Notbetreuung

Wenn Kinder einen neuen Platz zum Leben brauchen

Als ihre Mutter an Krebs erkrankte, brauchten sechs Geschwister dringend ein neues Zuhause. Sie fanden es im Kinderhaus-Mitte. In ihrer Wohngruppe bekommen sie Liebe, Unterstützung und Förderung. Ihre Mutter können sie regelmäßig besuchen

Eine dicke Träne rollt über das Gesicht von Josefine. Die Achtjährige wischt sie mit dem Handrücken weg, aber da schließt Erzieherin Ines Homm das Mädchen schon in ihre Arme. Es ist Freitagnachmittag und wie fast jede Woche ist Josefines Mutter gekommen, um zwei ihrer sechs Kinder über das Wochenende zu sich zu holen. Diesmal ist Josefine nicht dabei. Aber mehr schafft Mutter Cindy einfach nicht. Mit 25 Jahren ist sie an Krebs erkrankt, mit 26 Jahren noch einmal. Sie hat Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapie hinter sich. Vor fünf Jahren kamen ihre Kinder daher in eine Wohngruppe, zusammen mit drei Betreuern, darunter Ines Homm.

Die Wochenenden bei Mama takten das Leben von Josefine und ihren Geschwistern. Sie wissen, wann sie dran sind. Und doch kommt immer wieder Angst bei den Kindern hoch, die zurückbleiben, wenn sich die Tür hinter ihrer Mutter schließt. Denn sie wissen auch, dass die 31-Jährige Krebs hatte und dass diese Krankheit wiederkommen kann. Auch nach fünf Jahren fließen darum immer wieder Tränen, bei den Abschieden am Wochenende oder auch mal abends vor dem Einschlafen im Bett.

Neue Perspektiven

Die Wohngruppe, in der Sven (15), Steve (13), Daisy (10), Cora (9), Josefine (8) und Lavinia (6) leben, gehört zum Kinderhaus-Mitte e.V. Hier werden Kinder aufgefangen, deren Eltern mit der Erziehung, mit der Familie, oft auch mit ihrem eigenen Leben überfordert sind. Inès Meyer, die Geschäftsführerin des Kinderhauses, versucht gemeinsam mit dem Erzieherteam, eine neue Lebensperspektive für diese Kinder zu schaffen. 55 Kinder finden hier in insgesamt acht Gruppen kurzfristig oder dauerhaft ein neues Zuhause.

Zwei Gruppen sind im Haupthaus in Mitte hinter der Karl-Marx-Allee untergebracht: die Clearing-Gruppe, in die Kinder direkt nach der Inobhutnahme kommen, und die Jugendgruppe. Sechs weitere Gruppen mit jeweils sechs Kindern sind in ganz normalen Wohnungen über die Stadt verteilt untergebracht. „Mit einem Kinderheim, wie es früher mal an dieser Stelle stand, hat das nichts zu tun“, sagt Inès Meyer. Sie sucht vor allem dort Wohnungen und baut Gruppen auf, wo die betroffenen Kinder vorher gelebt haben. Damit wenigstens das Umfeld bleibt, wenn schon das familiäre Leben auf den Kopf gestellt ist.

Idylle zwischen Plattenbauten

Das Kinderhaus in Mitte ist eine kleine Idylle inmitten von Plattenbauten. Das gelb gestrichene, zweigeschossige Gebäude ist umgeben von einer Wiese und Bäumen. Es gibt eine Sandkiste, einen Grillplatz, und in einem Gehege tummeln sich drei Hasen. „Manche Kinder sprechen nicht mit Erwachsenen, sie nehmen lieber einen Hasen auf den Arm und erzählen ihm ihren Kummer“, sagt Inès Meyer.

Für die Kinder, die hierher gebracht werden, ist die Ruhe wichtig, die dieser Ort ausstrahlt. Es sind Kinder, von denen man in der Zeitung liest. Die geschlagen oder missbraucht wurden, die Hunger haben – nach Essen und nach Zuwendung. Viele kennen keine festen Mahlzeiten. Das Schild im Flur, auf dem die Tage angezeigt sind, an denen Fernsehen erlaubt ist, verwundert viele Neuankömmlinge. Waren sie es doch gewohnt, jeden Tag stundenlang vor dem Gerät abgestellt zu werden. Es sind Kinder, die von Polizei oder Jugendamt aus ihren Familien geholt wurden. Innerhalb von Stunden muss für sie ein Platz zum Leben gefunden werden. Es sind Kinder, deren Schicksal die Öffentlichkeit aber auch schnell wieder aus den Augen verliert.

In der Clearing-Gruppe wird in Zusammenarbeit mit Jugendamt, Psychologischem Dienst und Familienberatungsstelle die weitere Perspektive geklärt. „Der Prozess sollte höchstens drei Monate dauern“, erklärt Inès Meyer, die seit 1990 beim Kinderhaus arbeitet und es seit fast 20 Jahren leitet. Die Kinder bräuchten zunächst einen Ort, um anzukommen. Aber sie sollten sich nicht an eine Lebenssituation gewöhnen, aus der sie dann wieder herausgerissen werden müssen. In den drei Monaten muss geklärt werden, ob die Kinder zurück in die Familie gehen können, ob sie besser in eine Wohngruppe kommen, in der sie weiter Kontakt zu ihren Eltern haben, oder ob der Kontakt zu den Eltern zumindest vorübergehend unterbunden werden muss. „Das ist zum Glück sehr selten der Fall“, sagt Inès Meyer, die selbst einen erwachsenen Sohn hat.

Das Leben auf den Kopf gestellt

Auch bei Cindys sechs Kindern hatte sie nur wenig Zeit, um eine geeignete Wohnung und ein Betreuerteam zu finden. Zwar waren die Geschwister nicht in einer akuten Notsituation gekommen, aber die plötzliche Krebserkrankung hatte das Leben der Sechsfachmutter von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Der Vater der Kinder war nicht in der Lage, Betreuungsaufgaben zu übernehmen. Cindys Eltern unterstützten ihre Tochter zwar, waren aber selbst berufstätig und konnten sich nicht Tag und Nacht um sechs kleine Kinder kümmern. Immerhin war Lavinia erst ein Jahr alt.

„Finden Sie mal so schnell eine geeignete Wohnung, in der sechs Kinder und drei Betreuer Platz haben und die auch noch bezahlbar ist“, sagt Inès Meyer und ihr entfährt ein Seufzer. Aber es ist ihr gelungen. Vielleicht liegt es an der Zuversicht, die sie ausstrahlt. Auch wenn es schwierig ist, ein Weg findet sich immer: Von dieser Gewissheit ist ihr Handeln bestimmt.

Die Kinder wohnen jetzt in Karow, nicht weit von ihrer früheren Wohnung in Prenzlauer Berg entfernt. Die Großen mussten vor fünf Jahren nicht einmal die Schule wechseln. Drei Betreuer wohnen mit den sechs Geschwistern in der „Wohngruppe mit alternierender Betreuung“, wie es heißt. Jeweils ein Erzieher bleibt eine Woche lang Tag und Nacht in der Gruppe und hat tagsüber Unterstützung von einem Kollegen. In der Woche danach bleibt der Tagesdienst auch nachts und der dritte Kollege ist am Tag da. Durch diese Überlappung soll größtmögliche Kontinuität erreicht werden. Außerdem ist noch eine Heilpädagogin in der Gruppe, um die Entwicklungsdefizite der Kinder aufzuarbeiten.

Die 178-Quadratmeter-Wohnung liegt in einem Neubaugebiet am Stadtrand von Berlin. In dem Mehrfamilienhaus fühlt sich die Wohngruppe gut integriert. Es ist Ines Homm ein großes Anliegen, dass die sechs Geschwister so aufwachsen wie andere Kinder in einer Familie, dass sie nicht den Stempel „Heimkind“ auf der Stirn tragen. Wenn mal skeptische Fragen von Mitschülern aufkommen, dann werden diese in die Wohngruppe eingeladen, damit sie sehen, dass auch hier ein normales Familienleben stattfindet. Nur das Klingelschild an der Tür mit der Aufschrift „Kinderhaus Mitte“ lässt darauf schließen, dass doch manches anders ist. Und dass die Geschwister mit der Lebenssituation immer wieder zu kämpfen haben. Das zeigt sich auch an den vielen Therapien, die den Kindern die Bewältigung des Alltags erleichtern sollen. Und die dabei helfen sollen, Bilder zu verarbeiten, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben.

Zusammenarbeit ist wichtig

Zum Beispiel der Tag vor fünf Jahren, als sie einzogen. Sven kann sich gut erinnern: „Es war so fremd, ich habe meine Mama vermisst und mein altes Zimmer.“ Auch wenn die Mutter die ersten Tage mit in der Wohnung war, war ihm klar, dass ihr Bleiben eines auf Zeit war. Er weiß noch, wie seine jüngste Schwester über Wochen jeden Abend geweint hat, als sie ins Bett gebracht wurde. Und er spürte als Ältester viel Verantwortung, die ihn manchmal erdrückt hat. Sven war für seine Mutter anfangs der Informationsvermittler. Sie war misstrauisch und vertraute ihrem Sohn mehr als den Betreuern. „Es war für mich kaum auszuhalten, wieder in die leere Wohnung zurückzugehen, ich konnte nicht abschalten“, erinnert sich die Mutter. Erzieherin Ines Homm sagt: „Es hat ein, zwei Jahre gedauert, bis eine vertrauensvolle Arbeit möglich war.“ Aber erst wenn die Eltern die Situation akzeptierten, könnten sich die Kinder fallen lassen.

Heute führt die 34-jährige Erzieherin mindestens einmal im Monat ein langes Elterngespräch mit der Mutter, bei Elternabenden wechseln sie sich ab und wenn es Fragen zur Entwicklung der Kinder gibt, werden sie gemeinsam geklärt. So war es auch, als Sven vor einiger Zeit am Wochenende nicht zu ihr wollte, weil er sich lieber mit seinen Freunden treffen wollte. Eigentlich ein Zeichen normaler Abnabelung, aber für die Mutter war es schwer zu ertragen, weil sie ihren Sohn ohnehin so selten bei sich hat. Inzwischen kommt Sven wieder zu ihr, sie hätten das zusammen so entschieden, sagt Ines Homm.

Aggressiv aus Enttäuschung

Es gelingt nicht immer, dass Eltern und Betreuer an einem Strang ziehen. Inès Meyer weiß, dass es oft zu einem Gezerre kommt, das letztlich auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Um das zu verhindern, versucht sie, die Eltern schon in der Clearinggruppe mit ins Boot zu holen. „Für die Kinder sind das wichtige Momente, egal was vorher zu Hause passiert ist“, erklärt sie. Wie wichtig, das zeigt sich besonders dann, wenn die Eltern die Termine nicht einhalten. „Viele Kinder, die vielleicht vorher noch in sich gekehrt waren, reagieren aus Enttäuschung dann sehr aggressiv.“ Sie würden auf Möbel einschlagen und oft auch auf den eigenen Körper.

Cindys Kinder müssen keine Angst haben, dass ihre Mutter nicht kommt. Sven sagt: „Wir haben zwei Zuhause, eines ist in der Wohngruppe und eines bei Mama“. Die Rollen sind dabei klar. Cindy ist die Mama, die Betreuer nennen sie beim Vornamen. „Für mich ist das ein Stück Professionalität, diesen Abstand zu wahren“, sagt Erzieherin Ines Homm. Und die sechs Geschwister müssen auch keine Angst haben, dass ihr Leben noch einmal auf den Kopf gestellt wird wie vor fünf Jahren. Sie sollen bis zu ihrer Volljährigkeit in der Wohngruppe bleiben. Für die Jüngste, Lavinia, sind das 16 Jahre in der Wohngruppe.

Investition in die Zukunft

Die Betreuung der Geschwister kostet viel Geld: Miete, das Gehalt für drei Erzieher und die Heilpädagogin. Dazu kommt der tägliche Versorgungsbedarf. Nach Angaben der Senatsjugendverwaltung fallen im Schnitt für Kinder, die in einer Wohngruppe untergebracht sind, 110 Euro pro Tag an, und damit sind nur die Regelleistungen abgedeckt. Kosten für Therapien kommen obendrauf. Für Hobbys, Ausflüge oder Urlaub bleibt oft nichts mehr übrig. Daher ist das Kinderhaus Mitte auch auf Spenden angewiesen. Eine Pizzeria lädt zum Beispiel abwechselnd an jedem Wochenende eine Gruppe zum Essen ein und ein Spender finanziert jedes Jahr einen Ausflug für die Kinder. Und endlich kann nun auch einen Spielplatz für die Clearing-Gruppe angelegt werden. Möglich macht das der Spendenerlös von 21.000 Euro aus dem Silvesterkonzert der Bayerischen Vertretung in Berlin, der dem Kinderhaus gerade überreicht wurde.

Inès Meyer weiß, dass die Ausgaben für die Kinder im Kinderhaus hoch sind. Aber sie sagt auch: „Wenn die Kinder eine Zukunft bekommen, wenn wir es schaffen, ihnen Sicherheit und Zuversicht zu geben, dass sie später auf eigenen Füßen stehen können, dann ist das Geld gut angelegt“. Und letztlich sei es doch billiger, in die Entwicklung der Kinder zu investieren als später jahrzehntelang Hartz IV zu zahlen.

Bei den sechs Geschwistern sind Inès Meyer und Ines Homm zuversichtlich, dass sie ihren Weg gehen und später einmal ein selbstbestimmtes Leben führen werden. Und dass das Verhältnis von Sven, Steve, Daisy, Cora, Josefine und Lavinia zu ihrer Mutter stabil bleibt.