Kinderbuch

Der Mann, der mit seinen Figuren lebt

Klaus Kordon ist einer der bekanntesten Autoren von Jugendbüchern. Seinen neuen Roman verschlingen schon Erstleser

Foto: Amin Akhtar

Ganz genau weiß Klaus Kordon nicht, wie viele Bücher er bisher geschrieben hat. Um die 70 müssten es sein, schätzt er. Und doch ist Premierenstimmung in der Buchhandlung in Prenzlauer Berg. Klaus Kordon liest aus seinem neuen Buch „Kiko“. Die Geschichte über das weiße Affenkind ist aufregend und berührend. Sie erzählt vom Leben im Dschungel, Kikos verwirrendem Ausflug in die Stadt und einem großen Urwaldfeuer. Es geht um Angst und Hoffnung, Freundschaft und Streit. Ein Roman schon für Erstklässler. Eine Premiere für Klaus Kordon. „Normalerweise schreibe ich ja für ältere Leser, zwischen zwölf und 16 Jahren“ sagt er. „Ich bin neugierig, ob es mir gelingt, auch diese Kleinen hier zu fesseln.“

Dann beginnt er zu lesen. Seine Stimme ist tief, seine Betonung unaufgeregt und doch lebendig. Und sie hat den Klang, der seine Berliner Herkunft verrät. Große und kleine Kinder lauschen ihm gebannt. Ebenso wie die anwesenden Eltern. Viele von ihnen sind schon mit seinen Büchern groß geworden. Seine historischen Romane haben zwei Generationen von Lesern gezeigt, wie es war, in Nazideutschland oder in der DDR zu leben.

Klaus Kordon wird 1943 in Berlin geboren. Sein Vater fällt im Krieg, seine Mutter stirbt bereits 1956, von da an wächst er in Kinderheimen auf. Er arbeitet in der DDR in verschiedenen Berufen, wird schließlich Exportkaufmann und bereist jahrelang Afrika, Australien, Südamerika und Asien, vor allem Indien. In einige seiner Bücher bringt er die Lebensumstände ein, die er dort mitbekommt. Weil er gegen das politische System der DDR immer kritischer wird, versucht er 1972, über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Die Flucht misslingt, Kordon wird ein Jahr lang von der Stasi gefangen gehalten, schließlich kauft ihn die Bundesrepublik frei.

Notizen in der Nacht

Heute lebt Kordon in Steglitz. Feste Arbeitszeiten hat er nicht. Er arbeitet vormittags und nachmittags jeweils ein paar Stunden. Nachts steht er manchmal auf und macht sich Notizen. Für die historischen Bücher recherchiert er sehr genau, versetzt sich hinein in die Zeit, studiert alte Stadtpläne und Fotos, hört Musik und liest Memoiren.

Seine Sprache ist zeitlos, in den Büchern von Klaus Kordon findet man keine angepasste Jugendsprache. „Die ist irgendwann auch wieder altmodisch. Und die Leser wissen ja auch genau, dass der Autor nicht so alt wie sie.“ Er lasse höchstens eine Figur manchmal Jargon reden. Auch haben sie zeitgemäße Namen, heißen Helmuth, August oder Änne. Sich von ihnen zu trennen, wenn ein Buch fertig ist, fällt ihm mitunter schwer. Er habe schließlich eine Zeit lang mit ihnen gelebt, sagt er. „Ich bin einerseits erlöst und andererseits empfinde ich ein bisschen Abschiedsschmerz.“

Seine historischen Romane werden meistens für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen. Aber so einfach sei diese Festlegung nicht, findet der Autor. „Es gibt 14-Jährige, für die ist ein Buch zu schwer, es gibt Elfjährige, die lesen es ganz leicht.“ Er könne die Geschichte eines jüdischen Kindes in der Nazizeit so erzählen, dass sie ein Zehnjähriger lesen kann, ohne geschockt zu sein. Trotzdem ist er der Meinung, dass seine Bücher nichts für kleine Kinder sind. Zu ernst, zu schwerwiegend sind oft die Tatsachen, mit denen er seine Leser konfrontiert.

Den Grund dafür, warum er für Kinder und Jugendliche schreibt, sieht er in der eigenen Kindheit und Jugend. Geboren im Krieg, aufgewachsen zwischen den Trümmern in Prenzlauer Berg. Seine Mutter betrieb eine Kneipe an der Prenzlauer Allee, Ecke Raumerstraße. Sie hieß „Zum ersten Ehestandsschoppen“, weil das Standesamt ganz in der Nähe war. „Ich war mir selbst überlassen. Meine Mutter arbeitete von morgens bis nachts. Und eine Kneipe frisst einen Menschen auf.“ Klaus Kordon war ein „Stadtstromer“ – bis er ins Kinderheim kam. „Ich erinnere mich öfter an meine Kindheit als jemand, der eine ganz glatte, heile gehabt hat.“

Der große Bruder sorgte dafür, dass der kleine Klaus zu lesen begann. Er las Mark Twain, Jack London oder Jules Verne. Mit 15 Jahren dann Thomas Mann, Tolstoi oder Dostojewski. Die Bücher lieh er sich in der Stadtbücherei. „Bücher, die es im Osten nicht gab, besorgte ich mir aus dem Westen.“ Ende der siebziger Jahre begann er, zu schreiben. Zu einer Zeit, in der viele Autoren der Hanni-und-Nanni-Buch-Fraktion etwas entgegensetzen wollten. „Es gab viel Lesefutter, wie ich es nenne, aber kaum Literatur für Jugendliche.“ Natürlich habe es Ausnahmen wie Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Erich Kästner gegeben. „Aber das Gros machten Bücher aus, die die Wahrheit nicht wiedergaben.“ Klaus Kordon wollte anders schreiben. Es entstanden Romane, die in Entwicklungsländern spielen, Gegenwartsromane, historische Romane. Letztere spielen alle in Berlin. Weil er sich hier gut auskennt. Aber auch, weil Berlin der Ort ist, „an dem immer viel passierte, was entscheidend für die Geschichte war“.

Die Zeitpunkte, zu denen seine historischen Romane spielen, sind meistens Wendepunkte in der Geschichte, an denen der Leser durch die Figur zeitlich vor und zurück blicken kann. Unruhige Zeiten des Umbruchs, in denen die Protagonisten oft schwierige Entscheidungen treffen müssen. Kordon möchte unterhalten und informieren. Er bekommt viel Post von Jugendlichen. Sie schreiben ihm, dass sie in der Schule einen Stoff durchgenommen hätten. Aber erst jetzt, wo sie sein Buch gelesen haben, hätten sie alles richtig verstanden. „Man kann Geschichte eigentlich nur durch Emotionen vermitteln“, sagt Kordon. „Wenn mir einer erzählt, es sind sechs Millionen Juden umgebracht worden, dann kann ich das mit meinem Verstand und Gefühl nicht begreifen. Wenn ich die Geschichte von Anne Frank lese, kenne ich ein Schicksal und dann begreife ich es.“

Mit seinen Büchern will Klaus Kordon den Jugendlichen bei der Suche nach Antworten helfen. Bei Fragen an die Geschichte, aber auch an die Gegenwart. „Natürlich haben junge Leute heute andere Probleme als die, die damals gelebt haben, aber die Geschichte ist sich manchmal nicht so unähnlich.“ In „Fünf Finger hat die Hand“ beschreibt er den Beginn des Krieges zwischen Frankreich und Deutschland. „Und der beginnt mit Lügen. Das habe ich zu einer Zeit geschrieben, als gerade die USA gegen den Irak Krieg führten. Kriege beginnen immer mit Lügen, sonst würde ja niemand freiwillig in den Krieg ziehen.“

Mit den Figuren fühlen

Wenn Klaus Kordon ein Buch beginnt, verwendet er zunächst oberflächliches, historisches Wissen, beispielsweise über die Märzrevolution. „Bevor ich genau recherchiere, muss erst einmal die Geschichte leben, die Menschen müssen leben. Andersherum funktioniert es nicht, ich will schließlich Literatur schaffen.“ Er stellt sich zum Beispiel einen siebzehnjährigen Zimmermann vor, der in der Rosenstraße 7 wohnt, und dass es eine Jette gibt, die mit ihrer Schwester zusammenlebt, die als Prostituierte arbeitet. „Und dann stelle ich sie in die Zeit hinein, die sie mit dem von mir gegebenen Charakter bewältigen müssen.“ Bei den „Roten Matrosen“ sah er zunächst die Umgebung ganz plastisch vor sich: die Familie, deren Vater im Krieg gefallen ist und deren Mutter in der Fabrik arbeitet, den Hinterhof in der Ackerstraße, in dem sie leben. „Damit sich der Leser, wenn er dort reinkommt, erst einmal sinnlich zurechtfindet. Ich will erreichen, dass der Leser kurz eintaucht in die Zeit, mit den Menschen im Buch leidet und sich mit ihnen freut. Ich muss ihm zeigen: Wie schlimm manche Umstände auch waren, es gab immer wieder Menschen, die damit fertig geworden sind. Nichts verharmlosen, aber eine Hoffnung muss bleiben.“

Im Moment plant Klaus Kordon ein Buch über eine Art Kaspar-Hauser-Figur, die im Wald gefunden wird. „Ich weiß auch, wann die Geschichte spielen soll, aber ich habe noch nicht genauer recherchiert. Erst mal muss die Geschichte lebendig werden.“

So lebendig wie Kiko, der kleine Affe, an dessen Leben die Kinder bei der Lesung teilhaben konnten. Eine lange Schlange bildet sich vor Klaus Kordons Sessel. Geduldig gibt er Autogramme, beantwortet die Fragen der Kinder. „Kiko“, Klaus Kordons Buch für die jüngsten Leser, hat den Praxis-Test bestanden.