Interview

Der Faulpelz in meinem Bett

Die Forderung nach einer Frauenquote im Arbeitsleben überlagert ein Problem: den mangelnden Elan vieler Väter, sich Hausarbeit und Erziehung zu teilen. Die Münchener Autorinnen Monika Bittl und Silke Neumayer haben ein Buch darüber geschrieben.

"Alleinerziehend - mit Mann". Ein Gespräch über ungemachte Betten, gestresste Mütter und das mysteriöse Phänomen der Büroflucht.

Berliner Morgenpost: Frau Bittl, Frau Neumayer, reden Ihre Männer noch mit Ihnen?

Monika Bittl: Ja, mein Mann redet jetzt sogar umso mehr mit mir. Er hat sehr gelacht, als er das Buch gelesen hat. Er empfiehlt es jetzt anderen Männern, damit sie ihre Frauen besser verstehen.

Berliner Morgenpost: Die Botschaft Ihres Buches schnurrt auf den schönen Satz zusammen: "Wir sind als modernes junges Paar in den Kreißsaal gegangen und kamen irgendwo in den fünfziger Jahren wieder raus." Eine Liebeserklärung an den eigenen Mann klingt anders.

Silke Neumayer: Unser Buch gräbt nicht an den Fundamenten der Liebe. Es erzählt davon, wie der Alltag einbricht. Man nimmt sich als Paar fest vor, sich die Arbeit gerecht zu teilen. Und wenn das Baby da ist, merkt man: Wir kriegen das gar nicht anders hin. Die Mütter übernehmen mehr Verantwortung.

Berliner Morgenpost: Ihr Buch geht davon aus, dass Mütter meist 24 Stunden am Tag Mütter sind und Väter nur dann Väter, wenn es gerade in den Terminkalender passt. Schließen Sie da nicht von sich auf andere?

Silke Neumayer: Bevor wir die Idee zu dem Buch hatten, haben wir viele Gespräche mit Müttern geführt. Und dabei haben wir festgestellt: Mindestens 95 Prozent aller Mütter geht es genauso wie uns. Egal, ob sie Schauspielerinnen, Verkäuferinnen oder Erzieherinnen sind. Die Strukturen sind überall ähnlich.

Berliner Morgenpost: Dagegen wird gerade überall das Bild der neuen Väter beschworen, die Zeit mit ihren Kindern und Erziehungsurlaub nicht als Last, sondern als Bereicherung empfinden.

Monika Bittl: Ich denke, das wird politisch hochgejubelt. Die Regierung will sich selber damit beweihräuchern, was ihre Maßnahmen angeblich bewirkt haben. Und die Medien greifen dieses Bild dankbar auf. Dabei habe ich beobachtet, dass die Väter, die in Elternzeit gehen, die beiden Monate oft gar nicht alleine verbringen, sondern zusammen mit ihrer Frau.

Silke Neumayer: Die Quote ist in den letzten Jahren zwar von vier auf zwanzig Prozent gestiegen, doch drei Viertel der Väter nehmen eben nur die zwei Monate

Berliner Morgenpost: Die so genannten Abstauber-Monate ...

Silke Neumayer: Ja, genau, weil sie dadurch eben die Verlängerung der Elternzeit bekommen. Zwei Monate von achtzehn Jahren, das sind 4,32 Prozent.

Berliner Morgenpost: Sie sind beide erst in den Vierzigern Mutter geworden. Wächst jetzt nicht gerade eine neue Generation heran?

Monika Bittl: Die Reaktionen auf der Facebook-Seite für unser Buch sprechen nicht dafür. Uns haben viele junge Mütter geschrieben, es würde sie trösten, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind. Sie hätten immer gedacht, nur sie allein hätten zu Hause so ein besonderes Prachtexemplar.

Silke Neumayer: Die Reaktion auf den Titel unseres Buches ist sehr oft: 'Das ist genau mein Leben.' Jede berufstätige Mutter weiß sofort, worum es geht.

Berliner Morgenpost: Sie beschreiben die daraus entstehenden Konflikte mit viel Humor. Dabei ist Ihr Buch in vielen Fällen wahrscheinlich witziger als die Realität.

Silke Neumayer: Sicherlich kann dieser Konflikt Paare auf eine harte Probe stellen. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, zu erfahren, dass das praktisch der Normalzustand ist und nicht ein Problem, das nur einzelne Paare betrifft.

Berliner Morgenpost: Sie bieten keine Lösungsvorschläge an. Wie reagieren denn Ihre eigenen Männer, wenn Sie das Problem thematisieren?

Monika Bittl: Mein Mann verspricht dann meistens: 'Wir werden das schon noch verändern.' Wenn ich Forderungen stelle, geht er auch darauf ein. Es ist bloß sehr mühsam, weil man immer wieder bei Null anfängt.

Berliner Morgenpost: Ein Beispiel, bitte.

Monika Bittl: Ich habe durchgesetzt, dass er in der Frühe die Spülmaschine ausräumt und die Betten macht. Das ging lange gut. Doch dann hatte er beruflich Stress, und dann war es plötzlich schon wieder selbstverständlich, dass ich das mache. Da musste ich ihn wieder daran erinnern: Hallooo, das ist dein Job!

Silke Neumayer: Das Verblüffende ist ja, dass sich die Väter selber anders wahrnehmen. Die meisten glauben wirklich, sie übernähmen fünfzig Prozent der Arbeit.

Berliner Morgenpost: Sie rechnen vor, dass Männer maximal fünfzehn Prozent der Hausarbeit und Erziehung übernehmen. Ein realistischer Wert?

Silke Neumayer: Ich habe mir tatsächlich mal die Mühe gemacht, die nicht durchgeschlafenen Nächte mit unserer Tochter als Baby gegeneinander aufzurechnen. Fünfzehn Prozent kommen ungefähr hin.

Monika Bittl: Die Wahrnehmung ist aber eine andere. Wenn man die Männer darauf anspricht, sagen viele: Was soll ich denn noch alles machen ....

Berliner Morgenpost: ... oder: ich erledige vieles, was Du gar nicht wahrnimmst: zum Beispiel Rasen mähen. Kann es sein, dass unsere Wahrnehmung genauso verengt ist?

Silke Neumayer: Es kann gut sein, dass auch wir unsere blinden Flecken haben. Wichtig ist, sich das gegenseitig einzugestehen.

Berliner Morgenpost: Klingt furchtbar anstrengend.

Silke Neumayer: Der Alltag mit Kind ist eben oft einfach müh-se-lig.

Monika Bittl: Dazu fällt mir ein schöner Satz des Soziologen Ulrich Beck ein. Er spricht von der verbalen Aufgeschlossenheit der Väter bei weitgehender Verhaltensstarre.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie nicht, dass auch Männer unter dieser Situation leiden?

Silke Neumayer: Doch, bestimmt. In meinem Bekanntenkreis gibt es ein Paar, das mal für ein Jahr die Rollen getauscht hat. Er blieb mit zwei Kindern zu Hause, sie hat die Familie ernährt. Die fanden das beide anstrengend.

Berliner Morgenpost: Welchen Schluss haben sie daraus gezogen?

Silke Neumayer: Beide sind danach beruflich etwas kürzer getreten. Da sie im selben Job arbeiten, war das kein Problem. Eine gute Lösung, wie ich finde.

Berliner Morgenpost: Die Bundesarbeitsministerin trommelt gerade für die Frauenquote. Wenn man Ihr Buch liest, kommt man zu dem Schluss: Frauen brauchen zuallererst eine Quote für die Hausarbeit und Erziehung.

Silke Neumayer: Wie soll eine Frau Karriere machen, wenn sie nebenbei den Haushalt schmeißt? Da kollidieren zwei Welten, die beide ein- und denselben Menschen vereinnahmen, 24 Stunden am Tag.

Monika Bittl: Ich stehe der Frauenquote skeptisch gegenüber, weil sie unser Problem nicht löst.

Berliner Morgenpost: Würden sich mehr Mütter um Führungspositionen bewerben, wenn die Arbeitsverteilung im eigenen Haushalt ausgewogener wäre?

Monika Bittl: Glaube ich nicht. Erstens machen die meisten Frauen den Haushalt dann ja doch noch nebenbei. Und zweitens geht es auch ums Kind. Also, ich möchte meinen Sohn nicht zwölf Stunden am Tag irgendwo parken.

Berliner Morgenpost: Kitaplätze, Aupairs, Ganztagsschulen. Das Betreuungsangebot war noch nie so gut wie heute. Ist am Ende nicht alles eine Frage der Organisation?

Monika Bittl: Die meisten Mütter sind doch schon so oder so supergut organisiert. Sie müssen improvisieren können, sonst würde der Alltag gar nicht funktionieren.

Silke Neumayer: Ich hatte ein Aupair-Mädchen aus Polen, als unsere Tochter acht Monate alt war. Einen Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Aber Aupairs können eben nur einen kleinen Bereich auffangen. Das sind junge Mädchen. Ich würde mein Kind mit 39 Grad Fieber nicht einer 21-Jährigen überlassen.

Berliner Morgenpost: Notfalls könnte ja auch der Mann einspringen. Wie erklären Sie es sich, dass die Motivation der Männer mit der Geburt der Kinder schlagartig nachlässt?

Monika Bittl: Das hat bestimmt mehrere Ursachen. Los geht es aber mit dem Stillen. Wenn das Baby nachts schreit, muss in der Regel doch die Mutter raus. Daraus wird dann schnell eine Gewohnheit, die sich verfestigt.

Silke Neumayer: Für die Männer ist die Situation aber auch nicht leicht. Die stehen plötzlich unter Druck, weil sie die Familie ernähren müssen. Es gibt Studien, die belegen, dass die Zahl der Überstunden proportional mit der Zahl der Kinder steigt - bei Söhnen übrigens noch mehr als bei Töchtern.

Berliner Morgenpost: Was schließen Sie daraus?

Silke Neumayer: Es muss wohl daran liegen, dass Jungs öfter Schreibabies sind (lacht).

Berliner Morgenpost: Könnte es nicht eher daran liegen, dass der finanzielle Druck mit Kindern steigt?

Silke Neumayer: Doch, aber damit fängt das Problem doch an. Je mehr Zeit die Väter bei der Arbeit verbringen, desto mehr müssen die Mütter jonglieren, um Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Da beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Buch behaupten Sie, dass die Männer Überstunden machten, um sich vor der Arbeit zu Hause zu drücken.

Monika Bittl: (lacht) Na ja, wir wollten ja kein Männer-Versteherinnen-Buch schreiben. Wie Sie sehen, tragen wir unser Schicksal mit Humor.

Silke Neumayer: Wir warten jetzt auf ein Buch aus der Sicht von Vätern.