Familie

Mein imaginärer Freund und ich

Schülerin Hermine Klehm (13) über ihr Leben mit Squichy, einem ausgedachten Jungen, der ihr eine Zeit lang immer zur Seite stand

Foto: Massimo Rodari

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als Squichy mir das erste Mal begegnete. Er war plötzlich einfach da. Erst fiel mir gar nicht auf, dass keiner außer mir ihn sehen konnte. Ich erzählte meinen Eltern von ihm und wollte sie einander vorstellen, doch sie meinten, er wäre "imaginär" und würde nicht existieren. Ich verstand sie nicht. Schließlich sah ich ihn doch! Wie konnte ich etwas sehen, dass nicht existierte?

Mit Squichy konnte ich alles besprechen. Er hörte mir immer zu und war nie wütend auf mich, oder gar beleidigt. Zum Beispiel einmal, als ich zum Arzt musste. Ich sollte eine Spritze bekommen, irgendeine Impfung, und fürchtete mich ganz furchtbar vor der Nadel. Doch Squichy hielt mich fest und plötzlich war es gar nicht mehr so schlimm. Ehe ich mich versehen hatte, war es auch schon vorbei und alle sagten, was ich doch für ein tapferes Mädchen sei. Auch als ich gerade in die Schule gekommen war, half Squichy mir ungemein. Ich hatte noch keine Freunde und kannte niemanden. Aber Squichy blieb an meiner Seite, sowohl während des Unterrichts, als auch in den Pausen. Ich spielte einfach mit ihm. Es fiel mir sehr schwer mich einzuleben, auch mit den ersten Hausaufgaben hatte ich große Schwierigkeiten. Aber Squichy erinnerte mich daran, dass auch die anderen Kinder neu in der Schule waren und ich nicht die einzige war, die manche Dinge nicht verstand. Eines Tages ging ich nach dem Unterricht nicht in den Hort, sondern wollte beweisen, dass ich schon groß war und allein nach Hause gehen konnte, so wie meine Geschwister. Squichy war ganz aufgeregt und sagte, dass das keine gute Idee sei und ich lieber umkehren sollte. Das war das einzige Mal, dass ich nicht auf ihn hörte. Ich schaffte es tatsächlich fast bis nach Hause, ein Stück hätte ich noch mit der U-Bahn fahren müssen, fuhr aber in die falsche Richtung. Meine Eltern fanden mich an der Endstation der U7 und schimpften mich ordentlich aus. Natürlich weinte ich und natürlich war Squichy da, um mich zu trösten. Ich weiß noch, wie er mir erklärte, dass ich, sobald ich richtig lesen könne, immer allein nach Hause gehen dürfe und meine Eltern dann auch nicht mehr schimpfen würden. Von da an übte ich fleißig und fand richtig Spaß daran.

Er nahm meine Hand

Es gefiel mir sehr, Geschichten zu erfinden. Ich erinnere mich auch an einmal während des Sportunterrichts. Wir sollten in der Sporthalle unsere Kondition trainieren und ich war richtig am Ende. Ich dachte schon, dass ich gleich umkippen würde, weil ich während der ersten paar Runden regelrecht gesprintet war. Doch plötzlich stand Squichy hinter mir und nahm meine Hand. Er lief neben mir und gab mir neue Kraft. An diesem Tag hielt ich länger durch und war schneller als alle anderen. Dank Squichy.

Ihr müsst wissen, dass Squichy kein Mensch war. Er konnte fliegen und an Wänden hochklettern. Er trug immer die neueste Kleidung, manchmal auch alte Sachen, zum Beispiel einen Anzug mit Zylinder. Manchmal war er älter als ich, erklärte mir Dinge, die ich nicht einsehen wollte. Manchmal war er genauso alt wie ich und spielte mit mir, oder regte sich über die gleichen Dinge wie ich auf. Manchmal war er aber auch jünger als ich und ich machte mich über seine Naivität lustig und erklärte ihm alles mögliche, von dem ich stolz war, dass ich sie schon kannte oder die für mich selbstverständlich waren.

Sobald ich dabei war, etwas Dummes zu tun, wies Squichy mich darauf hin und erklärte mir, warum ich es lieber lassen sollte. Oft war ich deswegen echt wütend auf ihn und wollte ihn nicht mehr sehen, aber dann vermisste ich ihn doch und war froh, dass er bei mir blieb. Einmal verschwand Squichy. In der Schule hatte ich mich inzwischen eingelebt und ein paar Freunde gefunden. Ich hatte gar keine Sorgen und war sehr glücklich. Als ich dann eines Morgens aufwachte, war er verschwunden. Es wunderte mich ein wenig, dass er nicht da war und ich war sehr verletzt, weil er sich nicht einmal verabschiedet hatte. Den Kummer vergaß ich allerdings schnell, weil ich gleich morgens in der Schule meine Freunde traf und sie mich ablenkten.

Tröster in der Not

Eines Tages jedoch kehrte Squichy zu mir zurück. Denn nachdem meine geliebte Ratte gestorben war, trauerte ich eine halbe Ewigkeit. Während der ersten Wochen hatten meine Eltern und Freunde ja noch Verständnis, aber sie verstanden einfach nicht, wie viel mir diese Ratte bedeutet hat. Ihr müsst wissen, dass es mein erstes eigenes Haustier war und ich mir nie hatte vorstellen können, dass sie jemals sterben würde. Auf jeden Fall musste ich auch nach etwa zwei Monaten immer noch jedes Mal, wenn ich an sie dachte, weinen und keiner wollte mich mehr trösten. Da tauchte Squichy auf. Er nahm mich in den Arm und sagte mir, wie sehr es ihm leid täte. Ich fühlte mich wieder sicher und mit Squichy bei mir überwand ich auch diesen Verlust. Zwar war ich noch traurig, aber dann begann Squichy mir die wildesten und fantastischsten Abenteuer zu erzählen, die er während seiner Abwesenheit erlebt hatte. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen! Es lenkte mich ab, ihm zuzuhören und bald schon war ich wieder so fröhlich wie früher.

Aber dann kam der nächste Schlag: Ich musste die Schule wechseln. Auf der neuen Schule fand ich es schrecklich. Die Klasse, in die ich kam, war nicht halb so weit, wie meine alte es gewesen war. Abgesehen davon, dass der Unterricht mich langweilte, kannte ich auch mal wieder niemanden. Ich war schon in der zweiten Klasse, das heißt, dass die neue Klasse eine Gemeinschaft war, in die ich nicht gehörte. Alle hatten schon ihren festen Freundeskreis und waren nicht unbedingt scharf darauf, jemanden bei sich aufzunehmen. Die erste Zeit war ich viel allein und kam nicht gut klar.

Squichy half mir, Englisch zu lernen, denn bis zu meinem Schulwechsel hatte ich Französisch- und nicht Englischunterricht gehabt. Ich hatte auch zwei neue Ratten bekommen, die noch nicht richtig zahm waren. Mit Squichys Hilfe zähmte ich sie und erzählte den Leuten in meiner Klasse stolz von ihnen. Mit der abwehrenden, angeekelten Reaktion hatte ich nicht gerechnet und war bestürzt und verwirrt. Wie immer tröstete Squichy mich.

Ich weiß nicht, wie ich das alles ohne ihn geschafft hätte. Ich lernte, mit Konflikten umzugehen und vieles mehr, bis ich die meisten Probleme ohne Squichys Hilfe bewältigte. Und so kam es, dass er eines Tages wieder verschwand. Es war fast so, als wäre er nie da gewesen. Ich glaube, dass Squichy mein Gewissen und meine Vernunft war. Er vereinte alles in sich, was ich als Stütze gebraucht hatte. Deshalb verschwand er, als ich ihn nicht mehr brauchte. Natürlich vermisste ich ihn in der ersten Zeit, aber nicht lange. Es ging mir gut und ich wusste: Es ist gut so, wie es ist.