Interview

„Das Ziel ist, Akzeptanz für die Andersartigkeit zu erlangen“

Autismus-Forscherin Dr. Isabel Dziobek ist Autismusforscherin. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht sie über die Diagnose und Therapie von Autismus.

Wie entsteht Autismus, wie wird die Störung erkannt und wie geheilt? Darüber sprach Frédéric Schwilden mit Dr. Isabel Dziobek (40). Sie ist Autismusforscherin am Exzellenzcluster Languages of Emotion der Freien Universität Berlin und arbeitet seit 2007 auch in der Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK).


Berliner Morgenpost: Die Industrie entdeckt offenbar gerade Asperger-Autisten. Bei SAP sollen sie bis 2020 ein Prozent der Beschäftigten ausmachen. Woher kommt das?


Isabel Dziobek: Autisten haben viele Stärken, etwa in der Genauigkeit, in der Zuverlässigkeit. Nun scheint die Zeit reif zu sein, dieses Stärken auch zu nutzen. Gott sei Dank, denn bisher war die Psychiatrie fast ausschließlich problemorientiert.

Wie entsteht Autismus?

Wir wissen, dass es eine genetisch bedingte Störung ist. Der genetische Zusammenhang ist größer als bei den meisten anderen psychiatrischen Erkrankung. Wir wissen aber noch nicht, welche Gene involviert sind. In zehn Prozent aller Fälle ist der Autismus auf sogenannte single-gene-disorders zurückzuführen, also Krankheiten, von denen man weiß, dass ein Gen involviert ist. Bei den restlichen neunzig Prozent wissen wir das nicht. Man denkt aber zunehmend auch, dass Umwelteinflüsse wichtig sind. Umweltgifte werden als mögliche Verursacher diskutiert. Eine Zeit lang verdächtigte man auch Impfungen, Autismus zu begünstigen.

Bei Herrn Müller-Remus’ Sohn wurde der Autismus erst mit 14 diagnostiziert. Bei Craig Nicholls, dem Sänger der Band The Vines, erst mit 27. Wie kann man als Autist so lange unbemerkt leben?

Die Diagnose Asperger-Syndrom, also die mildere Variante des Autismus, gibt es erst seit 1994. Und bis das, was von Forschern als Störung definiert wurde, in die Arztpraxen vorgedrungen ist, vergehen einige Jahre. Bei allen Menschen, die vor dem Jahr 2000 geboren sind, gab es die Diagnose in der Kindheit also noch gar nicht. Die Umwelt hat in den meisten Fällen aber gemerkt, dass etwas anders ist bei diesen Menschen, und sie selber auch. Aber weil es keinen Namen dafür gab, galten diese Menschen einfach als komisch, seltsam oder verschroben.

Und heute? Gibt es früher Klarheit?

An der Charité und an der Freien Universität betreiben wir eine Autismus-Ambulanz, eine diagnostische Sprechstunde. Durchschnittlich sind die Patienten dort dreißig Jahre alt, wenn sie die Diagnose erhalten. Es kommen durchaus aber auch Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre alt sind und die jetzt zum ersten Mal mit dieser Diagnose konfrontiert werden. Sie sind froh, das vage Gefühl anders zu sein, präzise benennen zu können. Leider haben wir eine Warteliste von über einem Jahr. Es fehlen in ganz Deutschland diagnostische Standorte für erwachsene Autisten. Ärzte und Psychologen müssen extra trainiert sein, um Autismus überhaupt diagnostizieren können.

Wie funktioniert das?

Um einen Verdacht zu erhärten, machen wir in der Autismus-Ambulanz ein Elterninterview. Dazu führen wir noch eine Untersuchung mit den Patienten selber durch, die sich ADOS nennt. Dabei wird eine Beobachtungssituation hergestellt. Man unterhält sich mit den Patienten, spielt oder puzzelt gemeinsam. Aber eigentlich beobachten wir dabei das Sozialverhalten, zum Beispiel den Augenkontakt. Wie reagiert das Gegenüber auf meinen Blick? Wird gemeinsam gelächelt? Wie reagiert der Patient auf Nähe und die Stimmung des Untersuchers?

Können Kinderärzte verlässlich Anzeichen auf Autismus deuten?

Die meisten, zumindest, wenn es um schwerere Formen von Autismus geht. Asperger-Autisten sind aber Grenzfälle, die meist erst später, ab sechs, sieben Jahren, auffällig werden. Wenn ein Kind mit drei noch nicht spricht, dann stellt ein Arzt sehr schnell die Verdachtsdiagnose Autismus aus. Schwierig wird es aber bei den Kindern, die normal bis überdurchschnittlich intelligent sind und nur ein leicht abweichendes Sozialverhalten zeigen. Häufig geht Autismus mit Alexithymie (Gefühlsblindheit) einher. Alexithyme Menschen können, obwohl sie eigene und fremde Gefühle nicht richtig wahrnehmen und deuten können, lernen, sozial adäquat zu reagieren. Es wird erwartet zu lächeln, also lächeln sie, obwohl sie das gar nicht fühlen. Ich weiß von einigen Autisten, die sich verstellen, um dazu zu gehören. Eine Patientin hat sich über Jahre hinweg Schauspielbücher gekauft und bis zu acht Stunden am Tag vor dem Spiegel Gesichtsausdrücke gelernt.

Autismus ist eine psychische Erkrankung. Was ist der aktuelle therapeutische Ansatz? Ist das Ziel, mit den Symptomen im Einklang sein Leben zu führen, oder ist das Ziel, sich die Symptome vom Autismus abzutrainieren, sich also anzupassen?

Die Kernsymptomatik des Autismus ist nicht heilbar. Autismus ist chronisch. Ein wichtiges Ziel der Therapie ist also, eine Akzeptanz für die Andersartigkeit zu erlangen. Dazu gehört, Schwächen und Stärken anzunehmen. Bei einer Psychotherapie stehen aber immer der Wunsch und die Ziele des Patienten im Vordergrund. Leidet ein Patient zum Beispiel besonders unter sozialen Defiziten und verlangt da nach Hilfe, dann kann man Programme nutzen, um diese zu beheben, beispielsweise, um Emotionen von anderen richtig zu erkennen.

Wie sollten Arbeitgeber und Kollegen mit Asperger-Autisten umgehen?

Die Kollegen sollten klar kommunizieren. Viele Autisten können nicht zwischen den Zeilen lesen. Nonverbale oder metaphorische Kommunikation wird von vielen Autisten nicht verstanden.

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