Interview mit Frithjof Hager

"Kleidung signalisiert: Ich gehöre dazu, aber ich bin auch anders als die anderen"

In welchem Alter bildet sich Modebewusstsein aus? Warum staffieren manche Eltern ihre Kinder wie Erwachsene aus? Der Kultursoziologe Dr. Frithjof Hager ist Dozent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Mit ihm sprach Alexandra Maschewski über den Stellenwert, den Mode im Leben von Eltern, Kindern und Jugendlichen hat.

Berliner Morgenpost: Ab wann entwickeln Kinder ein Modebewusstsein?

Frithjof Hager: Dazu muss man etwas weiter ausholen. Es gibt verschiedene Entwicklungsstufen, die ein junger Mensch durchläuft. Forscher haben herausgefunden, dass das Kind sich anfangs, vielleicht ab einem Alter von zwei Jahren, am Beispiel von Mutter und Vater orientiert, das heißt, das Kind muss wissen, dass es ein Mädchen oder ein Junge ist. Zu diesem Zeitpunkt ist es für das Kind noch nicht relevant, was es trägt, denn es definiert sich noch nicht über Kleidung. Oft ist diese sogar lästiges Beiwerk.

Berliner Morgenpost: Warum verkleiden sich Kinder dann so gern?

Frithjof Hager: Es ist absolut kindgerecht, sich mit Hilfe von Kleidungsstücken auszuprobieren. Ich denke, es hat auch damit zu tun, dass das Kind in seinem Umfeld der oder die Kleinste ist. Wenn es sich als Prinzessin, als Superman oder Pirat verkleidet, dann findet es einen Weg, um sich stark zu machen. Es eignet sich Kräfte an, die es in der Realität nicht hat.

Berliner Morgenpost: In der Phase putzen viele Eltern ihre Kinder wie kleine Erwachsene heraus...

Frithjof Hager: Schrecklich, denn es geht allein um die Vorstellungen der Eltern, die sich darin zeigen. Und um deren Bedürfnis, ihre eigenen Wünsche zu kompensieren. Dabei ist es doch Vorrecht der Kinder zu spielen. Leider geht es von Seiten der Eltern immer früher mit dem Leistungsgedanken los.

Berliner Morgenpost: Der Wunsch, das Kind als Model in Casting-Agenturen unterzubringen - ist er ein Beweis dafür?

Frithjof Hager: Das sind reine Bild-Vorgaben: bei euch soll es so sein wie bei den Erwachsenen. Wenn ihr euch auf diese Weise zeigt, dann bekommt ihr Anerkennung, gehört zu den Schönen und Reichen.

Berliner Morgenpost: Vor Kurzem kam eine US-amerikanische Studie heraus, nach der Kleidung immer häufiger die Sexualisierung von Mädchen unterstütze.

Frithjof Hager: Solche Eltern empfinden ihr Mädchen als Puppe. Sie greifen der Entwicklung vor. Bis zur Pubertät haben die Eltern gegenüber ihren Kindern viele Freiheiten. Erst dann entwickelt sich eine Form der Selbstbestimmung, die mit Mode verbunden ist.

Berliner Morgenpost: Beginnen Kinder heute aber nicht schon viel früher, ein Bewusstsein für Kleidung und Marken zu entwickeln?

Frithjof Hager: Natürlich ist das kleine Mädchen immer schon dabei, mit seiner Kleidung zu gefallen. In der Pubertät kommt nur etwas dazu: sich von den Eltern unterscheiden und sich selber finden wollen - ein schwieriges Unterfangen.

Berliner Morgenpost: Was passiert denn in diesem Alter?

Frithjof Hager: Ab einem Alter von zehn bis zwölf beginnen Kinder bewusst zu experimentieren. Kleidung ist dann unabdingbar, damit man sich im Verhältnis mit anderen Menschen versteht, denn in der Pubertät werden das Selbst- und das Fremdbild noch einmal ganz neu aufgebaut. In dieser Phase der Wandlung brechen alle Formen des bisherigen Selbstverständnisses zusammen.

Berliner Morgenpost: Wer als Jugendlicher nicht die richtigen Klamotten trägt, wird häufig ausgegrenzt...

Frithjof Hager: Mode ist auch eine Signatur. In der einen Klassenstufe trägt man dies, in der anderen das. Kleidung soll signalisieren: Ich gehöre dazu, aber ich bin gleichzeitig anders als die anderen. Für Kinder ist es schwer zu erkennen, dass man nicht einfach nur dazugehört, weil man schicke Klamotten oder auch eine ganz bestimmte Marke trägt. Schließlich wird ihnen in den Medien ständig etwas anderes vorgeführt. Wichtig ist, dass das innere Selbstbild stimmt.

Frithjof Hager: In den USA oder in Großbritannien wird versucht, diesem Problem mit Schuluniformen zu begegnen. Wenn man jedoch genau hinschaut, dann probieren die Schüler auch hier, ihr Outfit individuell zu gestalten und sich auf die eine oder andere Weise zu schmücken.

Berliner Morgenpost: Warum werden manche Jugendlichen plötzlich zum Punk oder tragen nur noch Schwarz?

Frithjof Hager: Egal, wie sich der Jugendliche nun darstellt - gesucht wird nach etwas, das die Eltern nicht vorgegeben haben. Es handelt sich immer um ein Problem des Innen- und des Außenverhältnisses. Schließlich geht es um eine Phase der Ablösung. Nehmen wir das Beispiel

Frithjof Hager: Tätowierungen. Es sind Signaturen, die zeigen sollen: Das bin ich endlich. Dabei handelt es sich doch eigentlich um ein Spiel, um eine Fiktion, denn der Jugendliche tut so, als sei er eine Persönlichkeit. All das ist Teil des Bildungsprozesses, ein Erwachsener zu sein. Die Modeindustrie ist so groß, weil sie dieses Spiel unterstützt.

Berliner Morgenpost: Und die Position der Eltern?

Frithjof Hager: Es ist natürlich schwer für Eltern, dem Kind zu vermitteln: egal was du tust, egal wie du dich darstellst - ich finde dich gut. Das sagen tatsächlich nur sehr wenige. Fatal wird es, wenn Kinder nicht herauskommen aus der Fiktion, die sie da aufgebaut haben. Das kann unter Umständen sogar zu psychischen Problemen führen.