Interview: Prenzlauer Berg

"Zu viel Gütersloh, zu wenig Berlin"

Die Journalistin Anja Maier gehörte im Nachwende-Berlin zu den ersten, die hier einen Kinderwagen um den Kollwitzplatz schoben. Dann zog sie aufs Land nach Brandenburg. Jetzt, zehn Jahren später, kehrte die Ureinwohnerin im Frühjahr 2011 für drei Monate zurück. Ihr Fazit: Der Arbeiter-Kiez hat sich zum Bionade-Biotop gemausert.

In 43 Szenen schrieb Anja Maier mal akribisch, mal polemisch, mal trauernd auf, wie sich die Exheimat verändert hat. "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter - Von Edel-Eltern und ihren Bestimmerkindern" heißt ihr Buch zur Recherche. Tom Riens traf die Autorin am Helmholtzplatz.

Berliner Morgenpost: Was hat sich in Prenzlauer Berg in den zehn Jahren verändert?

Anja Maier: Es ist ein himmelweiter Unterschied zu früher. Es ist ordentlicher. Und was immer wieder auffällt: Es ist sicher, sicher, sicher. Das sind die bewussten Entscheidungen der Leute, die sich das hier zusammen gebastelt haben, als Kommune, als Dorf kann man schon fast sagen. Ich find's lustig und unterhaltsam.

Berliner Morgenpost: Wer sind denn die neuen Dorfbewohner?

Anja Maier: Nun, die Edeleltern und ihre Projektkinder. Phänotypisch betrachtet sind Projektkinder späte Einzelkinder, die ein sinnstiftendes Projekt für ihre Eltern sind, die sich qua Fortpflanzung zu Edeleltern qualifiziert haben. Von den Wedding- oder Moabiteltern unterscheiden sie sich durch ein relativ hohes Einkommensniveau. Sie sind gebildet, sie haben in etwa das gleiche Alter. Sie leben zur gleichen Zeit den gleichen Lebensentwurf, unter Inkaufnahme, dass alle andere Lebensentwürfe nicht mehr dabei sind. Die sind raus aus dem Quartier. Alter, Krankheit, Armut ist hier nicht sichtbar.

Berliner Morgenpost: Soziologisch nennt man das, was Sie beschreiben, Gentrifizierung. Woran machen Sie das fest?

Anja Maier: Mieten und Eigentum sind ein großes Thema. Prenzlauer Berg war immer ein Durchlauferhitzer für Berlin. Anfang des 20. Jahrhundert lebten hier die Dienstmädchen aus Polen, später mieteten die Arbeiter von Siemens. Es war immer eine Transitsituation. Das hat sich deshalb geändert, weil viele Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt wurden. Und wenn man im Eigentum wohnt, engagiert man sich ganz anderes und ist auch ein bisschen humorloser und strikter.

Berliner Morgenpost: Haben Sie da Beispiele?

Anja Maier: Das strikte Nichtrauchen gehört dazu. Alles muss immer gesund sein. Es gibt ein Eingreifen in privateste Lebenszusammenhänge. Die Wohlfühl-Gastronomie muss stets Erlebnis und Abenteuer sein. Ich bekomme Cup-Cakes, Kaffee-Chichi, handgenetztes Brot. Aber ein ganz normales Schnitzel bekomme ich dafür kaum noch. Alles ist hochwertig und gut gemeint. In der Gänze ist es strikt. Was mir hier wirklich fehlt, ist das Subversive im Bezirk. Das ist noch maximal in den exotischen Vornamen der Kinder zu finden.

Berliner Morgenpost: Ein SPD-Baustadtrat sagte den Verdrängten: "Stadt verändert sich". Der Senat fördert über "Baugruppen" den "familiengerechten Wohnungsneubau". Was ist falsch daran?

Anja Maier: Die Baugruppen sind ein sozialer Ansatz. Aber es geht eben nicht darum, die alleinerziehende Hartz-IV-Mutter und deren Kinder damit zu beglücken. Die wohnen in den klammen Erdgeschossbutzen am falschen Ende der Schönhauser. Die sieht man hier gar nicht mehr. Es geht darum, solvente Leute ran zu kriegen. Letztlich geht es um Eigentum und nicht um bezahlbare Miete. Diese Familien im Prenzlauer Berg sind wie ein Brennglas, die gibt es ja auch woanders, aber hier eben besonders viele. Das hier ist hochkonzentrierter sozialer Stoff. Und das schmeckt ja auch erst mal gut, wenn man "drin" ist im Gefüge.

Berliner Morgenpost: Ans "Spielzeugland Ratzeputz" am Helmholtzplatz hat jemand gesprayt: "Der Prenzlauer Berg sagt: Man kann alles kaufen. Zu recht. Nur Liebe nicht." Regt sich Widerstand gegen das Familienidyll?

Anja Maier: Da formiert sich kein Widerstand, jedenfalls ist er nicht signifikant. Das ist jetzt hier erkämpft von diesen Familien und wird auch nicht mehr aufgegeben. Ich kratze hier ein bisschen am Lack.

Berliner Morgenpost: Wie haben die Edeleltern reagiert, wenn Sie die auf Spielplätzen und in Kinder-Cafés auf Ihr Buchprojekt angesprochen haben?

Anja Maier: Einzeln sind diese Familien eigentlich toll. Ich habe mich denen gegenüber oft hilflos gefühlt. Das sind gut funktionierende Familien. Die kümmern sich um ihre Kinder. Sie reflektieren, wie sie leben und was sie tun. Auch wenn das nicht mein Modell ist: Er verdient das Geld, Sie macht die Kinder. Das bewerte ich als kleinstädtischen Lebensentwurf in einer Großstadt. Das hat mit der Matrix zu tun, aus der diese Menschen kommen. Wo und wie sie aufgewachsen sind. Die wollen es ein bisschen verrückt haben, Berlin eben. Und gleichzeitig wollen Sie es auch wie zu Hause in Westfalen haben: "Fand ich super da. Will ich hier auch haben."

Anja Maier: Mittlerweile gehen die ersten Familien auch schon wieder weg. Denen wird das hier zu langweilig: Zu viel Gütersloh, zu wenig Berlin. Die Frage ist doch, was kommt beim Prenzlauer-Berg-Leben raus, wenn alle zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen den gleichen Lebensentwurf leben? Dann werden die Kinder ihre Eltern enttäuschen müssen. Wenn ich Kinder in einer Kleinstadt erziehe, werden sie diese Kleinstadt hassen. Sie werden rebellieren und sie werden weggehen müssen.

Berliner Morgenpost: Also zu viel heile Welt?

Anja Maier: Ja. Das ist alles ein bisschen langweilig. Das glatt Gekämmte weckt in mir Widerspruch. Wenn Kleinkinder keine Kinder mehr sind oder wenn Zweijährige als "Muttis beste Freundin" über Mamas Stiefelfarbe entscheiden. Die Eltern haben ja die besten Absichten, aber heraus kommt zu viel Kontrolle, zu viel Sicherheitsdenken, zu wenig Unwägbarkeit.

Berliner Morgenpost: Was denken Sie, wie wird es in 15 Jahren zwischen Kollwitz- und Helmholtzplatz aussehen?

Anja Maier: Die Eltern werden allein zurück bleiben in ihrem schönen Wohneigentum, mit all der Infrastruktur, die jetzt darauf aus ist, das alle zusammen jung bleiben. Diese ganze, große, solvente Kommune hat alle anderen sozialen und Lebensentwürfe weggedrückt, und wird mit sich allein sein. Ich sage das ohne Häme, ich sehe ja die überalterten Dörfer bei mir draußen in Brandenburg. Im Buch spekuliere ich, dass die Posteltern sich dann in Erzähl-Cafés treffen, um sich von den windumtosten Spielplätzen zu erzählen. Nein. Die müssen sich echt was einfallen lassen! Sonst werden sie sich untereinander nur noch über die Kinder unterhalten, die nicht mehr da sind: "Und was macht der Alexander jetzt..."

Berliner Morgenpost: In Ihrem Buch polarisieren Sie. Die Prenzlauer Berg-Eltern sind mal "postbürgerliche Eroberer" mal "Hedonisten". Die Mütter "Sexymama" oder "Rind". Die Väter "späte Jungs" oder "arglose Teilzeitväter" Wie waren die ersten Reaktionen?

Anja Maier: Gespalten und hochemotional. Wie immer, wenn es ums Thema Eltern - Kinder geht. Wenn wir schon nicht mehr politisch diskutieren, wird das Private politisch. Manche sagen, dass sei frauenfeindlicher Mist. Oder: Das ist familienfeindlich - vermutlich von einer, die keine Kinder hat. Es gibt aber auch Mails, in denen Menschen sich bedanken, dass das endlich mal einer aufgeschrieben hat. Die kommen übrigens häufig von Leuten, die hier leben und arbeiten.