Winterakademie

Bettler und Billionäre

Im Theater an der Parkaue in Lichtenberg lernen Kinder spielerisch mehr über Geld - und verleihen der Finanzkrise ein Gesicht

Foto: Franka Bruns

Naëmi ist elf Jahre alt und hat gerade die Vorsitzende einer großen Bank gebastelt. Aus Draht und Knete. Sie hat vor allem den Draht zurecht gebogen. "Das ist total wichtig", sagt sie und nimmt die dünne Figur mit Glitzerkleid und dickem Lippenstift in ihre Hand. "Dann können wir später die Figur gut bewegen." Zum Beweis biegt sie den Arm und versucht auch das Bein zu knicken, aber das Glitzerkleid ist etwas zu eng geschnitten. Doch noch ist ja Zeit.

Eine Woche lang arbeitet Naëmi aus Friedrichshain mit anderen gleichaltrigen Kindern wie August, Laetitia und Rahel im Labor 5 der Winterakademie im Theater an der Parkaue an einem großen Ziel: Sie wollen einen Film mit Knetfiguren drehen. Es soll um die Finanzkrise gehen, deswegen heißt der Workshop, der von der Bildenden Künstlerin Alice Creischer geleitet wird, auch passend "Wir haben Knete". Es ist nur eines von zehn "Laboren", in dem insgesamt 110 Kinder und Jugendliche im Theater an der Parkaue in Lichtenberg zusammen arbeiten. Das Ferienprojekt findet in diesem Jahr zum siebten Mal statt, in der Vergangenheit zu Themen wie "Zukunft" oder "Klimawandel". In diesem Jahr liegt das Thema "Geld" angesichts der Finanzkrise nahe.

Der Schuldenberg als Hundehaufen

Am ersten Tag wird den Kindern zunächst erklärt, wie es passieren kann, dass ganze Staaten pleite gehen können. Der zwölfjährige August fasst es so zusammen: "Also, da ist ein Fabrikmanager mit vielen Arbeitern, die er aber durch einen Roboter ersetzt, den er sich aber erst kaufen muss." August zeigt seinen selbstgebastelten Roboter und einen Arbeiter, den die 13-jährige Esther aus Lichtenberg gebastelt hat. Der Arbeiter muss jetzt am Alexanderplatz Grillwurst verkaufen. "Um den Roboter zu bezahlen", sagt August weiter, "muss er sich Geld leihen, aber weil der Roboter dann kaputt geht, kommt eines Tages der Schuldenberg zu dem Manager." Diesen Schuldenberg hat August auch selbst gebastelt. Es ist ein brauner Hundehaufen mit Augen, Nase, Mund. Die Wirtschaftskrise bekommt hier im Theater ein sehr lustiges Gesicht.

Etwas ernster geht es im Labor 9 zu, das in einem der Bühnenräume des Theaters stattfindet. "Schlacht mit Worten" heißt der Kurs der Regisseurin Annette Kuß, die mit Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren drei Expertengespräche vorbereiten und daraus einen Film zusammen schneiden will. Am ersten Tag sollten die Jugendlichen Begriffe aus der Finanzwelt zusammentragen. Unter "Banken" stehen die Wörter "Zinsen, Geld, Macht", unter "Steuern" steht "Betrug" und "Keine Gleichberechtigung" und bei "Eurokrise" hat jemand dazu geschrieben "Aufbruch ins Unbekannte".

Was macht ein Unternehmensberater?

Als der Münchner Unternehmensberater Thomas Zachau in den Raum kommt, wirkt er mit seinem dunklen Anzug und seinem Schlips in dem Theaterraum unpassend und passend zugleich. Die Halbglatze, der Aktenkoffer, der Schnurrbart, genauso stellen sich die Kinder einen Unternehmensberater vor. Im Interview vor der Kamera wird deutlich, wo sein Talent liegt: Er kann auch dieses Publikum für sich einnehmen. Die Jugendlichen sind freundlich zu ihm, fragen, was ein Unternehmensberater können muss (Zachau: "Viel wissen und schnell denken"), wer diesen Beruf ergreifen kann ("Alle, vom Maschinenbauer über den Arzt bis hin zum Wirtschaftswissenschaftler") und wo seine Grenzen sind ("Ich persönlich möchte keine Rüstungsunternehmen beraten müssen.").

Später werden sie ihn auch fragen, wie es sich anfühlt, für Entlassungen verantwortlich zu sein. Aber Zachau versteht es, sich geschickt hinter seinen Beraterposten zurückzuziehen und bleibt weiter freundlich und offen: Nicht er, sondern die Unternehmenschefs trügen schließlich die Verantwortung für die Entscheidung. Er sei nur der Berater. In den kommenden Tagen werden die Jugendlichen noch einen Weltbanker und einen Anhänger der Protestvereinigung "Attac" interviewen. Ganz nebenbei lernen sie, mit Kameratechnik, Schnitt, Ton und Dramaturgie umzugehen.

Verschiedene Themen und Ausdrucksformen

Diese Mischung der Themen und verschiedenen Ausdrucksformen macht die Winterakademie zu einem speziellen Ereignis. Für einen Beitrag von 100 Euro können Eltern ihre Kinder jedes Jahr am Theater an der Parkaue anmelden, Vollverpflegung inklusive. Am Sonnabend ab 16 Uhr werden die Ergebnisse der Workshops einem Publikum präsentiert, das nicht nur aus den Eltern bestehen muss. Der Eintritt kostet 3,50 Euro. Es wird ein Hörspiel geben, einen Dokumentarfilm, eine Comicshow und - wenn alles klappt - auch eine Aufführung mit der Gruppe "Puppetmastaz", die durch Hiphop-Videos der Band Seeed bekannt wurde.

Im Labor 8 haben sich inzwischen Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren versammelt und basteln an Puppen und einem Stück. An der Wand hängen Zitate zum Thema Geld wie "Mit Geld weint es sich leichter". Zuerst haben die Gruppenleiter von den Puppetmastaz die Figuren zusammen mit den Jugendlichen festgelegt: Den Nikkei-Index wird demnach eine asiatische Katze spielen und der DAX, nun, der wird als Dachs auftreten. Weitere Figuren sind "Almoso", der Bettler, der Chor aus "Mäusen" und "Kröten", die Göttin des Geldes "Moneta" und eine russische Billionärin namens "Anastasia", die von Beruf Erbin ist und Kinder nicht leiden kann.

"Wie wär's mit Berlin?"

Alexandra aus Birkenwerder stopft Anastasia gerade ein bisschen Styropor unter das Kleid, damit die Millionärin auch weiblich genug aussieht. Die 14-Jährige sagt, sie habe sich diese Figur selbst ausgedacht, weil sie russische Eltern und Verwandte habe. Als sie die Brüste mit einem Tacker am Kleid festzwickt, muss sie lachen. "Ich habe noch nie so eine Handpuppe gebastelt", sagt sie, "aber mit der Anleitung geht das ganz schnell." Sie ist schon ein alter Hase in der Winterakademie, hat das Projekt seit dem ersten Angebot im Jahr 2006 besucht. "Ich habe noch immer ein paar gebastelte Erinnerungen zuhause aus den vergangenen Jahren."

Doch die meisten Kinder sind zum ersten Mal dabei. So auch Laetitia und Naëmi, die noch immer an ihrer Bankchefin-Puppe im Knet-Labor herumbasteln. Währenddessen sitzen draußen im Gang schon die ersten an einer Geschichte, die von den Knetfiguren erzählt werden könnte. Die elfjährige Rahel aus Friedrichshain nimmt einen blauen Filzstift und schreibt eine Szene auf ein großes Blatt Papier. Darin geht es um die Superreichen in Großbritannien, und auch die Stadt Berlin kommt darin vor.

Die Familie Hilton, schreibt sie, sitzt in ihrer Wohnung in London und liest Zeitung. Victoria und Paris rufen: "Aaaaaah! Wir müssen Steuern zahlen!" Währenddessen spielt Britney Nintendo 3DS. Victoria: "In den USA werden die Reichen schon aus ihren Wohnungen geschmissen und müssen in Zeltlagern wohnen." Paris: "Wir müssen auf die Landkarte gucken, wo wir keine Steuern zahlen müssen." Britney sagt: "Wie wär's mit Berlin, da wollen doch heutzutage alle hin."