Mit großen Schritten eilt der Mann auf die Mutter zu, die ihre Tochter gerade aus dem Rücksitz des Autos hebt. Seine Stimme klingt empört, aber beherrscht, als er das Kind anspricht. „Was fällt dir eigentlich ein, mir die Zunge herauszustrecken?“ Zur Mutter gewandt, ergänzt er: „Das gehört sich nicht , und ich fordere Sie auf, Ihrem Kind das klarzumachen.“

Reflexhaft will die Mutter sich diese unverschämte Einmischung verbitten, da fällt ihr Blick auf die Fünfjährige. Sie hält den Kopf gesenkt, scharrt mit der Fußspitze. „Stimmt das?“, fragt sie und die kleine Marie nickt kaum merklich. „Das geht wirklich zu weit. Du solltest dich entschuldigen.“ Marie muckst sich nicht. „Es tut mir leid, entschuldigen Sie bitte. Ich werde mit meiner Tochter später darüber reden“ , sagt die Mutter kurz und plötzlich verlegen. Der Mann ist’s zufrieden. Man verabschiedet sich fast freundlich.

Lass doch, sagt der Zeitgeist

Übertrieben? Kinder sind doch Kinder – so lautet das Zeitgeist-Mantra. Sie können sich unter Erwachsenen gar nicht unauffällig verhalten. Sie sind frech zu Fremden, fassen im Laden alles an, schlagen über die Stränge. Kinder fallen immer auf, weil sie nun mal unkonventioneller als Erwachsene sind: beweglicher, risikofreudiger, spontaner, neugieriger, frecher. Es sei denn, es ist gelungen, ihnen einzureden, dass Kinder keine Fehler, keine Ungeschicklichkeiten, keine Dummheiten machen dürfen, ohne dass ihre Eltern sich vor Scham winden müssten. So war das früher mal. Glücklicherweise ist es heute anders!

Schön wäre natürlich, wenn Kinder von sich aus höflich, zuvorkommend und rücksichtsvoll wären. Wenn Babys von sich aus das Schlafbedürfnis ihrer Mütter beachten würden, Kleinkinder sich aus ehrlichem Bedauern entschuldigen würden, Schulkinder unaufgefordert der alten Dame im Bus ihren Platz anböten, weil sie wüssten, dass diese ihn nötiger braucht als ein kerngesunder Drittklässler mit gesundem Stehvermögen.

Vielleicht entwickelt sich diese von Herzen kommende Höflichkeit eines Tages – dank vieler Gespräche, durch Vorbilder und gute Erfahrungen. Bis es so weit ist, brauchen Kinder klare Rückmeldungen und etwas Anleitung. Da sind nicht nur die Eltern gefragt, sondern alle Erwachsenen.

Bitte eingreifen!

Überall auf der Welt gehen Erwachsene davon aus, dass es ein verbindendes, wenn auch manchmal unausgesprochenes öffentliches Verantwortungsgefühl für das Wohl von Kindern gibt, selbst wenn es sich nicht um die eigenen handelt. Schimpft der Blumenhändler einen kleinen Jungen aus, der in seinem Laden die bunten Sträuße fleddert, während seine Mutter nur weinerlich bittet, doch den armen Blümchen nicht so weh zu tun, hilft er ihr aktiv beim Sozialisationsprozess. Genau wie der Fremde, der nicht mit ausgestreckter Zunge beleidigt werden will.

Diese Signale öffentlicher Aufmerksamkeit vermitteln Kindern, dass die ganze Gesellschaft ein bestimmtes Verhalten von ihnen erwartet, und nicht nur ihre Mütter oder Väter.

Das Aufwachsen von Kindern wird von einem weiten Netz verantwortungsbewusster Erwachsener getragen. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, heißt eine alte Redewendung. Doch in Wahrheit bewegen wir uns immer öfter in einer verlassenen Geisterstadt, in der die Eltern allein wie die Monde um den Planeten Kind kreisen.

Ewig jung und cool

Die Nicht-Einmischungszone ist vielleicht eine der wenigen Normen, die wir noch teilen: Aus dem, was die Kinder anderer Leute tun, muss man sich raushalten. Das verhindert aber auch ehrliche, direkte und intuitive Interaktion mit Kindern. Aus Angst, mit dem eigenen Standpunkt anzuecken, den Eltern damit an den Karren zu fahren, gar einen handfesten Krach heraufzubeschwören, behandeln wir Kinder wie eine bedrohte Tierart, die alles darf, sich ausleben muss, nicht eingeschränkt werden soll.

Das hat auch damit zu tun, dass uns die Erwachsenenrolle unbehaglich geworden ist. Belehrung oder Unterweisung setzen eine Erwachsenenrolle voraus, mit der sich die nominell Erwachsenen immer weniger identifizieren können. Der allgegenwärtige Jugendkult unserer Gesellschaft macht die Aufgabe so schwer. Zum Diktat des Ewig-Jung-Seins passt die Eltern- und Erwachsenenrolle schlecht, denn sie macht die Menschen unweigerlich älter.

Es ist verdammt schwer, jung und unbeschwert zu wirken, wenn man für jemand viel Kleineren sorgt. Und es ist verdammt uncool, sich als Älterer zu outen, indem man gewisse Rücksichten anmahnt. Dazu kreieren die Einflüsterungen der Konsumgüterindustrie, die Schmeicheleien der Mode, das Wispern und Raunen der kindlichen Gesellschaft eine große Versuchung, sich über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass man, sobald man nicht mehr nur Eltern hat, sondern selbst zu Mutter oder Vater geworden ist, auch die Seiten gewechselt hat. Unwiderruflich gehört man zur älteren Generation, in deren Aufgabenbereich es auch fällt, die jüngere anzuleiten, soziales Verhalten und den Erhalt gedeihlicher Verhaltensweisen zu fördern.

Die Kinder werden im Stich gelassen

Früher jedenfalls war das so. „Die Kinder ahmten die Erwachsenen nach und erwiesen den Autoritäten aller Art oft mehr Respekt, als für ihre Entwicklung gut war“, beschreibt Robert Bly, Autor des Bestsellers „Die kindliche Gesellschaft: Über die Weigerung, erwachsen zu werden“. Er fährt fort: „Allerdings lernten Kinder in der Schule, wie Erwachsene zu sprechen und zu denken. Elterliche und schulische Erziehung förderten die Hinwendung zu Religion, Auswendiglernen, ethischen Prinzipien und Disziplin.“

Das war unstrittig die Domäne von Respektspersonen wie Eltern und Lehrern, bis die Sturmböe von 1968 verstaubte Traditionen hinwegfegte. Sie hat in der Abneigung gegen traditionelle Anstandsregeln bis heute überdauert. Vor allem kindgerecht soll heute alles Erziehen vonstatten gehen – und so ganz falsch ist das ja auch nicht.

Die kindliche Gesellschaft konserviert jedoch auch pubertären Widerwillen und kindliches Aufbegehren gegen eine anfangs zweifellos von außen auferlegte Disziplin. Erst nach und nach beginnt sich diese als eine echte Selbstdisziplin in der inneren Haltung eines Menschen zu verwurzeln. So enthält die achselzuckende Gleichgültigkeit von erziehenden Erwachsenen heute noch Spurenelemente jugendlichen Aufbegehrens gegen den zivilisatorischen Disziplinierungsprozess, der im Wesentlichen auf drei Dinge abzielt: Selbstbeherrschung, Rücksicht auf andere und warten können auf das, was man möchte.

Der Dauerzustand des Halb-Erwachsenseins, in dem Repression, Triebunterdrückung und Selbstbeherrschung als Kulturtechniken verfemt sind, ist die Grundlage der kindlichen Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen den Generationen verschwimmen. „Eltern regredieren auf einen kinderähnlichen Zustand, während die Kinder im Stich gelassen und dadurch gezwungen werden, zu früh erwachsen zu werden, was sie nie ganz schaffen“: So erklärt Robert Bly die aktuelle Neigung von Erwachsenen, Kinder sich selbst zu überlassen. „Warum“, fragt er, „verhält sich eine Gesellschaft, die von ewig Jugendlichen geführt wird, gegenüber Kindern derart gleichgültig?“

Sei immer Du selbst

So weit sind wir jetzt: Aus Angst, dass die Kommunikation mit fremden Kindern missdeutet werden könnte, aus Angst anzuecken, verweigern wir Kindern die klare Rückmeldung zu ihrem Verhalten und damit die Orientierung, nach der sie doch so dringend fragen, wenn sie aus der Rolle fallen.

Dabei ist die Bereitschaft, positiv über Anpassung nachzudenken, längst wieder gewachsen. Auf die Frage „Sollten Ihrer Meinung nach Höflichkeit, Anstand und Ordnung im Alltag wieder eine wichtigere Rolle spielen?“ antworteten 95 Prozent der eintausend Erwachsenen, die im Auftrag des „Spiegel“ vor rund zehn Jahren vom Meinungsforschungsinstitut Infas befragt wurden, mit „Ja“. Die „Wiederentdeckung der Form“ priesen die „Spiegel“-Autoren und schickten eine neue Welle der Aufmerksamkeit für ein altes Thema durch den Blätterwald der Republik. Sie mutmaßten: „Möglich, dass vor allem die akute ökonomische Krise das Erstarken der Bürgerlichkeit fördert, die allmähliche Rückgewinnung von Tugenden wie Höflichkeit, Sauberkeit, Verlässlichkeit, den Mut zur Wiederbelebung althergebrachter Gebräuche.“

All dies war lange verrufen als „steife Verhinderung ungezwungener Selbstverwirklichung, aber sie kann eben auch im irritierenden Durcheinander der Moden und Trends Sicherheit bieten“. Vielleicht sind wir ja wirklich alle heillos überfordert von dem freiheitlich inspirierten Dogma des „Sei immer du selbst und tu, was du willst!“, das in den Jahren nach 1968 entstand und heute noch immer eine gewisse Restsüße in den Köpfen der Generation 40 plus verströmt.

Kreischende Kinder – ein Werteverfall?

Nun sind ja weder kreischende Kleinkinder an der Supermarktkasse oder rempelnde Schüler im Bus noch das gelegentlich unflätige Betragen von Kindern anderer Leute für sich allein genommen ein Beleg für den fortschreitenden Untergang des Abendlandes, der sich in einer Art Werteverfall täglich bemerkbar macht. Werte verderben ja nicht wie die Milch jenseits des Haltbarkeitsdatums, sondern das Bewusstsein für ihre Notwendigkeit als sozialer Schmierstoff im Umgang miteinander schwächelt – und lebt wieder auf, wenn wir anfangen, etwas zu vermissen.

Dass es schmerzt, wenn Umgangsformen heute als Formen erscheinen, die immer mehr umgangen werden, zeugt gerade nicht von einem verfallenden, sondern im Gegenteil von einem höchst lebendigen Wertebewusstsein. Widerstandslos befolgte Verhaltensregeln und selbstverständlich praktizierte Umgangsformen können erst reflektiert werden, wenn sie sich nicht mehr von selbst verstehen. Kurz gesagt: Werte erkennt man am besten, wo sie fehlen oder wo man sie verfehlt.

Der kollektiv und hinter vorgehaltener Hand zuckende Anstandsnerv von Erwachsenen, die die Augen verdrehen oder hilflos mit den Armen rudern, wenn sie sich am Verhalten von Kindern stören, wirft Fragen auf, über die es nachzudenken lohnt. Da, wo in der öffentlich geführten Diskussion um Dinge wie Benimm-Unterricht in der Schule das Thema der Umgangsformen seinen Brennpunkt hat, schimmern in den befürwortenden, ablehnenden oder gleichgültigen Positionen Kraftlinien auf, deren Ursprünge weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Die Bereitschaft, bestimmte Regeln zu befolgen, oder der Wunsch, Respekt ebenso zu gewähren wie zu erfahren, beschwören auch Vorstellungen von der angemessenen Form des Ausdrucks herauf. Darüber, was genau Kinder fürs Miteinander von Erwachsenen lernen müssen, kann man durchaus streiten.

Es geht nicht um Dressur

In den Kinderstuben von heute fehlt es vielleicht auch dem Bewusstsein dafür, dass es wichtig sein könnte, einem Kind die Werte der Kultur nahe zu bringen, und der Entschlossenheit, dies auch zu tun – „liebevoll, respektvoll, in Anerkenntnis dessen, was es werden soll“, so umschreibt die Journalistin Susanne Gaschke, wie das aussehen könnte. „Die Instrumente, die diesen Werten – vor allem der Achtung vor der Würde des Mitmenschen – im alltäglichen Umgang Geltung verschaffen, sind die Umgangsnormen, auch die Höflichkeit.“

Dabei geht es nicht um die korrekte Benutzung der Hummerzange, auch nicht um Dressur, Kinderabrichtung oder Drill. „Sind Umgangsformen nicht längst entlarvt als bourgeoise Verzierungen, als un-eigentlich, bigott, Stoff für die lächerlichen und traurigen Bemühungen von Benimm-Buch-Autoren?“ Sie macht den Irrtum verantwortlich, der rund dreißig Jahre lang die antiautoritäre Pädagogik beherrscht habe: „Umgangsformen sind kein sinnentleerter, willkürlicher Selbstzweck, sondern der Ausdruck von etwas anderem. Norbert Elias hat das den Prozess der Zivilisation genannt.“

Wir sind alle gefragt

Dabei kann nicht von Eltern erwartet werden, rund um die Uhr auf ihre Kinder aufzupassen und ihnen alles, was nötig ist, selbst beizubringen. In allen Kulturen, über verschiedene Zeiten und Orte hinweg konnten Mütter und Väter sich darauf verlassen, dass andere Erwachsene, darunter auch fremde, ihren Kindern helfen würden, falls sie in Schwierigkeiten gerieten.

In vielen Gesellschaften fühlen sich Erwachsene dazu aufgefordert, Kinder anderer Leute zu maßregeln, wenn sie sich schlecht benehmen, andere belästigen oder auch Kindern zu helfen, wenn sie in Gefahr geraten. Doch dieser grundlegende Konsens ist brüchig geworden. Die spontane Sicherheit in der Bewertung von Situationen ist uns verloren gegangen.

Statt als ganze Gesellschaft mitverantwortlich für Kinder zu sein, weil es das Natürlichste auf der Welt ist, dass Erwachsene ein Auge auf Kinder haben, schauen wir weg und meiden Konfrontationen mit johlenden Teenagerhorden auf der Straße, rempelnden Schulkindern im Bus und kreischenden Kindergartenkindern, die sich an der Würstchenbude vordrängeln – erst recht, wenn deren Eltern in der Nähe sind.

Erwachsene beißen lieber die Zähne zusammen, wenn ihnen Mamas kleiner Sonnenschein mit dem Skateboard über die Zehen fährt, bevor sie protestieren und eine Auseinandersetzung mit Mutter und Kind riskieren. Eine Art Erziehungsvakuum ist entstanden, das zeigt, wie fremd der Umgang mit Kindern geworden ist. Wen wundert es da, wenn Erwachsene inzwischen regelrecht Angst vor schlecht erzogenen Kindern haben?

Einmischen oder raushalten?

Doch unbeholfen wegschauende Erwachsene, die sich in Gegenwart von Kindern unwohl fühlen, oder Passanten, die tatenlos an einem schluchzenden Kleinkind vorbei gehen, stellen für Eltern ein ernsthaftes Problem dar. Eltern betrachten andere Erwachsene nämlich nicht als Verbündete, sondern als potenzielle Feinde ihrer lieben Kleinen und verbitten sich schnell jede Einmischung in die Erziehung, die sie als ihre intime Privatangelegenheit verstehen. Die schwindende Solidarität unter Erwachsenen verwandelt die Kindererziehung in eine überaus einsame Tätigkeit.

Einmischen oder Raushalten? „Eine zweischneidige Angelegenheit“, räumt Philip Fellner, Kinderarzt im kinderreichen westfälischen Münster ein. „Sicher darf man nicht in die Erziehung anderer Eltern reingrätschen, doch es ist erlaubt, auf Kinder zu reagieren!“ Kinder müssten lernen, sich in sozialen Situationen angemessen zu verhalten.

Dazu brauchten sie ein erzieherisches Feedback, und das nicht nur von den Eltern, „weil man als Erwachsener etwas besser weiß, als sie selbst es wissen können“. Es geht nicht um Einmischung, sondern um ein klares unmissverständliches Signal an das Kind, ob es sich angemessen oder unangemessen verhält. „Freundlich und trotzdem bestimmt“, sagt er mit Blick auf die Erfahrungen mit seiner Klientel, „das funktioniert immer.“ Er warte auch nicht, ob die Mütter vielleicht einschreiten, sondern spreche die Kinder direkt an. „Wenn hier ein Vierjähriger durch die Praxis rennt und alle Türen aufreißt, sage ich, hör mal, zu Hause reißt du alle Türen auf, aber hier mache ich das.“

Die Sache mit dem Bonbonpapier

Karlheinz Valtl hat dem heiklen Thema seine Dissertation gewidmet: „Erziehung zur Höflichkeit. Höflichkeit als Wertkonzept der Alltagsinteraktion, als Gegenstand empirischer Forschung in den Humanwissenschaften und als Aufgabe der Erziehung“ heißt das Werk.

Der Wiener Pädagoge unterscheidet zwischen asymmetrischen und symmetrischen Situationen: „Wenn beim Erwachsenen der Impuls zum Erziehen auftritt, so dass er meint, dies wäre jetzt eine gute Gelegenheit, dem Kind ein für allemal beizubringen, wie es sich in solchen Situationen zu verhalten hat, ist dies aufdringlich und schulmeisterlich. Davon würde ich allen abraten, die nicht in einer längerfristigen Beziehung zu dem Kind stehen, die sie als zumindest ansatzweise Miterziehende ausweist.“

Früher war das gang und gäbe: Auf die beiläufige Aufmerksamkeit der Passanten und deren Eingreifen konnte meine Mutter sich zu meinen Kindergartenzeiten noch stillschweigend verlassen. Ob ich ein Bonbonpapier auf den Boden warf oder mit ein paar anderen Kindern deutlich nach Schulbeginn noch eine Runde auf dem Spielplatz drehte – immer tauchte irgendeine Spaßbremse in Gestalt eines Erwachsenen auf, der uns alles vermasselte, indem er darauf bestand, das Bonbonpapier wieder aufzuheben oder sich jetzt schleunigst in die Schule zu trollen.

Was wir umgehend taten, denn die Gefahr war groß, dass meine Mutter dies nicht als Einmischung, sondern als willkommene Unterstützung ihrer Erziehung gewertet hätte, wenn sie Kunde von unserem Treiben bekommen hätte.

„Hey, du hast sie wohl nicht mehr alle!“

Heute will man ja nicht mehr so sein – gut so. Doch wie dann? Darf man, muss man fremde Kinder tadeln? „Treten Sie in einen authentischen Kontakt“, rät Karlheinz Valtl. „Wenn Sie etwas ärgert, können Sie diesen Ärger auch zeigen, aber versteifen Sie sich nicht auf das Recht des Erwachsenen, zurechtzuweisen und als Sieger aus der Situation hervorzugehen. Sagen Sie lieber wie ein Gleichaltriger in coolem Ärger: Hey, du hast sie wohl nicht mehr alle! Du bist mir gerade voll über die Zehen gefahren! Und kehren Sie dann zu Ihren eigenen Angelegenheiten zurück.“

Es geht um mitmenschliche, respektvolle Augenhöhe zwischen Groß und Klein. „Ohne pädagogischen Zeigefinger und ohne das Sendungsbewusstsein des Mächtigeren, wohl aber mit der Haltung, dass meine Erwartungen an ein erträgliches Verhalten nicht gänzlich missachtet werden“, sagt er und betont, dass beide Seiten in einen symmetrischen Kontakt treten müssen, damit die message rüberkommt – ich habe ein Recht auf mein Wohlbefinden und du hast ein Recht auf dein Wohlbefinden.

Mit Zuversicht

„Der Rest ist eine authentische Auseinandersetzung von zwei gleichberechtigten Personen.“ Dass der Ausgang offen sei, sollte dem Erwachsenen bewusst sein, andernfalls sei er auf der asymmetrischen Schiene des Schulmeisters unterwegs und das bringe gar nichts. „Respekt lässt sich nicht einfordern. Wenn Ihr Gegenüber über Null Empathie verfügt, werden Sie ihm das auch in dieser Situation nicht beibringen.“ Doch wenn ein gewisses Maß an Sensibilität für Gegenseitigkeit vorhanden sei, „und davon sollten wir zunächst ausgehen“, werde diese Botschaft nicht ungehört bleiben und längerfristig zu mehr Rücksicht beitragen.

Warum ließen wir Kinder uns früher so erstaunlich leicht von Fremden in die Schranken weisen? Weil sich Kinder von Nicht-Eltern eben leichter etwas sagen ließen. So ist es bis heute – gerne auf gleicher Augenhöhe, getragen von der Zuversicht, dass Respekt nachhaltiger wirkt als Gehorsam. Diese Chance könnten wir nutzen, wenn Kinder – die eigenen und die der anderen – sich daneben benehmen.

Gerlinde Unverzagt ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und Autorin mehrerer Bücher über gutes Benehmen, Regeln und Grenzen setzen. Ihr neuestes Buch unter ihrem Pseudonym Lotte Kühn: „Mutti allein zuhaus. Vom Leben mit nestflüchtigen Kindern“ (2014).