Muttertag

Muttitasking – Wie Mütter einfach alles schaffen

Trösten, toben, kochen, arbeiten. Mütter schaffen alles – gleichzeitig. Monika Bittl und Silke Neumayer nennen das „Muttitasking“. In ihrem Buch gewähren sie amüsante Einblicke in den Mütter-Alltag.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Mit der Geburt des ersten Kindes wird man erstens Mama. Und zweitens wieder Kind. Nein, nicht weil man das innere Kind in sich plötzlich wieder entdeckt (das auch, aber das ist ein anderes Kapitel), sondern ganz einfach, weil man als Mama wieder eine Mama braucht. Oder es zumindest ganz gut ist, wenn man eine „in der Rückhand“ hat. Im Notfall tut es natürlich auch der Großpapa oder die Schwiegermama – manchmal sind die sogar besser. Oder es gibt auch so was wie Adoptiv-Mamas, die man sich netterweise selbst als Ersatz-Mama raussucht ... Hauptsache, sie – oder er – hat irgendwie schon mal ein Kind groß gekriegt, das keine sichtbaren oder unsichtbaren Schäden abbekommen hat.

Das ist nämlich die einfachste Sache auf der Welt und gleichzeitig die komplizierteste: ein Kind groß zu kriegen. Wachsen tun sie ja Gott sei Dank von ganz alleine (nicht auszudenken, wenn man die Kinder jeden Tag auch noch gießen müsste, ich hab’ nun echt keinen grünen Daumen, bei mir geht alles Grünzeug ein). Aber die Hege und Pflege kann einen schon ab und zu um den Verstand bringen. Klar bin ich auch schon früher, als ich noch kein Kind hatte, mal zu meinen Eltern gefahren. Und klar habe ich mich innerhalb weniger Sekunden nach Betreten des Elternhauses zu meinem eigenen Entsetzen sofort wieder in ein Kind zurück- verwandelt. Je nachdem, in eine trotzige Dreijährige, in eine wilde Vierzehnjährige oder in eine supercoole Achtzehnjährige. Unglaublich! Obwohl man, sagen wir mal eine über dreißigjährige Marketing-Chefin mit Führungsverantwortung und einem satten fünfstelligem Jahresgehalt ist, wird man innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden bei den Eltern alle Stadien der eigenen Kindheit noch mal im Schnelldurchlauf absolvieren. Tja. Mir hat mal jemand gesagt, dass man, solange die Eltern noch leben, immer irgendwie Kind bleibt. Oder zumindest ab und zu noch irgendwie Kind sein kann. Ich glaube, da ist was dran. Aber jetzt habe ich selbst ein Baby. Und bin damit plötzlich beides. Kind und Mutter.

Irgendwie hat man das ja auch überlebt

Zu den eigenen Eltern zu fahren und selbst wieder zum Kind werden, hat sich nie so gut angefühlt wie in dem Moment, in dem ich mein eigenes Kind mit zu ihnen gebracht habe. Das eigene Kind abzugeben und sofort selbst zum Kind zu mutieren – das kann echt schön sein. Außerdem kennt man die Macken der eigenen Mutter schließlich am allerbesten. Und das ist im Normalfall beruhigender als die Macken einer Tagesmutter, die man eben nicht so gut kennt. Jede Mutter, die ihr Kind schon mal jemand Fremden anvertraut hat, weiß, dass das nicht immer so einfach ist. Und jede Mutter, die ihr Kind schon mal der eigenen Mutter anvertraut hat, weiß, das ist die einfachste Sache der Welt. Nie kann man so entspannt arbeiten oder sich amüsieren oder in Urlaub fahren, wie wenn der eigene Nachwuchs von den Großeltern betreut wird. Nichts wird passieren, was einem nicht selbst schon passiert ist. Und irgendwie hat man das ja auch überlebt. Mehr Macken als man selbst wird das eigene Kind von der Betreuung durch die Großeltern wahrscheinlich nicht davontragen.

Die meisten von uns haben natürlich ganz klare Vorstellungen, was sie mit einem eigenen Kind anders machen würden als die eigenen Eltern. Zum Beispiel diese Dinge, unter de- nen sie selbst als Kind am meisten gelitten haben und die sich unauslöschlich als schlimmste Qualen in das Gehirn einer, sagen wir mal, damals Achtjährigen eingebrannt haben. Zweistündige sonntägliche Spaziergänge oder das Essenmüssen von Sauerbraten mit Schneebällchen – auch am Sonntag. Sonntag war früher offensichtlich eindeutig der „Kinder-Quäl-Tag“. Unter der Woche hatte man dazu einfach zu wenig Zeit.

Verwöhnen, was das Zeug hält

Doch an den eigenen Eltern kann man feststellen, dass auch Eltern dazulernen können. Aber wahrscheinlich erst, wenn sie Enkelkinder betreuen. Denn dann machen Großeltern das oft ziemlich bis vollkommen anders, als sie es bei den eigenen Kindern gemacht haben. Nichts mehr mit Strenge. Nichts mehr mit Disziplin. Nichts mehr mit Ordnung. Bei den Großeltern wird in den meisten Fällen verwöhnt, was das Zeug hält. Da holen die eigenen Eltern das Elternsein nach, was sie sich damals bei einem selbst wahrscheinlich verkniffen haben. Fernsehgucken bis in die Puppen, Zoo und Zirkus am besten jeden Tag und Süßigkeiten in rauen Mengen.

Das Strengsein überlassen die Großeltern gerne ihren großen Kindern. Die können das ja. Schließlich wurde denen jahrelang gezeigt, wie das mit dem Strengsein so geht. Ehrlich gesagt: Ich freu mich schon auf mein erstes Enkelkind. Ich werd das ja so was von verwöhnen. Und jetzt gibt’s ganz sicher nicht schon wieder Süßigkeiten, Sophie.

Mamasaurus Rex

Jede Zeit bringt ihre eigenen Ungeheuer hervor. Die letzten drei Millionen Jahre der Kreidezeit (spätes Maastrichtium, das ist schon etwas länger her, so in etwa vor 68 bis 65 Millionen Jahren) zum Beispiel beherrschte eindeutig Tyrannosaurus Rex. Ein Saurier, der wohl ziemlich schrecklich war und von den meisten Müttern als T-Rex Plastikmodell im Zimmer des Sohnes bekannt sein dürfte. Auch in vielen Filmen hat es der Tyrannosaurus Rex bisher zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht, lange nach dem Aussterben des schrecklichen Ungeheuers. Im National History Museum in London kann man – wenn man bereit ist, sich in eine lange Schlange zu stellen – ein fast lebendiges Exemplar dieser Gattung begutachten. Habe ich vor kurzem mit Sophie gemacht. Ein furchterregender Anblick, dieser Tyrannosaurus Rex. Auch wenn dieses Ungeheuer aus Plastik ist und von einem Motor angetrieben wird.

Das zwanzigste, einundzwanzigste Jahrhundert hingegen hat, wenn man einigen Leuten und Medien Glauben schenken darf, als grausigstes Ungeheuer die moderne Mutter hervor gebracht: den sogenannten Mamasaurus Rex.

Moderne Ungeheuer am Prenzlauer Berg

Also nicht, dass es die Mutter an und für sich nicht vorher schon gegeben hätte. Sonst würden wir alle hier ja nicht sitzen. Nein, aber bei dem Mamasaurus Rex handelt es sich um eine Spezies, die anscheinend zu den schrecklichsten und furchterregendsten Geschöpfen dieses Planeten gehört. Es gibt welche dieser modernen Ungeheuer, die haben sich bis nach Berlin verbreitet und treiben dort speziell am Prenzlauer Berg gnadenlos ihr schreckliches Unwesen. Trinken doch tatsächlich auf offener Straße Latte Macchiato und stillen nebenher noch ihre Kinder. Wobei sie offensichtlich schamlos ihren Busen an die frische Luft holen und erschreckenderweise kein aufklappbares Zelt oder eine Burka dabeihaben, um sich darunter zu tarnen. Und das alles, während die dazugehörigen Männer und Erzeuger sich in irgendwelchen schicken Büros abarbeiten, um den Müttern dieses Lotterleben zu finanzieren. Ein einziges Grauen hat offensichtlich diesen ach so schönen Stadtteil Berlins befallen, niemand ohne Kinder ist in diesem Großstadtdschungel mehr sicher. Ständig gibt es Tote und Schwerverletzte, die von den rücksichtslosen Müttern gnadenlos mit bunten Bugaboos einfach umgefahren werden. Die Schmerzensschreie der so Gefolterten dringen vor bis in den Rest der Nation.

Aber auch aus dem Rest Deutschlands gibt es Schlimmes und Grausiges von den Mamasaurus-Rex-Müttern zu berichten. So sollen einige ihre Kinder tatsächlich zu kleinen Tyrannen – lat. Tyrannus Rex minimus – erziehen, kein Wunder bei so einer voll ausgewachsenen Mamasaurus-Rex-Mutter. Und wieder andere, man glaubt es kaum, ernähren die Kinder nicht ausschließlich biologisch-dynamisch. Ein einziges Grausen geht durch die Nation.

Ständiger Erwartungsdruck

Die Mamasaurus-Rex-Mutter verabschiedet sich auch gerne für ihre Tätigkeit in einem Halbtagsjob aus der Verantwortung und verweigert sich mir nichts, dir nichts einer gelungenen Karriere mit Zweihundertvierzig-Stunden-Woche im Finanzvorstand eines Dax-Unternehmens. Schande über diese Spezies, die offensichtlich macht, was sie will, und nicht das, was andere von ihr erwarten.

Der Mamasaurus Rex steht wie kaum eine andere Spezies heutzutage unter ständiger Beobachtung von Politikern, Psychologen, Soziologen oder anderen Fach- oder Nicht-Fachleuten, die alle versuchen, die neue Spezies genaustens zu sezieren. Denn der Mamasaurus Rex kann es offensichtlich niemandem recht machen. Arbeiten oder Nicht-Arbeiten? Stillen oder Flasche? Latte Macchiato oder Milchkaffee? Das ist keine simple Frage, sondern eine Ideologie. Die Fortpflanzungsrate des Mamasaurus Rex wird ständig kritisch von den Politikern beäugt, und immer wieder heißt es, dass durch die geringe Geburtenrate die wenigen Kinder womöglich zu kleinen Egosauriern herangezogen werden. Ein grausiges Bild der Zukunft steht im Raum.

Für Biologen übrigens besonders interessant ist das Verhalten der Mamasaurus-Rex-Mütter untereinander. Begegnungen auch zufälliger Art enden oft in blutigen Kämpfen, bei denen die Wunden zuweilen erst später sichtbar werden. Denn obwohl die Mamasaurus-Rex-Vertreterinnen genügend mit anderen Spezies zu kämpfen haben, können sich zwei oder mehrere Exemplare bis aufs Blut bekriegen. Scharfe Worte und spitze Zungen können tiefe Wunden in das mütterliche Fleisch reißen.

Mütter unter Beschuss

Wer erzieht richtig? Welches Kind ist besser in der Schule? Wer backt den leckersten Kuchen? Wer führt die perfekte Ehe? Wer engagiert sich mehr im Kindergarten? Wer bringt sein Kind zum PEKiP-Kurs und wer nicht? Wer ist glücklicher in seinem Häuschen in der Vorstadt? Seit Kinder nicht mehr das zufällige Nebenprodukt von Sex und Liebe sind, geraten die Mütter unter Beschuss. Und sie können es niemandem recht machen. Und manchmal noch nicht mal sich selbst. Denn mit der Pille und der modernen Verhütung haben Frauen eine Macht bekommen, die sie in der Kreidezeit eindeutig noch nicht besaßen.

Der Tyrannosaurus Rex ist ja nun schon lange ausgestorben. Wollen wir mal nicht hoffen, dass der Mamasaurus Rex dem- nächst sein Schicksal teilt. Es stünde schlecht um die Menschheit. Es gäbe nämlich niemand mehr, gar niemand mehr, nein auch keine Fachleute oder Kinderlosen und Nichtmamas, die sich den ganzen Tag über den Mamasaurus Rex und seine Nachkommen aufregen könnten. Und wo kämen wir denn da hin, wenn jede Mutter es einfach so machen würde, wie es am besten zu ihrem Leben und zu ihrer Familie und ihren Kindern passt??? Das wäre ja nun wirklich ein Rückfall in die Kreidezeit!

Die Texte sind entnommen aus dem Buch „Muttitasking“ von Monika Bittl und Silke Neumayer. Es ist der zweite Roman der Autorinnen nach „Alleinerziehend mit Mann“. Erschienen ist es im Knaur Taschenbuch Verlag und kostet 9,99 Euro.