Muttermilch

Im Stillen liegt die Kraft

Maika (25) hebt ihr T-Shirt und zieht Ben Luca ganz nah zu sich heran. Mit dem rechten Arm umschließt sie das sechs Wochen alte Baby, mit der linken Hand stützt sie ihre Brust und führt den Mund ihres Sohnes an sie heran. Ben Luca beginnt zu trinken. Ganz aufgeregt schnauft er dabei. "Jetzt kannst Du Deine Hand von der Brust wegnehmen und lockerlassen", sagt Nancy Wunger.

"Die Nase von Ben Luca darf richtig in die Brust einsinken, er bekommt seitlich trotzdem noch Luft und kann sich auf diese Weise ganz aufs Trinken konzentrieren." Maika lächelt, lehnt sich zurück. Sehr zufrieden sehen Mutter und Sohn nun aus.

Nancy Wunger lächelt auch. Sie ist Stillbeauftragte in der Geburtsklinik des St. Joseph Krankenhauses in Tempelhof und bietet gemeinsam mit anderen Stillberaterinnen seit 1998 zweimal pro Woche ein Stillfrühstück in der Klinikbibliothek an. Hier bekommen Mütter mit Problemen beim Stillen Tipps und Informationen. Sie können sich über ihre Erfahrungen, Sorgen und Ängste austauschen. Aber auch wer nichts Akutes auf dem Herzen hat, ist in der Gruppe willkommen. Die Treffen sind eine Möglichkeit, andere Mütter kennenzulernen - und sich Ermutigung und Bestätigung zu holen. "Stillende Mütter brauchen die Unterstützung ihres Umfelds", sagt Nancy Wunger. Um diese zu fördern, findet in der kommenden Woche auch erneut die Weltstillwoche statt - eine weltweite Kampagne, an der sich mehr als 170 Länder beteiligen. Das diesjährige Motto: "Stillen - sprich darüber!"

"Es macht mich so stolz"

Die sechs Frauen aus Berlin und dem Umland, die sich heute mit ihren Babys um den gedeckten Tisch versammelt haben, tun sich damit nicht schwer. "Ich liebe es zu stillen", sagt Wiebke aus Marienfelde. Ihr Sohn Nico ist fünf Monate alt und liegt entspannt an ihrer Brust. "Mutter und Kind kommen gemeinsam zur Ruhe, und es macht mich stolz, dass ich meinen Sohn satt bekomme", so die 26-Jährige. Manchmal allerdings werde sie beim Stillen schon komisch angeguckt - erst heute morgen wieder, in der Bäckerei. Anne (28) aus Mitte nickt mitfühlend. Das kenne sie: Eltern müssten sich ständig irgendwie rechtfertigen, sagt die Mutter von Lena (2 Jahre) und Franz (acht Wochen) - nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern teilweise auch in der Verwandtschaft. "Meine Familie akzeptiert zum Glück, wie ich mit Fil umgehe", wirft Sylvie aus Schöneberg ein. Als es so heiß gewesen sei, habe sie sich aber schon mal anhören müssen: "Nun gib' ihm doch mal zwischendurch ein bisschen Tee!" Die 30-Jährige grinst: "Das habe ich aber einfach nicht gemacht."

Sechs Monate lang ausschließlich stillen, dann Beikost einführen und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres weiterstillen: So lautet die Empfehlung von Stillberaterin Nancy Wunger. Das Stillen gewährleiste eine perfekte Versorgung des Kindes und optimalen Infektionsschutz. Zudem verringere es bei der Mutter das Risiko für Brustkrebs und Eierstockkrebs, schütze vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2. Erst mit einem halben Jahr hätten Babys die motorischen Voraussetzungen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, sagt Nancy Wunger. Trotzdem will sie niemanden zwingen, so lange zu stillen. "Vor allem muss die Frau sich wohlfühlen", sagt Nancy Wunger. "Wenn sie mehr Eigenständigkeit wünscht und Leidensdruck verspürt, dann gebe ich auch eine Beratung zum Abstillen." Oft sei es allerdings auch der Partner, der die Frau wieder mehr für sich haben wolle und zum Abstillen dränge. "Dann hilft manchmal ein gemeinsames Gespräch, bei dem wir versuchen, mehr Freiräume für die Partnerschaft zu schaffen", sagt sie.

Während Nancy Wunger spricht, schiebt sie Anke (37) einen Schemel unter die Füße, damit Anke zurücksinken und sich ihre Schultern beim Stillen entspannen können. Im Anschluss schmiert sie der Mutter aus Pankow fürsorglich ein Brötchen mit Frischkäse. Anke schaut dankbar. Zum Frühstücken ist sie heute noch nicht gekommen. Ihr Sohn Joris (7 Wochen) und sie finden erst langsam in einen Stillrhythmus.

Hilfe für schwierige Fälle

"Joris hatte eine schwere Geburt und konnte sich beim Anlegen nicht entspannen", erzählt Anke. "Vielleicht war ich auch zu unsicher." Nach unzähligen Stillexperimenten, dem Einsatz von Brusthütchen und zwischenzeitlicher Fläschchengabe hat Anke jetzt mit der Hilfe von Nancy Wunger einen Weg gefunden, Joris satt zu bekommen. Sie legt ihn an und setzt zugleich ein Brusternährungsset ein. Wenn Joris nun saugt, bekommt er Muttermilch direkt aus der Brust und zugleich Zusatznahrung oder abgepumpte Milch aus einem dünnen Schläuchlein zugeführt. Joris wirkt befriedigt, Anke auch. "Ich habe so sehr an mir gezweifelt und bin fast verrückt geworden, weil ich vor lauter Füttern nicht mehr aus der Wohnung gekommen bin", sagt sie. "Zugleich wollte ich unbedingt stillen. Denn es macht glücklich. Und es ist auch noch total praktisch und viel, viel günstiger als Babynahrung."

Nach einer aktuellen Studie beenden viele Mütter das Stillen früh. Bereits zwei Monate nach der Geburt hat sich der Anteil stillender Mütter laut der Untersuchung von anfänglich etwa 90 Prozent auf 70 Prozent verringert. Sechs Monate nach der Geburt stillt nur noch gut die Hälfte von ihnen. Die Frauen im St. Joseph Krankenhaus werden kaum zu den Aussteigern gehören. "Ich werde Franz so lange stillen wie möglich", sagt Anne. "Schon weil ich damit das Risiko reduziere, dass er wie ich an Neurodermitis erkrankt." Aber auch, gibt Anne zu, weil sie das Stillen so schön findet - besonders beim Stillfrühstück. "Ich war schon mit meiner Tochter hier und habe mit einigen Frauen von damals immer noch Kontakt", sagt Anne. Augenzwinkernd ergänzt sie: "Eigentlich habe ich mein zweites Kind nur bekommen, damit ich noch mal herkommen darf."