„Wege vorher gemeinsam üben“

Wie Kinder auch allein sicher mit dem Rad durch Berlin kommen. Eine Verkehrsexpertin gibt wichtige Tipps für Eltern

Berlin – Ohne Auto zur Eisdiele, in die Schule oder ins Schwimmbad: Im Frühling steigen viele Familien auf das Fahrrad um. Was Eltern tun können, damit ihre Kinder sicher unterwegs sind, darüber sprach Anette von Nayhauß mit Bettina Cibulski, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Berliner Morgenpost: Wie können Eltern ihren Kindern beibringen, sicher Fahrrad zu fahren?

Bettina Cibulski: Das Beste ist, erst einmal im geschützten Raum zu üben, im Hinterhof, im Park oder auf einer Spielstraße. Das Kind muss mit dem Rad vertraut werden. Wenn es einigermaßen klarkommt, sollten die Eltern mit dem Kind die Wege abfahren, die es zurücklegt und ihm genau zeigen, wo man anhalten und schauen muss. Und das natürlich mehrmals!

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist es, den Kindern ein gutes Vorbild zu sein?

Bettina Cibulski:Wenn Eltern mit Kindern unterwegs sind, müssen sie besonders korrekt fahren. Man sollte dann besonders umsichtig und aufmerksam fahren, an Kreuzungen immer anhalten, den Arm raushalten – dem Kind zeigen, wie man sich verhält.

Berliner Morgenpost: Ab welchem Alter sollten Kinder auf einem eigenen Fahrrad fahren?

Bettina Cibulski: Wir raten dazu, Kinder ab sechs Jahren Rad fahren zu lassen. Es gibt natürlich Kinder, die schon vorher mit dem Rad unterwegs sind. Aber den Eltern muss klar sein, dass man auf dem Fahrrad wirklich viel gleichzeitig machen muss: die Balance halten, lenken, bremsen. Damit sind kleinere Kinder schnell überfordert.

Berliner Morgenpost: Erst Dreirad, dann Laufrad, dann Fahrrad – ist das die ideale Abfolge?

Bettina Cibulski: Den Roller kann man ruhig auch noch dazu nehmen. Man sollte sich hier nach den Wünschen des Kindes richten.

Berliner Morgenpost: Die würden doch am liebsten schon mit drei Jahren Rad fahren.

Bettina Cibulski: Wenn ein Kind sich das wünscht, dann sollte man ihm auch ruhig ein kleines Kinderfahrrad geben. Wichtig ist einfach: Die Eltern dürfen das Kind damit nicht allein fahren lassen, auch wenn sie meinen, ihr Kind kann schon richtig Rad fahren.

Berliner Morgenpost: Ab welchem Alter können Kinder ohne Aufsicht fahren?

Bettina Cibulski: Ab der dritten Klasse. Aber man muss den Weg natürlich vorher üben. Und sich die Strecke genau angucken: Auf dem Dorf können Kinder sicher schon früher allein unterwegs sein – auf Hauptstraßen in Berlin würde ich einen Drittklässler nicht unbedingt allein los schicken.

Berliner Morgenpost: Kann ein Kind allein Rad fahren, wenn es den Fahrradführerschein hat?

Bettina Cibulski: Die Fahrradprüfung bringt schon was. Aber sie sollte nicht das einzige sein, was die Schule in Sachen Verkehrserziehung macht. Wir würden uns wünschen, dass die Lehrer mindestens einmal im Jahr mit den Kindern rausgehen, um mit ihnen das Verhalten im Straßenverkehr zu üben.

Berliner Morgenpost: Bis zu welchem Alter dürfen Kinder auf dem Bürgersteig fahren?

Bettina Cibulski: Sie müssen, bis sie acht Jahre alt sind, sie dürfen bis zehn.

Berliner Morgenpost: Sind sie dort denn wirklich sicherer unterwegs – obwohl sie dort ja ohne die Eltern fahren müssen?

Bettina Cibulski: Ja. Es ist natürlich ein Problem, wenn die Eltern nicht hinter den Kindern fahren können, sondern selbst auf der Straße unterwegs sind, womöglich noch mit einer Reihe parkender Autos zwischen ihnen und dem Kind. Sie können dann vielleicht nicht dafür sorgen, dass das Kind an einer Ausfahrt anhält, weil sie sie gar nicht sehen können. Wir raten dazu, das Kind dann zu sich auf die Straße zu holen. Das findet die Polizei nach unserer Erfahrung besser als anders herum: Erwachsene haben auf dem Gehweg nichts zu suchen.

Berliner Morgenpost: Sollten Kinder beim Radfahren immer einen Helm tragen?

Bettina Cibulski: Das müssen die Eltern selbst entscheiden. Der ADFC ist nicht für eine Helmpflicht. Entscheidend ist, dass das Kind verkehrssicher handelt und sich umsichtig im Straßenverkehr bewegen kann – mit und ohne Helm. .

Berliner Morgenpost: Was können Eltern außerdem tun, damit die Kinder gut geschützt sind?

Bettina Cibulski: Vor allem muss das Rad verkehrssicher sein. Das klingt zwar trivial, ist aber wirklich eines der wichtigsten Dinge, um sicher unterwegs zu sein. Die Bremsen müssen funktionieren, ebenso die Beleuchtung. Bei Kindern sollte das Licht direkt am Rad sein, eine Klemmlampe vergessen sie leicht mal irgendwo – und fahren dann ohne Beleuchtung. Helle Kleidung ist sinnvoll, Reflektorbänder sind auch nützlich. Wimpel sind eher eine zwiespältige Sache: Das Rad ist besser sichtbar, aber auf dem Gehweg kann man die Fahne einem Fußgänger ins Gesicht hauen. Das ist gefährlich.

Berliner Morgenpost: Wie bekommen Kinder Freude am Radfahren?

Bettina Cibulski: Eltern sollten ihre Kinder motivieren, ihnen vermitteln, dass es Spaß macht, mit dem Rad unterwegs zu sein. Dauernd darüber zu sprechen, was gefährlich ist, schreckt ab. Und ganz wichtig ist: Sie müssen Vorbild sein. Wer sein Kind aufs Rad setzt und dann selbst ins Auto steigt, wird unglaubwürdig.

Berliner Morgenpost: Eine gemeinsame Fahrradtour motiviert ja auch. Wie lang darf denn die Strecke für ein Grundschulkind sein?

Bettina Cibulski: Ein sechs- bis achtjähriges Kind schafft 20 Kilometer am Tag. Aber nicht am Stück! Die Eltern müssen Pausen einplanen. Und für den Notfall einen Anhänger oder eine Verbindungsstange mitnehmen – oder die Strecke so planen, dass man auch mit dem Zug zurückfahren kann.