Berlin – „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ Diese Frage stellen sich fünf alte Freunde in einem aktuellen Kinofilm aus Frankreich – und viele ältere Menschen im echten Leben. Brenda Strohmaier sprach mit drei Berlinerinnen und einem Berliner jenseits der 50, die eine Alternative zur Seniorenresidenz suchen. Sie kennen sich über Felix Herzog, der das Internet-Portal plusWGs.de und eine Agentur gegründet hat, die Bewohner für Senioren-WGs zusammenbringen soll. Vor dem Gespräch sahen die vier Senioren gemeinsam den Film, in dem eine todkranke Frau mit ihrem dementen Mann und einem ehemaligen Liebhaber zu zwei guten alten Freunden in deren Villa zieht.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie nach dem Film wirklich noch in eine WG ziehen?

Katrin Bürger: Der Film hat zwar alles gezeigt, auch Sterben und Demenz. Aber trotzdem standen die Menschen voll im Leben, samt Sexualität und allem, was dazugehört. Das hat mir gefallen. Ich bin aber nicht sicher, ob das in der Praxis genau so funktioniert.

Karin Gabriele Arndt: Ich fand das so munter, wie ich mir eine WG vorstelle. Ich bin auf der Suche nach einer „Wahlverwandtschaft“, auf die man sich verlassen kann.

Michael Reinelt: Der Film ist sehr ermutigend.

Christine Hillwig: Die Leute im Film kennen sich samt ihren Macken seit vierzig Jahren. Wenn jemand wie ich mit 62 eine WG sucht, ist das etwas ganz anderes. Da braucht man eine Weile, um festzustellen, ob man unter einem Dach leben kann.

Berliner Morgenpost: Haben Sie deshalb noch keine Wohngemeinschaft gefunden?

Christine Hillwig: Ich bin seit vier, fünf Jahren auf der Suche, vor allem im Internet. Das Interesse ist zuerst riesig, aber wenn es darum geht, sich wirklich zu treffen und das anzugehen, zögern dann doch viele.

Karin Gabriele Arndt: Da frage ich mich, warum Sie nicht auf mein Inserat geantwortet haben? Ich suche drei Mitbewohner. Ich habe ein großes Haus im Süden Berlins, ich bin dort alleine übrig geblieben. Die Wohnung, die ich zur Verfügung stelle, hat etwa 180 Quadratmeter. Es gibt drei Bäder und zwei Küchen.

Berliner Morgenpost: Dann können Sie doch tatsächlich einfach alle zusammenziehen!

Christine Hillwig: Das müsste ich mir erst anschauen. Ich hätte gerne einen abgeschlossenen Wohnbereich, in den ich mich zurückziehen kann. Auf keinen Fall will ich, dass mein Leben in einem kleinen Zimmer stattfindet. Ich wünsche mir zwei zusammenhängende Räume oder vielleicht sogar eine Wohnung in einer Hausgemeinschaft, wie sie in Berlin auch ab und zu inseriert werden.

Katrin Bürger: Ich wohne und arbeite im Norden. Das wäre mir ein bisschen weit, da täglich zu pendeln.

Michael Reinelt: Für mich klingt das generell gut. Ich habe mich bei PlusWG registriert, um eine Wohngemeinschaft zu finden, in der Wein getrunken und Schach gespielt wird, so dass man sich geistig beweglich hält. Allerdings ist mein Wunsch relativiert worden. Ich bin Anfang dieses Jahres mit einem fortgeschrittenen Bronchial-Karzinom diagnostiziert worden.

Berliner Morgenpost: Das ist ja schrecklich. Wie im Film!

Michael Reinelt: Man sollte den Mythos Tod nicht so hochtreiben. Vielleicht springe ich ihm noch von der Schippe.

Karin Gabriele Arndt: Für mich wäre eine Krebserkrankung kein Hindernis, jemanden aufzunehmen. Für mich gehört auch Sterben ins gemeinsame Wohnzimmer.

Michael Reinelt: Das sagen Sie nur, weil ich gerade noch so schön braun gebrannt bin.

Berliner Morgenpost: Würden Sie auch einen Demenzkranken in der WG pflegen, wie es der Film zeigt?

Katrin Bürger: Das ist auf jeden Fall hart. Meine Mutter war dement, mein Vater hat sie umsorgt. Aber das war eine Zumutung.

Karin Gabriele Arndt: Ich beabsichtige, einen Pflegepool einzurichten, in dem jeder seine Pflegestufe einbringt. Auch meine Nachbarn wollen mitmachen.

Katrin Bürger: Wie geht denn das?

Karin Gabriele Arndt: Wenn die Pfleger sich um mehrere kümmern, können sie sich Hin- und Rückweg sparen und sind bei ihrem Einsatz flexibler. Was darüber hinaus an Pflege gewünscht ist, möchte ich gemeinsam finanzieren, so wie eine Putzfrau und einen Hausmeister.

Katrin Bürger: Ob das klappt?

Karin Gabriele Arndt: Der Pflegepool ist doch schon in aller Munde. Der Staat lechzt danach, weil es dann billiger wird.

Berliner Morgenpost: Wäre das doch etwas für Sie, Frau Hillwig?

Christine Hillwig: Natürlich ist bei mir auch alles eine Geldfrage. Mein Hauptanliegen ist, mit Gleichgesinnten zusammenzuwohnen, gerne mit einem Gemeinschaftszimmer. Aber mir sind nach oben hin Grenzen gesetzt.

Katrin Bürger: Für mich ist das Wirtschaftliche auch ein Aspekt.

Karin Gabriele Arndt: Also bei mir ist das eher das Gegenteil. Ich will Luxus auf mehrere Schultern verteilen. Ich hab’ mir jetzt einen VW Multivan gekauft. Ich stelle mir vor, dass man gemeinsam eine Reise macht. Lebensfreude geht über alles.

Berliner Morgenpost: Haben Sie auch Streit einkalkuliert?

Karin Gabriele Arndt: Man könnte festlegen, den Montag mit einem gemeinsamen Frühstück zu beginnen. Da gehören dann die Dinge auf den Tisch, die besprochen werden müssen.

Katrin Bürger: Das ist wichtig, das läuft nicht automatisch. Es ist klar, dass es auch ein Stück Arbeit sein wird.

Karin Gabriele Arndt: Schöne Arbeit.

Christine Hillwig: Aber schwer. Man geht davon aus, dass alle offen und ehrlich sein werden. Das ist wie in einer Ehe, da traut man sich weniger, etwas zu sagen, weil man Angst hat, den Partner zu verlieren. Es geht doch um etwas.

Berliner Morgenpost: Ich finde es jedenfalls sehr mutig, sich von seiner eigenen Wohnung zu verabschieden.

Karin Gabriele Arndt: Die müssen Sie eh irgendwann aufgeben. Ich habe mich in drei Seniorenresidenzen angemeldet und dort auch zur Probe gewohnt, das war eine entsetzliche Erfahrung. Da spielt der Einzelne keine Rolle. Und keinesfalls will ich meiner Tochter zur Last fallen.

Katrin Bürger: Ich habe auch Kinder. Es ist für mich kein Thema, ob die mich mal versorgen oder nicht. Die wollen das vielleicht gar nicht.

Christine Hillwig: Oder haben keine Zeit.

Berliner Morgenpost: Wie viel möchten Sie für die WG leisten?

Michael Reinelt: Es ist ein Geben und Nehmen, aber wer gibt, hat doch auch eine gewisse Befriedigung dabei.

Christine Hillwig: Nicht für jeden ist Geben gleich Nehmen. Ich finde es wichtig, dass da ein ausgeglichenes Verhältnis besteht.

Karin Gabriele Arndt: Ich setze auf Freiwilligkeit. Wenn jemand Lust hat, für alle zu kochen, ist das ein anderer Abend, als wenn man sagt, alle 14 Tage bist du dran.

Berliner Morgenpost: Hat eigentlich von Ihnen schon jemand in einer WG gewohnt?

Michael Reinelt: Sechs Wochen. Da haben wir vegetarisch gekocht. Interessant.

Katrin Bürger: Ich habe Anfang 20 zwei Jahre in einer WG gewohnt und in Berlin ein Jahr. Das war aber eine Zweck-WG.

Christine Hillwig: Ich war lange Jahre alleinerziehende Mutter zweier Söhne. Ab dem 15. Lebensjahr war das nur noch eine WG, da muss man alles aushandeln.

Karin Gabriele Arndt: Ich nie. Aber ich bin bereit, alles zu geben, und dafür werde ich auch alles bekommen.