass Frank-Thomas ein richtig gutes Händchen für tolle Wohnungen hat. Am 8. Oktober besichtigen wir unsere Traumwohnung. Toller Schnitt, riesengroßes Wohnzimmer, gemütlicher und überdachter Balkon, Kinderzimmer, Büro, großes Schlafzimmer mit Dachschräge und fantastischer Fensterfront ins Grüne. (...) Mietkaution, Maklergebühr, doppelte Mieten – keine Ahnung, wie wir das finanziell stemmen wollen. Aber das ist uns in diesem Moment egal, bei uns zählt sowieso keine Logik. Wir wollen es, der Rest wird sich finden. Wir gehen noch ein letztes Mal ins Schlafzimmer und stehen ein paar Minuten lang in dem leeren Raum, umarmen und küssen uns. Da blitzt es zum ersten Mal auf, ganz vorsichtig und leise, ein warmes Gefühl im Herzen, das man Liebe nennen könnte. Ich weiß genau: In diesem Zimmer wird mein Kind gezeugt werden. Mit diesem Mann.

Frank-Thomas: Diesen Moment spüre ich auch. Ich denke dabei allerdings nicht an ein Kind, sondern einfach nur an Sex. Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen, wenn man bei der Besichtigung des Schlafzimmers an Sex denkt. Ansonsten gehe ich natürlich wie ein Mann durch die Wohnung, messe alles aus, Räume, Fenster, Bäder: passt!

April 2012: Baby und Business

Susanne: Am Freitag, dem 13. April 2012, erfahre ich, dass ich schwanger bin. Es hat tatsächlich geklappt. In dem Moment, in dem ich das Ergebnis sehe, beginnt die Übelkeit. Und mein Kreislauf sinkt in den Keller. Aber damit kann ich leben. Ansonsten ändert sich erst einmal gar nichts. Ich mache so weiter wie bisher, wenn ich ehrlich bin, sogar mit noch mehr Motivation als vorher. (...)

Businessmäßig macht jeder von uns noch sein eigenes Ding, wir haben es noch nicht geschafft, unsere Kräfte zu bündeln. Obwohl wir es beide gerne wollen. (...) Es gibt durchaus Momente, in denen ich mich frage: Wollen wir überhaupt so eng zusammen sein? Es hat ja einen Grund, dass viele Paare bewusst Beruf und Privates trennen.

Frank-Thomas: Ich habe auch eine ganze Menge Bedenken, was die gemeinsame Firma betrifft, das gebe ich zu. (...) Susanne ist wesentlich länger selbstständig, sie hat schon ein bestehendes Geschäft und verdient logischerweise auch mehr. Aber es kommt für keinen von uns beiden infrage, dass Susanne nach der Geburt des Babys weiterarbeitet, als wäre nichts gewesen, und ich Hausmann werde. Nein, wir wollen beide beides!

Die gemeinsame Coaching-Sitzung bei Sonja unterstützt uns dabei, eine faire Lösung zu finden. (...) Sie gibt zu bedenken, dass Susanne sich bereits einen Namen und Kundenstamm aufgebaut hat, ich noch nicht. Auf Augenhöhe und fair wäre, wenn ich die gesamte Einlage in die GmbH einzahlen würde. Weil ich dann mehr Verantwortung übernehmen würde und nicht nur jemand wäre, der irgendwelche Aufgaben erledigt. Ein interessanter Impuls, den ich erst noch verdauen muss. (...)

Ich weiß zwar immer noch nicht genau, wie ich das Geld organisieren soll, aber ich sage Susanne ein paar Tage später bei einem Glas Prosecco, dass ich die Einlage komplett übernehmen und ihr ihren Anteil schenken werde. In diesem Moment sieht sie so aus, als würde die Last eines ganzen Berges von ihren Schultern fallen. Offensichtlich hat dieses Thema auch sie in den letzten Tagen ziemlich beschäftigt. Sie strahlt mich an – und das motiviert mich ungemein. Ja, ich werde das hinkriegen. Wir werden das hinkriegen!

Susanne: Frank-Thomas' Großzügigkeit macht mich unglaublich glücklich und nimmt sehr viel Druck von mir. Seit Jahren verdiene ich mein eigenes Geld und sorge für mich – und jetzt spüre ich auf einmal, da ist jemand, der auch für mich sorgen will. Das habe ich in keiner meiner vorherigen Beziehungen erlebt, und ich kann es kaum fassen. In zwei Monaten, im August, werden wir den Notartermin haben, um die GmbH anzumelden und ins Handelsregister eintragen zu lassen. Vorher wird Frank-Thomas sich um alles kümmern, was dafür noch zu organisieren ist. Den Namen für unsere Firma zu finden, fällt uns ähnlich leicht wie den für unseren Sohn: Health & Fun GmbH wird das eine Baby heißen, Julius Amadeus das andere. (...)

Dezember 2012: Endlich eine Familie

Frank-Thomas: Ich habe jetzt eine Familie – ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte mir niemand machen können. Das ist ein Weihnachten, wie ich es noch nie erlebt habe: Am Heiligabend verbringen erst Susanne und dann ich jeweils vier Stunden mit Amadeus auf dem Bauch auf einem Liegestuhl, inmitten der piependen Geräte, schreienden Babys und stillenden Mütter auf der Intensivstation. "Känguruhen" nennen die Schwestern das. (...) An Silvester hole ich die beiden ab und bringe sie zu uns nach Hause. Jetzt beginnt unser Leben zu dritt. Sein erstes Silvesterfeuerwerk verschläft Amadeus auf meinem Arm.

Susanne: Mit dem 1. Januar 2013 beginnt nicht nur ein neues Jahr, sondern ein neues Leben für mich. Anders als früher. Und anders als ich es mir vorgestellt hatte. (...) Tief beeindruckt bin ich davon, wie sehr mich Frank-Thomas unterstützt! Ich muss zugeben, dass ich wirklich langsam anfange, mich schwer in ihn zu verlieben. Wie liebevoll er sich um mich und um den Kleinen kümmert, das ist der Hammer. Ich habe keinen Moment lang das Gefühl, dass ich "mehr" für das Baby tue als er. Schon in den ersten Tagen in der Klinik hat er mir einfach durch seine Anwesenheit und seine ruhige Art unglaublich viel Kraft gegeben. Es war so goldrichtig, dass ich mich damals für ihn entschieden habe, das wird mir jetzt noch einmal deutlich. Vielen Dank!

November 2013: Geständnisse

Susanne an Frank-Thomas (aus Hawaii): Ist das nicht verrückt? Ich muss bis ans Ende der Welt fliegen, an einen Ort, der so viel schöner ist als Deutschland jetzt gerade im trüben November, um mir darüber klar zu werden, dass ich eigentlich trotzdem viel lieber bei Dir wäre. Dass ich Dich vermisse. Dass ich Dich liebe. Ich liebe Dich, Frank-Thomas. Mehr als ich jemals irgendjemanden geliebt habe.

Frank-Thomas an Susanne: Unsere Beziehung ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ganz anders. Besser. Mit Dir habe ich die Möglichkeit, so zu leben, wie ich es will. (...) Für all das liebe ich Dich, Susanne. (...) Wir hatten viele Herausforderungen. Und die haben uns nicht streiten und gegeneinander kämpfen lassen, sondern zusammengeschweißt. Gerade dadurch haben wir mehr Verbindung aufgebaut. (...) Ich kann jedenfalls sagen: Das war die genialste Zeit meines Lebens. Bisher. Und ich freue mich auf alles, was noch folgt!

Textauszüge aus: "Wie wär's mit uns beiden?" von Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich, Horizon, 15,90 Euro.

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