Dinge des Lebens

Ein zerbrechliches Andenken

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Marianne Berthold, Rentnerin aus Lankwitz, erzählt über ihr Lieblingsservice aus dem Hause Rosenthal

Foto: Amin Akhtar

„Monbijou“ – das heißt aus dem Französischen übersetzt in etwa „Mein Schatz“. Es könnte wohl keine bessere Bezeichnung geben für die Porzellanserie aus dem Hause Rosenthal, die Marianne Berthold so sehr in ihr Herz geschlossen hat. Denn genau das ist das Tafelservice mit dem klangvollen Namen „Monbijou“ für die 71-Jährige aus Lankwitz: Ein Kleinod. Eine Kostbarkeit. Ein Schatz.

Sorgfältig hat Marianne Berthold ihr Lieblingsservice auf der Tischdecke drapiert. Zarte Blütenranken in matten Pastelltönen zieren die verschnörkelten Teller, Platten und Schüsseln, hier und da glänzt eine goldene Verzierung. Die Unterseiten der Teile tragen den Schriftzug „Rosenthal“ – und einen Stempel mit dem Namen „Hermann Jahreis“. Das Porzellan ist mehr als hundert Jahre alt. Es stammt aus dem Laden von Marianne Bertholds Urgroßeltern, die mit Familiennamen Jahreis hießen. Sie besaßen in Insterburg in Ostpreußen ein Porzellangeschäft. „Wenn große Feste stattfanden, verlieh mein Urgroßvater Geschirr“, erzählt Marianne Berthold. „Auf der Rückseite waren daher die einzelnen Teile mit seinem Namen gestempelt, damit alles wieder zurückkam.“

Zwei Weltkriege überstanden

Marianne Berthold nimmt einen der Teller in die Hand und streicht über das Dekor. Für acht Personen kann sie mit ihrem Service heute noch decken, so viele große, kleine und tiefe Teller, Schüsseln und Platten haben die Zeit überdauert. Das grenzt an ein Wunder, hat das Porzellan doch zwei Weltkriege und zwei Fluchten überstanden und mehrere Generationen und unzählige Familienfeste begleitet.

Anfang des vorigen Jahrhunderts bekam Marianne Bertholds Großmutter das Essservice zur Hochzeit geschenkt. Sie vermachte es einer ihrer Töchter, Marianne Bertholds Mutter, 1939 zu deren Hochzeit. Als der Krieg kam und die Familie 1941 flüchten musste, packte die Mutter das Service für zwölf Personen kurzerhand ein und schickte es zu ihrer Tante nach Stahnsdorf. Auf dem Weg dorthin zerbrachen einige Teile. Die heilen Stücke transportierte die Mutter nach und nach von Stahnsdorf nach Köthen in Sachsen-Anhalt, wo Mutter und Tochter eine neue Heimat gefunden hatten. Der Vater war im Krieg geblieben. 1956 flüchteten die beiden aus der DDR nach West-Berlin. Das Service kam hinterher – nach und nach, durch die Hände einer Tante. 1997 verstarb Marianne Bertholds Mutter. So wurde die Tochter, die sich das Service schon häufig von der Mutter ausgeliehen hatte, alleinige Besitzerin. „Selig“ sei sie darüber gewesen, sagt sie: „Das Service bedeutet Familie für mich, und es macht jedes Essen zum Festmahl.“

Nach dem Essen in den Geschirrspüler

Dass sich Marianne Berthold ausgerechnet in das verspielte „Monbijou“-Dekor verguckt hat, verwundert ein wenig. Sie ist eine gradlinige, pragmatische Frau, die die meiste Zeit ihres Berufslebens als Chemotechnikerin in praktisch eingerichteten Laboren verbracht hat. Aber vielleicht erklärt gerade dieser Gegensatz die Vorliebe. Und es ist auch nicht so, dass sie allzu sanft mit ihrem antiken Service umgeht. Nein, das Porzellan muss sich ihrer Natur beugen. „Ich benutze es zwar nur für besondere Anlässe“, sagt sie, „aber nach dem Essen kommt es in den Geschirrspüler.“ Gedenken hin, Goldrand her.

Allzu selten sind die Anlässe nicht, zu denen das „Monbijou"-Service aus der Anrichte genommen wird. Marianne Berthold liebt gesellige Runden und lädt daher ihre Freundinnen, ihre ehemaligen Kollegen, ihre Kinder und Enkelkinder gern ein und bekocht sie, etwa mit Entenbraten, Rouladen, Lachs oder Karpfen. Um mehr Personen bewirten zu können, hat sie auf Trödelmärkten, Geschirrbörsen und sogar am Hauptsitz von Rosenthal in Selb nach Einzelteilen des Service gesucht. Vergeblich. Zwar produziert die Firma noch Geschirr unter der Bezeichnung „Monbijou" in einer reinweißen Variante und der geblümten Version „Petite Violette“. Aber kein Dekor ist wie das des Service von Frau Berthold. Es ist eben einzigartig – so wie seine Geschichte.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück oder einen besonderen Gegenstand, der Sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie doch an familie@morgenpost.de