Häusliche Gewalt

„Viele Frauen hegen die Hoffnung, dass sich die Situation bessert“

Familientherapeut Peter Thiel über Ursachen, Abhängigkeiten, Teufelskreise und das mitunter schädliche Prinzip Hoffnung.

Foto: David Heerde

Gewalt in Partnerschaften ist keine Seltenheit. Rund 15.800 Beziehungs-Straftaten wurden im Jahr 2012 bei der Berliner Polizei registriert. Spitzenreiter unter den Auswüchsen des Kontrollverlusts sind Körperverletzungen (7406 Fälle). Den zweitgrößten Anteil unter den Beziehungs-Straftaten stellen Delikte wie Nachstellen, Nötigung, Bedrohung und Freiheitsberaubung (insgesamt 3119). Lesen Sie HIER den Fall einer Betroffenen.

Familientherapeut Peter Thiel aus Pankow hat in seiner Praxis wöchentlich mit Fällen von häuslicher Gewalt zu tun.

Berliner Morgenpost: Herr Thiel, was sind die Ursachen für Gewalt in Beziehungen?

Peter Thiel: Die meisten Fälle häuslicher Gewalt sind verbaler Natur und nicht strafbar. Hier liegt ein einfaches Kommunikationsproblem vor: Was für den einen ein normaler Umgangston ist, kann für den anderen verletzend sein. Bei Fällen leichter körperlicher Gewalt wie Schubsen, Ohrfeigen oder mit der Kaffeetasse werfen geht es häufig um fehlende Bedürfnisbefriedigung und Anerkennung. Der eine Partner stellt Ansprüche an die Beziehung, die der andere nicht erfüllt. Das Unvermögen, diese Bedürfnisse durchzusetzen, führt zur Verzweiflung.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ein klassischer Fall ist: Einer sucht Abstand, der andere Nähe. Keiner kann sein Bedürfnis verständlich machen. Am Ende explodiert der, der sich bedrängt fühlt. Fälle leichter körperlicher Gewalt sind laut Studien eher eine Frauendomäne, Fälle von schwerer körperlicher Gewalt wie sexuelle Nötigung und Schlagen hingegen eher eine Männerdomäne. Hier kann es natürlich sein, dass der Partner leicht sadistische Tendenzen hat. Sein gewaltvolles Verhalten kann aber auch in seiner Erziehung begründet sein.

Der Sohn, der miterlebt, dass seine Mutter vom Vater geschlagen wird, schlägt später seine Frau?

Kinder erlernen Beziehungsmuster von den Eltern. Der Sohn eines Schlägers wird aber nicht zwingend selber zum Schläger. Ein Kind kann sich geschlechtsunabhängig immer mit dem Täter oder mit dem Opfer identifizieren. Und somit später entweder gewalttätig werden oder sich Zeit seines Lebens als Opfer fühlen. Es kann sich aber natürlich auch, wie die 68er, genau konträr zu dem von den Eltern vorgelebten Muster verhalten. In jedem Fall gilt aber, dass Kinder, die Gewalt in der Familie erfahren, psychologische Betreuung brauchen, damit sie ihre Ängste ausdrücken und bewältigen können. Ansonsten legen sich die traumatischen Kindheitserinnerungen wie eine Folie über ihr Leben.

In vielen Fällen dauert es lange, bis sich das Opfer einer gewalttätigen Beziehung Hilfe sucht. Woran liegt das?

Finanzielle Abhängigkeit kann ein Faktor sein. Das Opfer kann aber auch generell unselbstständig sein und sich davor fürchten, nach einer Trennung auf sich allein gestellt zu sein. Aber wenn jemand über Jahre von seinem Partner geschlagen wird, dann wird er – und sei er noch so schwach – immer wieder Ausbruchstendenzen haben. Die führen dann zu einen Teufelskreis. Denn wenn der gewalttätige Partner diese Tendenzen bemerkt, bekommt er Angst: „Der Partner verlässt mich.“ Seine Hilflosigkeit, mit dieser Situation umzugehen, drückt er dann wiederum in Gewalt aus. So schaukelt sich die Situation Stück für Stück hoch.

Die Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen: Wollen die sich trennen oder den Konflikt lösen?

Viele Frauen, die jahrelang geschlagen wurden, sagen mir, dass sie im Grund ihres Herzens ihren Mann nicht verlassen wollen. Sie hegen die Hoffnung, dass sich die Situation doch noch bessert. In gewalttätigen Beziehungen herrscht ja nicht tagtäglich Krieg. Neben der Gewalt entsteht auch ein ausgeprägtes Versöhnungsritual. So eine Beziehung aus Hieben und Versöhnung wird häufig zur Sucht. Selbst wenn die Frauen sich gelöst und den Schritt in das Frauenhaus gewagt haben, heißt das noch lange nicht, dass sie sich auch trennen. Man spricht da vom „Drehtüreffekt“. 60 Prozent der Frauen, die in ein Frauenhaus gehen, verlassen es, um in die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Partner zurückzukehren.

Kann denn eine gewaltvolle Beziehung jemals konfliktfrei werden?

In schweren Fällen ist eine Trennung immer ratsam. Vor allem, wenn es Kinder in der Beziehung gibt. Kinder leiden zwar auch unter einer Trennung der Eltern, aber noch mehr leiden sie unter Gewalt. Ich habe einen Fall begleitet, wo es um sexuellen Missbrauch innerhalb der Partnerschaft ging. Das Paar hat ein Jahr nach dem Strafverfahren wieder Kaffee miteinander getrunken. Sie konnten für das Kind wieder sachlich miteinander umgehen. Aber das ist ein Ausnahmefall.

Was passiert, wenn das Familiengericht entscheidet, dass der Täter weiterhin Umgangsrecht mit dem Kind haben soll?

Das tut es in der Regel nur, wenn es befindet, dass der Umgang mit dem Täter für das Kind nicht traumatisch ist. In jedem Fall wird eine Fachkraft abbestellt werden, die das Kind abholt und den Umgang begleitet, so dass zwischen den den Eltern gar kein Kontakt bestehen muss.

Was sollte man machen, wenn man Zeuge einer gewaltvollen Beziehung ist?

In der Regel wird man das nicht. Viele Paare, die bei mir in der Beratung waren, sagen: „Nach außen sind wir die perfekte Familie.“ Sollte man bei Freunden oder Familienmitgliedern allerdings mitbekommen, dass ein gewalttätiger Umgang herrscht, sollte man die Sache nicht zu offensiv ansprechen. Häufig fühlen sich sowohl Opfer als auch Täter – was man in vielen Fällen gar nicht so eindeutig trennen kann – kritisiert. Eine indirekt formulierte Ansprache des Themas ist da besser. Sie muss aber auch nicht unbedingt dazu führen, dass sich der Betroffene Hilfe sucht. Da verhält es sich mit Opfern einer gewalttätigen Beziehung ähnlich wie mit alkoholkranken Menschen.