Partnerschaft

Liebe für Anfänger

Der letzte Teilnehmer kommt zu spät, wird aber dennoch mit Applaus begrüßt. Es ist ein Mann, jung und schmal - endlich ein Mann. Er ist erst der zweite, der beim Workshop "Vom Fröscheküssen - Wie man den Partner fürs Leben findet" im Veranstaltungssaal der Urania erscheint. Die anderen rund 45 Teilnehmer sind Frauen, die meisten in der Lebensmitte, ausgehfein gekleidet, mit offenen Gesichtern.

Als Seminarleiter Christian Thiel sagt, sonst kämen mehr Männer, erntet er ein Kichern und eine flüstert: "drei oder vier".

Thiel überhört das. Der 50-Jährige tritt lässig auf, in Jeans und Leinensakko mit grau meliertem Haar. Seit zwölf Jahren ist er Singleberater und damit derzeit nach eigener Aussage der "dienstälteste" der rund zehn Berater in Deutschland. Er hat Philosophie studiert und einige Bücher geschrieben. Bei der Recherche zu einer Publikation zum Thema Partnersuche, sei er darauf aufmerksam geworden, wie viele Menschen Rat brauchen und machte sich als Berater selbstständig.

Als solcher führt er nun meistens Einzelgespräche. Zweimal im Jahr aber gibt er auch Workshops in Berlin und Stuttgart. In der Urania geht er sein Programm zügig an. Wenn die Teilnehmer später, knapp vier Stunden später, auf die Straße treten, sollen sie genau wissen, was zu tun ist. Der Singleberater gibt ihnen vier Begriffe an die Hand, mit denen sie gewappnet sein sollen: "Mut, Gelassenheit, Gelegenheit und Realismus".

Damit Worte zu Werkzeugen werden, müssen sie zunächst einmal mit Inhalt gefüllt werden. Eine Frau sagt, es erfordere Mut, sich zu trennen. "Viele Paare bleiben zusammen, obwohl sie nicht zusammen passen", sagt sie. Traurigkeit schwingt mit. Sie weiß: Nach dem Mut, sich zu trennen, kommt eben doch oft nichts. Ja, zusammenzubleiben trotz Problemen sei keine Lösung, finden auch die anderen. "Menschen in Beziehungen sind gesünder. Deshalb bin ich hierhergekommen", sagt eine Teilnehmerin keck - sie wolle ein langes Leben.

Glaubt man Thiel, hat sie es in der Hand, denn in 90 Prozent der Fälle sei es die Frau, die über die Partnerwahl entscheide. "Der Mann ist der Jäger, doch die Frau ist das einzige Wild, das dem Jäger auflauert", sagt er. Wer die richtigen Signale aussende, müsse nur abwarten. "Und wenn der nach drei Signalen nicht reagiert - auf zum Nächsten", sagt Thiel.

Keine Frau solle sich grämen, wenn sie bei einem Mann nicht ankommt, rät er, denn Männer hätten nur zwei Kriterien: zum einen das Aussehen, manchmal nur die Haarfarbe, und zum anderen die Frage "Ist sie nett zu mir?" Höre eine Frau nicht begeistert zu, wenn er von Yacht oder Porsche berichtet, fiele sie durch.

Gefühle zeigen ist wichtig

Anders als Frauen begriffen Männer die Partnersuche häufig nicht als etwas, das sie aktiv steuern können. "Sie neigen dazu, irrationale Klischees zu glauben, wie: Liebe schlägt ein wie ein Blitz", sagt Thiel. Männer beschäftigten sich nicht mit Gefühlen, weshalb zu den Workshops vor allem Frauen kämen.

"Ein Mann hat mir beim ersten Treffen anderthalb Stunden von sich erzählt und obwohl er mir nicht gefiel, habe ich die ganze Zeit Interesse geheuchelt", sagt eine. Thiel schüttelt den Kopf: "Einen Selbstdarsteller wollen Sie nicht? Abhaken!" Wenn das Gefühl "nein" sage, sollte man dem trauen. Ein schlechtes Gefühl wandele sich nicht beim zweiten Treffen. Eine andere Frau erzählt, dass ein Mann, der ihr gut gefiel, nicht mehr angerufen habe. "Sie müssen ihm zeigen, dass Sie ihn nett finden", sagt Thiel. Die Frau gibt zu, dass sie ihre Sympathie versteckt habe.

Suchen, suchen, suchen - so lautet das Credo des Singleberaters, der seine Frau selbst vor elf Jahren per Annonce kennenlernte. Überlässt eine Frau es dem Zufall, müsse sie statistisch hundert Männer treffen, bis der Richtige dabei sei.

Ein großer Annoncenmarkt oder das Internet bietet die Möglichkeit, gezielt zu suchen. In Online-Börsen findet eine Vorauswahl statt, die die Anzahl reduziert. Thiel empfiehlt die kostenpflichtigen Portale, weil Nutzer es dort tatsächlich ernst meinen und beispielsweise nicht sofort Fotos von sich einstellen müssen.

Nach zwei, drei E-Mails sollte man sich treffen - bloß keine wochenlangen Präliminarien. Dann wird es spannend und - es drohen Gefahren. "Wenn ein Mann schon beim ersten Date alles in Sack und Tüten haben will, ist er eine schwache Persönlichkeit. Den wollen Sie nicht", sagt Thiel. "Oder er ist verheiratet und sucht eine Geliebte." Mit Fremdgehern kennen sich viele der Teilnehmer in der Urania aus. "Ich hatte einen, der war prinzipiell nicht zu erreichen und rief immer von der Autobahn an", berichtet eine.

Thiel gibt weiter lebensnahe Tipps. "Das erste Treffen machen Sie unter der Woche, das zweite grundsätzlich am Wochenende - als Test für verdeckte Familienväter", sagt Thiel. Jedes Treffen solle nicht länger als anderthalb Stunden dauern. Sex komme erst in Frage, wenn echte Verliebtheit im Spiel ist. "Sonst ist Ihre Urteilsfähigkeit getrübt", sagt Thiel.

Große Frauen haben es schwer

Meldet sich das Gefühl, gilt es aber dennoch, bei klarem Verstand zu bleiben und zu schauen: Passt er oder sie? Auch hier hat Thiel Rat. Er setzt auf das Verbindende: ähnliche Gesellschaftsschicht, ähnliches Alter, gleich gutes Aussehen, vergleichbares Elternhaus, ähnliche Wertvorstellungen. Wenn das nicht passt, wird es schwierig. "Besonders große, besonders gut aussehende Frauen haben es am schwersten", sagt Thiel und erntet erstaunte Blicke. Doch er besteht darauf: Die Richtigen für solche Frauen seien nunmal rar gesät. Das Gleiche gelte für sehr gebildete, beispielsweise promovierte Frauen.

Eines steht aber wohl fest: Wer eine dauerhafte Partnerschaft will, sollte lieber lange suchen, als den Falschen zu nehmen. Das rät auch Thiel seinen Schützlingen. Die sogenannte "oppositionelle" Wahl führe häufig zur Trennung. "Ich bin extrovertiert und habe immer introvertierte Typen", sagt eine Frau kleinlaut. "Nehmen Sie doch mal einen, der zu Ihnen passt", ruft Thiel. Was aber, wenn einfach keiner anbeißen will? "Ich habe mein Profil ins Internet gestellt und ehrlich das Gewicht angegeben - kein Einziger hat mir geschrieben", erzählt eine mollige Frau den anderen Teilnehmern. "Viele Männer mögen runde Frauen", sagt Thiel. "Schauen Sie sich Ihr Profil noch einmal an."

Eine Seminarteilnehmerin berichtet, dass sie 38 Jahre alt ist und gleichaltrige Männer eher 30-Jährige wollten, um Familien zu gründen. "Winken Sie die durch. Es gibt auch andere", sagt Thiel. Im Saal: Schweigen. "Es gibt auch andere", wiederholt er und fügt vehement hinzu: "Die gibt es doch auch!" Die Frauen schmunzeln.

Das Seminar ist zu Ende. Wenn es gut läuft, wird Thiel Recht behalten und die Teilnehmerinnen werden alle einen Partner finden. Zum Beispiel im Internet - die Statistik nährt diese Hoffnung: Laut Umfragen haben neun Prozent aller Paare sich im Internet kennengelernt.

Als die Teilnehmerinnen hinausgehen, tummeln sich Besucher einer anderen Veranstaltung im Foyer. Viele stehen paarweise zusammen. Die Frauen aus dem Workshop gehen an ihnen vorbei, den Kopf ein bisschen höher. Eine sagt: "Ich habe immer gedacht, es liegt an mir." Sie schüttelt den Kopf und stößt die Tür auf ins Freie.

Der nächste Workshop "Vom Fröscheküssen - Wie man den Partner fürs Leben findet" mit Christian Thiel ist am 14. Februar um 17.30 Uhr in der Urania. Infos: www.singleberater.de

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